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Ausgabe:

1908 Nr. 21

Spalte:

604

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thilo, Chr. A.

Titel/Untertitel:

Die Religionsphilosophie des absoluten Idealismus. Fichte, Schelling, Hegel und Schopenhauer 1908

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 21.

604

deres Wohlgefallen zu erregen beftimmt ift, fondern der
Ausdruck jener Gefinnung Gott gegenüber, die in einem
normal empfindenden Gemüt entfliehen muß, wenn es
Kunde erhält von der Gnadenbotfchaft, die Gott aller
Welt zukommen läßt. Der Glaube ift das Erleben
Gottes fo, wie er fich uns zu erkennen gegeben hat. Der
Glaube ift ein folches Erleben unferer felbft, daß wir
uns dabei in Gott, fo wie er fich uns zu erkennen gegeben
hat, geborgen wiffen'. S. vergleicht zuletzt den prote-
ftantifchen Gedanken vom Glauben mit Kants Gedanken
von der Sittlichkeit oder dem Sittengefetz. Es handelt
fich für den Proteftanten in der ,Religion' um eine autonome
d. h. eine im einfachen Erfahren der Seele fich
auch rechtfertigende, als ,notwendig' erweifende Funktion,
ein Innewerden Gottes, das keiner Begründung, keiner
Beftätigung durch etwas anderes bedarf. S. weiß, was
die Perfon Chrifti dem Glauben im Proteftantismus bedeutet
. Schließlich gibt er der proteftantifchen Idee vom
Glauben hier doch eine Wendung, der ich ähnliche Vorbehalte
entgegen fetzen muß, wie feiner Beurteilung der
,Moderniften' als der eigentlich typifchen Vertreter der
,Religion' im Katholizismus. In feiner Schilderung des
,Glaubens' nach proteftantifcher Art, greift er u. a. nach
einem kühnen Worte Luthers. Diefer wagt einmal
(Comm. in ep. ad Gal., E. A. I, 327) den Satz: Fides [con-
summat divinitatem, ei ut ita dicani) creatrix est divinitatis,
(non in substantia Dei, sed in nobis); das Eingeklammerte
läßt S. im Zitat aus. S. deutet das: ,im Glauben geht
es pfychologifch fo zu, daß der Menfch aus der Tiefe
feines eigenen Herzens das hervorheben muß, was felbft-
verftändlich zuvor derjenige, »in dem wir leben, weben
und find«, hineingelegt hat'. Ich glaube nicht, daß er
Luthers Gedanken gerecht wird. Lieft man den ganzen
Abfchnitt, fo erkennt man, daß Luther den Gedanken
ausdrücken möchte, Gott fei nur dann das, was er fein
wolle, ein Gott nicht nur für fich, fondern für die
Menfchen, wenn man ihm fides entgegenbringe. Es ift
eine echt Lutherifche Paradoxie zum Preife des Glaubens.
Der Gott, der Liebe ,ift', muß im Glauben ,anerkannt'
werden, fonft fehlt ihm feine gloria, die Probe auf feine
,Gottheit'. Der Gedanke von Ap 17. 28 liegt Luther
ganz fern, und doch ift er, wie fich hernach zeigt, der
Angelpunkt für Seils letzte Deutung des ,Glaubens'. Die
Art, wie Luther Chriftus würdigt, wird für S. nämlich
zum Symbol einer perfönlichen Selbftbegründung des
Glaubens, die mindeftens Kants Gedanken der , Autonomie'
nicht mehr entfpricht. Denn die ,eigene' Erfahrung des
,Gefetzes' der praktifchen Vernunft ift für Kant dem
Subjektivismus entrückt durch den Begriff der ,Vernunft'.
Und der Tatcharakter des Glaubens ift für Luther dem
Maße einer bloß empirifchen ,Gotteserfahrung' entrückt
durch das, was an Chriftus von Gott ,zu erfahren ift': die
Chriftusanfchauung hat etwas bezwingendes, wie die
,Vernunft'. So kann ich S. nicht gerade zuftimmen, wenn
er den fog. .modernen Proteftantismus' als Typus der
tiefften Selbfterfaffung des Proteftantismus feiert, gegenüber
dem reformatorifchen, orthodoxen ufw., der zuletzt
noch (gemeint ift wefentlich die Ritfchl'fche Schule) eine
.moderate' Form geboren, die gewiß zu dulden fei, aber
doch auch den eigentlichen PVingehalt des Glaubensgedankens
noch nicht zu erfaffen gewußt. Indes ich will
hier nur angedeutet haben, wo zuletzt auch bei S. doch
der ,Dogmatiker' herausfchaut. S. bewährt viel wirklich
feines Verftändnis auch für die Art von proteftantifcher
.Glaubensreligion', die er als nicht ganz reife beurteilt.
Ich denke umgekehrt nicht daran, der ,modernen' Art
von Glaubensreligion ihr Heimatsgefühl im Proteftantismus
zu verkümmern. Wir Evangelifchen werden unfere
.Moderniften' nicht Häretiker fchelten, aber gerade von
der Hiftorie aus ihnen auch nicht zugeftehen können,
daß fie der ,reinfte' Typus des Proteftantismus feien.

Ich habe das Kapitel des Buchs, welches ich das
fignifikantefte, originalfte finde, wenigftens feinen Leitideen

j nach relativ ausführlich befprechen zu dürfen geglaubt.
, Es folgen zwei weitere, die vom .Katholizismus und Pro-
! teftantismus in der Politik' und ,im Verhältnis zur
Kultur' handeln. Sie find nicht minder geiftvoll, als
j jenes erftere. Und in ihnen fcheinen mir S.s Urteile all-
I feitiger zutreffend als in jenem. So breche ich ab, indem
; ich fie ganz befonders gern dem Studium empfehle.

Halle a. S. F. Kattenbufch.

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Thilo, C. A, Die Religionsphilolophie des abloluten Idealismus
. Fichte, Sendling, Hegel und Schopenhauer.
(Religionsphilofophie in Einzeldarftellungen. Hrsg.
von O. Flügel. Heft 4.) Langenfalza, H. Beyer &
Söhne 1905. (72 S.) gr. 8° M. 1.20

Unter dem Titel ,Die Religionsphilofophie des ab-
foluten Idealismus' werden hier die Syfteme Fichtes,
Schellings, Hegels und Schopenhauers dargelegt und be-
fprochen. Allerdings mit fehr ungleicher Ausführlichkeit.
So entfallen auf Schopenhauer 43 Seiten, alfo mehr als
die Hälfte der ganzen Schrift; auf Fichte 13 Seiten; auf
Sendling und Hegel zufammen alles in allem nur 12
Seiten. Daß unter folchen Umftänden die Darftellung
bisweilen etwas oberflächlich ausfallen muß, daß beifpiels-
weife die verfchiedenen Phafen der Schellingfchen Gedankenentwicklung
nicht zu ihrem Rechte kommen können,
j liegt auf der Hand. Die kurze Einleitung erkennt denn
auch das beftehende Mißverhältnis ausdrücklich an. Sie
rechtfertigt die Bevorzugung Fichtes vor Sendling und
Hegel damit, daß das ,Treibende und Wertvolle' in der
Religionsphilofophie des abfoluten Idealismus ,faft aus-
fchließlich' von ihm .herrühre'. Als Entfchuldigungsgründe
für die unverhältnismäßig breite Erörterung der Lehre
Schopenhauers führt fie aber an, einmal, daß diefer
Philofoph noch immer unmittelbar und mittelbar einer,
großen Einfluß auf das Geiftesleben der Gegenwart ausübe
; dann, daß vielen Kant nur durch feine Vermittlung
bekannt fei; endlich, daß er, ohne es zu wiffen, nichts
anderes fei als ein Vertreter ,des abfoluten Idealismus,
dem er jedoch hinfichtlich der religionsphilofophifchen
Gedanken eine befondere Wendung' gebe.

Im übrigen wird die Schrift durch die felben Eigentümlichkeiten
gekennzeichnet, die für zahlreiche Publikationen
diefer Sammlung charakteriftifch find. Sie laffen
fich in folgenden vier Sätzen zufammenfaffen: 1. ift nicht
zu leugnen, daß trotz mancherlei Einfeitigkeiten und Ungleichheiten
der Stoff auf Grund felbftändiger Studien
und mit eindringendem Scharffinn bearbeitet worden ift;
2. gilt die Aufmerkfamkeit weniger der Auffaffung der
betreffenden Denker von der Religion als ihrer Welt-
anfehauung im allgemeinen oder, noch genauer gefprochen,
ihrer Metaphyfik. So ift, um nur ein Exempel anzuführen,
von Hegels Theorie vom Wefen der Religion faft gar
nicht, von feiner Konftruktion der Religionsgefchichte,
von feiner Deutung und Würdigung der einzelnen Religionen
überhaupt nicht die Rede. Der Begriff der Religionsphilofophie
hat viel engere Grenzen, als man ihm
heute zu ziehen gewohnt ift; 3. leidet die Darfteilung
und deren Anfchaulichkeit darunter, daß fie fortwährend
von Einwänden, von kritifchen Anmerkungen und Aus-
einanderfetzungen durchbrochen wird; 4. den Maßftab
für die Beurteilung und Wertung der verfchiedenen Syfteme
bildet allein und ausfchließlich die fogenannte Herbartfche
Religionsphilofophie.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
iDeutfcbe Literatur.

Rießler, P., Wo lag das Paradies? (Frankfurter zeitgemäße Brofchüren.
27. Bd. 12. Heft.) Hamm i. W., Breer & Thiemann 1908. (III, 24 S.)
gr. 8» M. — 50