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Ausgabe:

1910

Spalte:

409-412

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nelson, Leonard

Titel/Untertitel:

Über das sogenannte Erkenntnisproblem 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 13.

mittelbarkeit der rnetaphyfifchen Wahrheitsergreifung');
es fagt zu viel, wenn man es enger auffaßt (S. 105: ein
,Sichverfenken in die Allgegenwart Gottes im Dafein und
ein panegyrifches Zerfließenlaffen aller . . . Gedankenreihen
in dem zwar tiefen, aber unbeftimmten Allgefühl
des Lebens und der Gottesgemeinfchaft'). Der Pietismus
ist religiös weit reicher als Jacobi; er enthält die
verfchiedenften Elemente der Frömmigkeit, die fich
dann getrennt weiter entwickeln. Die tiefere Erfaffung
der Gefchichte z. B., die im Pietismus bereits angelegt
, aber meift in den Hintergrund gedrängt war,
überwiegt dann bei Hamann. Jacobi dagegen fteht den
hiftorifchen Tatfachen weit gleichgiltiger gegenüber; was
ihn beflimmt, ift mehr das Intereffe an der Religion als
der Urtatfache des Lebens überhaupt und an der (Unmittelbarkeit
der rnetaphyfifchen Wahrheitsergreifung'
mit Hilfe der Religion. Das brauchen keine abfoluten
Gegenfätze zu fein; Jacobi war ja felbft mit Hamann
eng befreundet, fie hatten gemeinsame Schüler (vgl. z. B.
Wizenmanns Schrift ,Die Refultate der Jacobifchen und
Mendelfohnfchen Philofophie, kritifch unterfucht von
einem P'reywilligen', Leipzig 1786), und in Herder verbanden
fich beide Linien, freilich unter Hinzunahme einer
dritten, der ebenfalls fchon im Pietismus auftauchenden,
aber von Jacobi bekämpften pantheiftifchen Gottesempfindung
. All folchen Beziehungen — Sch. betont ein-
feitig die zu dem Hauptvertreter der abfoluten fittlichen
Willenszucht, zu Kant — müßte man nachgehen, um den
rechten Hintergrund und Zufammenhang für Jacobis
Frömmigkeit und Religionsphilofophie zeichnen zu

Gültigkeit der Erkenntnis dienen zu können, immerhin
bekannt fein, das heißt, es müßte felbft Gegenftand der
Erkenntnis werden können. Ob aber diefe Erkenntnis,
deren Gegenftand das fragliche Kriterium ift, eine gültige
ift, müßte entfchieden fein, damit das Kriterium anwendbar
fei. Daher eine Begründung der objektiven Gültigkeit
der Erkenntnis nicht möglich ift. Dies Ergebnis, auf das
der Autor das größte Gewicht legt, und das die Grundlage
aller feiner weiteren Ausfuhrungen bildet, wird dann
noch beftätigt und bekräftigt durch eine Reihe längerer
Auseinanderfetzungen mit einzelnen modernen Erkenntnistheoretikern
wie Natorp, E. Marcus, Meinong, Simmel,
Lipps, Rickert. Dabei fpielt eine Hauptrolle die Be-
ftreitung der Anficht, daß alles Erkennen in Urteilen
beftehe, und der bereits angedeutete und immer wiederkehrende
Hinweis darauf, daß jede erkenntnistheoretifche
Thefe durch die ihr einwohnende Nötigung zu einem
regressus in infinitum fchließlich der Selbftauflöfung verfallen
müffe. Voraufgefchickt ift den betreffenden Auseinanderfetzungen
eine Befprechung des Unterfchieds
zwifchen analytifchen und fynthetifchen Urteilen; ergänzt
werden fie durch eine Anmerkung über den erkenntnis-
theoretifchen Idealismus, insbefondere über die Anfechtbarkeit
von Rickerts Begriff des Bewußtfeins und von
Lipps' Deutung des unmittelbaren Erlebens allgemeiner
Gefetze.

Ift der erfte Teil vorwiegend kritifch und verneinend,
fo ift der zweite Teil, der ,das Problem der Vernunftkritik
' zum Thema haben foll, vorwiegend thetifch. Er
geht von dem gewonnenen Refultate aus, daß eine Wiffen-

können " Erst dann bietet das Bild fichere und frucht- ichaft, die über die objektive Gültigkeit alle. Erkenntnis

bar^ Anknüpfungspunkte für das hiftorifche Verftändnis in letzter Inftanz entscheiden folle nicht möglich fei.

etwa ScSrnSs, oder auch der neuerdings beton- Müffen wir nun aber deshalb zun. vulgaren Dogmatismus

teTFries-Dr Religionsphilofophie. zurückkehren ? Es bliebe m der Tat nichts anders ubrig,

ten rnes «neueiu« ^ . wenn eg richtig wär^ daß Erkenntnis und Urteil ohne

weiteres identifch find. Das ift aber nicht der Fall. Vielmehr
ift die in Urteilen verlaufende Erkenntnis immer
Hände arbeiten. Wir Theolof. I nur mittelbare Erkenntnis. Als folche fetzt fie eine un-

Das vorliegende Beifpiel zeigt wieder einmal, wie
notwendig es ift, daß in der Gefchichte des deutfchen
Idealismus Theologen und Philofophen einander in die

daß er mit feiner Monographie das Intereffe für Jacobi
neu belebt und ein gutes Mittel zum Verftändnis des
Mannes geboten hat. Der bette Dank aber würde fein,
nun unferfeits die Arbeit zu beginnen.

Marburg a. d. L. Horft Stephan.

Nelfon, Leonard, Über das logenannte Erkenntnisproblem.

(Aus: ,Abhandlungen der Fries'fchen Schule', II. Band.
4. Heft.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1908.
(427 S.) kl 40 M- 10 ~

Es handelt fich hier, um das gleich vorwegzunehmen,

mittelbare Erkenntnis voraus, die ihr zugrunde liegt.
Vergegenwärtigt man fich das, fo ergibt fich einem von
felbft an Stelle der unlösbaren erkenntnistheoretifchen
Aufgabe im engeren Sinn eine andere lösbare Aufgabe:
diejenige nämlich, die mittelbare Erkenntnis auf die ihr
zugrunde liegende unmittelbare Erkenntnis zurückzuführen
, fei es auf die anfchauliche unmittelbare Erkenntnis
, um die es fich in der Mathematik und den empiri-
fchen Wiffenfchaften handelt, fei es auf die nicht anfchauliche
unmittelbare Erkenntnis, um die es fich in der
Metaphyfik handelt. Und zwar ift es fpeziell die Aufgabe
der Philofophie, die Metaphyfik, das heißt, ,das

Es handelt fich hier um das gleich vorwegzunehmen , g ftem def f thetifchen ^ < > . ■ ^

im Grunde um eine forgfaltig angelegte, weit ausholende 1 Begdffeir auf die ihr nde liegende unmittelbare

1 nicht anfchauliche Erkenntnis zurückzuführen und fie fo

und in ihrer Art beredte Apologie gewiffer fundamen
taler Gedanken der Friesfchen Philofophie, deren fich
neuerdings eine kleine, aber rührige Schule mit befon-

zu begründen. Die Disziplin, die fich diefer Arbeit an
der Metaphyfik unterzöge und die letztere durch den

derem Eifer annimmt. empirifchen Nachweis der ihr zugrunde liegenden

Das Werk zerfällt in drei Teile.
Der erfte befchäftigt fich mit der .Unmöglichkeit der
Erkenntnistheorie', das heißt, derjenigen ,Wiffenfchaft, die
die Unterfuchung der objektiven Gültigkeit der Erkenntnis
überhaupt zur Aufgabe hat'. Eben deren Unmöglichkeit
wird wefentlich durch folgende Argumentation dargetan:
Angenommen, es gäbe ein Kriterium, das zur Begründung
der objektiven Gültigkeit der Erkenntnis dienen
könnte, fo würde dasfelbe entweder felbft eine Erkenntnis
fein oder nicht. Angenommen einerfeits, das fragliche
Kriterium fei eine Erkenntnis, dann gehörte es gerade
dem Bereich des Problematifchen an, über deffen Gültigkeit
erft durch die Erkenntnistheorie entfchieden werden
foll. Das Kriterium, das zur Auflöfung des Problems
dienen foll, kann alfo keine Erkenntnis fein. Umgekehrt
angenommen, das Kriterium fei nicht eine Erkenntnis,
dann müßte es doch, um zur Begründung der objektiven

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.unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft' begründete,
könnte .Kritik der reinen Vernunft' heißen. Sie ift durchaus
möglich, in fich widerfpruchslos; und wollte jemand
gegen fie einwenden, es fei nicht angängig, die rationalen
Erkenntniffe der Metaphyfik empirifch mit Hilfe der
,inneren Erfahrung' und der Selbftbeobachtung zu begründen
, fo würde er damit nur beweifen, daß er fich
über den wichtigen Unterfchied von ,Grund' und .Begründung
' nicht klar geworden ift. Von da ausgehend,
fetzt fich der Autor weiterhin mit dem Tranfzendentalis-
mus und dem vulgären Pfychologismus, die er beide
durch die Vernunftkritik vermieden glaubt, fowie abermals
mit einzelnen Elrkenntnistheoretikern wie Natorp,
Frege, Hufferl, Rickert, Lipps ausführlich auseinander.

Der dritte Teil ift vorwiegend hiftorifch, zugleich
aber kritifch und thetifch. Er beginnt mit einer an die
Vorausfetzungen der .Kritik der reinen Vernunft' an-