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Ausgabe:

1908 Nr. 9

Spalte:

264-266

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Karl

Titel/Untertitel:

Die Eßlinger Pfarrkirche im Mittelalter 1908

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 9.

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Frauen in der pofitiven Kunde, daß Chriftus in Galiläa
gefehen worden fei, die Beftätigung des Schluffes fehen,
den fie fchon am dritten Tage aus der negativen Tatfache
des leer befundenen Grabes gemacht hatten: er
muß auferftanden fein. Den Jüngern ihrerfeits, wenn
ihnen diefer Befund gemeldet wurde, war damit eine willkommene
Vorausfetzung des ihnen an fich fchon infolge
der Erfcheinungen feftftehenden Glaubens an die Aufer-
ftehung geliefert, die fie fich jetzt allerdings realiftifcher,
leibhaftiger vorftellen mußten, als fo lange es fich bloß
um Manifeftationen eines in den Himmel erhobenen Wefens
handelte. Eben damit war nun aber auch die Datierung
der Auferftehung generiert: f.e mußte am dritten Tag ftatt- Muller' 1 rof- Dr" Karl< Die Eßl,n9er Pfarrkirche im Mittelgehabt
haben, wenn auch die galiläifchen Erfcheinungen alter. Beitrag zur Gefchichte der ürganifation der

greiflicher Zurückhaltung vorzutragen; fo wenn Jofeph
von Arimathäa als Repräfentant des Synedriums im Ge-
horfam gegen Deut. 21, 22. 23 gehandelt haben foll
(S. 173 f.), oder wenn die Weiber bezüglich des Grabes,
darin von ihm der Leichnam geborgen wurde, einer Ge-
fichtstäufchung unterlegen fein follen, fo daß fie am Ofter-
morgen an das falfche geraten wären (S. 249 h 253).
Hier kann in Wirklickeit alles immer noch anders zugegangen
fein, als wir jetzt zu erraten vermögen.

Baden. H. Holtzmann.

ohne Zweifel erft fpäter fallen. So konnte das ,auferftanden
(alfo S.28 f. nicht etwa: ,gefehen von Petrus' ufw.) am dritten
Tag' fchon von Paulus als feftftehender Beftandteil der
urchriftlichen Überlieferung übernommen werden (S. 19I1.
254), und erklärt fich das Datum auf einem faft unvermeid-

Pfarrkirchen. (Sonderabdruck aus den Würtembergi-
fchen Vierteljahrsheften für Landesgefchichte. Neue
Folge XVI, 1907.) Stuttgart, W. Kohlhammer 1907.
(VI, 90 S. m. 1 Plan.) gr. 8° M. 1.50

lieh gewiefenen, jedenfalls viel einfacheren Wege, als wenn 1 Ein Stück kirchengefchichtlicher Kleinarbeit nennt
man erft aus dem Alten Teftament die Mt. 12.40 ganz ver- j der Verfaffer felbft die fehr gründliche und lehrreiche
unglückt angezogene Jonasgefchichte oder die im ganzen Studie, welche nicht nur über Verhältniffe Klarheit
Urchriftentum überhaupt keine Rolle fpielenden, erft von ' fchafft, ,mit denen man in der Reformationsgefchichte

der neueren Theologie als Beweisftellen verwerteten Worte
Hof. 6,2. II Kön. 20,5 (S. 31. 255) oder gar noch weiterher
aus der fynkretiftifchen Mythologie die Sagen von Attis,
Adonis, Ofiris herbeiholen wollte (vgl. S. 196 f. 261 f. und

Schritt für Schritt zu tun hat', fondern aufzeigen will,
,wie man im Rahmen einer kleinen lokalgefchichtlichen
Entwicklung die großen gefchichtlichen Linien und Erfcheinungen
fefthalten und zugleich weiter beleuchten

Schmiedel S. 18). Vollends nur ganz beiläufig (S. 196) und fo der großen Forfchung dienen, der kleinen aber
erwähnt unfer Verf. den jüdifchen Glauben an das drei- | ihre Enge und Zufälligkeit nehmen' könne. Denn die
tägige Nahebleiben der Seele beim Leichnam, worauf j Lokalgefchichte wirkt nur dann kleinlich und öde, wenn
Schmiedel (S. 16f. 27) großes Gewicht legt, Bouffet (Die 1 fie das Einzelne wahllos nimmt und vollends aus feinem
Religion des Judentums2, S. 342) wenigftens mit .vielleicht' Zufammenhang reißt. Sie kann dagegen die große Ge-
verweift, ohne daß übrigens beide Forfcher bezüglich der I fchichte vortrefflich illuftrieren, wenn fie fich mit ihr in
Nachweisbarkeit jener Vorftellung zur neuteflamentlichen I Verbindung hält'. Diefe Worte verdienen weithin BeZeit
übereinftimmender Anficht wären. j achtung im Kreife der ortsgefchichtlichen Forfcher, hat
In dem zwifchen Schmiedel und mir fchwebenden Pro- j doch Müller ganz recht mit der Bemerkung, daß wir
zeß fpielt eine Hauptrolle die Frage, wie fich bei Paulus i keinen Überfluß von Darftellungen von Pfarrkirchen in
das Verhältnis des begrabenen zum auferftandenen Leibe 1 ihrer Entwicklung haben, wie er denn in feinem ,Luther
ftelle. Je nach ihrem Ausfall müßte Paulus für ein leeres ' und Karlftadt' fogar den Mangel einer Gefchichte der

Grab eingetreten oder gleichgültig dagegen gewefen fein
(S. 241 f.). Gerade diefes Problem befchäftigt fortwährend
(feit S. 20f. bis S. 266f.) unfern Verf., und wie Schmiedel fo
fucht auch er eine Löfung mit Hilfe der fyrifchen Baruch-
Apokalypfe 49—51 zu gewinnen,wonach die Toten zwar bei
der Auferftehung ihren vorigenLeib mitbringen, im weiteren
Verlaufe derfelben aber entweder zu grauenhafter Häßlichkeit
oder zu himmlifcher Schönheit fortfehreiten werden
(S.24f.). Während alfo Schmiedel diefe Stelle als Beleg dafür
benutzen kann, daß die gemeinjüdifche Vorausfetzung, die
er auch dem Paulus zuerkennt, auf Erweckung des begrabenen
Leibes gehe (S. 23), hebt mit gleichem Recht
unfer Verfaffer, der als paulinifche Vorftellungsform die
,Transfubftantiation' geltend macht (S. 16 f. 22 f. 220, aber
vgl. auch Schmiedel S. 24 f.), den Unterfchied hervor, daß
die Verklärung bei Paulus als ein mit dem Moment der
Auferftehung zufammenfallender, im Esrabuche dagegen
und wohl überhaupt in der jüdifchen Theologie als ein
der Auferftehung nachfolgender Prozeß gedacht fei

Wittenberger Kirchen beklagen mußte. Die ältefte Gefchichte
Eßlingens und feiner Kirche liegt zwifchen dem
Teftament Fulrads von S. Denis 777 und der Schenkung
Friedrichs II. an Speier 1213. Müller nimmt an, daß
das alte Eßlingen Übereßlingen, die Stadt aber eine
jüngere Siedlung ift, die fich um die von Hafti an Ful-
rad gefchenkte Vitaliszelle und ihren Markt bildete. Für
diefe Frage wäre die Feftftellung des Heiligen der Kirche
von Obereßlingen nach den Siegeln der Pfarrer notwendig
. Sodann wäre zu unterfuchen, woher Hafti den
Leib des Confeffors Vitalis bekommen haben konnte.
Dann ift die Reihe von Zellen auf dem fpäter ftaufifchen
Gebiet und feiner Nachbarfchaft, Zell OA Eßlingen, OA
Göppingen, OA Kirchheim zu beachten. Die Frage, ob
Eßlingen im 12. Jahrhundert ftaufifches Hausgut, oder
herzogliches, oder königliches Gut war, beantwortet fich
mit Hilfe der von Müller überfehenen Nachricht,
daß Odo von Deuil, der fpätere Abt von S. Denis
und Begleiter Ludwigs VII. von Frankreich, auf dem

(S. 26 f. 35 Q- Daß nun a°er felbft von Paulus, für den j zweiten Kreuzzug von Konrad III. und Herzog Friedrich
der Auferftandene zugleich Geift geworden ift, beein- j von Schwaben (Rotbart) die Rückgabe von Eßlingen
flußte Schriftfteller, wie der dritte und der vierte Evan- 1 und Hohkönigsburg bei Schlettftadt und S. Hippolyt-
gelift, die Identität der Leiblichkeit vorausfetzen, erklärt I S. Pilt forderte. (Stälin, Würtb. Gefch. 2, 82.) Schlett-
fich unferem Verf. aus früh anhebender Wirkfamkeit anti- | ftadt und jene früher Staufen genannte Burg war ftau-

fifcher Hausbefitz (Stälin 2, 237); S. Pilt gehörte früher
ebenfo St. Denis, wie Eßlingen, das auf diefelbe Weife
an die Staufen gekommen fein wird, wie S. Pilt. Für
den ftaufifchen Hausbefitz fpricht auch der Kirchfatz in
Obertßlingen und Zell, der den ftaufifchen Minifterialen
von Rechberg und StauLneck gehörte, und beweift, daß
Eßlingen, Obereßlingen und Zell urfprünglich ein Ganzes

doketifcher Motive (S. 221 f. 226), welchen auch der noch
rein vifionär lautende Schluß des Markus zum Opfer gefallen
fei (S. 223 f.), fo daß alfo fchließlich das apokryphe
Petrusevangelium als direkt doketifches Werk einfach die
fpätere Vorftellung vom Auferftandenen auch in das ge-
fchichtliche Leben Jefu felbft zurückgetragen hätte (S. 222.
232). Während die Argumentation im ganzen mit Ge

fchick und Sicherheit geführt wird, hat der Verf. wohl , bildeten.

getan, gewiffe Vermutungen — ohne folche geht es auch ! In den folgenden Abfchnitten befpricht Müller den
weder bei mir noch bei Schmiedel ab — nur mit be- ! Übergang der Eßlinger Pfarrkirche an das Domkapitel