Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1908 Nr. 9

Spalte:

275-276

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnedermann, Georg

Titel/Untertitel:

Das Wort vom Kreuze, religionsgeschichtlich und dogmatisch beleuchtet 1908

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

275

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 9.

276

Schnedermann, Prof. D. Georg, Das Wort vom Kreuze,

religionsgefchichtlich und dogmatifch beleuchtet. Ein
Beitrag zur Verfländigung über die Grundlagen des
chriftlichen Glaubens. Gütersloh, C. Bertelsmann 1906.
(74 S.) 8° M. 1.20

— ,0hne des Gefetzes Werk'. Eine Anleitung zu felbftän-
digetn gefchichtlichen Verfländnis des Neuen Tefta-
ments in Vorträgen und Auffätzen. Leipzig, Dörffling
& Franke 1907. (V, 299 S.) gr. 8° M. 4.50;

geb. M. 5.50

In der zuerft genannten kleinen Schrift bietet Sehn,
eine Zufammenfaffung vieler Einzelfludien, die er fchon
vorgelegt hat, und zugleich eine Art von Schutzfchrift
für fein methodifches Verfahren in der Glaubenslehre,
die er zu veröffentlichen begonnen. Sehn, ift einer von
den Theologen der Gegenwart, die es fchwer finden,
fich zur Geltung zu bringen. Ich bin feiner Entwicklung
bezw. feiner theologifchen Schriftftellerei nicht fo gefolgt,
daß ich fagen könnte, ob und wie weit ihm Unrecht
gefchehen ift. Die vorliegende Schrift kann ich nur mit
voller Uberzeugung als beachtenswert und in mancher
Bezeichnung fein und bedeutfam bezeichnen. Sehn, be-
anfprucht nicht fchlechtweg als ein Theolog mit eigenartiger
Methode zu gelten, fondern nur als einer, der in
gewiffer Weife neue Wege verfuche; er tritt hier keineswegs
mit Klagen über Verkennung und Zurückfetzung
auf, fondern in der ausgeglichenen Stimmung des älteren
Mannes, der nur noch für feine Sache ftreitet und für
fie Gutes erwartet, wenn es ihm gelinge, Aufmerkfamkeit
Zugewinnen. Ihm el,s hat in einer Serie von Auffätzen über
die verfchiedenen Strömungen in der neueren Dogmatik
(NkZ 1905) auch ihm eine Sonderdarfteilung gewidmet.
Es handelt fich bei Sehn, um den Verfuch einer reli-
gionsgefchichtlich-pfychologifchen Behandlung des chriftlichen
Glaubens, die eben fo fehr die erkennbare wirkliche
Begründung diefes Glaubens in hiftorifchen Männern
und Gefchehniffen, wie in immer neuen, jeweils gegenwärtigen
Erfahrungen berückfichtigt. Das Eigentümliche
liegt in der Nüance, einer Vermittlung zwifchen alt-
erlangifcher und wohlberatener hiftorifch komparativer
Theologie. Seine oben vorab bezeichnete (ja fchon
nicht mehr neuefte) Publikation ift der Beachtung der
Exegeten und Dogmatiker — ich muß mich den erfteren
gegenüber ja mehr zurückhalten, als den letzteren —
ficher wert. Sie fpeziell zu analyfieren, ift doch bei
ihrem komprimierten Charakter hier kaum möglich; es
würde zu viel Raum verlangen, wenn ich eine genauere
Inhaltsangabe verfuchen wollte. Sch. geht zunächft rein
exegetifch und biblifch-hiftorifch vor. Der ).6yoq rov
OravQov, konkret fo wie Paulus den Ausdruck in
1. Kor. 1,18 faßt, ift ihm der grundlegende Gefichts-
punkt alles Verftändniffes des ,Chriftentums' im Verhältnis
zu anderen ,Religionen', auch alles deffen, was
Jefus feiner Gemeinde je und je bedeutet hat bezw. bedeuten
kann. Paulus greift auf dasErlebnis zurück, daß
die Juden Jefus als.Meffias nicht anerkannten, vielmehr
durch Richterfpruch zum Verbrecher ftempeln ließen.
Das öxavöaXov des Kreuzes war den Juden die Tatfache,
daß derjenige, der der Meffias fein wollte, das Sabbatgebot
und damit im Zentrum überhaupt das ,Gefetz' als
ungültig erwiefen hatte. Aber in Wahrheit hatte Jefus,
indem er das ,Kreuz' für fein Verhalten zum Gefetze
auf fich nahm, vielmehr dem rechten Sinne der Selbft-
bezeugung Gottes, wie fie Israel urfprünglich gefchenkt
war, zum Siege verholfen, fie den ,volklichen' Schranken
entnommen. So war das Kreuz in Wirklichkeit freov
övva/itq und bleibt es als hiftorifcher Hintergrund oder
Rechtfertigung für alle die ebenfo allgemein menfeh-
lichen wie inhaltlich beftimmten, letztlich nur offenbarungsmäßig
gegebenen, eindeutigen Erkenntniffe und Erlebniffe,
die von Chriftus ausgehen. In vierzehn Punkten formuliert
Sehn, fchließlich den Ertrag feiner Erörterung,
nicht ohne fich, fo weit ich fehe mit vollem Rechte,
gegen allerhand Fehldeutungen feiner wahrlich nicht
unkirchlich gedachten Theologie zu falvieren. Den Schluß
machen Andeutungen über den Gedanken einer Erlöfung
und Verföhnung durch das Kreuz des Meffias. Diefe
Lehre bedürfe einer .völlig neuen Durcharbeitung', die
aber nicht ,von heute auf morgen' und ,überhaupt nicht
in nächfter Zeit abfchließend, noch auch von einem Einzelnen
zu vollziehen' fei.

Das zu zweit obengenannte Werk umfaßt zwölf
Auffätze und Vorträge, die Sehn, im Laufe von etwa
fünfundzwanzig Jahren veröffentlicht hat, und die zeigen
follen, wie fich bei ihm die .Verfelbftändigung feines
chriftlich-theologifchen Denkens von einer gewiffen Gebundenheit
durch überlieferte Infpirationsanfchauungen
zu einer gefchichtlich freieren, aber in Vertrauen und
Liebe ftetig zunehmenden Betrachtung der heiligen Schriften
und der chriftlichen Urgefchichte' fchrittweife vollzogen
hat. Die Titel find: I. Das Judentum der erften
Makkabäer-Bücher, II. Aus der Welt der jüdifchen Gedanken
, III. Etwas über Jefu Auftreten und feine Gedanken
vom Reiche Gottes, IV. Jefus und der Pharifäis-
mus, V. Das Ärgernis des Kreuzes, VI. Des Apoftels
Paulus Lehre von dem Ärgernis und der Torheit des
Wortes vom Kreuze, VII. Das Bekenntnis der Chriften-
heit in der Zeit der Apoftel, VIII. Die alte Synagoge
und die chriftliche Verkündigung, IX. Paulus und der
Pharifäismus, X. Die brennende Frage in der apoftolifchen
Chriftenheit und ihre Löfung, XI. Die letzte Reife des
Apoftels Paulus nach Jerufalem, XII. Pauli Miffionsarbeit
und Miffionsgrundfätze. —■ Es ift meift ohne weiteres
klar, wiefern diefe Auffätze unter dem Titel zufammen-

j gefaßt werden können, den Sehn, für das Buch gewählt
hat. Auch wiefern fie, gemeffen an der in dem erft-
benannten Buche programmatifch fkizzierten Gefamt-
auffaffung feines chriftlich-theologifchen Denkens, für den

I Verf. charakteriftifch find.

Halle a. S. F. Kattenbufch.

j Lutz, Pfarrkurat Dr. Franz Jofeph, Die kirchliche Lehre von
den Evangelifchen Räten mit Berückfichtigung ihrer fitt-
lichen und fozialen Bedeutung. Paderborn, F. Schö-
ningh 1907. (VIII, 400 S.) gr. 8° M. 8—

Diefe Würzburger Promotionsfchrift, von tüchtiger
Belefenheit zeugend und fympathifch durch die noble
Ruhe und Höhe ihres Tons, ftellt fich bei aller Wiffen-
fchaftlichkeit und logifchen Gefchicklichkeit ihres Verf.
dar als ein im Grunde recht gefchichtsunkundiger und
lebensfremder Panegyrikus auf dies Bravourftück katho-
lifcher Ethik. Der erfte Teil gibt nach einer Prinzipienlehre
eine biblifche und patriftifche Begründung der drei
consilia, der zweite legt ihre fittliche und foziale Bedeutung
dar. Auch hier enthalten der 1. und 2. Abfchnitt
prinzipielle Erörterungen über die Räte im Verhältnis
zur pflichtmäßigen Stellung zu Gott und Welt. Der
erftere beginnt mit einer Widerlegung des prot. Vorwurfs
äußerlicher Gefetzlichkeit und Werkheiligkeit, denn
der kath. Ethik ift überall die abfolute Hingabe an Gott
oberftes Prinzip. Umgekehrt enthalte die Rechtfertigung
nach ev. Lehre, als bloße fubjektive Heilsgewißheit, keine
I direkte Beziehung zu fittlicher Tätigkeit. Man kenne
1 Chriftus nur als Vorbild, nicht die lebendige Vereinigung
mit ihm(l). — Es wird nun die Möglichkeit Überpflicht-
mäßiger Handlungen erörtert. Die prot. Anfchauung,
die keinen gebotefreien Bereich kennt, übertreibe die
I Betonung der individuellen Berufung, werte die Sittlichkeit
einfeitig, verabfolutiere die einzelne fittliche Handlung.
Aber der freie Spielraum fittlicher Möglichkeiten, den
das objektive. Gefetz darbietet, laffe fich nicht in individuelle
Verpflichtungen auflöfen, und andrerfeits erhalte