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Ausgabe:

1908 Nr. 3

Spalte:

69-71

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jülicher, Adolf

Titel/Untertitel:

Paulus und Jesus 1908

Rezensent:

Wernle, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 3.

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Meyer, Prof. D. Arnold, Wer hat das Chriftentum begründet,

Jefus oder Paulus. (Lebensfragen, herausgegeben von
Heinrich Weinel. 19.) Tübingen, J. C. B. Mohr 1907.
(IV, 104 S.) 8° M. 1.20; geb. M. 2 —

Jülicher, Prof. D. Adolf, Paulus und Jefus. 1.—10. Taufend.
(Religionsgefchichtliche Volksbücher. I.Reihe, i4.Heft.)
Tübingen, J. C. B. Mohr 1907. (72 S.) 8°

M. —50; kart. M. —75; feine Ausg. M. 1.50

Zu dem vor Allem durch Wrede in die Mitte der
NTlichen Forfchung geftellten Problem: Jefus — Paulus
geben beide vorliegende Schriften in der Hauptantvvort
zuftimmende, in Ausführung und Begründung weit auseinandergehende
Beiträge. Im Gegenfatz zu Wrede wollen
fie dem Paulus die Bedeutung des verftändnisvolluen
Fortbilders und Befreiers der von Jefus begründeten
Religion, nicht die des Verkehrers, bewahren helfen,
jedoch fo, daß unter diefer Vorausfetzung von Meyer
der Unterfchied, von Jülicher die Einheit beider weit

herigen Jefus-Paulusliteratur fpezififch unterfcheidet: Paulus
und die Urgemeinde, nicht Paulus und Jefus, find die
nächften Vergleichsobjekte; hätte die Urgemeinde ihn
als Mitarbeiter ertragen, wenn in feinem Chriftusglauben
und feiner Erlöfungslehre ihr eine neue Religion entgegengetreten
wäre? Steht nicht zwifchen der Urgemeinde
und Jefus fo gut als zwifchen Paulus und Jefus der Tod
Jefu und feine Deutung als Heilstod? Selbflverftändlich
ift diefe vorpaulinifche Verfchiebung auch Wrede und
Meyer nicht entgangen; aber als entfcheidend gewürdigt
hat fie erft Jülicher. Auf diefes Kapitel von der Kluft
folgt dann dasjenige von der Übereinftimmung der Frömmigkeit
des Paulus mit derjenigen Jefu in allen Hauptpunkten
: der Hoffnung, dem Gottesglauben, der Liebe
und fittlichen Wertung, als Korrektur des Wredefchen
Paulus, der über den Differenzen der Theologie den Sinn
für die religiöfe Grundlage verlor. Zuletzt fucht Jülicher
den Unterfchied beider Männer zu erklären aus der be-
fonderen Art, wie Paulus Chrift wurde, aus feiner gelehrten
reflexionsmäßigen und fyftematifierenden Natur
und aus der ihm mit der Urgemeinde gemeinfamen ge-

flärker unterftrichen werden. j fchlchtlichen Situation, der Tatfache des Kreuzestodes

Bei Meyers Schrift überwiegt zunächft ganz der Ein- L]nd dem Zwang feiner theologifchen Ausdeutuug. Das
druck des Gegenfatzes von Paulus und Jefus. An der j Ergebnis faßt Einheit und Differenz lichtvoll zufammen:
Theologie des Paulus unterftreicht er die gnoftifchen, Der neue Paradiesgarten, den Jefus auf Erden angelegt
myftifchen und mythologifchen Züge fehr ftark und läßt j nat) ift Von Paulus mit den dicken, für feine Zeit not-
ihn nicht nur feinen mythologifchen Chriftus ftatt des ; wendigen und wirkungsficheren, im Lauf der Jahrhunderte
gefchichtlichen Jefus, fondern auch ,nicht denfelben Gott' freilichlöcherichgewordenenSchutzwällen feinerTheologie
haben. Die Genefis diefer Theologie zieht reichlich nicht ummauert worden; Paulus hat feine Theologie nicht an
bloß rabbinifche, fondern allgemein vorderafiatifche my- ; dje Stelle der Religion Jefu gefetzt, fondern rings um fie
thifch-gnoftifche Elemente in Betracht, während felbft für ; her ajs Verkleidung und Schutzwehr,
fachlich mit Jefus übereinflimmende Punkte, wie Stellung ! Es trifft fleh gut, daß" die Schritten von Meyer und
zum Gefetz und zu den Juden, urfächliche Unabhängigkeit Juljcher gleichzeitig erfchienen find und fleh fo gegenangenommen
wird. Das ergibt eine fehr ftarke Annäherung < feitig ergänzen und korrigieren können. Wenn Julicher
an Wredes Thefe vom zweiten Stifter des Chriftentums: viei ftärker als Meyer die Entftehung des paulinifchen
Das kirchlich-dogmatifcheChnftentum hat hauptfachlich ; Chriftentums auf dem Boden der Urgemeinde zu Jerufalem
Paulus begründet (S. 95 f.) und dadurch vielen, befonders j (S. 56) betont und dagegen die gnoftifchen Elemente
modernen Menfchen den Zugang zu Jefu kindlicher , feinerTheologie zurücktreten läßt, von der vorderaflatifchen
Prömmigkeit, zu Gott dem Vater verbaut (S. 93). Wenn j Mythologie überhaupt fchweigt, fo betrachte ich das als
Meyer trotzdem die eigentlich nach folchen Pramiffen er- | eine vorweggenommene Berichtigung Meyers. Nicht daß
wartete Schlußfolgerung: alfo zurück von Paulus zu Jefus, ich das Vorhandenfein einer paulinifchen .Gnofis' von
als nicht ganz glücklich ablehnt refp. durch, die andere: ferne ieugne; aber fobald man die .von Haus aus und
zurück durch Paulus zu Jefus, erfetzen will, fo rechtfertigt ; für imrner gottfremde, gottfeindliche, durch Wolken von
er feine Wrede gegenüber konfervative Haltung dadurch, Dämonen von Gott getrennte Welt' unterftreicht, fetzt
daß er einerfeits im Zentrum einen durch die Jünger ver- j man nch mit dem echt jüdifchen, durchaus antignoflifchen
mittelten entfcheidenden Einfluß der Liebesmacht und j Schöpfungsglauben des Paulus (z. B. Rom I, 17 f 1 Cor
des Liebesgottes Jefu auf Paulus feflhält, anderfeits bei < IO; 25 etc) in Widerfpruch, ebenfo, fobald man aus dem
Jefus felber auf jüdifche Schranken (Gefetz, Nation, Mefflas) praexjftenten Chriftus, dem Welt- und Schöpfungsprinzip
aufmerkfam macht, deren Befeitigung gerade das Verdienft ; ejn zu großes Wefen macht, mit der paulinifchen Kon-
des Paulus ift. Dadurch ift es ihm möglich, nicht bloß zentration auf den zur Erde gefandten, gekreuzigten und
die Einheit, fondern auch den Gewinn der Weiterbildung i auferftandenen Erlöfer (1. Kor. 2,2 Gal. 3,1). Meyer
des Chriftentums durch Paulus feftzuhalten, allerdings ; fcheint mir hier der Modegefahr unferes jetzigen religions-
duren ein ftarkes, fchon in der Difpofltion bemerkbares gefchichtlichen Betriebs zuviel nachgegeben zu haben. Auf
auf- und abwagendes Hin- und Herichweben des Urteils, j der anderen Sdte ift von Jülicher das Unterfcheidende
das den Lefer bis zuletzt in Unficherheit über den Aus- j und Gegenfätzliche nicht bloß zwifchen Paulus und lefus.

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gang läßt und ihm dadurch gerade den Ernft und die
Schwierigkeit des Problems verdeutlicht,

fondern auch Paulus und der Urgemeinde, Meyer und
Wrede gegenüber zuwenig herausgearbeitet, die harmoni-
Obfchon Jülicher fowenig als Wrede und Meyer die flerende Tendenz gelegentlich über das Erlaubte hinaus-
Differenzen der Paulustheologie und Jefusfrömmigkeit zu j geführt (S. 23 es ift bloß Zufall, daß Jefus nicht auch von
verfchleiern fucht, —fpricht er doch von der ,Chriftusmy- ; Gläubigen und Ungläubigen fpneht). Steht es fo, daß
thologie' des Paulus, die wie eine rückflchtslofe Vergewal- 1 Paulus nie feine Tneologie an Stelle der Religion Jefu.
tigung des in feiner Einfachheit fo großen Jefusbildes er- ■ feinen neuen Heilsweg an Stelle des Zieles, der Sache ge-
fcheine (S. 27) — erzielt er doch im Lefer einen Meyer j fetzt hat? Und ift nicht der große Unterfchied des Paulus
gegenüber weit einheitlicheren Eindruck von der wefent- i von der Urgemeinde eben der, daß diefe in der fynoptifchen
hchen Übereinftimmung beider. Schon das ,Die Kluft zwi- Tradition abwechfelnd ihren Cnriftusglauben, Cnriftuskult
fchen Paulus und Jefus'uberfchriebene Kapitel fuhrt keines- t und daneben das daran gar nicht orientierte Evangelium
wegs zur Aufftellung eines ftarken vielfeitigen Gegenfatzes, der Bergpredigt bietet, während Paulus und nach ihm
fondern gerade umgekehrt zum Nachweis, daß bei ge- Johannes bewußt und konl'equent immer erft durch die

nauerer Prüfung die Kluft fleh außerordentlich verflacht,
indem Paulus, wo er die Urapoftel gegen fleh hat, den
Geift Jefu, wo er dagegen von Jefus fleh weit entfernt

Pforte des Chriltusglaubens zum praktifchen Evangelium
Jefu hinüberführen? Auf alle Fälle ift zu wünfehen wie
es auch fchon Julichers Ablicht ift, daß fein Paulus' und

die Urgemeinde für (ich hat. Damit hat Jülicher bereits j Jefus fleh wohl neben, aber nicht an Stelle von Wredes
die Pofltion eingenommen, die feine Schrift von der bis- | Paulus feinen Platz erobere