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Ausgabe:

1908 Nr. 20

Spalte:

565-567

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kalkoff, Paul

Titel/Untertitel:

W. Capito im Dienste des Erzbischof Albrechts von Mainz. Quellen und Forschungen zu den entscheidenden Jahren der Reformation (1519-1523) 1908

Rezensent:

Hermelink, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 20.

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wenn fie auch zum Kirchenftillftand gehörten. Gaumen
heißt warten nicht nur im Sinn von fhllftehen, harren,
fondern auch von behüten, abwarten, fich hüten. Felix

fchen Erasmusfchüler Nefen in Frankfurt (Kap. III) und
merkwürdigerweife als Agent Aleanders auch dem fich
vordrängenden Bekämpfer Luthers, Joh. Cochläus gegen-

Deck wird von der Synode gemahnt, vor .trünckni 1 über (Kap. IV). Hier ift die Ausführung K.s befonders

zu gaumen'. Egli, Aktenfammlung zur Gefchichte der
Zürcher Reformation, Nr. 1941 S. 853. III, 2. Ehegaumer
find Ehewarte, Ehewächter. Peter Meiderlin S. 430, der
lange in Deutfchland vermutete Schwabe, der fich hinter
dem Pfeudonym Rupertus Meldenius verbarg, verdient
auch Beachtung wegen feiner Stellung zu Joh. Arndt im
fcharfen Gegenfatz zu feinem Verwandten Luk. Ofiander.
Den Weg der erfolgreichen Belehrung der Täufer fchlugen
vor Blarer S. 451 Anm. 2 Matth. Alber und die Reut-
linger ein. S. 454 Anm. 3 ift Leonh. Dax in Altz zu
berichtigen. Er war aus München und Pfarrer in Tfchengels
i n Tirol gewefen, lag aber gefangen in Alzei in der Pfalz.
Medicus, Gefch. der ev. Kirche Bayerns Suppl. 46 Anm.;
Loferth, der Anabaptismus in Tirol 282,86; derf. der
Communismus der Wiedertäufer in Mähren S. 44. An
alten Druckfehlern fei bemerkt S. 53 Z. 6 v. u. Novarra
ftatt Novara, S. 70 Z. 37 Wurzbach ftatt Wurzach, S. 437
Z. 16 Zügelloffigkeit, neu S. 387 Anm. 1. zello ftatt zelo,
S. 401 Anm. maiors ftatt maior.

Ref. möchte wünfchen. daß das treffliche Buch mit
feinem reichen Inhalt, feiner fchönen Darftellung, feinem
billigen, ruhigen Urteil (vgl. z. B. S. 53 Zwingiis Verhältnis
zu Luther in feinen Anfängen) und feiner ganz
befonders ansprechenden Auswahl von dicta probantia
nicht nur ein Studentenbuch bleibt, fondern auch in jeder

wertvoll und führt über Spahns Darfteilung und Friedens-
burgs Forfchungen überzeugend hinaus. Später fuchte
C. in ähnlicher Weife mildernd auf Luther und die
Wittenberger einzuwirken (Kap. VI); bekanntlich hat er
veranlaßt, daß Luther die Schrift über den ,Abgott zu
Halle' nicht herausgab, aber zugleich hat er fich den
heftigen Tadel des Reformators von der Wartburg aus
für feine unchriftliche Lauheit und Achfelträgerei zugezogen
. In einem befonderen Falle, der halb lutherifchen,
halb politifchen Bewegung in Erfurt gegenüber (Kap. VII)
zeigt fich in der behutfamen Haltung des Erzbifchofs der
Einfluß feines Privatfekretärs; und am bekannteften ift ja
dann die Wirkfamkeit C.s auf dem Reichstag zu Nürnberg
zufammen mit den lutherfreundlichen Räten Seb. von
Rotenhan und Joh. von Schwarzenberg (Kap. VIII). Der
Aufftand der Ritterfchaft, die am kurmainzifchen Hofe
Verbündete hatte, und die Einwirkungen Joachims von
Brandenburg, des Bruders von Albrecht, fowie des Herzogs
Georg von Sachfen, veranlaßten den Umfchwung
in der kirchenpolitifchen Haltung Albrechts (Kap. IX).
C. zog fich Ende März 1523 auf feine von neuem be-
ftrittene Propftei nach Straßburg zurück, nachdem er,
wie K. meint, in entfcheidender Weife zwei Jahre lang
in Verbindung mit dem kurfächfifchen Hof (vgl. S. 56
u. 82) zielvoll der lutherifchen Sache Zeit zur Ausdehnung

Pfarrbibliothek fich findet und auch in den Kreifen von ; verfchafft und Bann famt Wormfer Edikt unwirkfam ge
religiös und theologifch intereffierten Gebildeten eifrige 1 macht hatte.

Lefer gewinnt.

Stuttgart. G. Boffert.

Fürwahr eine wichtige Rolle, die dem ,unfcheinbaren
Gelehrten' und dem ,fchlauen Diplomaten' zugefchrieben
wird! Aber wird uns hier nicht ein zu reichliches Maß
Kalkoff, Gymn.-Prof. Dr. Paul, W. Capito im Dienfte des Pragmatifcher Gefchichtsbetrachtung zugemutet, wenn
Erzbüchof Albrechts von Mainz. Quellen und Forfchungen 22? ?aS dTlomatifch-wechlelreiche Verhalten nach zwei
, ./U-.1j 1 i_ j t» e ■ , fronten lo planvoll aus den Quel en herausexegefiert

zu den entfcheidenden Jahren der Reformation (1519
— 1523). (Neue Studien zur Gefchichte der Theologie
und der Kirche. Herausgegeben von N. Bon-
wetfch und R. Seeberg. Erltes Stück.) Berlin, Tro-
witzfch & Sohn 1907. (VII, 151 S.) gr. 8° M. 4.80

In diefer Schrift foll der Anteil Capitos an der
Reformationsbewegung in den entfcheidenden Jahren von
1519 bis 1523 unterfucht werden, folange der fpätere
Reformator von Straßburg in Dienften des Elrzbifchofs
Albrecht von Mainz an einflußreicher Stelle ftand. Der
Verf. vermag aus feiner einzigartigen Kenntnis beftimmter
Quellengruppen manches Neue zu bieten. Zunächft wird
der Prozeß C.s um die Propftei von St. Thomas in
Straßburg dargeftellt, der durch die ganze in Betracht
kommende Zeit fich hindurchzieht. Im April 1521 wurde
auf Veranlaffung Aleanders explenitudinepotestatis eine
vorläufig günftige Wendung herbeigeführt und damit von
den leitenden Staatsmännern Roms felbft die Unentbehr

wird? K. hört das Gras wachfen; und der ,zweifellos'
(S. 28) ,wohl' (20) .gewiß viel'(46) .gewiß bald'(115) .offenbar
' (15) ufw. find zu viel, als daß fie immer überzeugend
wären. Der Gang der Ereigniffe von 1519 bis 1523 enthält
ein Problem, das K. in feinen verfchiedenen Schriften
fcharf geftellt, aber m. E. unrichtig gelöft hat. Die Un-
wirkfamkeit der Bannbulle und des Wormfer Edikts trotz
allen guten Willens der Machthaber in Deutfchland foll
durch mutige Agitation und kluge Diplomatie feitens
der Humanillenpartei (Erasmus in den Niederlanden
und in Köln, Capito in Mainz, Wimpfeling in Bafel, Pirck-
heimer in Nürnberg) und durch die ränkevoll zielbewußte
Politik des vorfichtigen Kurfachfen erklärlich gemacht
werden. Das Wichtigfte ift überfehen: die Angft vor
der feit 1519 nicht mehr zu dämmenden Volksbewegung.
Nie in der deutfchen Gefchichte war die öffentliche
Meinung fo fehr vorwärtstreibender Machtfaktor, und die
Furcht vor ihr, die felbft die kaiferliche Kanzlei abhielt,

das Wormfer Edikt offiziell nach Kurfachfen mitzuteilen,
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lichkeit C.s anerkannnt. Diefer aber hält fich in fchlauer ftellte fich als nur zu berechtigt heraus, als in den GeDiplomatie
möglichft lang zwifchen beiden Parteien, und
benutzte feine Mittlerftellung zu tatfächlicher Förderung
der Reformation.

K. zeigt nun umftändlich, wie der Erasmianer C. die
humaniftifchen Neigungen feines Fürften zu ftärken
bemüht ift (bis zur Pflanzung evangelifcher Gefinnung
durch Übermittlung von des Erasmus Paraphrafe zum
Matthäusevangelium S. 123), wie er auf dem Reichstag

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bieten ftrenger Durchführung des Edikts der Maffenauf-
ftand losbrach. Dies Motiv war denn auch bei Albrecht
viel wirkfamer, als der ,evangelifche' Rat feines Sekretärs,
der übrigens felbft, wie alle Humaniften, zugleich öffentliche
Meinung machte und des Furchtmotivs nicht ganz
bar war. Das zeigt fich an den entfcheidenden Punkten
(S. 31. 57. 61. 105 u. 80 f.). Wie konnte K. das kläglichfte
Schriftftück eines Hohenzollern als .Erfolg der religiöfen

zu Worms gegen den Vollzug der Bannbulle kämpft ; Schulung Albrechts durch C auffaffen (S. 81)! Wie

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(Kap. II) und wie er fpäter die Ausführung des Wormfer
Edikts durch Verfchleppung, fowie durch vorfichtige
Bearbeitung der leidenlchaftlichen Dränger auf beiden
Seiten hintanzuhalten fucht (Kap. V). Die für den Humaniften
bezeichnende Politik des Ausgleichs (.Deutfchland
vorerft zu beruhigen') übte C. zunächft während der
Wormfer Tage dem lutherfreundlichen und allzu ftürmi-

hätte Albrecht auch nach dem .kirchenpolitifchen Umfchwung
' C. mehrfach ftürmifch zurückberufen können
(S. 127), wenn deffen .evangelifche' Gefinnung ficher gewefen
und dem Fürften gegenüber zum Ausdruck gebracht
worden wäre? Welche Übertreibung vollends,
wenn man .zugeben' foll, daß Luther .weder in Heidelberg,
noch in Augsburg oder in Worms fich annähernd in gleicher