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Ausgabe:

1908

Spalte:

56-59

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hinneberg, Paul (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Kultur der Gegenwart. Ihre Entwicklung und ihre Ziele. Teil I, Abt. VI: Systematische Philosophie 1908

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Mit diefen letzten Ausführungen kommt H. zu dem denn er raubt ihm die Balance zwifchen Alt und Neu,

wichtigen Probleme des Verhältniffes von Humanismus deren er bedarf. Das Weltrad wird der Relativift nie

und SchcJaftik bez. Humanismus und Reformation. Ihm bewegen, trotzdem oder gerade weil er das Weben der
gilt der letzte intereffantefle, aber auch anfechtbarfte Ab- ; Gefchichte viel feiner verfteht als der Abfolutift. Die

fchnitt. H. geht aus von der unbeflreitbaren Tatfache, Welt bedarf gröberer Kofi, eines Gedankens, um weiter-

daß die aus der Tübinger Humaniftenfchule hervorge- geführt zu werden, nicht einer fich kreuzenden Gedanken -

gangenen Theologen faft ausnahmlos die Reformation fülle. Analog ifl Moralismus ftets ein Zeichen der Au f-

bekämpft haben (Eck, Emfer, Job. Faber, Chnftoph v. klärung gewefen, und nicht gerade das fchlechtefte. —
Stadion, Heiding u. a.). Wie erklärt fich das? H. aner- | H.s Buch wird zweifellos anregen und zur Nachprüfung

kennt ,eine eigenartige perfönliche Frömmigkeit diefer der brennendflen Probleme der Reformationsgefchichte

humaniftifchen Theologie' (S. 184), die erfahrungsmäßig zwingen. Daß es fie richtig löfte, glaube ich nicht, fo

zugleich und in einer dem augullinifchen Mittelalter freudig und dankbar ich den Ausführungen über die

fremden Weife univerfell ifl. Aber fogleich wird limi- Scholaflik am Ausgang des M. A.s und ihr Verhältnis

tiert: der Univerfalismus foll ,nur quantitativ, nicht aber zu Tuther zuflimme.

prinzipiell verfchieden fein von dem, was durch das ganze Gießen Köhler
M. A. hindurch geübt wurde'. Und das ganze Chriftentum
war hier .flacher Moralismus'. Als Theologie war es eine

,eklektifche Zufammenfaffung der Ergebniffe der m. a. Thilo, Chr. A., Leibniz's (sie) Religionsphilofophie. (Re-
Scholaflik', die gerade dadurch die Arbeit der Gegen- ligionsphilofophie in Einzeldarftellungen. Herausgereformation
vorbereitete und ermöglichte. So kommt alfo geben von 0. Flügel. Heft VIII.) Langenfalza, H.
dem Humanismus die .aufklärerifche'Bedeutung nicht zu. . Beyer & Söhne 1006. (III, 36 S.) gr. 8» M. —70

In feiner Leipziger Antnttsvorlefung: ,die religiöfen
Reformbeftrebungen des deutfehen Humanismus' hat H. Die Schrift befpricht zunächft die Gottesbeweife
in fehr fcharf pointierter Form diefer rückfehlägigen Leibniz', das heißt, die von diefem vertretenen Formen des
Wertung des Humanismus (die übrigens nur eine Ab- ontologifchen und kosmologifchen Arguments und die
färbung der Neumannfchen Beurteilung der Renaiffance Theorie von der präflabilierten Harmonie. Sie wendet
auf die Theologie ift) Ausdruck gegeben und ihn fich dann dem Gottesbegriff des Philofophen zu, um ihn
fchlechthin ins M. A. verwiefen. Da ich es mit diefer als vviderfpruchsvoll zu kennzeichnen, fofern er die Merk-
Schrift nicht zu tun habe hier, befchränke ich mich auf male der .Unendlichkeit' und der .wahren Feinheit' in fleh
ein paar Bemerkungen zu den mehr fkizzierenden Aus- zufammenfaßt. Sie legt des weiteren einige Hauptgedanken
führungen im vorliegenden Buche. H.s Hauptargumente der Theodizee dar, verweift tadelnd auf den eudämo-
find einmal die Tatfache des Übergangs der Humaniften niflifchen Grundzug der Ethik Leibniz' und referiert, im
in das Lager der Gegenreformation, fodann die nur quan- wefentlichen zuftimmend, über deffen Unftcrblichkeits-
titative Differenz in der Wertung des Naturrechts. Damit lehre.

verbindet fich der flache Moralismus, dem die kraftvolle Wenn in einem Schlußwort die Erklärung abgegeben
Lutherfche Religiofität gegenübergefetzt wird. Daß das wird, daß die, übrigens reichlich geübte, Kritik rein fach-
Mittelalter auch eine Wertung des Naturrechts befitzt, 1,ch fei und auf kein befonderes Syftcm (ich (lütze, fo
fleht feft, infofern bedeutet der an m. a. Vorftellungen >" der in folcher Äußerung fich fpiegelnde gute Vorfatz
anknüpfende Humanismus zunächft eine nur quanti- um fo mehr anzuerkennen, als aus der Ausführung doch
tative Steigerung. Aber wo ifl hier die Grenze zwifchen wiederum erhellt, wie fehr der Verf. im Bann der Herquantitativ
und qualitativ? Das Naturrecht ifl von Haus bartfehen Philofophic fleht, und wie ftark er auch hier
aus der fupranaturalen Offenbarung konträr und nur in dazu neigt, alles nach dem Grad der Ubereinftimmung mit
(praktifch fehr wirkungsvoller) Konzeffion mit ihr ver- ihr zu bewerten. Davon abgefehen, wird man die Schrift
knüpft gewefen. Wenn nun der Angekettete fo mächtig zwar als eine korrekte Darfteilung deffen bezeichnen
an feiner Kette rüttelt, daß die Gefahr der Losreißung dürfen, was man die Leibnizfche Rchgionqihilofophie
befleht, ift diefes Rütteln dann wirklich nur ein quanti- nennen kann, aber keineswegs als eine vollftändige oder
tatives Steigern des ruhig an der Kette Liegen?! Ift es gar erfchöpfende. So fehlt beifpielsweife jede Andeutung
nicht vielmehr der erfte Anfatz zum Bruch der Kette, über die Stellung des großen Polyhiftors zur Offenbarung
und wenn der etwas Neues ift, fo liegt das kräftige Rütteln und zu den .übernatürlichen' Wahrheiten. Und erft recht
eben auf der Linie dazu. Der Bruch kam mit der Auf- wird man einen Hinweis auf jene intereffanten und feinen
klärung, der Humanismus zieht feine Linie an. Ich gebe religionspfychologifchen Beftimmungen Leibniz' vermiffen,
zu, daß die von H. behandelten Tübinger Humaniften wonach das fromme Gefühl nicht in der ,patience saus
noch fehr zahm find und die Kette noch wenig bewegen, esperance1 oder der Jatiencc par Jone' aufgeht, fondern
aber fchon Bebel, dann vor allem Erasmus find doch ; ftets zugleich Vertrauen, Hoffnung, Freudigkeit ift.
ganz anders in ihrem Denken geftimmt, als die m. a. Wie viel mehr hat da H. Holtmann in feiner einTheologen
. Hier raffeln die Ketten machtvoll! (vgl. nur die fchlägigen Publikation (Tübingen, Mohr, 1903) geboten!
jetzt von Allen hrsg. Krasmusbriefe). Eine Unterfuchung ; Straßburg i. E. E. W. Mayer,
der Beziehungen zwifchen deutfehem Humanismus und j _

iUlienifcher Renaiffance wird das noch klarer machen. Die Kultur der Gegenwart, ihre Entwicklung und ihre Ziele.
Aber die Gegenreformation und der Morahsmusr Ich , „ , rT. . ~- ., T
glaube, gerade das Einlenken der Humaniften in die Herausgegeben von Paul Hinneberg. Dil I, AbGegenreformation
oder beffer: das Ablenken von der teilung VI. Syltematifche Phllofophie. Von W. Dilthey,
Reformation beweift ihren aufklärerifchen Charakter. Ift A. Riehl, W. Wundt, W. Oftwald, H. Ebbinghaus,
nicht das Zeitalter der Aufklärung zugleich das der kon- R. Eucken, Fr. Paulfen, W. Münch, Th. Lipps. Leipzig,
feffionellen Nivelierung gewefen? Und hängen nicht mo- ! B. G. Teubner 1907. (VIII, 432 S.) Lex. 8« M. 10—,
derne irenifche Tendenzen mit ihm zulaminenr Gerade j 1 tj

der aufklärerifche Relativismus hemmt, ja verbietet die § • • 12

fchroffe Kampfftellung, wie fie die in Abfohlten denkende ! Diefer inhaltreiche und intereffantc Band des großen
Reformation forderte. Dem Relativiften find der Probleme j enzyklopädischen Werkes wird eröffnet durch eine Ab-
zuviel, der Empfindungen zu feine, als daß er durch- ! handlung Diltheys über das ,Wefen der Philofophie'. In

greifen möchte; er bleibt darum beim Alten, das für ihn zwei Anfätzen werden da, das eine mal auf Grund einer

fein gutes Recht hat, und wird nie dem revolutionären Vergleichung der verfchiedenen im Lauf der Gefchichte

Stürmer fich anschließen, trotz aller Sympathie mit ihm; zu Tage getretenen Syfteme und Begriffe der Philofophic,