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Ausgabe:

1908 Nr. 11

Spalte:

345

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knodt, Emil

Titel/Untertitel:

Johann Hinrich Wichern, der Vater und Herold der Inneren Mission. Ein Lebensbild 1908

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. II.

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eines Patriarchats gegen Rom erhalten werden füllten
(II 385 f.), fein Projekt von 1809 betreffs der Ausbildung
einiger Kleriker in Italien (II 222 f.) find die erften fchüch-
terneren Annäherungsversuche, bis die Jahre 1814—1815
zu dem entfcheidenden Schritt führen und die perfön-
liche Beziehung Zirkels zu Pius VII. und Confalvi bringen
(II 404 f.).

Diefe Ergänzung fchien notwendig, da bei Ludwig
die Darfteilung der Entwicklung Zirkels infolge der fehr
eingehenden Erörterung der Einzelheiten zu fehr zurücktritt
und auch im Schlußabfchnitt (II 465—488) nur ge-
ftreift wird. Trotz diefer notwendigen Ergänzungen und
teilweifen Berichtigungen wird man aber dem Verfaffer
danken müffen, daß er uns durch feine Arbeit und zumal
durch feine reichlichen Quellenmitteilungen in die
katholifche Aufklärung wie in die kirchliche Reftauration
einen viel befferen Einblick ermöglicht hat, als wir ihn
bisher hatten. Gerade an Zirkels Leben kann man die
Entftehung der neueren katholifchen Kirche auf dem
Boden des aufgeklärten Staates vorzüglich anfchauen
und ihre Motive erkennen.

Berlin. Leopold Zfcharnack.

Knodt, Prof. D. E., Johann Hinrich Wichern, der Vater und
Herold der Inneren Miffion. Ein Lebensbild. Herborn,
Buchhandlung des Naffauifchen Colportagevereins 1908.
(259 S. m. Bildnis) 8° M. 1.20; geb. M. 1.80

Unter den zahlreichen Schriften, die zur Hundertjahrfeier
des Geburtstages von Johann Hinrich Wichern
erfchienen find, nimmt das vorliegende Buch des Direktors
des Predigerfeminars zu Herborn, Prof. D. Knodt,
eine hervorragende Stelle ein. Nicht als wiffenfchaftlich
gearbeitete Biographie, — das Bedürfnis nach einer
Solchen ift durch das zweibändige Werk von Fr. Olden-
berg 1884 und 1887 vorläufig gefüllt, — fondern als ein
Hausbuch für gebildete Familien hat es feinen Wert.
Der Verfaffer fchöpft feinen Stoff aus jenem Werke Olden-
bergs und aus anderen, volkstümlichen Büchern über
Wichern, aus den fechs Bänden der Gefammelten Schriften
Wicherns und vor allem aus dem Schatze eigenen Erlebens
. Vor 30 Jahren war er Oberhelfer im Rauhen
Haufe, er hat Wichern, freilich fchon von Krankheit
gebrochen, perfönlich kennen, lieben, verehren gelernt,
und den Geift feiner Anftalten hat er auf fich wirken
laffen. Ein ,Lebensbild' Wicherns zeichnet der Verfaffer
; die Perfönlichkeit des großen Bahnbrechers der
Inneren Miffion will er dem Lefer vor Augen Hellen.
Liebe und Verehrung führen ihm die Feder, und ein
ungemein anziehendes, keineswegs panegyrifches, aber
Liebe und Verehrung weckendes Lebensbild, das eins
ift mit dem Bilde feines Lebenswerkes, ift die Frucht.
Der Verfaffer läßt möglichft viel Wichern felbft zu Worte
kommen: die Briefe und Tagebuchblätter, welche die
beiden erften Bände der Gefammelten Schriften Wicherns
enthalten, geben reichen Stoff, und das eigene Erleben
weiß den Stoff lebendig zu gefüllten. Kurz: es ift ein
liebenswürdiges und gediegenes Buch, das zu weitefter
Verbreitung nur empfohlen werden kann.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Arnal, D. Andrej La Philosophie religieuse de Charles Re-
nouvier. Paris, Fischbacher 1907. (335 p.) gr- 8°
Abgefehen von der Brofchüre Afchers (Renouvier
und der franzöfifche Neukritizismus, Bern 1900) gibt es
m. W. keine deutfche Schrift über den am I. September
1903 in einem Alter von 88 Jahren nach einem Leben
unermüdlicher Arbeit dahingefchiedenen Philosophen,
Charles Renouvier. In feiner eigenen Heimat ift der
befcheidene, einfame Denker, der niemals ein öffentliches
Lehramt bekleidet hatte, und deffen gedankenreiche Werke

j fich weder durch gefällige Klarheit noch durch rhetorifche
j Kunft auszeichneten, erft allmählich zu weiterer Aner-
[ kennung gelangt. Dafür konnte ihn der tiefe Einfluß,
den er auf einige hervorragende Geifter ausgeübt, ent-
fchädigen. Offenbar find die von ihm ausgegangenen, in
philofophifchen und theologifchen Kreifen wahrnehmbaren
Wirkungen noch lange nicht erfchöpft. Die vorliegende
j Schrift des auch unter uns bekannten Verfaffers (Theol.
Literaturzeitung 1906, Nr. Ii) bildet eine willkommene
Ergänzung zu dem Buche Seailles' (La Philosophie de
Ch. Renouvier, 1905), das die religiöfe Gedankenwelt
Renouviers nicht weiter berückfichtigt, diefelbe vielmehr
als einen Fremdkörper in dem Syftem des Begründers
der ,neo-kritifchen' Philofophie betrachtet hatte.

Arnals Schrift zerfällt in zwei Teile. In dem erften
(9—94) gibt A., nach einigen Notizen über Renouviers
Charakter und Lebenswerk, einen lichtvollen Entwurf des
philofophifchen Syftems Renouviers. Seine Abhängigkeit
von Kant gibt fich befonders in feiner konfequenten
Ausgeftaltung des ,phenomenisme' und in feiner Freiheitslehre
zu erkennen. Die Eigentümlichkeiten, durch welche
R. fich als felbftändiger Denker dokumentiert, hat A. mit
fefler Hand gezeichnet. — Der Schwerpunkt der Darfteilung
liegt indeffen in dem zweiten, religionsphilofo-
phifchen Teil (95—331). In fieben Kapiteln legt A. Renouviers
Gedanken über die Unfterblichkeit, über das
Dafein, die Einheit und die Eigenfchaften Gottes, über
das Übel, die Religionen und das Chriftentum dar. Die
Wiedergabe der häufig in den Ausdrücken R.s felbft mitgeteilten
Ideen des Philofophen ift zwar korrekt und im
wefentlichen vollftändig, fie leidet aber an einer gewiffen
Äußerlichkeit, die es zu einem tieferen Verftändnis und
zu einer genügenden Würdigung der dargeftellten Gedanken
nicht recht kommen läßt. A. hebt zu wiederholten
Malen hervor, daß R.s Syftem mancherlei Wandlungen
erfahren hat; gelegentlich weift er auf die vcr-
fchiedenartigen Strömungen hin, die in diefem Syftem
vorhanden find. Er verfäumt es aber, die Richtung anzugeben
, in welcher die erwähnte Evolution ftattgefunden,
und die Elemente zu zergliedern, die fich in dem Geifte
des Philofophen zu einem Ganzen zufammengefügt haben.
Eine genauere Unterfuchung diefer Fragen hätte ihm
auch Gelegenheit gegeben, zu dem von Seailles vertretenen
Urteil Stellung zu nehmen, Renouviers fpätere, befonders
in der Schrift Lc Personnalisme durchgeiührte Anflehten
Mellen einen unleugbaren Abfall von der urfprünglichen
kritiziftifchen Pofition dar. A. lehnt diefe Beurteilung
ab (S. 26fg.), begründet aber nirgends feinen Diffenfus,
fondern begnügt fich mit einer Skizzierung der originellen,
häufig in mythologifche Phantafien fich verirrenden An-
fchauungen Renouviers, ohne zu prüfen, ob wir es hier
mit organifchen Weiterbildungen oder mit unglücklichen
Ausfchreitungen zu tun haben. Übrigens begibt fich A.
des Rechtes, an dem von ihm aufrichtig bewunderten
Denker Kritik zu üben, keineswegs; die abenteuerlichen
Spekulationen über die aus einer vorzeitlichen Welt
flammenden, unzerftörbaren Keime künftiger Wefen unterwirft
er einer fcharfen Abfertigung (229fg.); auch fonft
fcheut er fich nicht, feine Abweichungen zu beleuchten
und zu begründen. Allein diefe Kritik würde anregender
und fruchtbarer fein, wenn fie von den Vorausfetzungen
R.s felber, nach pofitiven, ihm entnommenen pfycho-
logifchen und hiftorifchen Maßftäben geübt wäre. Statt
deffen nimmt A. beinahe durchgehend feinen Standort
in der landläufigen dogmatifchen Durchfchnittstheologie.
Wenn der Philofoph den hergebrachten Wunderbegriff
ablehnt und nur ein surnaturel moral ftatuiert, Vaction
de Dieu s'exercant sur Paine de P komme (257), wenn er
die Auferftehung Chrifti im simple fait spirituel (308)
nennt, und fowohl in der Präexiftenz als in der vaterlofen
Geburt Hilfsbegriffe oder finnbildliche Einkleidungen
religiöfer Wahrheiten erblickt, flößt er auf den energifchen
Widerfpruch feines Kritikers, der den Standpunkt der