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Ausgabe:

1908 Nr. 22

Spalte:

613

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Höpfl, Hildebrand

Titel/Untertitel:

Kardinal Wilhelm Sirlets Annotationen zum Neuen Testament. Eine Verteidigung der Vulgata gegen Valla und Erasmus 1908

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 22.

614

HopfI, P. Hildebrand, O. S. B., Kardinal Wilhelm Sirlets
Annotationen zum Neuen Teltament. Line Verteidigung
der Vulgata gegen Valla und Erasmus. Nach ungedruckten
Quellen bearbeitet. (Biblifche Studien.
Herausgegeben von O. Bardenhewer. Dreizehnter
Band. Zweites Heft.) Freiburg i. B., Herder 1908.
(X, 126 S.) gr. 8° M. 3.40

Der Kardinal Sirlet (geb. 1514, geft. 1585) war einer
der gelehrteften römifchen Theologen um die Mitte und
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. Er hatte einen
hervorragenden Anteil an den Arbeiten für die Her-
ftellung einer offiziellen Ausgabe der lateinifchen Vulgata
. Im Zufammenhang damit flehen auch die Annotationen
zum N. T., welchen Höpfls Studie gewidmet ifl.
Die lateinifche Überfetzung des N. T. von Erasmus und
feine Anmerkungen dazu, in welchen er vielfach Kritik
an der lateinifchen Vulgata übte, hatten damals weite
Verbreitung gefunden und übten einen großen Einfluß aus.
Es erfchien notwendig, ihnen ein Gegengewicht gegenüber
zu flellen. Diefen Zweck verfolgte Sirlets Arbeit.
Sie ift in den Jahren 1549—1555 entftanden, aber merkwürdigerweife
nie gedruckt worden. In 13 Bänden in
klein Quart wird fie in der vatikanifchen Bibliothek aufbewahrt
(codd. Vat. lat. 6132—6143 u. 6151) und ift nun
von Höpfl zum Gegenftand einer eingehenden Unter-
fuchung gemacht worden. Sie erftreckt fleh nicht über
das ganze Neue Teftament, fondern nur über die Evangelien
, Apoftelgefchichte, Apokalypfe und einen Teil
der kathohfehen Briefe (S. 22). Ihr nächfter Zweck ift,
den lateinifchen Vulgatatext (d. h. die vorausgefetzten
griechifchen Lesarten und die Überfetzung) zu rechtfertigen
; außerdem aber tritt Sirlet auch den unkirchlichen
Meinungen des Erasmus entgegen und vertritt
die korrekt römifche Auslegung. In der Textkritik hat
er nicht feiten gegen Erasmus recht. Letzterer folgte
den ihm zugänglichen fehr jungen griechifchen Hand-
fchriften. Sirlet benützte den alten, von der neueren
Textkritik als maßgebend anerkannten Vaticanus, der
nicht feiten den Lesarten des Hieronymus gegenüber

treten ift. Ihm ift nach einigem Schwanken Belfer gefolgt
(Biblifche Zeitfchrift 1903, S. 55—63, 160—174),
nachdem inzwifchen Nagl die patriftifche Tradition aufs
gründlichfte unterfucht hatte (Katholik 1900, II. Hälfte).
Die Erörterungen gingen dann fort (namentlich in der
Biblifchen Zeitfchr. 1904—1906), bis durch eine Preisaufgabe
der Münchener theol. Fakultät die beiden eingehenden
Monographien von Fendt .(1906) und Zellinger
(1907) hervorgerufen wurden, über welche
v. ßobfehütz in der Theol. Litztg. 1907, Kol. 39 u. 352
berichtet hat. Auch die Arbeit von Homanner ift
noch durch jene Preisaufgabe veranlaßt. Nach fo vielfachem
und gründlichem Hin- und Herwälzen fowohl
der patriftifchen Zeugniffe als der exegetifchen Inftanzen
konnte er felbftverftändlich nicht mehr viel Neues bringen.
Einen breiten Raum nimmt auch bei ihm die Darfteilung
der patriftifchen Tradition ein (S. 17—68), die übrigens
auch fchon von Hort in feiner Ausgabe des Neuen
Teftamentes (Exkurs zu Joh. 6,4) fehr eingehend und
gründlich erörtert worden ift. Homanner erkennt unumwunden
an, daß es eine eigentliche Tradition nicht gegeben
hat. Es find Theorien der Kirchenväter, die auf fehr
unficherer Grundlage ruhen. Es hat auch niemals Ein-
ftimmigkeit geherrscht; man kann nur fagen, daß in der
älteren Zeit die Einjahrtheorie mehr vertreten ift, fpäter
mehr die Zwei- oder Dreijahrtheorie. Die Art, wie H.
S. 53—63 die Entftehung der Einjahrtheorie aus gnoftifchen
Spekulationen herleitet, ift recht gekünftelt und wenig
überzeugend. Er felbft nimmt eine etwas mehr als dreijährige
Wirkfamkeit Jefu an, indem er zu den drei bei
Johannes erwähnten Paftafeften (2,13. 6,4. 11,55) noch
ein viertes hinzufügt, das zwifchen 4,35 und 5,1 einzu-
fchalten fei. Die nicht näher bezeichnete soQrrj Joh. 5,1
fei ein Pfingftfeft. Die drei Jahre des öffentlichen Wirkens
Jefu fallen nach H. 30—33 n. Chr.

Göttingen. E. Schürer.

De Bruyne, D. D., Nouveaux fragments des Actes de Pierre,
de Paul, de Jean, d'Andre et de l'Apocalypse d'£lie (Revue
dem* fpät-byzantinifchen Text zur Stütz'e dient "Außer- I Benddictine XXV* Annee, Nr. 2, Avril 1908, p. 149—160).

dem war ihm auch der Text unferes Codex D (Canta
brigienlis, damals Lugdunenfis) bekannt. Der Bifchof
von Clermont hatte ihn im J. 1546 auf das Konzil nach
Trient gebracht, wo der päpftliche Legat Marcello Cer-
vino, der Gönner Sirlets, ihn nach einer Druckausgabe
für fleh kollationieren ließ; und diefe Kollation konnte
Sirlet dann in Rom benützen (Höpfl S. ir. 40 f.). So ift
das Urteil Sirlets über einzelne Lesarten vielfach zutreffender
als das des Erasmus (vgl. die umfangreiche
Lifte bei Höpfl S. 82—89). Freilich nicht immer. Beim
Conima Iohanneum ift ihm die Vulgata entfeheidend
(S. 65 flf.). — Auf alle Fälle ift das Werk Sirlets ein
Beweis, wie ernft damals auch von päpftlichen Theologen

Paris, Champion. — Fribourg, Herder.

Das Heft der Revue Binedictine, welches diefe wichtige
Mitteilung enthält, ift fchon im April d. J. erfchienen.
Es war mir aber erft jetzt möglich, Einficht davon zu
nehmen. Die Arbeit de Bruyne's liefert den Beweis,
daß auch in wohlbekannten Handfchriften europäifcher
Bibliotheken bei genauerer Durchforfchung noch wichtige
Entdeckungen zu machen find. Es handelt fleh um
eine Handfchrift der Univerfitätsbibliothek zu Würzburg,
die im Befltz des erften Bifchofs von Würzburg, des
Angelfachfen Burchard, gewefen fein foll. Jedenfalls
flammt diefer codex Burchardi aus dem 8. Jahrh. n. Chr.
■ Es ift eine lateinifche Sammelhandfchrift, in welcher fleh
biblifch exege'tifche Studien betrieben wurden. Es ift I aucn eine bisher wenig beachtete, fcheinbar wertlofe
ein Verdienft Höpfls, uns mit diefer intereffanten Arbeit apokryphe Epistola Titi diseipuli Pauli befindet. Diefes
bekannt gemacht zu haben. Apokryphum, wahrfcheinlich aus dem Griechifchen über-

jr Schürer. j fetzt, enthält nun unter einer Menge von Bibelzitaten
Göttingen. I auch umfangreiche Zitate aus apokryphifchen Schriften

des chriftlichen Altertums: den Akten des Petrus,
Paulus, Johannes, Andreas und aus der Apokalypfe
des Elias. Es ift hier nicht möglich, näher
auf den Inhalt einzugehen. Ich hebe nur hervor, daß
das Fragment aus den Akten des Johannes eine fana-

tifche Polemik gegen das eheliche Leben enthält, und

1_____m — ... . ■ •

Homanner, Dr. Wilhelm, Die Dauer der öffentlichen Wirkfamkeit
Jefu. Eine patriftifch-exegetifche Studie. (Biblifche
Studien. Herausgegeben von O. Bardenhewer.
Dreizehnter Band. Drittes Heft.) Freiburg i. B.,
Herder 1908. (VII, 123 S.) gr. 8° M. 3-

Die feit zehn Jahren in den Kreifen der katholifchen j begnüge mich im übrigen damit, das Bruchftück aus der
Theologen lebhaft geführten Erörterungen über die Dauer Apokalypfe des Elias mitzuteilen — wohl die größte
der öffentlichen Wirkfamkeit Jefu Rheinen noch nicht t Uberrafchung, welche uns die forgfältige Durcharbeitung
zur Ruhe kommen zu können. Den Anftoß dazu hat j jener Epistola Pitt durch den gelehrten Benediktiner
van Bebber gegeben, indem er in feiner Schrift ,Zur bereitet hat. Wir wußten bisher über den Inhalt der
Chronologie des Lebens Jefu' (1898) für die Hypothefe ; Ehas-Apokalypfe faft nichts, nämlich nur: daß fle die
von der einjährigen Dauer der Wirkfamkeit Jefu emge- Stelle L Kor. 2,9 enthielt. Jetzt können wir uns eine