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Ausgabe:

1908 Nr. 19

Spalte:

545-547

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaarschmidt, C.

Titel/Untertitel:

Die Religion. Einführung in ihre Entwicklungsgeschichte 1908

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 19.

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fich felbft wegwerfenden Bruderliebe, fpeziell zu den I feßhaften Leben angibt. Hand in Hand mit der auf
Armen und Kranken, entfaltet. Ihre Darfteilung ift das t folche Weife gekennzeichneten wirtfchaftlichen Bewegung
Befte bei Bornhaufen, und auf ihrer perfönlichen Ver- j geht die religiöfe Evolution: das Göttliche, das zunächft
wirklichung ruht mit Recht der Heiligenglanz, den Pascal j in Naturgegenftänden gefucht und angefchaut wurde, ob-
für uns Proteftanten hat. Er hat in feinem Leben das gleich an und für fich nicht als identifch mit denfelben
katholifche Ideal reftlos verwirklicht und in feinem betrachtet, wird immer geiftiger vorgeftellt und gedacht.
Bekenntnis das Zeugnis eines erlöften Lebens ohne das Mit einer Befprechung verfchiedener Klaflifikationen der
geringfte Eigenlob abgelegt. Darauf allein beruht eigent- Religion und mit der Zeichnung eines Schemas für deren
lieh der Wert der Pascalfchen Ethik, daß es fich hier Einteilung fchließt der erfte Teil.

um mehr als fchöne Theorien handelt. Der zweite enthält eine nach der vorgefchlagenen

Im ganzen hat die deutfehe Theologie die Pascal- Dispofition gegliederte gefchichtliche Darftellung der ge-
forfchung noch kaum ernfilich angefangen; mögen die 1 famten religiöfen Entwicklung. Als auf der unterften
beiden jetzt vorliegenden Darftellungen feiner Ethik ein I Stufe flehend wertet und befchreibt der Autor den ,kon-
Zeichen fein, daß fie nun beginnen foll. Dazu ift weniger , kreten Naturalismus' (Totemismus und Fetifchismus), für
Pascalbegeifterung und mehr Pascalkritik, vor allem aber den befonders charakteriftifch ift, daß der Gegenftand
mehr Kenntnis des gleichzeitigen und altern franzöfifchen | der Verehrung .unmittelbar oder mittelbar der Natur',
Katholizismus nötig. . j obwohl mit ihr fich nicht deckend, .entnommen ift'. Der

garej Paul Wer nie. 1 Kultus befteht in mimetifcher (Tanz ufw.) und fakra-

1 mentaler (leiblicher Genuß der Gottheit) Handlung. Auf

Schaarfchmidt, C, Die Religion. Einfuhrung in ihre Ent- der nächften Stufe erfcheint der .abftrakte Naturalismus

• 1 1 r u- u» t . • r,.;-.r^i,ö r,„.v,v. 1 (Polydämonismus), der fich zugleich mit dem Nomaden-

wickelungsgefchichte. Leipzig, Durrtcne tiuenn. 1907. > J, , , 'U. t 1 1 -n

6 *> Tv/r tum durchfetzt. Die Gotter (Ahnengeüter, Lokalgeifter,

(VII, 235 S.) gr. 8° M. 4.40; geb. M. 5.40 Departementalgei(ter oder Funktionsgeifter) find nicht

Das Buch zerfallt in zwei Hälften: einen .vorbereiten- mehr gebunden an die Notwendigkeit einer Inkarnation
den' und einen ,ausführenden' Teil. in Naturgegenftänden. Der Kultus ift .Magie', deren .eigent-

Der erftere fetzt nach einigen einleitenden Bemer- j liches Wefen' darin befteht, ,daß man durch Worte und

kungen mit einer Definition der Religion ein. Sie ift ein
Verhältnis des Menfchen in deffen Fühlen, Denken und
Wollen ,zu einer höheren Macht, welche er verehrt, weil
er fich als mit ihr verbunden, von ihr abhängig und
ihrer bedürftig anfleht'. Sie .beruht' auf einem ,Glauben',
mit dem ,einerfeits Vertrauen und Liebe, anderfeits Furcht
und Argwohn verbunden' find, und ,lebt fich dar' in
einem .Kultus'. Was ihren Urfprung betrifft, fo werden

Befprechungen, Anrufen, Befchwörungen mittels Zauberformeln
, Sprüchen, Gefängen und Litaneien reale Wirkungen
hervorbringen zu können glaubt'. Die dritte Stufe
nimmt der .anthropomorphe Polytheismus' ein. ein national
und teilweife noch naturaliftifch befchränkter Spiritualismus
, der zugleich mit dem feßhaften, auf Ackerbau beruhenden
Leben auftritt. Die Götter werden mit immer
größerer Konfequenz als geiftige und fittliche, perfönliche

zunächft einige mehr oder weniger beliebte Theorien 1 Wefen aufgefaßt. Im Mittelpunkt des Kultus flehen die
ntL^a^dlbeS, diejenigen nämlich, die fie kurz- ; Opfer, die ausführlich befprochen werden ebenfo wie
22aVs der O^MW«/ausBder eifinderifchen Tätig- | der .Mythus", der be.m Ubergang vom abftrakten Natura-
kek tePoUtiker, aus der Woßen Idealifierung desMenfch- j lismus' zum anthropomorphen'

Sehen aus einem Poflulat des Glückstriebs, aus dem ragende Rolle fp.ele. Auf der hochften Stufe befindet
Totenkult und Animismus ableiten. Darauf wird folgende fich der Monotheismus, der fich wiederum in einen unvoll-
Thefe aufeeftellt und vertreten: die Religion hat ihre sub- j kommenen .national und nomifhfch befchrankten'und einen
• l-tive Wurzel in einem notwendigen .Grundfatz' der j vollkommenen .univerfaliüifchen und ethifch beftimmten'
JVprn,inft' in der fowohl auf dem theoretifchen Bedürfnis fpaltet. Als Repräfentant des erfteren werden die Re-
1 hefriedicrender Erklärung der Dinge als auch auf , ligion Zarathuftras, die mit Recht fcharf vom Mazdaismus
naen Denk Bedürfnis nach überirdifcher Hilfe in ! unterfchieden wird und befonders liebevolle Berückfichti-
clem pr.a ee-ründeten vernünftigen Annahme, gung erfährt, der israelitifch jüdifche Monotheismus und

des r-eutus beherrfchende Geiftesmacht, die als der Islam gefchildert. Der zweite dagegen wird allein

data ,eme uic " Intelligenz und Willenskraft vertreten durch das Chrittentum, das heißt nach der Auf-

Wehe iS^S^SriMdgfiMm wahre PrinziP des faffunS des Verfaffers, durch die Lehre Jefu, die in dem
ausgeruftet ^ Dam'it foll natürlich ein 1 Gebot der Liebe zu Gott und den Menfchen befchloffen

Werdens undbt ns ausma . ^ ^ | und mjt def KirchUchkeit nicht zu verwechfeln ift: Gott

objektiver UJPJJTfj*! eingeräumt werden, daß es ! der abfolute Geift; der Kultus fo viel wie Hingabe des
. ■ fr u V-rnunft felbft ift, die in der menfehlichen ! Willens an Gott. In einem Anhang wird dann noch der
die gottlicne ' ft au(!h die Meinung nicht die, Buddhismus erörtert, der von Haus aus gar keine Religion

wirkiam ilt. jAni fei| fofern er aber zu einer folchen fich entwickelt hat,

auf den gleichen Rang wie das Chriftentum keinen An-
fpruch zu erheben vermöge.

Das Buch bezeichnet fich felbft befcheiden als eine
bloße .Einführung' in die Entwicklungsgefchichte der
Religion, wie denn überhaupt der Autor fein fchwieriges
Thema mit wohltuender Anfpruchslofigkeit und Sachlichkeit
behandelt. Bei der großen Belefenheit, über die er
offenbar verfügt, wiewohl er es, vielleicht zum Nachteil
der Sache, verfchmäht, feine Ausfagen durch Zitate zu

U-l---- • ' ' —

daß die fo auf einer Vernunftgewißheit fundierte Religion
von Anfang an in voller Reinheit dagewefen fei. Im
Gegenteil fpricht alles dafür, daß fie zunächft, da ihre
,Ausdrucksweife' aus ,Sinnlichkeit' und ,Phantafie' flammt,
als eine durch diefe Faktoren getrübte aufgetreten ift.
Erft langfam und allmählig arbeitet fich ihr echter Vernunftgehalt
heraus und findet eine adäquate Darfteilung.
Die Gefchichte der Religion ift alfo eine gradatim vollzogene
fiegreiche Bekämpfung und Bewältigung einer
irrationellen Form durch einen rationellen Inhalt: ein

Entwicklungsprozeß, der zugleich durch die Umwandlung belegen wird er felKn-' Vm 'u'n- °'r? '
der wirtfchaftlichen Verhältniffe begünftigt wird. feiner Darftellnna u„ m a .w'ffe"' wie vieles in

Speziell um diefe letzte Thefe zu begründen ua4emG^SSSJ?SS^ .n'c^ bloß hinfichtlicfa
zu verWchaulichen, eröffnet der Verfaffer nunmehr ein ift, to^n^ucSunR^^^ fel^^»ändlich
kulturhillorifches Kapitel, in dem er die Arteinheit der gäbe einzelner S? ^ ,U"d der Wieder-

Menfchheit behauptet, über deren Schöpfungsherd Ver- die entworfene Skizze der N T Pr°- beifPielsweife
mutungen aufftellt und als die wichtigften Etappen des manchem, etwa in der BeurteiDn^T ll^0ne". f?ew>ß in
Kulturtortfchritts den Ubergang vom Jägerleben zum in der des Mythus oder ir^ <W n"gf s 1 ^/m'smus oder
Nomadenleben und von diefem zum Ackerbau und | der Magie, K ganz den jetz^he^