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Ausgabe:

1908

Spalte:

72-73

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bischoff, Erich

Titel/Untertitel:

Babylonisch-Astrales im Weltbilde des Thalmud und Midrasch 1908

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 3.

72

Zum Schluß noch eine kritifche Ergänzung: es ift zu follen. Die Ausführungen des Verf. enthalten manches
auffallend, wie unfere Reformatoren und ihre Arbeit an Problematifche, find aber überall anregend und ruhen
diefem Problem für diefe beiden NTlichen Forfcher kaum auf gründlichfter Kenntnis des Materiales.
vorhanden find. Sonfl könnte nicht Jülicher den Glauben Göttingen E Schürer

als eine ,menfchliche Leiftung' bezeichnen und die Gerecht-
fprechunginGerechtmachung übergehen laffen, und könnte
nicht Meyer allerlei gnoffifche und mythifche Elemente
der paulinifchen Theologie fo hervorkehren, ohne die
praktifche Grundfrage zu treffen, wie der Menfch vor
Gott beliehen kann und ob das Gefetz, nicht bloß das
jüdifche, erfüllbar ift oder nicht. Selbftverftändlich ift die
Abkehr von den reformatorifchen Fragefiellungen und
Antworten für die NTliche F'orfchung einmal notwendig
gewefen, um mit eigenen Augen ihr Objekt anzufehen

Bifchoff, Dr. Erich, Babylonifch-Aftrales im Weltbilde des
Thalmud und Midrafch. Mit zwölf Abbildungen. Leipzig,
J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1907. (VIII, 172 S.)
gr. 8° M. 4.50; geb. M. 5.40

Der Inhalt diefer Schrift ift durch ihren Titel richtig
charakterifiert. Der Verf. will zeigen, wie ,im Weltbilde
des Thalmud und Midrafch' vielfach babylonifche Einflüffe
Aber ihre dauernde Ignorierung ift fchwerlich ein Glück j wirkfam find. Die babylonifche Weltanfchauung ift ihm

und fcheint fich fchon heute an der NTlichen Forfchung aber eine ,aftrale'. Er geht alfo in den Bahnen von
zu rächen dadurch, daß Menfchheitsfragen, die für Kant | Winckler und Alfred Jeremias, welch' letzterem die

und Schleiermacher nicht weniger brennend waren als
für Auguftin und die Reformatoren, fich in hiftorifcffe
Merkwürdigkeiten zu verwandeln wenigftens drohen. Doch
ift das auszuführen hier nicht der Ort.

Bafel. Paul Wer nie.

Dussaud, Rene, Les Arabes en Syrie avant l'lslam. Avec
32 figures. Paris, E. Leroux 1907. (V, 178 p.) 8°

Duffaud, ein Schüler Clermont-Ganneaus, hat fchon
durch eine Reihe von Einzelbeiträgen zur Epigraphik
und Religionsgefchichte Syriens im Zeitalter des helle-
niftifchen Synkretismus fich als hervorragenden Forfcher
auf diefem Gebiete erwiefen (vgl. zuletzt feine Notes de
Mythologie Syrienne, angez. von Baudiffin, Theol. Litztg.
1906, 294). Er hat auch felblt durch mehrere Forfchungs-
reifen in Syrien in nicht geringem Maße das einfchlägige epi-
graphifche Material bereichert (veröffentlicht in: Dussaud
et Macler, Voyage archeologique au Safä etc. 1901 und:

Nouvelles archives des missions scientifiques t. X, 1902). I nach welchem die wirkliche Welt gefchaffcn ift (S. 3 ff.)

Schrift gewidmet ift. Wer die Phantafien diefer Forfcher
nicht für ausgemachte Wahrheiten hält, wird das bedauern.
Denn es war unausbleiblich, daß die ,babylonifch-aftralen'
Gefichtspunkte, unter welchen Bifchoff das rabbinifche
Material darbietet, die Objektivität der Darfteilung beeinträchtigten
. Man würde aber dem Verfaffer unrecht
tun, wenn man das reiche Material, welches er auf Grund
feiner umfaffenden und gründlichen Kenntnis der rabbi-
nifchen Literatur hier vorführt, nicht trotzdem dankbar
akzeptieren und fleißig fich zunutze machen wollte.

In einem erften Kapitel (S. 1—78) behandelt er die
,Entfprechung von Himmlifchem und Irdifchem', alfo
die Vorftellung, daß in der oberen himmlifchen Welt
im Grunde alle irdifchen Dinge ihre Urbilder haben
und zwar als real exiftierende, mit andern Worten: die
Präexiftenz-Vorftellung. Er geht dabei aus von einer
intereffanten Stelle in Berefchith rabba, in welcher ge-
fagt ift, daß Gott die Welt gefchaffen habe im Blick auf
die Thora. Letztere ift alfo gedacht als der Weltplan,

In der vorliegenden Studie gibt er, aus Anlaß einer in j In einer andern Stelle des Berefchith rabba heißt es
Vertretung Clermont-Ganneaus gehaltenen Vorlefung, I dann, daß nur zwei Dinge: die Thora und der Thron der
ein zufammenfaffendes Bild der Kultur der in Syrien 1 Herrlichkeit realiter vor der übrigen Welt gefchaffen
feßhaft gewordenen ,Araber' in der Zeit vor dem Auf- j feien, die andern Dinge feien nur ,im Denken Gottes
treten des Islam. Es handelt fich dabei hauptfächlich ! aufgeftiegen', alfo nur idealiter präexiftent (S. 14fr.).
um die fogenannten ,Safaiten', arabifche Stämme, die Bifchoff hebt aber dann mit Recht hervor, daß die ältere
in der rörnifchen Kaiferzeit, bis zum Auftreten des Islam, j ,thannaitifche' Tradition die Präexiftenz wirklich als eine
örtlich vom Hauran (füd-öftlich von Damaskus) faßen j reale denkt (S. 20). — Nach diefer Grundlegung werden
und in zahlreichen, erft in neuefter Zeit erforfchten femi- j die einzelnen ,Entfprechungen' behandelt: das Tempel-
tifchen und griechifchen Infchriften uns Denkmäler ihrer | heiligtum, die Länder der Erden Völker, der Thron Sa-
Kultur, ja ihrer fonft kaum bekannten Exiftenz hinter- | lomos, das Paradies, die Hölle (bei diefer wird man

laffen haben. Neben den Safaiten zieht Duffaud auch
die Nabatäer, foweit fie in Syrien, d. h. in der Gegend
weftlich und füdlich vom Hauran faßen, in den Kreis
feiner Unterfuchung. Auch fie find Araber, wenn auch

freilich von einer Präexiftenz im Himmel nicht fprechen
können), die Völker der Erdenländer, einzelne Menfchen,
die zwölf Stämme und der Tierkreis (der Verfuch, die
zwölf Stämme als den zwölf Bildern des Tierkreifes ent-

ihre Schriftfprache damals aramäifch war. — Die Kultur fprechend nachzuweifen, mißglückt völlig bei der Einzel-

diefer Araber war eine merkwürdige Mifchung verfchie- ausführung S. 55 ff.), der obere und der untere Gerichtshof,

dener Elemente, wie fie der geographifchen Lage entfprach. die obere und die untere Akademie, Pflanzen und Tiere,

Syrifcher und arabifcher Semitismus verbindet fich mit der Baum des Lebens.

dem übermächtigen Hellenismus. Ja auch perfifche (fafia- j Weniger umfangreich als diefes erfte Kapitel find

nidifche) Einflüffe laffen fich (befonders in der Kunft) i die folgenden fieben, welche zufammen nur S. 78—165

nachweifen. Die Darftellung behandelt, nach einer Ein- 1 umfaffen. Sie behandeln, Kap. II: Die Schöpfung, III:

leitung über die Einwanderung der arabifchen Stämme | Zur Topographie des Weltalls, IV: Welt-Zoon und Welt-

nach Syrien, alle Kulturgebiete, über welche die Denk- ; Geift (hier auch ,der Fürft der Welt'), V: Aftrologifches

mäler und Infchriften uns einigermaßen Auffchluß geben: (S. 115—135, reich an Material und von hohem Intereffe

die Kunft (S. 24—56), die Schrift (S. 57—90), die Sprache
(S. 91—115), die religiöfen Kulte (S. 116—170). Für weitere
Kreife wird das Kapitel über die Kunft von Intereffe fein.
Die erhaltenen Bauten überrafchen durch den Reichtum
und die Feinheit ihrer Ornamentik und ftellen dem Kunft-
hiftoriker eigenartige Probleme. Für uns Theologen find
felbftverrtändlich die Abfchnitte über die religiöfen Kulte
die wichtigften. Altfemitifche Gottheiten erfcheinen hier
in merkwürdiger Mifchung, arabifche durch fyrifche
modifiziert und beide wieder in hellenifcb.es Gewand gekleidet
. Auf Einzelheiten glaube ich hier nicht eingehen

man lieht, wie ftark der Glaube an die Macht der Planeten
auch in das rabbinifche Judentum eingedrungen
ift, ähnlich wie in die chriftliche Kirche), VI: Aftrale
Geifter (Engel und Dämonen), VII: Einzelheiten des
aftralen Weltbildes (u. A. auch über die ,Merkabah'
d. h. den Wagen des Ezechiel), VIII: Aftrale Symbolik.

Der ,aftrale' Gefichtspunkt ift bei einzelnen diefer
Materien berechtigt. Die Ausdehnung aber, welche ihm
hier gegeben wird, ift zweifellos viel zu weitgehend, und
die Art, wie er gehandhabt wird, unklar: man weiß oft
nicht recht, ob aus den aftralen Ideen die andern erwachfen