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Ausgabe:

1910 Nr. 6

Spalte:

180-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fabricius, Cajus

Titel/Untertitel:

Die Entwicklung in Albrecht Ritschls Theologie von 1874 bis 1889 nach den verschiedenen Auflagen seiner Hauptwerke dargestellt und beurteilt 1910

Rezensent:

Kaftan, Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 6.

180

Polemik begreiflich genug — von Verbitterung nicht I
immer frei den Weg zu Ende gegangen ift, den ihm fein
wiffenfchaftliches Gewiffen und fein Wahrheitsmut gehen
hießen. Die Orientierung auch über die abgelegenften
und vergeffenften Auffätze und Rezenfionen Baurs ift
durchweg exakt und das Charakteriftifche und Wefent-
liche herausgreifend, auf alle Korrekturen und Retrak-
tationen ift mit Sorgfalt geachtet, auch wer manches
nicht felbft bei Baur gelefen hat, kann fich an Hand der j
hier gegebenen Auszüge ein klares Urteil bilden. Sehr
zu loben ift auch die Objektivität des für feinen Helden j
aufs höchfie begeifterten, jedoch gegen feine Schwächen 1
und Lücken keineswegs blinden Verfaffers, er ehrt damit
Baur felbft am beften, indem er die Rolle des Apologeten |
und Advokaten für feiner unwürdig erachtet hat. Einzig
gegenüber Ritfehl vermiffe ich die Objektivität, obfehon
man wohl begreifen kann, wie fchwer fie hier dem Autor
werden mußte. Sicher erhält Ritfchls Altkatkolifche
Kirche bei ihm die Würdigung nicht, die fie trotz aller
ihrer Schwächen und teilweifen Rückläufigkeiten verdient.
Außerdem hat Fraedrich auf eine Darftellung der neuen
Tübingerfchule verzichtet und die Arbeiten der Baur-
fchüler nur fo weit berührt, als fie auf Baur felbft von I
Einfluß waren. Vielleicht holt er dies weitere Stück j
Gefchichte der Theologie des 19. Jahrhunderts in einer
andern Studie nach. Denn es ift auch in der Gegner- J
fchaft gegen Baur manches beffer zu verfiehen und gerechter
zu beurteilen, wenn man zur Anfchauung bringen
würde, was für eine einfeitige und monotone Betrachtung
des NT.s durch feine Schüler lange Zeit Mode geworden J
iß, und wie der Fortfehritt feines Verßändniffes durch die
zu reiner Tradition erßarrten feßen Frageßellungen und
Schemata gerade fo gehemmt wurde, wie ihn der Meißer
felbß zunächß befördern mußte.

Von einer Einwirkung Schleiermachers auf Baur wird
man nach Fraedrich künftig nur in fehr befcheidenem j
Maffe reden dürfen; felbß da, wo er ihm anfangs zu folgen
fcheint, hat er ihn z. T. mißverßanden, in der Hauptfache
, als feiner ganzen Art nicht gemäß, fofort innerlich
abgelehnt. Daß der Hegelfche Einfluß relativ fpät, erß
im Gefolge der poßhumen Religionsphilofophie, bei Baur
einfetzt, dann aber freilich übermächtig wird, follte ein
für allemal verbieten, die NTlichen Erkenntniffe Baurs
einfach als Hegelfche Konßruktionen zu bezeichnen.
Aber es wird nur um fo bedeutfamer, daß fchon vor der
Hegelfchen Einwirkung auch nach des Verfaffers Urteil
Baur von feiner Gabe des Konßruierens und Schemati-
fierens überreichlichen Gebrauch macht und das Chrißcn-
tum und überhaupt die Religionen von einem monißifchen !
Idealismus aus und dabei erß noch intellektualißifch interpretiert
. An der Religion intereffiert ihn von Anfang I
an nicht das Leben felber, fondern die Vorßellungen,
Mythen und Symbole, und diefe werden ohne weiteres j
von einer Religionsphilofophie aus gedeutet, für die die
Religion nichts anderes als die Bewegung und Entwicklung
des menfehlichen Selbßbewußtfeins iß. Von da aus
iß dann freilich die fpäte Datierung des Hegelianismus
bei Baur gar nicht fo wichtig, wie denn auch der Autor
felbß ihn nur alles das, was er felbß fchon in unficherem
Befitz hatte oder noch fuchte, bei Hegel finden läßt. Die
intellektualißifche Auffaffung des Chrißentums ßeht ihm
von Anfang an feß, und diefes Verßändnis beherrfcht
allerdings im ßärkflen Maße die Exegefe und die An- |
fchauung vom gefchichtlichen Verlauf. Es fcheint, daß j
die eigene Stellung des Verfaffers zu diefen grundfätz-
lichen Fragen keine abgefchloffene iß, denn auf der einen
Seite hat er für die Mängel des Baurfchen Denkens ein
offenes Auge, er geßeht, daß Baur für die Eigenart des
religiöfen Lebens kein Bedürfnis und kein Verßändnis
hatte, daß er fogar ,mit innerer Bedürfnislofigkeit dem
rein Religiöfen gegenüberßeht', aber anderfeits fcheint er
doch wieder dem idealißifchen Monismus zuzußimmen
und fcheut fogar vor dem unfinnigen Ausdruck: ,Anwen- |

dung des Grundgefetzes des KaufalmechanEmus auf die
Gefchichte des Chrißentums' nicht zurück. Ich meine
doch, wichtiger als alle Detailkritik iß die fich von feinen
eigenen Darlegungen aus aufdrängende Erkenntnis, daß
von diefem Monismus aus dem Chrißentum und der
Religion überhaupt gar nicht beizukommen iß, daß fie
immer nur gegen ihre eigenen Ausfagen mißdeutet und
umgedeutet werden müffen, weil es ja etwas anderes als
Selbßbewegung der menfehlichen Vernunft gar nicht gibt,
geben kann. Für mich fällt damit allerdings auch aller
Reiz des befondern Studiums der Baurfchen Literatur
dahin, und ich kann mir von einer Rückkehr zu diefer
Art Erforschung der Religion gar nichts verfprechen,
hier ßeht und fällt alles mit dem Recht oder Unrecht
des Monismus und feinem Wert oder Unwert für die
Religion. Wenn der gegen die Vermittlungstheologie
nicht gerade freundlich geßimmte Verfaffer am Schluß
feine Korrekturen und ergänzenden Poßulate mehr andeutet
als ausfpricht, fällt er damit nur felber in die
Vermittlung diefes Monismus mit neueren gegenfätzlichen
Errungenfchaften hinein, womit wir nicht vorwärts kommen
können.

Auch fonß würde ich in der Beurteilung der Baurfchen
Gefamtleißung auf rein hißorifchen Gebiet zu etwas
anderen Ergebniffen kommen bei voller Hochfehätzung
der außerordentlichen Bedeutung des Mannes und der
Fruchtbarkeit feiner Anregungen. Es hängt mit dem
Fehlen einer Zufammenfaffung der Ergebniffe am Schluß
zufammen, daß der Lefer keinen Eindruck erhält, wie
wenig eigentlich doch von allen Ergebniffen Baurs ßehen
geblieben iß. Mich würde auch das nicht in feiner Bewunderung
hindern, wenn ich mir nicht lagen müßte,
daß gerade das Manko wirklich religiöfen Verßändniffes
bei Baur und feinen Schülern für den Gefamtverlauf der
Gefchichte der deutfehen Theologie verhängnisvoll geworden
iß und den Gegnern feiner Forfchung, die rein
wiffenfehaftlich befehen, gar nicht an ihn heranreichten,
immer wieder einen Vorfprung der religiöfen Pofition,
ich meine des Verßändniffes der Kraft der NTlichen
Schriften gab, das man auf der anderen Seite vermißt.
Ich leugne nicht, daß das NT. durch die Baurfche Beleuchtung
fehr intereßant geworden iß gerade auch für
Denker, die ihm fonß kühl gegenübergeßanden hätten.
Aber hinter den Fragen nach judenchrifllichem oder
heidenchrißlichem Urfprung und nach der genauen Stelle
im immanenten Entwicklungsprozeß traten alle die Fragen
zurück, die uns in die Religion des NT.s felbß einführen,
in das wunderbare Leben mit Gott, das uns hier entgegentritt
. Das war kein Glück weder für die Freunde
noch die Feinde, und wer von der dadurch gefchaffenen
Notlage noch etwas erlebt hat, empfindet fehr wenig
Sehnfucht nach der Rückkehr zu Baur. Um fo mehr
möchte ich dem Verfaffer zußimmen in allem, was er
von der Perfönlichkeit Baurs zu rühmen weiß; Männer
von der intellektuellen Redlichkeit und Sauberkeit, der
Energie und Klarheit feines Denkens und dem Mannesmut
, mit dem er feine Überzeugung vertrat, braucht
gerade unfere Zeit.

Bafel. Wernle.

Fabricius, Pfarramtskand. Lic. Cajus, Die Entwicklung in
Albrecht Ritschis Theologie von 1874 bis 1889 nach den
verfchiedenen Auflagen feiner Hauptwerke dargeßellt
und beurteilt. Tübingen, J. C. B. Mohr 1909. (VII,
140 S.) gr. 8° M. 4 —

Der Verfaffer ßellt fich die Aufgabe, die Entwicklung
der Theologie Ritfchls 1874—89 darzußellen und zu beurteilen
. Das iß bisher nur beiläufig und im einzelnen
gefchehn. Hier foll diefe hißorifch-kritifche Betrachtung
für fich und ausfchließlich den Gegenßand bilden. Mit
fichererHand grenzt er den dafür in Betracht kommenden