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Ausgabe:

1908 Nr. 9

Spalte:

278-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kleinert, Paul

Titel/Untertitel:

Homiletik 1908

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 9.

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das fittliche Handeln feinen Wert nicht bloß aus der
allgemeinen fubjektiven Beziehung zum göttlichen Willen
als abfolutem Ziel, fondern auch durch den objektiven
Wert der näheren Tugendziele. Der fittlichen Handlung
kommt außer der abloluten auch eine relative Güte zu.

Die NT.lichen Stellen, die den Rat der ev. Armut als
Standesfache enthalten follen, geben den Begriff des
,Standes' nur her, wenn man ihn fchon zuvor mitgebracht.
Ebenfo wenig handelt es fich Mt. 19, 1 Kor. 7 u. a. um
einen bloßen Rat. Daß hier und da die NT. Stellen

e

Damit find die Räte gegeben. Rat und Gebot verhalten j bereits ,katholifche' Färbung haben, hat die ev. Exegefi
fich wie dasSpezielle zum Allgemeinen. Die Höherftellung längft zugegeben, bedeutet aber für unferen .Schriftbeweis
der Räte ift nur eine relative. Aber das Welt-, Ehe- im Großen' keine Niederlage. Ein weiteres Eingehen auf
und Privatleben erhebt fich gewöhnlich nicht zur Höhe ' I. erübrigt fich an diefer Stelle. Das fleißige und um
diefes Liebesopfers. Sie disponieren hervorragend zur j objektives Verftändnis des ev. Standpunktes fleh be-

Gottesliebe, vermeiden eine Menge äußerer und innerer
Hinderniffe dazu und erfordern befondere fittliche Stabilität
. Äußeres Gelübde ift nötig, denn ,ein bloß inneres

mühende Buch wird uns zwar mahnen, manche populäre
Ungenauigkeit in der Darfteilung der katholifchen Lehre
zu revidieren, ift aber als Ganzes wieder ein Beweis für

würde Vollkommenheit nur vor Gott, nicht vor der Kirche j die faft zur Unmöglichkeit gewordene Schwierigkeit, als
bedingen' (was fagt Mt. 61—1» dazu?). — Der zweite Ab- 1 geborener und erzogener Katholik fich ins evangelifche
fchnitt diefes Teils weift gegenüber der proteft. Polemik | Verftändnis des Chriftentums hineinzuverfetzen. — (S. 252
(der Verf. fetzt fich hier und fonft wefentlich mit Harnack, j A. 1 ift zu lefen Schürer ftatt Schnürer).

Lobberich. Alfred Zilleffen.

Herrmann, Lemme, Paulfen und Wentfcher auseinander)
nach, daß die Askefe nicht der Welt und Natur als

folcher, fondern der fie vergöttlichenden Selbftfucht gelte. Kleinert, D. Paul, Homiletik. Leipzig, J. C. Hinrichs'fche
Die Räte find ein fichererer, alfo höherer Weg zur Voll- Buchhandlung 1907. (VI, 240 S.) gr. 8°

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kommenheit, als die allgemeine chriftliche Askefe der
bloßen inneren .Losfchälung'. Die Räte fordern nicht
naturwidrige Ausrottung, nur Beherrfchung der Triebe.
Und da die Entfaltung diefer Triebe im Dienft der höheren

M- 3—; geb. M. 3.80
Das Werk trägt die Widmung: .Meinen Zuhörern
und den Mitgliedern des homiletifchen Seminars aus drei

Strebungen nicht Pflicht, fondern nur ein Recht ift (—: Jahrzehnten (1877—1907) in treuem Gedenken gewidmet'
Jac. 417!), fo find die Räte nicht naturwidrig, liegen im j Mit der reifen Frucht feiner während eines vollen Menfchen-
Gegenteil in der Richtung der wahren Vervollkommnung. 1 alters im akademifchen Lehrberuf geleifteten Arbeit be-

Gerade der Myftiker und Asket erkennt das göttliche
Gepräge der Welt- und Naturgüter mehr als der Weltliche
. Die Räte lind gerade treffliche Mittel zu fittlicher
Bereicherung und Perfönlichkeitsbildung, zur Erhebung,
Vollendung, Verklärung der Natur, berechtigt, notwendig,
univerfell fruchtbar im Kulturleben. Die primäre Pflege
derGottesliebe macht nach außen viel tüchtiger, treuer ufw.,
als es dem gewöhnlichen Chriften gegeben ift. — Ein
dritter Abfatz befpricht diefen Wert der Räte für die
Kultur und die foziale Wohlfahrt. Ich nenne nur ein-

fchenkt uns der ehrwürdige Senior der Vertreter der praktischen
Theologie. Die hochgefpannten Erwartungen, mit
denen man dem Buche naht, werden zu einem guten
Teile erfüllt; was fich in ftets neuer Durcharbeitung als
gut und bewährt dem Verf. ergeben hat, ift durchweg
pietätvoller Erwägung wert, auch wenn das eigene Urteil
nicht mit allem übereinftimmt. — Das Werk präfentiert
fich in fehr vornehmem Sprachgewand; der Verf. legt
augenfeheinlich Wert darauf, die Höhenlage ftreng wiffen-
fchaftlicher Rede felbft auf Korten der Verständlichkeit

zelnes: Die Virginität löft aufs einfachste das Problem inne zu halten. So mutet er dem Lefer eine anftren-
der Erhaltung der ehelichen Fruchtbarkeit wie der Über- j gende Arbeit zu; ,Die Akftraktion', heißt es S. 199, ,wie
völkerung! Der ev. Gehorfam ift ein wirkfames Vorbild j genau ihre Umriffe feien, haftet im Geift nur als felbft-
für den Gehorfam gegen die legitimen Gewalten und i erworbene. Was die Aufmerkfamkeit feffelt, der Auferhält
das Pflichtgefühl (Gefchichte!?). Die Räte Schaffen nähme Sich einprägt, ift immer das Konkrete und Vorheilige
Muße zum Dienft wahrer Kultur. ,Der verheiratete Stellbare'. Nur der Kundige kann wiffen, was der Verf.
Pfarrer und Miffionar arbeitet auch an der Erhaltung und fagen will, weil nur der Kundige aus feiner eigenen
Verbreitung der Religion; aber es ift fein Gefchäft, wie Praxis und aus feiner Kenntnis der Predigtmufter Sich
beim Notar, Arzt ufw., und die Bafis des Ganzen ift der konkret zu vergegenwärtigen weiß, worauf der Verf.
zeitliche Lohn. Wie die Wurzel, fo die Flucht'. (!!!) zielt. Denn Beifpiele fehlen in den Ausfuhrungen faft
Bezieht Verf. etwa keinen Gehalt? Zum Schluffe wird ganz, wo fie nötig find; fie häufen fich da, wo fie allen-
gegenüber einfeitiger Höherftellung des Ordensmanns auch j falls fehlen könnten. Auch in anderer Beziehung werden
tür den Priefterftand der Anteil an der Vollkommenheit dem Lernenden unentbehrliche Hilfen verfagt. In § 10
der ev. Räte in Anfpruch genommen. ,Der Predigtftoff der PLvangelien'erfahren wir nichts über

Wenn zugegeben wird, daß im 1. Abfchnitt des II. 1 die homiletifche Behandlung der Feftgefchichten und

Teils die Erörterung über den freien Spielraum fittlicher
Möglichkeiten auf ein Problem den Finger legt, das auch
bei uns erneuter prinzipieller Bearbeitung bedarf (Pflichten

ihre religiöfe Bedeutung; der ganze § 19 handelt zwar
über dieFeftpredigt, aber das Vermißte wird nicht durch
die Vorfchrift erletzt, daß der erfte Fefttag Chriftus für

— Güter-Ethik), fo ift damit erfchöpft, was uns an diefer uns, der zweite Chriftus in uns (in uns geftorben? in

Schrift wirklich lehrreich fein kann. Alle weitere Kritik
und Antikritik trifft nicht, weil der Differenzpunkt viel
tiefer liegt, in der Grundvorausfetzung, dem dennoch
vorhandenen verfteckten Dualismus, durch den Ziel und
Wefen der ganzen Sittlichkeit altenert wird (finis superex-
cedens). Das fchlägt zumal immer wieder durch in der
Beurteilung der Sinnlichkeit im engeren Sinn. Sie ift
der niederfte Genuß. Die Keufchheit ift nur = Enthaltung
von dclcctatio vencrea, alfo die Keufchheit vor der Ehe
unvollkommene Keufchheit. Primär ift die Ehe nur zur
Erhaltung des Gefchlechtes da. Erft die Virginität befähigt
zu höherem, berufsmäßigen Verkehr mit Gott. Und
in letzterem Begriff liegt wiederum eine verzerrende Kon-
fequenz des Grundfehlers. Was hilfts, in I. 1. den Vorwurf
doppelter Sittlichkeit abzuweifen, wenn doch der
Begriff fupererogatorifcher Leiflungen aufgenommen wird?

uns auferftanden? — ganz unbiblifche Vorftellung!) zu
verkünden habe. In § 11 ,Der aportolifche Predigtftoff
würde eine Ausfuhrung über den Unterfchied der Lehrbegriffe
, über die apoftolifchen Schriftbeweife (befonders
des Paulus), über den Unterfchied von Theologie und
Religion in der Dogmatik der Apoftel, über den normativen
Gradunterfchied in der apoftolifchen Ethik (z. B.
I. Kor. 7) am Platze gewefen fein.

Das Werk gliedert fich in drei Hauptteile: I. Grund-
und Vorfragen (S. 1— 40), 2. Homiletifche Stofflehre
(S. 41—138), 3. Homiletifche Formlehre (S. 139—234).
Die Gefchichte der Predigt fchließt Kl. aus der Homiletik
aus, empfiehlt jedoch am Schluß des erftens Hauptteils
ihr Studium, weil das Beifpiel kräftiger fei als die
Regel; ferner damit der Prediger aus den verfchiedenen
Predigerindividualitäten den ihm kongenialen Meifter finde,