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Ausgabe:

1908 Nr. 3

Spalte:

91-93

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bresler, Johannes

Titel/Untertitel:

Religionshygiene 1908

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 3.

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wohnliche Philiflerdenken' fich vorßellt: fo entfcheidet ] als Irrenkunde, fie hat ein Recht, in folchen allgemeinen
fich eben W. gegen die biblifche für die germanifche J Fragen des Geifteslebens mitzureden. Haben doch die
Mythologie und zwar für eine Faffung, die das Kampf- 1 bedeutendften Pfychiater die Religion als Vorbeugungs-
fpiel im Urwefen als ein Kampffpiel gefchlechtlicher | mittel gegen die Geifteskrankheit betrachtet, wie über-

Liebe anfchaut. Das tieffte Fundament feines Gedanken
baues legt VV. dann in einer längeren Ausführung am
Anfang, wo er Wollen und Wahrnehmen — genauer und

haupt auch die größten Denker aller Zeiten groß von
der Religion gedacht haben. Dem Verf. felbfl erfcheint fie
in unferm ganzen feelifch-körperlichen Leben begründet,

objektiv gefprochen — Wert und Wirklichkeit in einer j genauer als die pfychologifche Realität einer feelifchen
Weife verbindet, die jenem erften Gedanken — Freiheit j Notwehr, wie fie, einem jeden ganz verfchieden notwendig,
von dem Gott und dem Univerfum — zu widerfprechen i gegen jede gleichmäßige Zurichtung Verwahrung einlegt,
fchiene, wenn er es nicht doch noch gefchickt zu wenden ! Die Pfychiatrie, die fich fo günftig zu der Religion ftellt,
wüßte; das Wahrnehmen ift vom Wollen abhängig, alfo j hat darum auch Pflicht und Recht, zu prüfen, wie ihre
jedes Weltbild von der Willensrichtung feines Urhebers; j Ausübung der Gefundheit, befonders der feelifchen zu-
aber trotzdem find fie alle miteinander richtig; denn auch träglich iß. Bei Feuerbach, der mit feiner Illufionstheorie
der Widerfpruch zwifchen Wirklichkeits- und Wunfeh- j ,etwas' übertreibt, erfcheint fie als krankhaft, während
weit löß fich gemäß der monißifchen Vorausfetzung, I James in dem exzentrifchen, pathologifchen Charakter
daß fie eins fein müffen. Sie find es auch, wenn man
jene Löfung W.s annimmt, daß unfer eigener, mit dem
Weltwillen einiger Wille mit fich felbß fpielt.

Nun die Wendung ins Praktifche. Die ganze Schrift ! kommen noch ein paar Bemerkungen, die fich an ver
iß überhaupt gegen einen Kritiker der Schrift von J. 1 fchiedene Religionsplychologen anfchließen, fo an James
Stern, Der Monismus als Volksreligion gerichtet,
der die Fähigkeit des Monismus, nach der Art der Religion
Troß und Moralreiz zu bieten, bezweifelt hatte. Dem
gegenüber behauptet W. die Möglichkeit einer philofophifch
begründeten Volksreligion, alfo feines Monismus, der jene
Aufgaben der Religion löfen könnte. Als praktifches Hilfsmittel
fchwebt ihm dabei — nicht etwa die Befeitigung
der biblifchen Stoffe, fondern ihre Ergänzung durch germanifche
und neukulturelle zu einer Sammlung von Bilderbüchern
des Menfchentums vor. Merkwürdig hoch denkt
er von der biblifchen Welt und befonders von Jefchua',
wenn wir ihm den Bräutigam Jefus als Beleg für feinen
Begriff vom Freier auch gerne fchenken wollen.

Das iß der Kern des reichhaltigen und geißvollen
Buches. Kritifieren oder widerlegen hat einer fo gefchlof-
fenen Gefamtanfchauung gegenüber wenig Zweck, da die
Grundvorausfetzungen und Wertmaßßäbe fo fehr auseinander
gehen. Nur einen ßarken Eindruck will ich noch
ausfprechen: ein folcher Monismus, der fo turmhoch über
der Häckelei ßeht, wird uns noch zu fchaffen machen.
Denn er will das Große und Gute und Schöne nicht nur
in der Weife von D. Fr. Straußens,Alter und neuer Glaube'

vieler religiöfen Genien keinen Beweis gegen die Religion,
fondern nur das Kennzeichen einer befonderen Empfänglichkeit
fieht, die die höheren Realitäten verlangen. Dann

die ,irruptions' aus dem Unbewußten ins klare Bewußtfein
objektivieren fich in ihm und geben ihm den Eindruck,
daß es von einer fremden Macht beherrfcht wird; fo an
Rasmuffen: Jefus hat Pantheismus und reine Ethik mit
einander verknüpft; fo an Flourney: die organifch und
biologifch orientierte Religionspfychologie rettet die
Religion vor der Herrfchaft des allein berechtigten Typus;
endlich an Vorbrodt: die Pfychiatrie iß wichtiger als die
Religionsgefchichte. Br. fchließt mit zwei Forderungen
der Religionshygiene: die Religionswiffenfchaft muß die
Naturwiffenfchaft anerkennen, und die Religionspfufcherei,
worunter er die Verfuche unmittelbar auf religiöfem Wege
zu heilen verßeht, muß befeitigt werden. So bietet
fich die Pfychiatrie im weiteren Sinn der Religion als
Bundesgenoffin an.

Erforderte die Neuheit der Sache eine ausführlichere
Wiedergabe, fo kann die Kritik kürzer fein. Auf Einzelheiten
wollen wir keinen Wert legen, wie etwa auf Jefu
angeblichen fittlichen Pantheismus oder auf die Erinnerung
an die älteße Zeit, wo der Prießer auch Mediziner war,
womit ja noch lange nicht gegeben iß, daß heute die
Mediziner Prießer werden follen. Aber vor allem handelt

als ein Öl für die graufame Mafchine der mechanißifch es fich um zwei Fragen: um die Frage: Wie kommt

aufgefaßten Welt, fondern er ßellt die idealen Mächte
in ihrem Selbßwert groß und ficher hin und verfucht
mit philofophifchen Mitteln in der Welt der Wirklichkeit
ihnen Luft zu fchaffen. Seine Weitherzigkeit, die ihn
alle Vorßellungen für wahr erklären läßt, weil fie alle
nur individuelle Spiegelungen von Willensverhältniffen
find, verbindet fich ficher genug mit der Behauptung der

man zur Erkenntnis der Wahrheit? Und: Was iß der
höchße Wert? Im bezug auf die Wahrheitsfrage muß
kräftig betont werden, daß alle Anerkennung der Religion
als Heil- und Vorbeugemittel zwar fehr liebenswürdig,
aber durchaus wertlos iß. Auch Br.s Pfychologismus
iß vollßändig wertlos. Denn die pfychologifche Realität
und auch die damit zufammenhängende biologifche Bewerte
, um allen anziehend zu fein, die eine haltende 1 deutung find gegen die Wahrheitsfrage gleichgültig. Diefe
Wahrheit wollen, ohne fich einer Dogmatik verfchreiben j zu löfen, lag ja gewiß nicht in feiner Aufgabe; aber es

zu müffen. Unfere Kritik und unfer eigenes Suchen und
Bauen wird wohl an dem von W. klar herausgeflellten
Punkte einfetzen müffen, dem Zufammenhang von Vor-
ßellung und Wollen. Wir werden zu fragen haben, ob
es ein normales Wollen gibt, welches das iß und wie
dann die zu ihm gehörige Weltanfchauung ausfieht.

Heidelberg. F. Niebergall.

Bresler, Überarzt Dr. med. Johannes, Religionshygiene.

Halle a. S., C. Marhold 1907. (55 S.) gr. 8° M. 1 —

Der Herausgeber der Zeitfchrift für Religionspfychologie
macht in diefem Schriftchen den Verfuch, auch
die Religion wie alle andern Gebiete unter die Kontrolle
des Arztes zu ßellen, damit fie, die jetzt bloß eine feit
Jahrhunderten nicht weiter entwickelte Dogmenlehre iß,
ihr Ziel, den Menfchen zuträglich und eine Quelle der
Glückfeligkeit zu fein, beffer erreichen kann. Diefe Verjüngung
der Religionspflege und Gefundung des religiöfen

Lebens iß eine Aufgabe der Pfychiatrie. Diefe ift mehr I pathifch berührt, wir möchten mehr objektive Pfychiatrie

iß ein Kennzeichen für den ganzen dilettantifchen Charakter
der Arbeit, daß diefer Unterfchied nicht erwähnt wurde.
Auch gegen die andere Gefahr müffen wir uns wenden,
daß der Wert der Gefundheit in den Vordergrund gefleht
wird. Br. zwar legt den Nachdruck auf die geißige
Gefundheit, aber die Heranziehung des ärztlichen Gutachtens
könnte uns da auf fehr böfe Wege bringen. Dann
könnte etwa ein Hausarzt feinem Patienten Buße und
feelifche Vertiefung als gefundheitsfehädlich unterfagen,
während es uns fcheint, als ob ein feelifcher Fortfehritt
auch mit dem Verlufl von etwas Schlaf und Fett nicht
zu teuer erkauft iß. Vor allem aber wollen wir den Arzt
aus der Frage nach dem Inhalt der Verkündigung draußen
halten: die Sache mit den Naturwiffenfchaften und der
Religionspfufcherei wollen wir fchon alleine beforgen.
Alles in allem: Br.s Bemühungen um das religiöfe Phänomen,
um die Erkenntnis des pfychopathifchen Momentes befonders
erkennen wir gern an; aber, fo fehr uns fein
Suchen nach Wahrheit und fein religiöfes Intereffe fym-