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Ausgabe:

1910 Nr. 14

Spalte:

420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ginsburg, C. D. (Ed.)

Titel/Untertitel:

Isaias. Diligenter revisus juxta Massorah atque editiones principes cum variis lectionibus e mss. atque antiquis versionibus collectis 1910

Rezensent:

Volz, Paul

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419

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 14.

420

dard gewiß im allgemeinen mit Recht, wenn auch mit
katholifcher Einfeitigkeit, daß Molinier die unklaren und
widerfpruchvollen Lehren der Katharer und ihre Lebensideale
modern umgedeutet und nicht aus dem mittelalterlichen
milieu heraus verbanden habe.

Endlich ift als letzter Auffatz noch eine Abhandlung
Vacandards über die Strafgewalt der Kirche beigedruckt,
die uns einen Einblick in die trotz der Ausfcheidung
des Modernismus noch vorhandenen, gegenfätzlichen
Strömungen innerhalb des Katholizismus unferer Tage
verdattet. Während die flrengen Kurialiften im Anfchluß
an den Syllabus und die Enzyklika Quanta cura Pius' IX
der Kirche das Recht zufprechen, äußere Gewalt zu
gebrauchen in der Ausübung ihrer göttlichen Miffion,
will Vacandard davon nichts wiffen. Mit Salvatore di
Bartoli vertritt er die Anfchauung, daß die Zwangsgewalt
der Kirche auf den moralifchen Zwang befchränkt bleiben
müffe. In einem als Appendix beigegebenen Auffatz beruft
er fich für diefe feine Meinung auf einen Brief Leo XIII
vom 8. Sept. 1899 an den franzöfifchen Klerus, in dem
diefer die mittelalterliche Theorie, wie fie Papft Bonifacius
VIII vertrat, ausdrücklich zurückweift. Aber diefen Standpunkt
hat in einem ebenfalls beigedruckten Auffatz P.
Choupin fcharf bekämpft. Er wirft Vacandard vor, daß
er fich auf Salvatore di Bartoli berufen habe, deffen Werk
zuerll auf den Index gefetzt und erft nach Korrektur
freigegeben fei, und verteidigt im Anfchluß an die Enzyklika
Quanta cura, die fich ja mit durch keine Künfte
umzudeutender Deutlichkeit dahin ausfpricht, daß die
Kirche das Recht habe, die Verletzer des göttlichen
Gefetzes mit zeitlichen Strafen zu belegen. In einem
weiteren Appendix tritt dann ein M. Moulard für Vacandard
ein, indem auch er für die Reduktion der Zwangsgewalt
der Kirche auf den rein moralifchen Zwang plädiert.

Heidelberg. G. Grützmacher.

Reckendorf, H., Über Paronomafie in den femitifchen Sprachen
. Ein Beitrag zur allgemeinen Sprachwiffenfchaft.
Gießen, A. Töpelmann 1909. (XII, 176 S.) gr. 8° M. 12 —

Die vorliegende Arbeit unterfucht das Wefen, die
Urfachen und die grammatifchen Wirkungen der Paronomafie
, foweit diefelbe im einfachen und zufammen-
gefetzten Satze auftritt. Und zwar verfteht der Verf.
unter Paronomafie die fyntaktifche Beziehung zwifchen
zwei oder mehreren flammverwandten Wörtern von
gleicher oder verwandter Bedeutung. Es find Wendungen [
wie ,der Fluß fließt', ,die höchfle Höhe', ,ein Grab graben',
,ich finge, wie der Vogel fingt' ufw. Die Bezeichnung
,figura etymologica' wird gewöhnlich nur auf den inneren
Objektsakkufativ angewandt. Die Elemente derSynon-
ymie weifen, wie die der Paronomafie, zwar Bedeutungs-
verwandtfchaft auf, find aber klangverfchieden, während
die Homonymie klangverwandt, aber bedeutungsverfchie-
den ift. Die Dispofition des Buches knüpft fich an die
beiden Fragen: welche Wortformen in paronomaftifch.es
Verhältnis treten, und wie fich fyntaktifche Verhältniffe
geftalten, wenn ihre Beftandteile paronomaflifch find. Die
Unterfuchung zerfällt hiernach in zwei Hauptteile, das
Wort in der Paronomafie (S. 23—77) und die Paronomafie
der Syntagmen (S. 77—-176).

Die Paronomafie ift nicht nur ein künftliches Mittel
der Sprache, um befondere rhetorifche, mufikalifche oder
äfthetifche Wirkungen zu erzielen. Von noch größerer
Bedeutung ift fie für die Philologie infofern, als fie zur
Wiedergabe von Begriffsverhältniffen dient, für die überhaupt
keine andern Ausdrucksweifen vorhanden find, z. B.
bei Indeterminationen (,eine Stadt von den Städten Syriens'
für ,eine von den Städten Syriens') § 6, bei Korrelationen
(,ein Nachbar foll den Nachbar nicht hindern' für ,ein N.
foll den andern') § 7, bei Genitiven zur Bezeichnung eines
hohen Grades (,der Richter der Richter' für ,der befte
Richter1) § 31 ff., bei Relativfätzen in verfchiedener Bedeutung
, z. B., es floh, wer floh' für ,eine Anzahl von
ihnen floh' § 40 S. 1566". ufw. So charakteriftifch derartige
fyntaktifche Erfcheinungen für den Geift verfchiedener
femitifcher Sprachen find, fo dürfen fie doch bei
Uberfetzungen in moderne indogermanifche Sprachen
nicht fklavifch übernommen werden. Was im Original
elegant und gefällig war, wird bei wöitlicher Wiedergabe
leicht plump und aufdringlich. Am feltenften hat die
gebundene Paronomafie des Semitifchen das Gewicht,
das ihr durch die wörtliche Überfetzung beigelegt wird,
,es fchlug ein Schlagender' ift einfach ,es fchlug einer' ufw.
Die herkömmliche Weife der Bibelüberfetzungen ift in
diefer Beziehung dringend der Revifion bedürftig. Auch
fonft kann die biblifche Philologie des Alten wie des
Neuen Teftamentes fehr viel von Reckendorf's fyntaktifcher
Mufterarbeit lernen. Und da die paronomaftifchen Erfcheinungen
nicht auf das Semitifche befchränkt, fondern,
in größerer oder kleinerer Ausdehnung, wohl Gemeingut
aller Sprachen der Erde find, fo dürften die Unterfuch-
ungen Reckendorfs auch für die allgemeine Sprachwiffenfchaft
von großem Nutzen fein.

Gießen. Friedr. Schwally.

Isaias. Diligenter revisus juxta Massorah atque editiones
principes cum variis lectionibus e mss. atque antiquis
versionibus collectis a C. D. Ginsburg, LL. D. Lon-
dinii, sumptibus Societatis Bibliophilorum Britannicae
et externae MCMIX. (93 p.) gr. Lex. 8°

Es fleht in Ausficht, daß die vornehme Ausgabe,
von der Jefaia als Probe vorliegt, bald abgefchloffen
fein wird und die mühfame, verdienftvolle Arbeit Gins-
burg's der Öffentlichkeit übermittelt werden kann. Es
ift eine kritifche Ausgabe des hebräifchen Textes im
engern Sinn, d. h. es kommen nicht wie bei der Biblica
hebraica ed. Kittel die verfchiedenen fachlichen Varianten
der Verfionen zum Wort, die das Textverfländnis erleichtern
, fondern nur der hebräifche Text felbfl in
feinem äußeren Beftand wird nach Vokalen, Akzenten
und dgl. fichergeftellt. Die Grundlage bildet die Editio
des Jakob b. Chajjim 1524—1525 (abgefehen von offenbaren
Verfehen), die Hilfsmittel zur kritifchen Fed-
ftellung find die (mehr als 70) kollationierten Manufkripte,
die vor 1524 erfchienenen Drucke (c. 20) und die alten
Überfetzungen. In vornehmfter Ausftattung, großem
Format und prächtigem Druck präfentiert fich der Text.
Die darunter flehenden Noten, ebenfalls in hebräifcher
Sprache, geben die Auskunft über die Schreibvarianten,
über scriptioplena und defektiva, Akzente, Dagefch lene,
über Kere's und Ketib's, wobei G. für letzteres einige
neue Beifpiele entdeckte; zum erflenmal ift hier die Ak-
zentuation der Manufkripte kollationiert und veröffentlicht
. Mit größter Zurückhaltung find Textkonjekturen
eingefügt. So bildet diefe Ausgabe ein unentbehrliches
Glied in der Herftellung der kritifchen Biblia hebraica.

Tübingen. Volz.

Peckham, George A., An Introduction to the Study of
Obadiah. (Diss.) Chicago, The University of Chicago
Press 1910. (28 p.) gr. 8° $ — 27

Mit wiffenfchaftlicher Gründlichkeit unterfucht die
Differtation von Peckham die vielbehandelte Struktur
des Obadjah-Kapitels, referierend und felbftändige Reful-
tate andrehend. Das Kapitel zerfällt nach P. in drei
Stücke: 1) die Vifion Obadjas über Edom V. 1—7 c
10 II 14a 15b, fünf Strophen mit je 6 Zeilen, einige
Jahre nach 586 gedichtet, als Nebukadnezar gegen die
revoltierenden Ofljordanvölker einfchritt. 2) Ein Proted
des Obadjah gegen das treulofe Edom V. 12 13 ac 14b
im Kina-Metrum, kurz nach der Zerdörung Jerufalems
gedichtet, von einem Sammler obadjanifcher Orakel ein-