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Ausgabe:

1910 Nr. 9

Spalte:

282

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Otto, Rudolf

Titel/Untertitel:

Goethe und Darwin, Darwinismus und Religion 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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281 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 9. 282

Verunglimpfungen des Exjefuiten Berlichingen allgemein
bekannt gewordene Würzburger Ordinarius legt uns hier
den Text feines auf dem internationalen Kongreß für
hiftorifche Wiffenfchaften zu Berlin am 12. Auguft 1908
gehaltenen Vortrages vor (S. I—78). Das Vorwort enthält
eine kurze Überficht über die maßlofen Angriffe,
denen der Verfaffer von feiten der ultramontanen Preffe
noch vor Erfcheinen desfelben im Drucke ausgefetzt war,
und eine treffende Abfertigung feiner Hauptkritiker Röfch
und Sägmüller (V—XIV). Die Anmerkungen (S. 79—106)
enthalten eine nähere Begründung feiner Ausführungen
und eine weitere Charakteriftik des Verfahrens feiner
.gelehrten' Gegner, fowie eine eingehende Kritik der
Schrift des fpäteren Bifchofs von Mainz Dr. Heinrich Brück:
Die rationaliftifchen Beftrebungen im kath. Deutfchland j
.... Mainz 1865. Ein Anhang (107—112) fchließlich
enthält die Angriffe Sägmüllers auf des Verfaffers Vortrag
in der Tübinger theol. Quartalfchrift, fowie feine
eigene Erklärung und Duplik.

Merkle beurteilt die Aufklärung in der deutfchen
katholifchen Kirche der zweiten Hälfte des achtzehnten
Jahrhunderts als eine notwendige Reaktion gegen den j
unfruchtbaren Scholaftizismus der vorhergehenden Zeit,
die zwar vielfach zu weit gegangen fei, aber doch anderer-
feits fich wefentliche Verdienfte um die Förderung der
Wiffenfchaft und die Pflege des religiöfen Lebens, um
Befferung des Unterrichts und Hebung der Predigt erworben
habe, und tritt namentlich fehr energifch gegen
die Verunglimpfungen der jofephinifchen Generalfeminarien
ein. Merkle erweift fleh darin, wie von ihm zu erwarten
war, nicht nur als ein gründlicher Kenner jener wichtigen
Übergangszeit, fondern auch als ein gerechter und vor-
urteiblofer Kritiker derfelben, was um fo mehr anzuerkennen
ift, als er fich deshalb von vornherein auf
heftige Angriffe der ultramontanen Preffe gefaßt halten
mußte. Was Merkle auf S. ioff. 23fr. über den Betrieb
des wiffenfchaftlichen und Volksfchulunterrichts vor 1750
mitteilt, erfährt eine wertvolle Bereicherung und Beltä-
tigung durch das neuefte Werk von P. Hoensbroech:
14 Jahre Jefuit I S. 65—244 passim, das ich nach Er- j
feheinen des zweiten Bandes hier eingehend zu befprechen
gedenke.

Bremgarten. Alb. Bruckner.

Otto, Rudolf, Goethe und Darwin, Darwinismus und Religion.

Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht 1909. (40 S.) |
gr. 8« M. - 75

Zwei Auffätze, aus Vorträgen hervorgegangen und
bereits veröffentlicht in der Freien Bayerifchen Schulzeitung
und in den Abhandlungen der Fries'fchen Schule,
Neue Folge.

Der erfte .Goethe und Darwin' zieht eine Parallele
zwifchen dem deutfchen Dichter und dem englifchen
Naturforfcher, die namentlich den Gegenfatz fcharf
herausarbeitet. Für jenen ift eine eigentliche Entwicklung
- oder, beffer noch, Entfaltungstheorie charak-
teriftifch; für diefen der Transformismus und die Hypo-
thefe von der natürlichen Zuchtwahl. Jener der Vertreter
eines mehr künftlerifch-intuitiven, diefer eines ftreng
wiffenfehaftlich-exakten Verfahrens. In methodologifcher
Hinfleht haben beide je nach der in Betracht kommenden
Aufgabe recht. ,

Der zweite Auffatz behandelt .Darwinismus und Religion
'. Er verweift auf die verfchiedenen Bedeutungen,
de fpeziell mit erfterem Begriff verknüpft werden, und
gipfelt in einer ausführlicheren Erörterung über das
Verhältnis der Religion zu zwei Haupttendenzen des
Darwinismus im engeren Sinne, nämlich einerfeits zu
dem Beftreben, den genetifchen Zufammenhang alles
Lebendigen und das Werden aller Formen des Lebendigen
aus .natürlichen' Urfachen zu erklären, anderfeits
zu dem Ringen nach .Befreiung der Naturwiffenfchalt

| von der Teleologie'. Unter origineller Berufung auf die
| Theologie Luthers und beftimmte, von ihr mit angeregte,
I Gedanken des Aufklärungszeitalters wird dargelegt, daß
es durchaus möglich fei, ,ein und dasfelbe Gefchehen
ganz der Natur' einzuordnen und zugleich ,doch noch
den Übergang und Rückgriff zu ,machen auf Schöpfung,
Regierung, Erhaltung'; und daß die Ausfcheidung des
Zweckbegriffs aus der naturwiflenfehaftlichen Forfchung
diejenige .Teleologie', die allein ,die Religion intereffieren
kann', überhaupt nicht berühre.

Wer Gelegenheit gehabt hat zu beobachten, wie
der Zufammenbruch der Darwinfchen Form der Entwicklungstheorie
hier und dort in der Apologetik die
Neigung ausgelöft hat, zu einer überwundenen, katholi-
flerenden und nicht ungefährlichen Stellungnahme gegenüber
der Naturwiffenfchaft zurückzukehren, wird dem
Verf., der ja feinerzeit fehr nachdrücklich gerade auf
den Fehlfchlag des .Darwinismus' hingedeutet hat, die
Grundgedanken des zweiten Auffatzes befonders hoch
anrechnen und Dank wiffen.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Hantel mann's, Hermann, gefchichtliche Werke. Kritifche
Neuausgabe, begonnen von f kgl. Oberbiblioth. Dr.
Heinrich Detmer. Band I: Schriften zur niederfäch-
fifch-weftfälifchen Gelehrtengefchichte. Heft 3: Illu-
strium Westphaliae virorum libri sex. Kritifch neu
herausgegeben von Univ.-Bibl. Dr. Klemens Löffler.
(Veröffentlichungen der hiftorifchen Kommifflon für
Weftfalen.) Münfter i. W., Afchendorff'fche Buchhandlung
1908. (XI, 388 S.) gr. 8° M. 8 —

Die von ihm mit Unterftützung der hiftorifchen
Kommiffion für Weftfalen begonnene kritifche Ausgabe
der Werke Hermann Hamelmanns zu Ende zu führen,
war dem Münfterfchen Oberbibliothekar Dr. Heinrich
Detmer nicht mehr vergönnt; er ift nach Abfchluß des
erften Heftes geftorben, das zweite konnte aus feinem
Nachlaffe herausgegeben werden, für das dritte lagen
noch bibliographifche Notizen vor, im wefentlichen war
Neuarbeit zu leiften, die Bibliothekar Dr. Klemens Löffler
übernahm und, wie fogleich bemerkt fei, mit hingebendem
Eifer zu Ende führte. Es handelt fich um Hamelmanns
libri VI tlhistrium Westphaliae virorum, d. h. um Zu-
fammenftellungen kurzer Biographieen und Schriften berühmter
Weftfalen. In den drei erften Büchern ift H.
keineswegs originell, er fchreibt vielmehr Trithemius,
Albert Krantz, Conrad Gesner bezw. feine Fortfetzer
Lycofthenes und Simler aus und fügt felbft nur wenig
hinzu. Die weftfälifche Kommiffion wollte diele Auszüge
zuerft nicht wiedergeben, es ift dankenswert, daß
Löffler den Druck durchfetzte (in Petit-Satz), denn fo
erhalten wir wenigftens etwas Ganzes. We nn in Buch IV
bis VI H. originell ift, fo hat er geographifch gruppiert
(Münfter und Münfterland, Osnabrück, Paderborn, Minden
, Graffchaft Lippe und Höxter). Die Aufgabe des
Herausgebers ftellte fich dahin, daß er die biographi-
fchen Angaben H.s auf ihre Richtigkeit prüfte und die
nur kurz angedeuteten Drucke ausfindig machte und
j bibliographifch befchrieb. Löffler hat fich diefer Auf-
I gäbe mit außerordentlicher Sorgfalt unterzogen, Biblio-
j thekskataloge durchforfcht, perfönlich nachgefehen oder
nachgefragt, das Auskunftsbureau der deutfchen Bibliotheken
herangezogen und wenn auch nicht alle, fo doch
die meiden Rätfei gelöft. Wir haben in L.s Ausgabe
eine forgfame Bibliographie der weftfälifchen Literatur
! des ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts
j vor uns. Hamelmann, der Autor, gewinnt durch die
j kritifche Bearbeitung, er ftellt fich im wefentlichen als
durchaus zuverläffig heraus (vgl. S. VI f.). Im Anhange
hat L. einige bibliographifche Materialien befonders zu-
fammengeftellt, fo von Dietrich Grefemund, Johann v. Dor-