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Ausgabe:

1908 Nr. 19

Spalte:

547-548

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spinoza, Baruch de

Titel/Untertitel:

Theologisch politischer Traktat. 3. Aufl 1908

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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547

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 19.

548

ungen. Vollends wird die Charakteriltik der höheren
Religionen und insbefonders die des Chriftentums auf
mancherlei Widerfpruch und auch wohl ftellenweife auf
fehr berechtigte Oppofition flößen. Nichtsdeftoweniger
muß anerkannt werden, daß der Verf. feinen Stoff fehr
forgfältig durchgearbeitet und durchdacht hat, daß er
augenfcheinlich aus guten Quellen fchöpft und auf
Autoritäten fich ftützt, die fich hören laffen können, fo
daß feine Schrift felbft demjenigen, der durchaus nicht in
allem zuflimmt, etwas zu bieten vermag und jedenfalls zu
den befferen einfchlägigen popularifierenden Schriften zu
zählen ift. Als ein ganz befonderes Verdienft muß ihm
aber angerechnet werden, daß er entfchieden mit der
kindlichen Methode bricht, gleichfam eine Urreligion
eruieren zu wollen, um dann nach dem Grundfatz, daß
die Religion, wenn fie nur einmal da ift, ,ewig fortzeugend'
Religionen gebären muffe, fämtliche übrigen Glaubens-
formen ganz von felbft; generationenweife aus ihr hervorgehen
zu laffen. Vielmehr ftellt er in den Vordergrund
die lösbare Frage, welches die pfychologifche Wurzel
der Religion überhaupt fei, und in den zweiten Platz
erft die andere fekundäre, welche verfchiedene Formen
die aus folcher Wurzel immer wieder hervorgehende
Religion im Lauf der Zeiten angenommen habe. Das
ift ein modernes Verfahren im beften Sinn des Worts
und befreit uns von der rückftändigen Problemftellung,
auf die noch ein Spencer und Tylor und fo viele
nach ihnen eingegangen find. Damit foll natürlich nicht
gefagt werden, daß Referent nun auch weiter mit dem
einverftanden ift, was über die pfychologifchen Wurzeln
der Religion von dem Schaarfchmidtfchen Buch ausgeführt
wird. Wie der Autor nämlich offenbar von dem
Geifte Hegeis einen Hauch verfpürt hat, fo teilt er mit
zahlreichen Schülern des Meifters die Eigentümlichkeit,
daß er zwar gelegentlich die praktifchen Motive der
Religion prinzipiell fehr hoch einfchätzt, tatfächlich aber
doch die theoretifchen — man vergleiche bloß S. 22 ff.
— noch viel ftärker, ficher zu ftark betont.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Spinoza, Baruch de, Theologiich politifcher Traktat. Dritte
Auflage. Übertragen und eingeleitet nebft Anmerkungen
und Regiftern von Carl Gebhardt. (Philo-
fophifche Bibliothek Band 93.) Leipzig, Dürr'fchc
Buchhandlung 1908. (XXXIV, 423 S.) 8° M. 5.40

Eine äußerft zeitgemäße und dankbar zu bewillkommnende
Publikation. Wir befitzen nicht eben viel
Überfetzungen von Spinozas ,tractatus tlieologico-politicus'
die vorliegende kommt aber der beften, die wir bis jetzt
hatten, der Auerbachfchen, an Präcifion gleich und überbietet
fie an Formgewandtheit.

Beigefügt ift von dem Herausgeber, abgefehen von
einem Namen- und Sachregifter, eine Serie von Anmerkungen
, die teils Verweife, teils Erläuterungen enthalten.
Dazu kommt eine fehr lefenswerte Einleitung, die Auf-
fchlüffe erteilt über den Urfprung, die Bedeutung und
die Gefchichte der Spinoziftifchen Schrift. Intereffant
und überrafchend ift gleich am Anfang die relativ glücklich
begründete Thefe, daß der tractatus tlieologico-politicus
feine Entftehung der Verbindung des Philofophen mit
Jan de Witt verdanke. Dem entfprechend legt Gebhardt
das Hauptgewicht auf die politifche Tendenz des Buchs
und fieht deffen größtes Verdienft in dem, was es für
die Begründung der Gedankenfreiheit geleiftet hat. (Nicht
Java und die Staalmeefters — die Nachtwache und der
Theologifch-politifche Traktat find die beiden großen
Titel der holländifchen Kultur'. Über alledem wird die
Bedeutung der Schrift für die Theologie nicht überfehen.
,Spinoza', meint der Herausgeber fagen zu dürfen, ,ift
der erfte, der jene Wiffenfchaft, die man heute mit einem
unzutreffenden, der alten Kirche entlehnten Ausdruck

| Einleitungswiffenfchaft nennt und die er treffender als
Gefchichte der Schrift bezeichnete, nicht nur gefordert,
fondern in ihren Grundlagen für alle Zeiten benimmt
hat'. Aber eines wäre daneben noch zu erwähnen ge-
wefen. Darin hat ja Gebhardt ganz recht, daß man in
der von ihm überfetzten Schrift des holländifchen Philofophen
deffen ,Religionsphilofophie' nicht fuchen darf.
Sie enthält mit andern Worten nicht eine metaphyfifche
Begründung und Konftruktion der Religion. Indeffen
kann fie doch auch infofern das Intereffe der heutigen
Theologie befonders in Anfpruch nehmen, als fie die
erfte bedeutendere wiffenfchaftliche, ftreng methodifche
Unterfuchung der Neuzeit auf religionspfychologifchem
Gebiete ift. Durch den theologifch-politifchen Traktat
mit feiner eigentümlichen Analyfe des prophetifchen
Bewußtfeins ift die Religionspfychologie als empirifche
Wiffenfchaft begründet worden. Auch das fichert ihm
bleibende Aufmerkfamkeit.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Cotlarciuc, erzbifch. Kathedral-Hierodiak. k. k. Univ.-
Bibl.-Aman. DD. Nico, Stifterrecht und Kirchenpatronat
im Fürltentum Moldau und in der Bukowina. Eine hiftorifch-
dogmatifche Studie zum morgenländifchen Kirchenrecht
. (Kirchenrechtliche Abhandlungen. 47. Heft.)
Stuttgart, F. Enke 1907. (XVIII, 203 S.) gr. 8« M. 7.80

Die vorliegende Abhandlung zerfällt in einen hifto-
rifchen und einen dogmatifchen Teil. Im erfteren wird
die gefchichtliche Entwickelung gegeben und dargetan,
daß das Patronatrecht der Bukowiner griechifch-orienta-
lifchen Kirche gegen Ende des 18. Jahrhunderts unter
dem Einfluß der Jofephinifchen Gefetzgebung entftanden
ift. Dasfelbe ift zwar dem abendländifchen Patronat nachgebildet
, wenn es auch in manchen Beziehungen davon
abweicht; jedenfalls aber läßt es feine Herkunft aus dem
Kirchenftifterrechtsinftitute .Ctitoria' deutlich erkennen,
auf welches deshalb in der Unterfuchung eingehende
Rückficht genommen wird. Der zweite Teil gibt dann
eine überfichtliche Darftellung des gegenwärtig in der
Bukowina geltenden Patronatrechts. Im Anhang ift eine
Anzahl der für die Unterfuchung in Betracht kommenden
Urkunden in deutfcher Überfetzung abgedruckt. Verf.
hat meines Erachtens mit feiner tüchtigen, auf archiva-
lifches Material fich ftützenden Arbeit einen wertvollen
Beitrag zur Auffchließung eines bisher noch uner-
forfchten Gebietes gegeben.

Kiel. f Frantz.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
iDcutfcfoe Literatur.

Schroeder, L, v., Myfterium u. Mimus im Rigveda. Leipzig, H. Haeffel
1908. (XI, 490 S.) 80 M. 10 —

Siecke, E., Hermes der Mondgott. Studien zur Aufhellg. der Geftalt
diefes Gottes. (Mythologifche Bibliothek, hrsg. v. der Gefellfchaft f.
vergleich. Mythenforfchg. IX Bd. i. Heft.) Leipzig, J. C. Hinrichs'
fche Buchh. 1908. (98 S.) Lex. 80 M. 3 —

Otto, W., Priefter u. Tempel im helleniftifchen Ägypten. Ein Beitrag zur
Kulturgefchichte des Hellenismus. 2. Bd. Leipzig, Ii. G. Teubner
1908. (VI, 417 S.) gr. 80 M. 14 — ; geb. M. 17—

Szczepanski, L., Nach Petra u. zum Sinai. Zwei Reifeberichte nebft
Beiträgen zur bibl. Geographie u. Gefchichte, Mit z Kartenfkizzen.
(Veröffentlichungen des biblifch-patriftifchen Seminars zuInnsbruck. 2.)
Innsbruck, F. Rauch 1908. (XX, 597 S.) gr. 8° M. 5.20; geb. M. 6.12

Köberle, J., Die Beziehungen zwifchen Israel u. Babylonien. Sechs Vorträge
. Hrsg. v. Walther. Wismar, H. Bartholdi 1908. (95 S.) gr. 8°

M. 2 —

Benzinger, J., Wie wurden die Juden das Volk desGefetzes? 1.—5. Tauf.
(Religionsgefchichtliche Volksbücher f. die deutfche chriftliche Gegenwart
. Hrsg. v. F. M. Schiele. II. Reihe. (Die Religion des Alten
Teftaments. 15. Heft.) Tübingen, J. C. B. Mohr 1908. (48 S.) 8»

M. — 70; geb. M. t —

Yahuda, A. S., Über die Unechtheit des famaritanifchen Jofuabuches.
[Aus: .Sitzungsber. d. preuß. Akad. d. Wiff.'l Berlin, G. Reimer 1908.
(28 S.) gr. 8« M. I —