Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1908 Nr. 24

Spalte:

672-676

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Soden, Hermann Freiherr von

Titel/Untertitel:

Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. Band I, 3. Abteilung 1908

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

671

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 24.

672

Die Darfteilung ruht überall auf guter Kenntnis der
Sache. Die Verfaffer find mit der einfchlägigen Literatur
vertraut, verzeichnen auch bei jedem Abfchnitt die wichtigere
Literatur, aus welcher nähere Belehrung zu fchöpfen
ift. Der Text aber ift fo gehalten, daß er auch für Lefer
genießbar ift, welche nicht gerade gelehrte Zwecke verfolgen
. Der angegebene Umfang bringt es auch von
felbft mit fich, daß nicht tiefer auf Einzelheiten eingegangen
werden kann. Als allgemeine Orientierung aber erfüllt
das Buch wohl feinen Zweck.

Auf drei Schwächen der Darfteilung glaube ich jedoch
noch hinweifen zu müffen. 1) Die Verf. unter-
fcheiden zu wenig die verfchiedenen Perioden in der
Gefchichte des Judentums. Sie fprechen vom Judentum
wie von einer Größe, die durch Jahrhunderte hindurch
fich gleich geblieben ift. Bald haben fie das Judentum
zur Zeit Chrifti, bald das der talmudifchen Zeit, bald fogar
das moderne im Auge. Als Ganzes genommen ift daher
die Schilderung für keine diefer Perioden wirklich zutreffend
. 2) Der zweite Teil, die Darftellung der religiöfen
Anfchauungen, ift zu fehr nach dem Schema der chrift-
lichen Dogmatik disponiert. Selbft die Voranftellung des
Gefetzes, die an fich vielleicht zweckmäßig ift, erinnert
an den locus de scriptura sacra unferer Dogmatiker. In
der folgenden Darftellung aber wird kaum beachtet, daß
die Erwählung Israels und die Verheißung des Hefts für
diefes Volk ein zentraler Artikel des jüdifchen Glaubens
ift. 3) In der Schilderung des religiöfen Lebens fleht zu
einfeitig die Schilderung des Synagogengottesdienftes im
Vordergrunde. Von der Tatfache, daß das ganze Leben
des Juden vom frühen Morgen bis zum fpäten Abend
von einer Unfumme ritueller Vorfchriften beherrfcht und
durch fie geregelt ift, bekommt man keine einigermaßen
deutliche Anfchauung. Nach allen diefen Seiten hin
bedarf alfo die Darfteilung einer Ergänzung refp. Berichtigung
.

Göttingen. E. Schür er.

Couard, Pfr. Ludwig, Die religiöfen und fittlichen Anfchauungen
der altteftamentlichen Apokryphen und Pfeudepigraphen.

Gütersloh, C.Bertelsmann 1907. (VIII, 248 S.) gr. 8°

M. 4—; geb. M. 4.80

Eine anfpruchslofe, nützliche Arbeit. Sie ruht ganz
und gar auf dem Material, welches durch die unter
Kautzfehs Leitung erfchienene deutfehe Überfetzung
der Apokryphen und Pfeudepigraphen des A. T. fo bequem
zugänglich gemacht ift. Die in diefen Schriften vorliegenden
,religiöfen und fittlichen Anfchauungen' werden von
dem Verf. mit großer Sorgfalt dargeftellt. Auf gelehrte
Erörterungen und Einzelunterfuchungen verzichtet er.
Was eranftrebt, ift augenfeheinlich möglichfte Vollftändig-
keit in der Vorführung des Materiales. Diefes Programm
ift mit großem Eleiße ausgeführt, fo daß das Werk fich
trefflich zur erften Orientierung über die hier behandelten
Stoffe eignet. Dabei fieht man, daß der Verf. doch auch
über die Fragen, zu welchen die Stoffe da und dort
Anlaß geben, in der Hauptfache gut orientiert ift. An
wichtigen Punkten geht er in der Kürze darauf ein, weift
auf die Verfchiedenheit der Anfchauungen, welche in den
behandelten Schriften vorliegen, hin und fucht fie hiftorifch
zu erklären. Aber folche Erörterungen treten zurück
hinter der Vollftändigkeit der Stofffammlung, in welcher
der eigentliche Wert des Buches liegt. Die Vollftändigkeit
bezieht fich nur auf die ,Apokryphen und Pfeudepigraphen
'. Von der rabbinifchen Literatur ift; fo gut
wie ganz abgefehen.

Als einen befonderen Vorzug möchte ich die verhältnismäßig
ausführliche Behandlung der Ethik
hervorheben (S. 135—188). Sie giebt nicht nur viel Stoff,
fondern behandelt ihn auch unter richtigen Gefichtspunkten,
indem fie zeigt, daß die jüdifche Ethik wefentlich ,nomi-

ftifch' war. Dabei kommt doch auch die Annäherung
derfelben an die chriftliche Ethik in der Betonung der
Pflichten der Nächftenliebe zur Anfchauung. In letzterer
j Beziehung find befonders die Teftamente der zwölf Patriarchen
bemerkenswert (vgl. meine Anzeige von Charles'
Ausgabe in Nr. 18 diefes Jahrgangs). Bei Heranziehung
derfelben hätte C. freilich S. 165 die Möglichkeit und
Wahrfcheinlichkeit chriftlicher Interpolationen beachten
müffen.

Fremde Einflüffe auf die Entwickelung der religiöfen
Ideen des Judentums werden von dem Verf. nicht ganz
in Abrede geftellt, aber doch auf ein äußerft befcheidenes
Maß reduziert (S. 58f. 72 227). Mit geringen Ausnahmen
glaubt er die Entwickelung von altteftamentlichen Prä-
miffen aus erklären zu können.

Veimißt habe ich ein Eingehen auf das Problem der
Willensfreiheit, welches das Judentum in der behandelten
Periode fchon fehr ernftlich befchäftigt hat (vgl.
Lütgert, Beitr. zur Förderung chriftlicher Theologie X, 2,

1906, und meine Gefch. des jüd. Volkes 4. Aufl. Bd. II,

1907, S. 460—463). — Nicht ganz zutreffend fcheinen mir
die Ausführungen über die Erbfunde (S. 117 f.). C. ift
hierzu fehr von der herkömmlichen chriftlichen Dogmatik
beherrfcht, indem er als jüdifche Anfchauung hinftellt,

1 daß die Sünde der Protoplaften für alle ihre Nachkommen
das Todesverhängnis und den Hang zur Sünde zur
Folge gehabt habe. Die hier befonders in Betracht
kommenden Apokalypfen des Baruch und Efra fagen m. E.
nur: 1) daß Adams Sünde für Alle das Todesgefchick
zur Folge hatte (als die von Gott wegen der Sünde des
Einen verhängte Strafe), und 2) daß der fundige Hang
fich vererbt. Dagegen ift nicht gefagt, daß diefer fündige

[ Hang erft durch Adams Sünde in die menfehliche Natur

j gekommen ift, wie das ja auch von Paulus Rom. 5 nach
richtiger Auslegung nicht gefagt wird. IV Efra 3, 21

! zeigt deutlich, daß ,das böfe Herz' in Adam fchon vor

| dem Sündenfall vorhanden war.

Göttingen. E. Schürer.

Soden, H. v., Die Schriften des Neuen Teftaments in ihrer
älteften erreichbaren Textgeftalt hergeftellt auf Grund
ihrer Textgefchichte. Band I, 3. Abteilung. Berlin, A.
Duncker 1907. (S. 1521—1648) gr. Lex. 8°

Für vollftändig M. 60 —

v. Soden beendet mit dem vorliegenden Heft feine
Einführung in die Textkritik der Evangelienhandfchriften.
Zunäthft unterfucht er den Text des Hieronymus auf
Grund von deffen Herftellung durch Wordswotth und
White. Nach v. S. foll diefer den von ihm poftulierten
Text J-H-K (Grundlage der drei großen Rezenfionen
Jerufalem. Rez., Hesych, Koine Lucians), abgefehen von

; dem natürlich vorhandenen Einfluß der Vet. Latina, fehr
getreu repräfentieren und fo eine glänzende Beftätigung
der Rekonftruktion von J-H-K abgeben. Ich muß nach

| wie vor die Größe J-H-K für eine Fiktion anfehen und
bin der Meinung, daß Hieronymus bei feiner Rezenfion
der Veius Laiina mehrere griechifche Handfchriften von
verfchiedenem Typus zu Rategezogen und eben Sonderlesarten
der einzelnen ,Rezenfionen' gefchickt vermieden hat.
Mit dem Schluß feiner Ausführungen Hellt v. Soden

1 uns vor eine völlige Überrafchung. Wenn er Recht hat,
fo wäre das letzte große Rätfei der neuteftamentlichen
Textkritik gelöft und läge die gefamte Gefchichte des
neuen Teftaments klar vor Augen. Und zwar wäre die
Löfung fo einfach wie das Ei des Kolumbus. Der weitaus
größte Teil der von J-H-K abweichenden Textüberlieferung
der neuteftamentlichen Zeugen laßt fich nach
v. S. auf eine einzige Größe: die Evangelienharmonie Ta-
tians zurückführen. Was man bisher von einer abend-
ländifchen Textgeftalt (#), von einem lateinifch-fyrifchen
Text, von einer Koine des zweiten Jahrhunderts, von dem