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Ausgabe:

1910 Nr. 8

Spalte:

247-248

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müsebeck, Ernst

Titel/Untertitel:

Carl Candidus. Ein Lebensbild zur Geschichte des religös-spekulativen Idealismus und des elsässischen Geistenslebens vor 1870 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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247 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 8. 248

und von ihnen Weifungen empfangen. Unterfchiede des Publikationen Candidus' diejenige, in bezug auf die noch
Gefchlechts und des Alters fpielten dabei keine Rolle; 1 heute die meifte Ausficht befteht, auf Menfchen zu ftoßen,
denn es kam vor, daß unverheiratete Damen als Licht- die fie nicht nur dem Namen nach kennen, fondern auch
naturen verheirateten Frauen übergeordnet waren und gelefen haben, vielleicht mit deshalb, weil fie einft mit
diefen über ihre ehelichen Verhältniffe Vorfchriften er- einem äußerft wohlwollenden Geleitwort Jakob Grimms
teilten, oder daß fie junge Männer zu leiten hatten und in die Welt gegangen ift, der fie mit Otfrieds Evangelien-
von ihnen die Beichte ihrer Anfechtungen entgegen- harmonie und Klopftocks Meffias vergleicht, fie als
nahmen. Das Urteil der Appellations-Inftanz (Kammer- ,innig und feelenvoll' und ihr Gewand als ,rein und zart
gericht in Berlin vom 4. Dezember 1841 publiziert am > gefaltet' rühmt. Im übrigen ift der literarifche Erfolg,
2. Febr. 1842) lautet alfo mit Grund dahin, daß Ebel aus 1 den der mit taufend Mafien ins Leben hinausfegelnde,
grober Fahrläffigkeit feine Amtspflicht verletzt habe und vielfeitige und mannigfach angeregte elfaffifche Theologe
deshalb feines geiftlichen Amtes zu entfetzen fei. Da erzielt hat, ein überaus befcheidener gewefen. Er hat
Dieftel fich zu denfelben Anfchauungen bekannte, fo traf das tragifche Gefchick erlitten, daß er in einer Hinficht,
ihn dasfelbe Urteil. Ebel zog fich nach Württemberg in politifcher, feiner Zeit vorausgeeilt, in anderer wieder,
zurück und ftarb 1861, Dieftel blieb in Königsberg bis 1 in theologifcher, ein Nachzügler gewefen ift. Er gehörte
an feinen Tod (1854). einerfeits zu den nicht übermäßig zahlreichen elfäffifchen

Am Schluffe feiner Arbeit gibt Konfchel ein fchätzens- Proteftanten, die von der deutfchen Geifteskultur, von
wertes Verzeichnis der in Frage kommenden Literatur deutfcher Philofophie und Dichtung derartig ergriffen
von und über Schönherr, Ebel und Dieftel und über den wurden, daß fie bei aller Loyalität gegenüber der beganzen
Verlauf der Vorgänge, deren Mittelpunkte fie waren, flehenden Obrigkeit unwillkürlich und allmählich von
Der Königsberger Religionsprozeß wird nunmehr auf- Frankreich fich innerlich völlig loslöften und nur konfe-
hören, ein pikantes Thema zu fein; was an jenen Pietiften quent und fich felbft getreu blieben, wenn fie dann die
Verirrung war, wiegt nicht fo fchwer als vieles, was wir Freigniffe der Jahre 1870/71 als Befreiung und Wohltat
anantinomiftifchenErfcheinungeninderKirchengefchichte begrüßten, ohne darin freilich von der Mehrzahl ihrer
je und je wahrnehmen. Konfchels Verdienft aber bleibt Landsleute richtig verftanden zu werden. Er gehörte
es, daß er über eine bisher dunkle und mit fchlimmften anderfeits zu der Gruppe intellektuell ausgezeichneter
Vorurteilen begleitete Epifode der oftpreußifchen Kir- : Theologen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, die,
chengefchichte Licht verbreitet hat. [ von den Nachwirkungen der großen deutfchen idea-

Auch zur Gefchichte des Berliner Pietismus, des ' m(rch™. Syfteme ftark beeinfl^^ der zu-

Kottwitzfchen Kreifes wird hier (S. 34ff.) ein neuer, fehr verfichtlichen Meinung waren, das Chriftentum, unter
intereffanter Beitrag geliefert: es ift ein Reifebrief des mehr oder weniger entfchiedenern Verzicht auf eine An-
jungen von Tippeiskirch aus dem Jahre 1825, worin über knupfung an hiftonfche Tatfachen lediglich oder wefent-
Kottwitz, Jänicke, Strauß, Tholuck ufw. berichtet wird. Imhdurchmetaphyf.fch-fpekulativeErwägungen[begründen
Man fieht daraus, daß die Königsberger Bewegung gegen fu k.onnen- t;war d!e Auffaffung, der durch den Neu-
die Berliner felbftändig war; Tippeiskirchs Beobachtungen ka"tl*nlsS"^. ,7e" «k«ntni8theoretlfc^
klingen recht unfreundlich; an den Berliner methodiftifchen , und d'e Rechliche Schule ein jähes Ende bereitet wor-
Erweckungszufammenkünften hat er offenbar kein rechtes denf lft> u"d dle- wenngleich vereinzelte (verfpatete? oder
Gefallen gefunden. Die Königsberger Pietiften hatten -verfrühte?) Stimmen zu ihren Gunften heute wieder laut
eben nicht fowohl Erweckung als viefmehr Heiligung der ■ "erd,en' u ^ ,n der Form in der fie e.nft be-
Seelen erftrebt ltanden hat, nicht von neuem aufleben kann und wird,

foll anders die Gefchichte fich nicht in ödem und un-
Göttingen. Paul Tfchackert. fruchtbarem Kreislauf bewegen.

So gewinnt die vorliegende Lebensbefchreibung ein
Miifebeck, Staatsarch. Dr. Ernft, Carl Candidus. Ein Le- über das bloß-biographifche hinausreichendes doppeltes
bensbild zur Gefchichte des religiös - fpekulativen hiftorifches Intereffe, als ein Dokument fowohl für die GeIdealismus
und des elfäffifchen Geifteslebens vor fchichte der modernen elfäffifchen Kultur wie für die der

„„ . t u t 1__ %t 1 sqa c neueren proteftantifchen lheologiej und es darf dem Ver-

1870. München, J. P. Lehmanns Verl. 1909. (86 S.) | faffer de/Büchleins nachgefagt werden, daß er fich nicht nur
8° M. 1.80 mit Fleiß und Liebe, fondern mit ftarkem Anempfindungs-

Es handelt fich um das Lebensbild eines elfäffifchen vermögen und tiefgehendem Verftändnis in die fchwierige
Theologen aus dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, ' Materie eingearbeitet und ,eingefühlt' hat.
der 1846—58 Pfarrer an der reformierten Gemeinde in ; Straßburg i. E. E. W Mayer

Nanzig und von 1858 an bis zu feinem Tode (16. Juli

1871) Pfarrer an der reformierten Gemeinde in üdeffa Bastide, Ch., L'Anglicanisme. L'Eglise d'Angleterre, son

war. Eine ungewöhnlich reich begabte Natur, ebenfo histoire et son oeuvre. La Diffusion de l'Angli-

produktiv als empfanglich, hat Candidus mit einer canisme. Saint-Blaise, Foyer folidariste 1909. (159 p.)

Reihe bedeutender Manner, namentlich Deutfchlands, g0 ' ^ fr 2 —

in regem geiftigen Verkehr geftanden und ift er auch

felbft wiederholt als Schriftfteller aufgetreten. Unter Das kleine Buch ift fehr gut gefchrieben und gibt

feinen Werken ragen, abgefehen von den Sammlungen auch fachlich guten Befcheid. Der Verfaffer bietet nicht

einzelner Gedichte, befonders hervor der ,Deutfche j gerade Neues, aber er kennt England und feine Staats-

Chriftus' und die /Einleitenden Grundlegungen zu einem | kirche aus der beften Literatur und, wie es fcheint, aus

Neubau der Religionsphilofophie'. Diefe kennzeichnet | eigener Anfchauung. Ohne fich imponieren zu laffen,

man vielleicht am beften als eine freie Verarbeitung i hat er durchaus ein Auge für die Vorzüge des eng-

und Fortbildung Fichtefcher, Hegelfcher und Schleier- ! lifchen Volkes. Sogleich die Einleitung zeigt das. Er

macherfcher Gedanken und Anfchauungen. Erfterer wird gibt hier eine kurze Analyfe des englifchen Volkscharak-

von feinem Verfaffer felbft ziemlich treffend charakteri- : ters, von der ich glauben möchte, daß fie dem Englän-

fiert als ,ein poetifcher Umriß der Hauptftücke deutfcher ; der fchmeichelhaft und wie eine Mahnung zugleich

Auffaffung und Ausbildung des Chriftentums oder, beffer , erfcheinen werde, letzteres wenigftens dann, wenn er

gefagt, wenn im Reiche des Gedankens von Plaftik ge- | die Kunft der ,precautions oratoires' die der Verfaffer

fprochen werden darf, eine plaftifche Darfteilung des j befitzt, zu würdigen weiß. Es überwiegt bei dem

fpekulativ-myftifchen Chriftusbildes, wie es in deutfch- Verfaffer immerhin der Eindruck einer eigentümlichen

frommer Anfchauung lebt und webt'. Er ift unter den Kraft, die dem englifchen Volke innewohnt. Durch