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Ausgabe:

1908 Nr. 16

Spalte:

458-459

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Trench, R. Ch.

Titel/Untertitel:

Synonyma des Neuen Testaments 1908

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 16.

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finnlichen Dafeins, zur Konzentration eines neuen geistigen
Innenlebens, deffen Inhalt Hingabe an Gott und
Streben ihn aufzunehmen ift. Diefe myftifche Richtung
ift bedingt durch verwandte helleniftifche Stimmungen,
wie fie befonders feit Pofidonius hervortreten. Die Zeremonien
werden von Philo nicht verworfen, aber ihr Wert
ift ganz bedingt durch die Sittliche und religiöfe Gerinnung
, mit der fie ausgeübt werden. Die Verinnerlichung
und Vergeiftigung der Religion hat zum Ziel eine ftufen-
weife Erhebung des reinen Geiftes zu den höheren Sphären
und bis zur oberften Gottheit. Der Spiritualismus und
Myftizismus Philos fpiegelt diefelben Stimmungen wieder,
von denen z. B. die ägyptifche und griechifche Anfchau-
ungen verfchmelzenden hermetifchen Schriften und Plu-
tarchs Ifis-Traktat beherrfcht find.

Die Ethik hat für Philo keine Selbständige Bedeutung,
ihr Wert beftimmt Sich durch ihre Beziehung zum reli-
giöfen Leben. Syftematifches Intereffe liegt ihm auf diefem
Gebiete befonders fern, eklektifch wählt er aus verschiedenen
Syftemen, was ihm zur feften Begründung des
Sittlichen Lebens geeignet fcheint. Stoifche Definitionen
und Grundsätze wiederholt er oft und findet auch Gefallen
an Einefien und Spitzfindigkeiten ftoifcher Spezial-
probleme. Die rigorofe Strenge der Stoa wird aber
gemildert durch peripatetifche Anfchauungen, wie die
dreifache Güterteilung, die ihm durch den akademifchen
Eklektiker Antiochus vermittelt find. Er fchließt fich
dem Kynismus an in den diatribenartigen Ausführungen
über die äußere Lebensgeftaltung und verkündet auch
fonft asketifch kynifche Grundsätze, wiewohl der Verf.
fich nicht verhehlt, wie Schwer es ift, hier kynifchen und
floifchen Einfluß fcheiden zu wollen. Aber die Gedanken
der natürlichen Moral, wie fie Philo den Philofophen-
fchulen entlehnt, werden unter höhere Gesichtspunkte
gerückt, öfter auch durchkreuzt durch die Grundfätze,
die Philo der religiöfen Erfahrung entnimmt. In der
Stellung, die die Hingabe an Gott und die Abhängigkeit
von höheren Einwirkungen, die die Sünde, die Reue, das
Gewiflen in feiner Ethik einnehmen, kommt das innere
Gefühlsleben zu ganz neuer Geltung, gewinnen irrationale
Faktoren, die der griechifchen Philofophie urfprünglich
fremd find, eine überragende Bedeutung.

Das Werk ift nicht nur die befte tranzöfifche Gefamt-
darftellung der philonifchen Gedanken- und Gefühlswelt,
es führt überhaupt trotz etwas ungleichmäßiger Behandlung
tiefer als irgend eine andere moderne Darftellung in den
innern Zusammenhang der philonifchen Anfchauungen, in
ihre religiöfen Motive, in ihre Genefis und Abhängigkeit
von der Kultur der Zeit ein. Die philonifchen Belege find
in reicher Fülle gefammelt, befonders find die armenifchen
Schriften vollständiger als bisher benutzt. Die neuere
Literatur, welche in der Vorrede aufgezählt wird, ift
fehr fleißig verwertet. Aber der Gesichtskreis ift nicht
befchränkt auf die Philo-Forfchung im engeren Sinne.
Mit den neueren Untersuchungen über hellenifb.fchePhilofo-
phie und Kultur vertraut, geht der VerfaSSer den Beziehungen
, die Philo mit dem geistigen Leben der helleniftifchen
Welt verbinden, verständnisvoll nach. In der Erkenntnis
diefer Abhängigkeit liegt die eigentliche Löfung der
philonifchen Probleme, die durch die trümmerhafte Überlieferung
der helleniftifchen Literatur fehr erfchwert ift.
Darum bleibt vieles hypothetifch und problematisch.
Reitzenfteins Vermutungen über den Einfluß ägyptifch-
helleniftifcher Theologie bewähren fich vielfach.

Ich berühre zum Schluß noch einzelne Punkte. Die
neuerdings angefochtenen Schriften Philos hält Br. erfreulicher
Weife für echt und begründet im Anhang
diefe Anficht für die Schrift über die Unvergänglichkeit
der Welt und für die über die Therapeuten. Die Vermutungen
über Stoifche Quellen Philos erfahren manche
Ergänzung und Bestätigung durch die fcharffinnige Je-
nenfer Differtation von Mathilde Apelt, De rationibus
quibiisdani quac Philoni Alcxandrino cum Posidonio in-

tercedunt, 1907. S. 39 wird Epigenes bei Clemens Alex.
Strom. V 49 (== Orphica ed. Abel S. 257) willkürlich zum
Neupythagoreer gemacht, f. Sufemihl, Alex. Litt. I 344.
Ebensowenig ift der neupythagoreifche oder orphifche
Urfprung der Kebes-Schrift erwiefen (S. 39. 42). S. 43.
97: Die Zahlentheorie Philos ift zuletzt gründlich behandelt
und auf Pofidonius zurückgeführt worden von Borg-
J hprft, De Anatolii fontibus, Berliner Di ff. 1905. S. 63 fr.
i Über die Gegner, die biblifche Gefchichten und heidni-
i fche Mythen vergleichen, f. auch Gsffcken, Zwei griechifche
Apologeten S. XXVIII. XXIX. Die Annahme S. III. 92,
daß Philos allegorifchem Commentare eine uns verlorene
Behandlung der Schöpfungsgeschichte vorangegangen fei,
ift mir fehr problematifch. S. 153 wird gut bemerkt, daß
die logifche Auffaffung der philonifchen Ideen, die Falter
(f. diefe Zeitschrift 1906 Sp. 450 ff.) vertritt, Stellen wie
De confns. Ungu. § 125 widerfpricht. S. 162 ff.: Philos
Verhältnis zu der hei Anflehen Kultur hat zuletzt Geffcken
a.a. O. in weiterem Zufammenhange behandelt, vgl. meine
hellenifbfche römifche Kultur S. 114. 151. S. 197 war zur
Polemik gegen die Aftrologie auf meine, Schmekels und
Bolls Quellenunterfuchungen hinzuweifen. S. 211. 212 ift Br.
geneigt, die von mir (Sitzungsber. der Berliner Akad. 1897)
behandelten doxographifchen Abfchnitte in De somn. I
auf Änefidem zurückzuführen. S. 238 wird der Abderite
Hekataios in die philonifche Zeit gerückt. S. 263: Die
ftoifche Auffaffung der Leidenfchaften als Fehler des
Urteils hat fchon Pofidonius aufgegeben. S. 281: v. Arnim
leitet Ciceros rednerifches Ideal vom Akademiker Philon,
nicht von Philodem her.

Zu bedauern ift, daß das tüchtige Werk durch die
verwahrloste Profodie griechifcher Wörter und Sätze arg
entstellt ift.

Breslau. Paul Wendland.

Trench, weil. Erzbifch. R. Ch., D.D., Synonyma des Neuen

Teltaments. Ausgewählt und überfetzt von Dek. Heinrich
Werner. Mit einem Vorwort von F'rof. D. Adolf
Deißmann. Tübingen, J. C. B. Mohr 1907. (XVI,
247 S.) gr. 8° M. 6—; geb. M. 7.25

Nichts ift fo lehrreich für ein gründliches Studium
der biblifchen Theologie als forgfältige Beobachtung der
Synonyma. Da uns nun feit langem eine gute Synonymik
fehlt (die von Heyne genügt nicht), auch die Lexika
hier meift im Stich laffen, fo ift es gewiß ein Verdienst,
| das feinerzeit grundlegende englifche Werk des braven
j alten Trench wieder in Erinnerung zu bringen und durch
I Übertragung ins Deutfche einem weiteren Kreife zugänglich
zu machen. Es ift eine Art Jubiläumsfchrift: am 7.
Sept. 1807 ward Trench geboren; er ftarb als Erzbifchof
von Dublin am 28. März 1886. So gehört er und fein
j Werk freilich einer vergangenen Periode der biblifchen
Philologie an, wie das Deißmann in einem Vorwort launig
und plaftifch ausmalt. Aber wir können immer noch
fehr viel von ihm lernen; feine Belefenheit in profaner
wie patriftifcher Literatur war großartig, echt englifch.
Der englifche Geht zeigt fich auch dem deutfehen Lefer
nicht nur in den zahlreichen Bezugnahmen auf die englifche
Bibelüberfetzung und englifche Dichtung (bei letzterer
hat W. Überfetzungen beigefügt), fondern auch
darin, daß Trench mit dem Begriff Kirche beginnt; wir
würden eher einen biblifch-theologifchen Hauptbegriff
wie ßaöilda oder öixaioövvr] an die Spitze ftellen. Die
Art wie hier der Vorzug von sxxX?]öla vor ovvaymy?]
aus dem Wortfinn entwickelt wird, ift typifch für die
Methode: von dem Zufammenhang der christlichen Terminologie
mit der des griechifchen Verwaltungs- und
Vereinslebens, wie ihn Hatch fpäter aufwies, hören wir
bei Trench noch nichts. Bei Trench fleht es oft fo aus,
als habe das Christentum in freier Wahl fich für dies
oder jenes Wort entschieden, dabei mit feinem Takt das

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