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Ausgabe:

1908 Nr. 23

Spalte:

655-657

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ernst, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Aufgabe und Arbeitsmethode der Apologetik für die Gegenwart 1908

Rezensent:

Zillessen, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 23.

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eine große Aufgabe, der Verfaffer fich unterzieht. Er
will das gefamte griechifche Mönchtum bis zur Gegenwart
nach Ordnungen, Sitten und Recht darflellen. Auf
drei Bände will er den Stoff verteilen. Enthält der erfte
die Darftellung bis Bafilius v. Caefarea, fo foll der folgende |
bis zum Falle Konftantinopels reichen, der letzte die 1
Zeit bis zur Gegenwart umfpannen. Es kommt dabei [
dem Verfaffer weniger auf die gefchichtliche Unterfuchung
im einzelnen an, er muß die Ergebniffe einer Periode
zufammennehmen und auf diefen feine Darfteilung auf- ;
bauen. So ifl er auch beftrebt, von dem Quellenmaterial
das zu einer Periode Gehörige ohne Rückficht auf geringe ]
Unterfchiede in einer Fläche darzuftellen. Man wird das
ja auch für feinen Zweck durchaus anerkennen können. ;
Wir erhalten auf diefe Weife eine Darftellung des grie-
chifchen Mönchtums nach feinen großen Epochen. Eine
folche fehlte uns bis jetzt. Wie fchon bemerkt, geht die 1
Erörterung im erften, vorliegenden Bande bis Bafilius.
Daß in diefem Abfchnitt drei Ünterabfchnitte fich bilden,
ift klar. Es heben fich der heilige Antonius als Vertreter j
des Eremitentums, Pachomius als der Begründer des
Mönchtums auf Grund des gemeinfamen Lebens und I
Bafilius hervor, der das Mönchtum wenigftens auf grie-
chifchem Boden verkirchlichte und dem gemeinfamen
Leben die erfte weitere religiös-fittliche Rechtfertigung
gab. Sehr intereffant und wichtig ift es, daß Verfaffer
als Jurift die juriftifche Seite, das Verhältnis des Mönchtums
zum gemeinen Recht und zur kirchlichen Gefetz- i
gebung ftärker hervorhebt, als das von Theologen und
Hiftorikern zu gefchehen pflegt.

Als Quelle für die Beurteilung des h. Antonius und
feines Lebenswerks gilt ihm die Vita, die der h. Athanafius
gefchrieben, und die Sammlung feiner Kanones, wie fie
in verfchiedenen Redaktionen vorliegt. Er fleht in den
letzteren nicht unmittelbar ein Werk des berühmten
Anachoreten, er hält aber mit Recht dafür, daß fie die
Lehre des Antonius und das Beifpiel feines Lebens darflellen
. In der Beurteilung der Quellen für des Pachomius
Arbeit fchließt er fich wesentlich Ladeuze an. Auch hier
gewinnt er fo eine breitere Grundlage für feine Darftellung
. Die ausführliche Erörterung feiner Klofter- j
fchöpfungen läßt Pachomius in feiner grundlegenden Bedeutung
für die allgemeine Verfaffung des Mönchtums
erfcheinen. Dem gegenüber ff eilt fich Bafilius doch als
Neufchöpfer erheblich geringer dar. Aber es bleibt ihm
das Verdienft, daß er das Mönchtum der Kirche zugeführt
hat und es überhaupt für den Eingang in weitere
Kreife, namentlich aber auch für die griechifche Welt |
zubereitet hat. Als Quellen für die mönchifche Gefetz-
gebung des Bafilius dienen ihm die gefamten asketifchen !
Schriften des Kirchenvaters zur Grundlage. Nur die
sjtizifiia Rheinen ihm nicht auf Bafilius zurückzugehen.

Möge Verfaffer Zeit finden, feine Arbeit bald zu Ende
zu führen.

Hannover. Ph. Meyer.

Ernlt, Pfr. Wilhelm, Aufgabe und Arbeitsmethode der Apologetik
für die Gegenwart. Berlin, Trowitzfch & Sohn
1908. (III, 67 S.) gr. 8» M. 1.80

Apologetik ift Notftandsarbeit, auferlegt durch die !
Lage (1.): Abkehr von der chriftlichen Welt- und Lebens- j
anfchauung. Treibende Kräfte diefer Abkehr find: die |
Löfung des Geiftes von bindenden Autoritäten; das Aufkommen
einer felbftändigen Wiffenfchaft mit eigenen |
Methoden und Gefetzen, die die Philofophie zur Methodenlehre
mechaniftifcher Welterkenntnis machen möchte; die
Fülle neuer epochemachender Erkenntniffe, die fpeziell
der Naturwiffenfchaft als Wohltäterin der Menfchheit unbegrenztes
Vertrauen erwerben und der neuen Metaphyfik
des Materialismus bezw.Monismus nur zu willige Aufnahme
verfchaffen. Der Gottesgedanke fetzt fich um in den j
Kaufalitäts-, Kraft- und Entwicklungsgedanken und wird I

felber zur entbehrlichen Hypothefe. Kants Auflöfung
der Gottesbeweife wird unkritifch mißverftanden, Ergebniffe
der hiftorifch-kritifchen Theologie fälfchlich als
Zerfetzungsfymptome des Chriftentums gedeutet, eine Ver-
äußerlichung des ganzen Menfchenwefens tritt ein und
das fog. neu erwachende religiöfe Intereffe enthält mehr
kritifche Elemente als pofitive Sehnfucht, ohne daß man
die Religion felbft in der modernen Kultur miffen möchte.
— Gegenftand der Ap. (2.) ift daher nicht das Recht der
Religion als folcher, auch nicht einzelne Glaubensfätze, fondern
die (von der ehr. Religion, als ihrem Wefen nach Vertrauen
, nicht zu trennende Vorftellung einer von Gott gefetzten
Weltordnung, d. h. die) religiöfe Weltanfchauung
des Chriftentums, charakterifiert durch den theiftifchen
Gottesbegriff mit den Merkmalen der Tranfzendenz und der
Perfönlichkeit. W.-A. durch eine, Ideale gebende, Lebens-
anfehauung zu erfetzen, geht nicht an, da es fich ja gerade
um dieErweifung der Möglichkeit des Idealismus als W.-A.
handelt und mit dem Verweis auf die innere Gewißheit die
theoretifchen W.-A.-Fragen fich nicht erledigen, ferner die
L.-A., da fie ftets eine Entfcheidung über die Bedeutung des
Geiftes und geiftigen Lebens im Weltganzen vorausfetzt,
ohne W.-A. in der Luft hängt. Somit ift Rechtfertigung der
chriftlichen W.-A. gegen die Einwände und auf dem Boden
der modernen Wiffenfchaft die wichtigfte apologetifche
Aufgabe. — Hinfichtlich der Methode (3.) find abzulehnen
ebenfo die Rettung des Chriftentums durch fchwäch-
liche Abftriche an feiner Pofition, wie die (nach d. Verf.
von der Ritfchlfchen Theologie beliebte) Auseinander-
reißung von Religion und Wiffenfchaft und der Verzicht
auf Auseinanderfctzung, welch letztere Art dem Einheitsbedürfnis
der Perfönlichkeit unerträglich ift und durch
Ausfchaltung eben der Pofition, die wiffenfehaftlich vertreten
werden foll, aus der Diskuffion dem Gegner prak-
tifch den Sieg zu leicht macht. — Muß nun jede Ap.
rational fein, fo darf fie ferner weder mit Autoritäten
operieren, noch mit poetifch-äfthetifchen Kriterien, welche
an fich der naturaliftifch-pantheiftifchen Anfchauung verwandter
find. Ebenfo ift abzulehnen der aus dem Pofi-
tivismus und Agnoftizismus entwickelte Skeptizismus, der
durch den negativen Nachweis der Unmöglichkeit des
Wiffens den pofitiven Beweis für die chriftliche Pofition
nicht überflüffig macht; desgleichen der Rekurs auf das
Geheimnis, der nur das Recht des religiöfen Gefühls,
nicht der religiöfen W.-A. begründen kann. Die wahre
Konfequenz des Agnoftizismus ift nicht die Unerkcnnbar-
keit, fondern die Nichtexiftenz des Abfoluten. Auch das
religionspfychologifche Argument reicht nur zum Nachweis
der Tatfächlichkeit, nicht der Wahrheit der Religion
aus, und der Beweis ex eventu, nie ganz entbehrlich, führt
immer nur bis zur Gegenwart und endet vor der W.-A.Frage
. — Apologetik und Metaphyfik (4.) find nicht
zu verbinden, denn Metaphyfik im gebräuchlichen Sinn
(gege.n Wobbermin) als theoretifche, zwingende Erkenntnis
vom Überfinnlichen bleibt entweder, wenn fie auf intellektueller
Anfchauung (intuitivem Erk.) beruhen will, außer-
wiffenfchaftlich und fubjektiv, oder führt als rationaliftifche
lediglich zur Begriffsdichtung oder fcheitert. als empiri-
ftifche an der Grundbedingung aller Wiffenfchaft, die nur
von Bedingtem zu immer wieder Bedingtem, nie zu letzten
Gründen fortfehreiten kann. Das Hindrängen auch
der theoretifchen Vernunft nach letzten abfchließenden
Ideen weift freilich darauf hin, daß die menfehliche Ver-
nunft-Organifation in allen Teilen nach demfelben Punkt
konvergiert. — Ihren tat fächlichen Ausgangspunkt
(5.) hat die Ap. zu nehmen von der Behauptung der Selb-
ftändigkeit der Religion als eines vorhandenen geiftigen
Phänomens, das lediglich zu befchreiben ift als ein nicht
weiter definierbares inneres Erlebnis der Berührung der
Menfchenfeele mit dem Göttlichen, und deren Überzeugungen
und Urteile axiomatifche Geltung bean-
fpruchen. Die notwendige innere Einheit der vernünftigen
Perfönlichkeit drängt zum Nachweis des Einklangs der