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Ausgabe:

1908

Spalte:

377-382

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Benzinger, Immanuel

Titel/Untertitel:

Hebräische Archäologie. 2., vollst. neu bearb. Aufl 1908

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 13. 20. Juni 1908. 33. Jahrgang.

Benzinger, Hebräifche Archäologie, 2. Aufl.

(Nowack).

Peisker, Die Beziehungen der Nichtisraeliten
zu Jahve nach der Anfchauung der altisrae-
litifchen Quellenfchriften (Bertholet).

Les Pires apostoliques. I—II, ed. par Hemmer,
Oger et Laurent (Jülicher).

Ragg, The Gospel of Barnabas (v. Dob-
fchütz).

Gefchichte der chriftlichen Literaturen des
Orients von Brockelmann, Finck, Lei-
poldt, Littmann (Nellle).

Unfere religiöfen Erzieher, herausg. von Beß,
2 Bde. (Niebergall).

D.MartinLuthers DeutfcheBibel, 1.Bd. (Köhler).
Wahrmund, Katholifche Weltanfchauung und

freie Wiffenfchaft (Lobftein).
Koppelmann, Die Ethik Kants (Elfenhans).
Hoff mann, A., Die Gültigkeit der Moral

(Niebergall).
Notiz (Knoke).

Benzinger, Lic. Dr. I., Hebräifche Archäologie. Zweite,
vollftändig neu bearbeitete Auflage. Mit 253 Abbildungen
im Text und einem (färb.) Plan von Jerufalem.
(Grundriß der Theologifchen Wiffenfchaften. Zweite
Reihe. Erfter Band.) Tübingen, J. C. B. Mohr 1907.
(XX, 450 S.) gr. 8° M. 10—; geb. M. II —

Es ift ein erfreulicher Beweis für das in neuerer Zeit
lebendige Intereffe an dem Alten Teftament, daß fo bald
eine neue Auflage von Benzingers Archäologie notwendig
geworden ift. Die feit dem Erfcheinen der erften Auflage
verftrichenen Jahre find für die Kenntnis des alten
Orients von größter Bedeutung gewefen: die Ausgrabungen
auf dem Boden Ägyptens und der Euphratländer,
nicht minder aber auch auf dem Paläftinas haben eine
folche Fülle von Material zu Tage gefördert, daß unfere
heutige Kenntnis des alten Orients eine viel umfaffendere
und richtigere ift als damals. Es konnte fich daher bei
einer neuen Auflage nicht nur um einzelne Nachträge
handeln, vielmehr ergab fich für viele Paragraphen die
Notwendigkeit einer völlig neuen Bearbeitung. Eine genauere
Vergleichung diefer zweiten mit der erften Auflage
zeigt denn auch, daß kaum eine Seite des Buches unverändert
geblieben ift. Diefe zweite Auflage ift freilich
in Jerufalem gefchrieben. Der Verf. war daher nicht in
der Lage, die gefamte bis dahin erfchienene Literatur
über die einfchlägigen Fragen benutzen zu können, immerhin
waren die wichtigften Arbeiten ihm bekannt und find
auch von ihm benutzt. Sein jahrelanger Aufenthalt im
Orient hat ihm zugleich eine genaue Kenntnis des Lebens
im Orient verfchafft, wie fie nur fehr wenig Fach
männern zu

Affyriolog zu fein, um aus inneren Gründen gerade die
Hauptgedanken der neuen, von H. Winckler zuerft dargelegten
Anfchauung vom alten Orient als richtig anzuerkennen
. Mit diefer Darlegung ift das Rätfei gelöft,
daß W.s altorientalifche Weltanfchauung in den Kreifen
vieler Fachgenoffen noch fo ftarken Widerfpruch findet:
ihnen fehlt eben die enge und perfönlifche Berührung
mit dem Leben des Orients, die B. zu Gebote fleht.
Wie freilich auf diefem Wege eine derartige Überzeugung
zuftande kommen kann, ift fchwer begreiflich. Ob nicht
vielleicht doch hier eine gewiffe Unklarheit der Gedanken
vorliegt? Denn es find doch zwei verfchiedene Dinge:
die Überzeugung von einem dem Leben des Orients ge-
meinfamen Typus, was niemand beftreitet, und die von
der Richtigkeit der H. Winckler eigentümlichen altorien-
talifchen Weltanfchauung. Doch prüfen wir im einzelnen,
ob an diefer von B. jetzt vertretenen Anfchauung uns
die Löfung der Probleme klarer und einleuchtender wird.
Ich fürchte, daß viele mit mir diefe Frage verneinen
werden. Denn nicht feiten tritt uns eine Schätzung
des babylonifchen Einfluffes entgegen, die in den uns
erhaltenen Quellen keinen Grund hat, fondern mehr
oder weniger aus der ,altorientalifchen Weltanfchauung
Wincklers' lediglich erfchloffen ift. Wenn B. S. 177 f.
wie jener behauptet, daß auch in Israel die Keilfchrift
die Schrift der Religion und Verwaltung bis aufHiskia
gewefen fei, fo reicht dazu der Hinweis auf die in Gezer
gefundenen Keilfchriftverträge um fo weniger aus, als es
keineswegs erwiefen ift, daß diefe in Gezer ihre urfprüng-
liche Heimat gehabt, vielmehr ift es fehr wahrfcheinlich,
daß fie von Nordfyrien nach Gezer verfchleppt find

, Gebote flehen dürfte. Wer fich vergegen- vgl- Pal. Expl. Fund 1904 S. 229 ff. Und wie will B von hier
wärtigt, mit welcher Zähigkeit fich im Orient Sitten und f"s dlf tntftehung der ganzen rehgiofen und gefetzhchen

1 Literatur Israels begreifen? Hofea kennt zahlreiche fchrift-
liche Toroth Jahves, die zweifellos in hebräifcher Sprache
gefchrieben waren — wäre das nicht der Fall gewefen,
fo hätten fo entfchloffene Gegner alles Nichtisraelitifchen
wie Arnos und Hofea gewiß mit einem Wort darauf hin-
gewiefen. Zudem läßt fich ja auch nur fo Bundesbuch
und Deut, begreifen, die fchon eine beftimmte Terminologie
vorausfetzen. Und wie follen wir uns vom Standpunkt
B.s aus die Entftehung der alten Sagenbücher

Gebräuche durch Jahrhunderte behauptet haben, der wird
erkennen, von welcher Bedeutung diefe Ausrüftung Benzingers
für die Erfüllung feiner Aufgabe gewefen ift:
in der Tat finden wir an zahlreichen Stellen Bereicherungen,
die aus diefer Quelle gefloffen find.

Von großer Tragweite für Benzingers Stellung zu
den einzelnen Problemen in diefer zweiten Auflage ift
die Tatfache, daß er inzwifchen ein überzeugter Anhänger
von H. Wincklers altorientalifcher Weltanfchauung gewor

den ift. Wer im Orient es tagtäglich mit Händen greifen ^laren? Der Hinweis auf den fich immer mehr verkönne
, daß ,der Orient nicht nur ein geographifcher Begriff i ,c ™rfen-]en ,Gegenfa,tz zu .den, babylonifchen Anfchau-
ift, fondern eine fehr reale Macht, eine gewaltige Kultur- ! ungen, durch den die nationale Literatur gefordert fei,
weit, die vom Nil bis Euphrat die verfchiedenen Länder reicht zur Erklärung nicht aus.

und Völker umfaßt, der kann fich auch den alten Orient Befonders charakteriftifch für B.s Abhängigkeit von

gar nicht anders vorftellen, und der Gedanke einer alt- der panbabyloniftifchen Anfchauung ift feine Schwenkung
orientalifchen Weltanfchauug und gemeinfamen Kultur j in der Levifrage S. 344h ,Levit' ill nicht, wie das A. T.
fei ihm ein ganz felbftverftändlicherf Daher fei de nn es meift darftellt, Bezeichnung der Stammeszugehörigkeit,
auch er, B., von ganz anderm Ausgangspunkt als die j fondern des Amtes Ex. 4,14 Jdc. 17,7 ff. Erft fpäter
Affyriologie zu dem als einem Poftulat gekommen , was j fchloffen fich die Leviten zufammen zum Priefterftamm
fie uns als vorhanden darlege. Man brauche nicht und fo wurde Levi ein eigener Stamm, der fich den andern
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