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Ausgabe:

1908 Nr. 24

Spalte:

681-682

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Crohns, Hjalmar

Titel/Untertitel:

Ein mittelalterlicher Prediger (Gottschalk Hollen) über Liebe und Liebeswahn 1908

Rezensent:

Schian, Martin

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Seite 1

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681 Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 24. 682

fondern für die Kulturgefchichte des fpäteren Mittelalters den Anfchein, als ob Warnungen vor und Klagen über

überhaupt einen bleibenden Wert hat. die Gefahren der Sinnenwelt mit ihren Verlockungen und

R. , , « . .übertünchten Gräbern' beinahe das ganze Praeceptorium

Berl,n- Kichaid Salomon. beherrfchteri) während dem 6. Gebot von 221 Blättern

Crohns, Doz. Dr. Hjalmar, Ein mittelalterlicher Prediger
[Gottfchalk Hollen] über Liebe und Liebeswahn. (Öfver-
sigt af Finska Vetenskaps Societetens Förhandlingar.

nur 31 gewidmet find. Und diefe 31 enthalten außer dem
Mitgeteilten noch manche anderen und zwar gerade folche
Ausfuhrungen, welche erft die ethifche Aufladung Hollens
ins rechte Licht rücken. Wer ihn nur nach Crohns beurteilt
, muß ihn fchief beurteilen. Ich will die Art, wie
XLIX. 1906—1907. No: 14.) (26 s.) gr. 8« , das IC. Jahrhundert die Dinge des 6. Gebots behandelt

Crohns, der fich früher fchon mit der Gefchichte der i hat, nicht beffer machen, als fte ift; aber etwas mehr fitt-
Liebe als Krankheit befchäftigt hat (Archiv f. Kulturgefch. i licher Frnft, als es nach Crohns fcheinen muß, ift eben
1905), teilt hier mit, was das Praeceptorium des bekannten j doch dabei gewefen.

Auguftinereremiten Gottfchalk Hollen zu diefem Thema 1 Gießen. M Schi an

bietet. Befonders genau wird der Abfchnitt über den 1
amor herens (welches Wort als barbarifche Verftümme- j

lung von fpeoc erklärt wird) wiedergegeben. Was darüber Cremer, Ffr. Lic. E., Rechtfertigung und Wiedergeburt. (Bei-
hinaus geht, ift kürzer gefaßt, auch nicht eigentlich ge- i träge zur Förderung chriltlicher Theolome Elfter
ordnet. Die reichlichen Zitate_aus Petrarkas,_Dc remedüs Jahrgang 1907. Fünftes Heft.) Gütersloh,&C. Bertels-
fowie aus Bernardus De Gordomo Lutum lind in dielen ' '. - „. o0

Werken verglichen und nach ihnen gegeben. Auch findet | ™ann «W* U°3 gr. » M. 2.40

fich eine Reihe von Anmerkungen, welche die vorkommen
den Materialien nach manchen Richtungen hin belegen
oder erläutern. Sonderbar ift, daß die Bibelftellen nach

Diefe Arbeit ift eine Streitfchrift des Sohnes des
verdorbenen GreifswalJer Theologen H. Cremer gegen
die .neulutherifche' Theologie der Erlanger Schule. Ganz

der von der katholifchen Kirche approbierten deutfehen im Sinne feines Vaters will der Verf. der Rechtfertigung

Überfetzung (Ausg. Arndt 1899fr.) gegeben find; eigene ihre zentrale Bedeutung für den chriltlichen Glauben

Überfetzung genau nach Hollen wäre doch das Richtige wahren, die er durch die Mißleutung und verkehrte Ein-

gewefen. So ift denn zu urteilen, daß Crohns kulturge- J fchätzung der ,Wiedergeburt' in der Schule von Hof-

fchichtlich ganz wertvolle Daten über Hollens Stellung ! manns und Franks gefährdet fieht. Hier wird die

zu diefem Spezialthema verzeichnet und mehrfache, Mühe
und Belefenheit beweifende Beihülfen, zum Verffändnis
gegeben hat. — Scharfen Widerfpruch aber müffen diejenigen
Ausführungen erfahren, welche das Mitgeteilte in
Beziehung zur Fredigt fetzen. Das Praeceptorium Hollens
(C. nennt es wie Cruel P. divinae legis; ich habe diefen
Zufatz in dem mir vorliegenden Druck Köln 1489 nicht
gefunden) nimmt Crohns als .Anweifung' für den Frediger;
infolgedeffen kann er es als ,ein charakteriftifches Beifpiel
dafür, was alles man in diefer Zeit dem Prediger in einer
Anweifung, alfo indirekt der Gemeinde, bieten konnte',
bezeichnen (2). Nun ift er in gewiffem Sinn dabei durch

Wiedergeburt als ein von der Rechtfertigung zu unter-
fcheidender Vorgang auf die fittlich-religiöfe Erneuerung
des gerechtfertigten Sünders bezogen. Sie ift die Her-
ftellung eines neuen Menfchen, eines neuen Ich mit neuen
fittlichen Lebenskräften durch Gott. In der erfahrungs-
mäß'g fefUtehenden Realität diefer innerlichen Umwandlung
oder Neufchöpfung foll die Bürgfchaft für die Realität
der Faktoren liegen, welche diefelbe bewirkt haben.
Diefer Auffaffung gegenüber vertritt Cremer die An-
fchauung, daß die Wiedergeburt mit der Rechtfertigung
zufammenfällt. Sie bedeutet nichts anderes als die Verletzung
eines Menfchen aus dem Stande der Schuld und

tu&ui?**? f^Ä Yer,k a" ein!r Stu'e 1 d-CS J°des in den Stand der Gnade und des Lebens"

fchlechthin als eine Sammlung von Reihenpredigten über
die IO Gebote bezeichnet, an einer anderen aber meint, es
fei aus Fredigten hervorgegangen und für Prediger ausgearbeitet
(D. Predigtweten in Weftfalen S. 31 bezw. 32). Indes
Landmann ift hierin gar kein zuverläffiger Gewährsmann1:
das Praeceptorium verbietet es durch leine Gefamtanlage,
daß es als Sammlung von Predigten genommen werde;
und wenn es auch gewiß irgendwie aus Predigten hervorgegangen
fein kann, fo ift es doch nicht für Prediger
allein gearbeitet, auch nicht als Anweifung; vielmehr ift
es ausdrücklich clero et vulgo benimmt (f. die von Landmann
S. 31 abgedruckte, aber von ihm nicht beachtete
Überfchrift). Dadurch fallt die Meinung von einem engen
Verhältnis des Werkes zur Predigt hin, und die an fich

Sie ift die Begnadigung, in der dem Menfchen fein durch
die Sünde verwirktes Leben neu gefchenkt wird. Diefe
echt lutherifche Auffaffung der Wiedergeburt, die auch
in der Apologie der Augsburgifchen Konfeffion vorliege,
fei hinterher durch die Konkordienformel verfchoben
worden, indem hier die Wiedergeburt im Sinne einer
fubjektiven religiös-fittlichen Erneuerung gefaßt fei, im
Grunde gleichbedeutend mit ,Bekehrung'. Durch diefe
in der altlutherifchen Dogmatik, im Pietismus und im
Neuluthertum fortgefetzte Verfchiebung des Sinnes der
Wiedergeburt fei ein katholifierendes Element in die
lutherifche Lehre hineingebracht, fofern der Hcilsprozeß
als eine Art von Naturprozeß und die Sakramente als
Vermittlung einergraiia in/'t/sa gedacht werden; zugleich
•"kV~~ö-~, nnrirhtiuen allgemeinen Bemerkungen Crohns' ein reformiertes Element, fofern die fubjektive Erfahrung
nicht ganz unricuu ^ ^ verheren an diefem überfchätzt werde. Die echt lutherifche Lehre von der
Ört^oHkommen ihr Recht, da" weder über die Art wie WiedergeburtAhabe das ZeugnE des Paulus für lieh. Denn
Hollen vielleicht felbft einmal einiges von denn reichen ■ in TftlH bedeute .Wiedergeburt' und .Erneuerung
Material in Fredi-ten verwendet hat, noch über feine j des heiligen Geill.es' nur den neuen Lebensanfang durch
rtwaiPcn Abfichten betr Verwendung in Fredigten anderer | die gnadenmäßige Errettung aus dem Tode, nicht aber
etwaigen Abl.ciuen betr. verw 5 ^ aber fchon dne flUljche Veränderung oder Erneuerung. Ebenfo fei

auch nur ^j^SffiJ«^ werden feilten (was in Rom. 6,3 fr. und Kol. 2,11 ff. nicht von einer inneren
Folgerungen für die Predigt 8«°««° Win diefem Umwandlung, von der Einpflanzung eines neuen Lebens-
ich ablehne), dann» "^ijgfiffeXtep keimes die Rede - folche Deutung wäre eine Ver-

Praeccptortum zur Sache . erweckt S. 3 flüchtigung und Rationalifierung des Gedankens des

vollflandig angedeutet werden. Crohns aber Apoftels -, fondern nur von der Neufchenkung des

h fonft Er erwähnt S. 31, daß Lebens durch die Begnadigung des Verbrechers. ,Ver-
t) Landmann irrt ^J-^f^ *ec Re(le w> fiigt aber hinzu: ,cs gebung der Sünde erfahren haben heißt der Sünde ab-
dürfte aber rffi5C*»-*«/^r*" gemeint fein'.' K^.^X'lincm gerben fein indem durch diefelbe dem Rechtsanfpruch
ftieren Vön ihm SermdHii quudragttimtU'' ThetgwH ^< J^V ^g™ der Sünde auf den Menfchen ein Ende gemacht wird'

InctM (S- 90)1 DesSldchen fd in i0h- 3-3ff- I Petr. 1,3