Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1910 Nr. 6

Spalte:

178-180

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fraedrich, G.

Titel/Untertitel:

Ferdinand Christian Baur, der Begründer der Tübinger Schule als Theologe, Schriftsteller und Charakter 1910

Rezensent:

Wernle, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

i77

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 6.

178

enthält, das wohl eines der erften Bekenntniffe des Urban
Rhegius zu Luthers Sache fein könnte, wenn die
Typen den Einblattdruck als Augsburger Produkt er-
wcifen.

W. Friedensburg gibt fünf unbekannte Briefe
Ge. Witzeis, nämlich zwei an den Nuntius Morone vom
12. Febr. 1538 und vom 1. Dez. 1540, zwei an Joh. Fabri,
Bifchof von Wien, vom 20. Mai und vom 14. Juni 1539
und einen an Kardinal Otto Truchfeß vom 4. Dez. 1557.
Treffen wir im erften Schreiben Witzel im Glück über
einen Brief Morones, der ihm eine Unterftützung von
Alexander Farnefe vermittelt hatte, voll Hoffnung auf
Verwirklichung der katholifchen Reform durch Papft
Paul III. und die Bifchöfe und eifrig in der Eisleber
Muße mit literarifchen Arbeiten befchäftigt, fo ift er
im zweiten Schreiben aus Leipzig voll Furcht vor dem
neuen Landesherrn und den Lutheranern, die den Renegaten
, wie er meint, unverföhnlich haffen, und weiß
nicht, wohin. Am 14. Juni liegt er flüchtig und krank
auf Neufchloß bei einem Herrn Wolfgang und bittet
um yerwendung bei K. Ferdinand, ne vel preda fiam

des Kurfürften Hermann von Köln 1507/8 ,das Bedürfnis
hatte, feinen religiöfen Gedanken fchriftlichen Ausdruck
zu geben' (S. 1) und auch als geiftlicher Liederdichter
tätig war (vgl. Spittas Abhandlung in der Monatfchrift
für Gottesdienft und kirchliche Kunft 1908, Heft 1—6).
Ja ,der überaus reiche und bewegliche Geift mit dem
ganzen Feuereifer feiner Natur' fchuf neben theologifchen
Abhandlungen, Gebeten, Betrachtungen gleichzeitig
1555 ein Werk über die Kriegskunft, die dem
König von Polen gewidmete ,Kriegsordnung', in welcher
er der Religion eine tiefgehende Bedeutung für die
Kriegsführung zuweift. Auch feine theologifche Arbeit
ift ihm ein Ringen und Fechten um den theologifch
richtigen Ausdruck und die befriedigende Faffung des
Verhältniffes von Rechtfertigung und Heiligung, ein
Problem, das heutzutage wieder ernfte Geifter bewegt,
und betrachtet das Gelingen als eine Viktoria, für die
er Gott preift (S. 29).

Daß es fich um felbftändige Werke des Herzogs
handelt, beweift teils die eigenhändige Niederfchrift des
Herzogs, teils feine Korrefpondenz mit feinem Hof-

hostibus vcl miserando exilio öeream, hofft aber auch 1 prediger Funck, mit Brenz, mit Herzog Chriftoph von

auf Kurfürft Joachim von Brandenburg. Wer jener Herr
auf Neufchloß ift, wäre noch feftzuftellen. Am 1. Dez.
1540 findet fich Witzel in Mainz, wo er gegen Ende (vor
26.) Nov. eine Unterredung mit Morone hatte. Er fucht
diefem die Notwendigkeit der Wiedervereinigung mit
den Proteftanten in Deutfchland recht dringend klar zu
machen und ihn für die Zugeftändniffe an letztere zu
erwärmen und bittet, nachdem recht Farnefes Stipendium
rafch verfiegt war, in feiner bedrängten Lage um Zu-
weifung fetter, wenn auch befcheidener Einkünfte zur
Linderung feiner Armut. Im letzten Brief aus Worms

Württemberg. Wir fehen, wie Albrecht in der Notwehr
gegen die rabies tlieologorum zur Feder greift,
um fein Bekenntnis zu formulieren, wie er durch die
Einwendungen von gegnerifcher Seite bewogen wird,
immer wieder neu fich mit der Sache zu befchäftigen,
um eine allfeitig befriedigende Löfung zu finden, wie
er forgfältig J. Aurifabers Bedenken berückfichtigt, Brenz
um Rat fragt, mit feinem Hofprediger Funck ftets in
Verbindung fteht. Funcks Rezenfion des Gebets über
den 71. Pfalm ift wohl eine ftiliffifche Befferung von
Albrechts Einleitung, aber im Gebet felbft .fchädigt fie

fchildert W. die Erbitterung, welche das vergebliche j die fchlichte Innigkeit des Originals durch theologifche
Kolloquium zurückließ, fo daß er einen neuen Krieg ! Breite und paftorale Salbung'. Spitta gibt I. das Ge-
der Proteftanten fürchtet, und den Hohn, der fich über j betsbekenntnis einer chriftlichen Perfon aus dem Jahr
die katholifchen Kolloquenten, die der Volkswitz Luge- ' 1551. 2. das Reimbekenntnis vom Jahr 1552. 3. die
quenten nannte, von den Kanzeln, in den Buchläden, j verfchiedenen Formen des Hauptbekenntniffes von 1553
Badftuben und Wirtshäufern ergoß, fo daß fie Schwerter 1 und 1554. 4. das an den 71. Pfalm angefchloffene Ge-

und Knüppel zu fürchten hätten. Der durch feine Zick
zackwege nervös gewordene Mann fieht in feiner Phan-
tafie, wie vor feiner Flucht aus Leipzig, die Lage wohl
gefährlicher an, als fie war.

Th. Wotfchke teilt aus den leider nur ganz fpär-
lich erhaltenen Reiten des Briefwechfels Melanchthons

betsbekenntnis von 1557. 5. das abfchließende, in
katechetifcher Form gehaltene Bekenntnis von 1564,
womit der gealterte Herzog, des Streites müde, der
theologifchen Diskuffion den Abfchied gibt und zum
,einfältigen Glauben von Fifchern und Köhlern' zurückkehren
will, was Herzog Chriftoph und Brenz gegenüber

mit den Polen aus der Landeshuter Kirchenbibliothek j von Rom und den Sekten bedenklich fanden,
fechs Briefe aus Polen an Melanchthon aus den Jahren ; S. 126 Z. 6 1. zeiger ftatt zerger. In dem Reim-
1557—60 mit, darunter je einen von dem einfügen Eras- bekenntnis S. 15 fehlt wohl Z. 26 eine Silbe und ift zu
mianer Anfelm Ephorinus, von Joh. Laskis Neffen lefen: vnd zum guten triben, ebenfo S. 16 Z. 7 zu
Albert Laski und von Nik. Olesznicki, der fich 1562 j gutm tnbe.

den Unitariern anfchloß und in Pinczow eine italienifche ! Der ganze Jahrgang des Archivs erfreut durch

Reichhaltigkeit, gediegenen Inhalt und forgfältige Redaktion
.

Fremdlingsgemeinde gründete, aber 1560 noch fehr ftark
fich um Union der Lutheraner in Großpolen und der
Reformierten in Kleinpolen bemühte und darum am
II. März 1560 an Melanchthon fchrieb: ,plurimum in te
situm audio ad componendas religionis controversias, quare,
cum tarn dubia te oppresserit aetas, tuum eiit, deposita
omni formidine dare operam, ut ecclesiam, quantum in
te est, pacatam posteris relinquas, quo nihil te dignius
deoquc gratius praestare potes' (S. 357).

In ein ganz neues Licht hat Fr. Spitta Herzog
Albrecht von Preußen mit der umfangreichen Abhandlung
,die Bekenntnisfchriften des Herzogs Albrecht
von Preußen' (S. 1—155) gerückt. Hatte
Franz Koch im 5. Jahrg. S. 172 die von ihm dort veröffentlichte
Konfeffion des Herzogs von 1554 für eine
Arbeit der Königsberger Hoftheologen erklärt, die fich
des Namens ihres Landesherrn bedienten, um dem Werk
größeren Nachdruck zu verleihen, und fie Albrecht ab-
gefprochen, weil es ihm an fo umfaffenden theologifchen
Kenntniffen fehlte, um ein fo ausführliches und eingehend
begründetes Bekenntnis aufzuhellen, fo zeigt jetzt Spitta,
wie Albrecht fchon als Jüngling von 17 Jahren am Hof

Stuttgart. G. Boffert.

Fraedrich, G., Ferdinand Chriltian Baur, der Begründer der
Tübinger Schule als Theologe, Schriftfteller und Charakter
. Preisgekrönt von der Karl-Schwarz-Stiftung.
Gotha, F. A. Perthes 1909. (XIX, 383 S.) gr. 8° M. 8 —
Eine tüchtige, man kann fagen erfchöpfende Arbeit
über Baur wird uns hier gegeben, der fogar eine größere
Bedeutung zukommt, als der Titel vermuten läßt, denn
es wird uns das ganze Stück Gefchichte der Theologie
des 19. Jahrhunderts hier vorgeführt, das mit Baur zu-
fammenhängt. Der Verfaffer fetzt ein mit der Skizzierung
der alten Tübingerfchule, unter deren Einfluß Baur aufwuchs
, und verfolgt dann feinen Entwicklungsgang unter
erft Schellingfchen, dann — feit 1835 — Hegellchem Einfluß
an Hand feiner fämtlichen Aulfätze und Bücher, zieht
auch die ganze Antibaurliteratur in feine Erzählung hinein
und zeigt uns, wie fein Held zuletzt mehr verteidigend
als angreifend und — bei der gemeinen Art .gläubiger'