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Ausgabe:

1910 Nr. 14

Spalte:

443-444

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weinel, Heinrich (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Das freie Christentum in der Welt. Berichte nach Vorträgen auf dem internationalen Kongreß für freies Christentum in Boston 1907 1910

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 14.

444

Welt befohlen ift'. Wichtig und wefentlich in diefer
Definition ift einmal die enge Verbindung der Konfirmation
mit dem Gemeindeleben, fodann der Hinweis
auf die Güter und Aufgaben der Gemeinde, an denen
teilzuhaben der Nachwuchs fähig werden foll. In betreff
der vielfach angefochtenen Handlungen der Konfirmanden
im Bekenntnis und Gelübde würdigt der
Verfaffer durchaus die religiö'fen und ethifchen Bedenken
, die dagegen geltend gemacht find; er will fie
dadurch befchwichtigen, daß an Stelle des Jafagens zum
Apoftolikum oder des Nachfprechens das Bekenntnis
in Form eines Glaubensliedes zu treten habe; er fchlägt
E. M. Arndts Lied vor: Jen weiß, an wen ich glaube'.
An Stelle des Gelübdes folle die einfache Erklärung
treten, ein Jünger Chrifti fein und feiner Gemeinde angehören
zu wollen. Gegen den Vorchlag des Bekenntnisliedes
würde ein Bedenken kaum vorliegen, wenn
nicht die Konfirmanden allein, fondern fie mit der
ganzen Gemeinde der Erwachfenen das Glaubenslied
längen. Dagegen glaube ich nicht, daß mit der Er-
fetzung des Gelübdes durch eine Willenserklärung viel
geholfen wäre; die von dem Verfaffer S. 47 angeführte
Analogie von dem Vater, der feinem Sohn beim Ab-
fchiede fagt: ,Verfprich mir, dich fo zu halten, daß,
wenn du wiederkommft, du deiner Mutter frei ins Auge
fehen kannft', fcheint mir, fo fehr anfprechend fie ift,
jene Willenserklärung nicht völlig zu rechtfertigen.
Diefe fetzt eben voraus, daß die Entfchließung, Jefu
Jünger zu fein, bereits in allen vor der Konfirmation
vorhanden gewefen ift und jetzt nur zum Ausdruck

in Amerika und Auftralien, dann noch die modernifti-
fche Bewegung in Italien und den franzöfifchen Katholizismus
im Zuftand der Trennung vom Staat. — Zuerft
bietet es fchon einen großen Reiz, die literarifche Seite
der einzelnen Beiträge zu vergleichen. Bald wird eine
im ganzen fachliche Befchreibung geboten, wie etwa
von Rade, bald die Fahne der Partei entfaltet, wie von
Max Fifcher; dann wieder wird der Bericht in geiftvoll
erfaßte große Zufammenhänge geftellt, wie von Mafaryk
und Fenn-Amerika. Dann intereffiert natürlich vor allem
von dem Inhalt die Richtung, die die freie Bewegung
nimmt, und der erreichte Stand. Die Richtung ift allgemein
ziemlich einheitlich: man will nicht nur Proteft und
Kritik, man will religiöfes Leben pofitiver Art. Merkwürdig
altertümlich fteht dazwifchen immer noch der
Ausdruck Unitarier, der doch einer ganz andern Gedankenwelt
entflammt; für England find bloß die Unitarier
herangezogen, aber der Berichterftatter felbft (bebt weit
über folche Meinung hinaus zu pofitiven Zielen höherer
Art. Die Stellung zu den Kirchen ift verfchieden: hier,
wie etwa in Norwegen, find die Unitarier ausgetreten und
bilden Gemeinden für fich, dort wie in Dänemark befinden
fie fich am heften, wenn fie in der Volkskirche
bleiben. Der tatfächliche Stand der Bewegung fcheint
nirgends fehr erfreulich zu fein; es ift ftets derfelbe Ton:
die Zahl ift nicht groß, die Kirchen find höchftens duld-
fam, die Frommen ablehnend, die Freien haben wenig
religiöfe Intereffen, hier und da macht fich ein Einfluß
auf die konfervativen Kreife bemerkbar. — Die Schilderung
der Zuftände in den einzelnen Ländern leitet

kommt; ift fie nicht mit einiger Sicherheit vorauszu- : ein Artikel Weineis ein, der einiges Tatfächliche noch
fetzen, fo wird fie in der Stunde der Konfirmation kaum i beibringt und den immer pofitiveren Zug der ganzen
von nachhaltiger Wirkung fein, da fie Verftändnislofen | Bewegung betont. Eucken fchließt das Buch mit präch-
abgenötigt wird. ,Der Schwerpunkt aber', fagt der j tigen Ausführungen, die in demfelben Geift gehalten,

Verfaffer mit vollem Recht, ,ift nicht in dem zu fuchen,
was die Kinder fagen, fondern in dem, was die Gemeinde
ihnen gewährt' (S. 48). Wohl, fo erfetze man
die Willenserklärung durch Ermahnung und Gebet, damit
auch aller Schein falfcher Vorausfetzung und der Nötigung
vermieden werde.

Die angegebene Differenz mit dem Verfaffer nimmt
der wärmften Anerkennung der vorzüglichen Schrift nichts.
Was über die Trennung der Prüfung von der Konfirmation,
über den erften Abendmahlsempfang, der erft 8—i4Tage
nach der Konfirmation ftattzufinden habe, über die würdige
Geftaltung des ganzen Fefttages, dann über die
Pflicht der ganzen Gemeinde, ihrer konfirmierten Jugend
in Bewahrung und Förderung des religiöfen und fittlichen
Lebens zur Seite zu ftehen, vorgetragen wird, erhebt die
vorliegende Schrift über einen großen Teil der umfangreichen
Literatur, welche die Konfirmationsfrage in den
letzten Jahrzehnten behandelt hat. Der weiteften Verbreitung
in den Kreifen der Theologen und vor allem der
Gemeindeglieder ift fie in hohem Maße wert.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Das freie Chriftentum in der Welt. Berichte nach Vorträgen
auf dem internationalen Kongreß für freies
Chriftentum in Bofton 1907. Mit einem Schlußwort
von Prof. R. Eucken über ,Die Zukunft des freien
Chriftentums'. Eingeleitet und herausgegeben von
Prof. Heinrich Weinel. Tübingen, J. C. B. Mohr
1909. (III, 182 S.) gr. 8° M. 3.60; geb. M. 4.60

Diefe Schrift ift jedem zu empfehlen, der fich darüber
unterrichten will, wes Geiftes Kind der bevorftehende
.Internationale Kongreß für freies Chriftentum und religiöfen
Fortfehritt' ift, der anfangs Auguft in Berlin ftatt-
finden foll. Denn fie enthält Berichte nach Vorträgen,
die auf dem letzten Kongreß gehalten worden find. Diefe
Berichte umfaffen die freiere Bewegung in den pro-
teftantifchen Ländern Europas, in Frankreich, Ungarn,

das unumgängliche Zwar-Aber eines folchen religiöfen
Liberalismus nach mehreren Seiten hin durchführen.
Beide Auffätze atmen mit Recht den Geift der Zuverficht,
daß ihm die Zukunft gehört, wenn auch die Gegenwart
noch wenig vom Einfluß des liberalen Chriftentums
fehen läßt.

Heidelberg. F. Niebergall.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin
jDeutfcbe ftitcratur.

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