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Ausgabe:

1908 Nr. 1

Spalte:

26-28

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gottschick, Johannes

Titel/Untertitel:

Ethik 1908

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 1.

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dogmatiftifche Spekulation, welche die wichtigften Aus- ! Realitäten niemals auf bloß rationalem Wege bewiefen
fagen über das Wefen und Wirken Gottes auf dem Wege I und erzwungen werden kann und daß die menfchhchen
rein verftandesmäßiger Reflexion gewinnen zu können Vorftellungen von Gott iramer_ durch folche aprioriftifche

Anfchauungs-und Denkformen bedingt bleiben, welche dem
transfzendenten Wefen Gottes nicht adäquat find. Lob-
ftein erkennt auch den Wert einer Apologetik an, welche
fich die Aufgabe ftellt nachzuweifen, daß eine richtig
verftandene, fich ihrer Schranken bewußte Wiffenfchaft
nicht zur Ausfchließung der religiöfen Weltanfchauung
führt, daß vielmehr eine Gefammtweltanfchauung, welche
auch den Phänomenen des geiftigen Lebens gehörig
Rechnung trägt, nur auf religiöfer Balis möglich ift (S. 153).
Aber die religiöfe Erkenntnis foll eben in ihrer befonderen
Art, Begründung und Begrenztheit gewürdigt und nicht
mit bloß rationaler Erkenntnis verwechfelt werden.

Jena. H. H. Wen dt.

vermeint, in Wirklichkeit keine fichere religiöfe Erkenntnis
begründen kann, fondern vielmehr nur zu Zweifeln und
unlösbaren Problemen und Antithefen führt. Der Theolog
muß wiffen, daß die religiöfe Erkenntnis ihrem Wefen
nach nicht intellektualiftifch und objektiv, fondern prak-
tifch und fubjcktiv ift. Sie beruht auf religiöfen Erlebniffen,
die nicht mit dem bloßen Verftande, fondern mit dem
Herzen und Willen ergriffen werden. An die religiöfe
Glaubensgewißheit kann fich freilich die theologifche
Reflexion anfchließen. Aber fie ift eben etwas Sekundäres
gegenüber der Begründung diefer Gewißheit durch die
zuerft auf das Herz, das Gewiffen und den Willen bezogenen
religiöfen Erlebniffe und fie muß, um wertvoll
zu bleiben, immer die religiös gegebene Bafis und deren

Grenzen einhalten. Die Dogmatik hat die Aufgabe, mit Gottlchick, f Prof. D. Tohannes, Ethik. (Sammlung theo-
pfychologifcher und hiftorifcher Methode die auf unmittel- Wifcher Lehrbücher.) Tübingen, J. C. B. Mohr 1907.
bar gefühlten rehgiöfen Erlebniffen beruhende rehgiöfe i 0 ftj. 7-; geb. M. 9.50

Glaubensgewißheit nach den klaflifchen Zeugniffen der v T» ' ■ ' ' ' 0 * ■>

Religion feftzuftellen. Lobflein gibt in jeder einzelnen Als in den erften Tagen des vergangenen Jahres uns
der vorliegenden .Studien' eine Probe folcher hiftorifch- J die fchmerzliche Trauerkunde traf, daß Johannes Gott-
pfychologifcher Darfteilung, indem er die alt- und neu- I fchick feinen Angehörigen und Freunden, feinem Lehramt
teftamentlichen Glaubensau.sfagen über jene Wefensfeiten ; und der theologifchen Wiffenfchaft nach langem fchweren
Gottes zufammenftellt. Er weift darauf hin, wie fich 1 Leiden durch den Tod entriffen worden fei, durften wohl
diefe Glaubensausfagen trotz gewiffer gleichbleibender j die meinen von uns fich kaum der Hoffnung hingeben, aus
Charakterzüge doch inhaltlich entwickelt und ihren Gipfel- j feiner Hand noch eine große, abgefchloffene Arbeit zu
punkt in Jefu Chrifto erreicht haben; wie fie immer ihre j empfangen. Nun tritt er doch noch vor uns mit diefer
praktifche Beziehung auf die gefühlten Schwächen, Nöte j Ethik, die einen wichtigen Teil feines Lebenswerkes dar-
und Drangfale des Erdenlebens gehabt haben, unter i ftellt, in dem tiefen fittlichen Ernft, der unermüdlichen
denen die Frommen ihr Vertrauen auf die Hilfe eines j Treue gegenüber den von ihm ergriffenen Aufgaben, dem
in feiner Treue fich ftets gleichbleibenden, überall gegen- j reinen Idealismus eines ftarken Glaubens, dem ficheren,
wärtigen, alles wiffenden, zur richtigen Durchführung I maßvollen, umfichtigen Urteil und dem fchlagfertigen
feiner Heilszwecke unbedingt fähigen perfönlichen Gottes Scharffinn, wodurch er im Leben ausgezeichnet war. Das
fetzen; wie in diefen Glaubensausfagen aber auch mit 1 Buch ift aus den Diktaten zu feinen Vorlefungen hervorgrößter
Sorglofigkeit bildliche, anthropomorphe Vor- ! gegangen, die er felbft mit fchwindender Lebenskraft
ftellungen auf Gott angewendet werden. Die Dogmatik noch foweit für den Druck hat vorbereiten können, daß
hat dann die aus diefen Glaubenszeugniffen zu erhebenden fie nun fein Sohn fo gut wie unverändert herauszugeben
religiöfen Grundgedanken in wiffenfehaftlich präzife Aus- imftande gewefen ift. Es ift ein Werk aus einem Guß,
drucksformen zu überfetzen. Aber fie kann bei Voll- , das uns vorliegt, bis in alle wichtigeren Einzelheiten forg-
ziehung diefer Aufgabe doch immer nur die fubjektiv j fältig ausgearbeitet; und, wenn auch genauere Literaturbedingten
, praktifchen Auslagen des frommen Bewußt- j angaben fehlen, fo verrät es doch überall die Gewiffenhaftig-
feins wiedergeben, nicht aber darüber hinausgehende, j keit, mit der fein Verfaffer die einfehlägigen neueren Ar-
zur Stütze oder Ergänzung der religiöfen Glaubensaus- | beiten verfolgt und zu ihnen, foweit es ihm im Zufammen-
fagen gereichende objektive Urteile über das Wefen i hang des Ganzen geboten erfchien, Stellung genommen
Gottes an fich fällen. Der menfehliche Intellekt bleibt ! hat. Gewiffenhaft und gründlich werden insbefondere
zum Verftändnis des transfzendenten Wefens Gottes un- I auch die Inftanzen und Argumente gewürdigt, die der
zureichend. Diefer Schranke muß man fich deutlich be- eignen Auffaffung als Einwände entgegenftehen. Die
wüßt fein. Man muß mit Bewußtfein darauf verzichten, j Entfcheidungen felbft aber, die getroffen werden, ent-
die Probleme, die fich bei der metaphyfifchen Spekulation : fprechen der Gefamtanfchauung, die Gottfchick im Ganzen
über das Wefen Gottes aufdrängen, zu löfen oder eine • feines Werkes entwickelt.

Logik oder Pfychologie Gottes zu entwickeln. Die Methode, der er in der Behandlung der allge-

Lobflein fleht mit diefen methodologifchen Grund- | meinen wiffenfchaftlichen Fragen der Ethik folgt, be-
fätzen auf der wefentlich von Kant, Schleiermacher und i zeichnet Gottfchick, wenn er gleich auf der erften Seite
A. Ritfehl gefchaffenen theologifchen Bafis. Spezielle j fagt, ,die wiffenfehaftliche Selbflbefinnung habe von dem
Verwandtfchaft haben feine Ausführungen mit dem fo- Ergebnis der Entwicklung auszugehen, d. h. von der Begenannten
Symbolo-Fideismus der Parifer Schule von urteilung, die der fittlich reife Menfch ausübt und er-
A. Sabatier und E. Menegoz. Seine ftarke Betonung des fährt'. So bahnt er fich durch eine gehaltreiche BeGedankens
, daß die religiöfen und dogmatifchen Urteile ; fprechung des Gewiffens den Weg zu feinem auf
über Gott immer fubjektiver und praktifcher, nicht ob- j gemäßigt indeterminiftifcher Grundlage fich erhebenden
jektiver und metaphyfifcher Art find, darf nicht dahin miß- i teleologifchen Standpunkt. Indem er unter Berufung auf
verftanden werden, als vertrete er einen reinen Agnoftizis- das fittliche Bewußtfein das Sittliche als ein dem natür-
rnris ..°rder a^s wolle er eine abfolute Schranke zwifchen ; liehen Begehren gegenüber fynthetifches Gebiet der
religiöfen Gedanken und wiffenfehaftlicher Erkenntnis Realität auffaßt, das von dem Naturgefchehen fpezififch
Z nenj. ^■e^t v'e^menr auch das nachdrücklich hervor, , verfchieden fei, läßt er ,das Bewußtfein des Geiftes von
daß die religiöfen Erlebniffe, auf denen die fromme feinem inhaltlichen Wefen, das ihm im Sittlichen auf-
Glaubensgewißheit und die Glaubensausfagen in Betreff geht, dem formalen Einheitstriebe des Geiftes Direktiven
Gottes beruhen, keine Illufion find, fondern eine reale, geben und ihn beftimmen, die Einheit des Seins und
objektive Kaufalität vorausfetzen (S. 48. 62. 181). Die I Gefchehens ftatt in feiner ausnahmslofen Unterordnung
.Subjektivität'der religiöfen und theologifchen Ausfagen unter das Kaufal-oder Naturgefetz in einem teleologifchen
über Gott bedeutet nur dies, daß die Anerkennung der Zufammenhang zu fuchen, in dem das Sittliche als der
in lebendiger religiöfer Intuition erfaßten transfzendenten Zweck der Natur als dem Mittel übergeordnet ift' (S. 26 f.).