Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1908 Nr. 9

Spalte:

262-264

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lake, Kirsopp

Titel/Untertitel:

The Historical Evidence for the Resurrection of Jesus Christ 1908

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

261

Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 9.

262

als eine Dublette zu 8,27—9,1 (S. 32 f. 38:.) immerhin
Beachtung verdienen, wogegen die Streichung von Mc.
14,62 aus der Gefchichte fchweren Bedenken unterliegt,
zumal wenn das einfache ,Ich bin es' einen geglätteten',
das ,von nun an' Mt. 26,64 = Lc. 22,69, das doch Mt. auch
23,39. 26,29 einfetzt und im Unterfchied von den Seitenreferenten
noch viermal hat, den urfprünglichen Text
darftellen foll (S. 27 f.). Der eigentliche Streitpunkt liegt
aber erft in den Fällen dritter Ordnung, d. h. da, wo der
Menfchenfohn wirklich in feiner danielifchen Stellung als
,efchatologifche Figur' auftritt. Da follen zwar die Evan-
geliften an Jefus, er felbft aber, wofern die betreffenden
Ausfprüche nicht wie Lc. 17,22. 18,8 erfunden find, nur
an eine, von ihm verfchiedene, Gericht und Gottesreich
inaugurierende, alfo apokalyptifche Perfon gedacht haben
(S. 29 t. 40 f.). An diefem Grundmißverftändnis hängt dann j
alle weitere Beteiligung, die man Jefu an den Zukunfts-
ereigniffen zufchreiben zu muffen geglaubt hat (S. 37),
und fo fällt der Menfchenfohn namentlich auch in allen
jenen Leidensweisfagungen, in welchen er nach der entgegengefetzten
Auffaffung vielmehr feinen ficherften und
das ganze Verftändnis diefer Selbftbezeichnung im Sinn
des Meffianismus Jefu bedingenden Platz hat (S. 34 f-)-

Gewiß verdient es Anerkennung, wenn der Verf.
ungeachtet der bekannten fpitzigen Schneide feiner kri- J
tifchenOperationen der Gefchichtlichkeit des meffianifchen
Auftretens Jefu nicht zu nahe treten will. Wagt er doch j
fogar eine Konftruktion des feit dem Tode des Täufers
keimenden und mit dem Einblick in das unvermeidliche
Todesverhängnis vollends zum Durchbruch gekommenen
Meffiasbewußtfeins (S. 41 f.). Diefelbe hat ein gleiches
Recht mit fo manchen anderen Verfuchen, ein Rätfei zu
löfen, bezüglich deffen wir es über unumgängliche Vermutungen
nicht hinausbringen können. Mit gutem Recht 1
findet er jedenfalls den Wendepunkt in dem Auftritt
bei Cäfarea Philippi, deffen Bedeutung richtig erkannt |
und gegen maßlofe Verdrehung feilgeftellt wird (S. 43 f.).
,Daß Jefus der Meflias ift, darüber läßt er feine Jünger
nicht im Zweifel. Aber er ift es nicht im gewöhnlichen,
populären, fondern in einem befonderen Sinne' (S. 44).
Ganz auch meine Meinung, nur daß ich nicht einfehe,
warum diefer ,befondere Sinn' nicht nach Anleitung der
69 fynoptifchen Stellen, die den Menfchenfohn = Meffias
betreffen, fondern vielmehr nach der einzigen, ifolierten
Stelle beftimmt werden folle, die Lc. 22,37 auf Jef. 53 weift.
Diefelbe erklärt fich vielmehr fo ficher aus der Hermeneutik
der nach Schriftbeweifen fuchenden Urgemeinde,
daß unfer Verf. felbft fie lo wenig als die höchftens daneben
noch in Betracht kommenden ,Viele' Mc. 10,45 und
14,24 (Jef. 53,10—12?) geltend macht; denn die wirklich
beigebrachten Belegftellen (S. 43) haben keine weitere
Beziehung auf das prophetifche Leidensprogramm. Zu
den wenigen Verfehen, die flehen geblieben find, gehört
S. 15 Mtth. 4 ftatt 19 und S. 43 Ährenpflücken ftatt Falten.

Baden. H. Holtzmann.

Robertson, Prof. A. T., M. A., D.D., Epochs in the Life

Of Jesus. A Study of Development and Struggle in
the Messiah's Work. New York, Ch. Scribner's Sons
1907. (XI, 192 p.) 80 $ 1 —

Man erwarte angefichts des Titels nicht etwa einen
Beitrag zu der Kontroverfe, ob und inwieweit auf Grund
einer foliden Quellenkritik Entwickelungsftufen im öffentlichen
Auftreten Jefu, fich ablöfende Stationen auf der Fort-
fchrittslinie feines Meffiastums, wechfelnde Stimmungen,
Unterfchiede oder gar Gegenfätze zwifchen Anfang und
Ende oder dergleichen etwas feftzuftellen feien. Was der
Verf. gibt, ift ganz einfach ein im populären Stil gehaltenes
, auf Grund einer harmlofen Quellenkritik durch
Ineinanderfchieben fynoptifcher und johanneifcher Berichte
zuflande gekommenes Leben Jefu im traditionellen

Aufriß und allerdings mit Betonung einiger Wendepunkte.
Brennende Fragen wie nach dem Sinn des von Jefus vertretenen
Meffianismus erfahren die einfachfte, keine
weiteren Schwierigkeiten mehr kennende Löfung: nicht
ein pharifäifch-politifcher, fondern ein geiftiger, ein reli-
giöfer Meffias, ein Sohn Gottes von Geburt an. Gern
glauben wir, daß den erften Zuhörern diefer acht Vorträge
damit gedient war, fofern ihnen eine Ahnung
davon aufgehen konnte, wie der ihnen vorzugsweife als
dogmatifche Größe bekannte Jefus Chriftus fich unter
einem hiftorifchen Gefichtspunkt ausnimmt. Für unfere
einheimifche Schätzung hat fich der Profeffor des ,sou-
thern baptist theological seminary' in Louisville (Kon-
nektikut) ein größeres Verdienft dadurch erworben, daß
er in dem unter dem Titel , The Reviezv and Expositor
erfcheinenden Organ jenes Seminary fchon feit Jahren bedeutendere
Erfcheinungen auf dem Gebiet der neutefta-
mentlichen Forfchung zur Anzeige bringt und dadurch
das lefende Publikum mit vielem bekannt macht, was bei
uns vorgeht, auch wenn es dem dort beftehenden Ge-
fichtskreis recht erheblich entwächft.

Baden. H. Holtzmann.

Lake, Prof. Kirsopp, M. A., The Historical Evidence for the
Resurrection of Jesus Christ. London, Williams & Nor-
gate 1907. (VIII, 291 p.) gr. 8° s. 5 —

Der aus der Oxforder Schule hervorgegangene Nachfolger
van Manens auf dem Leidener Lehrstuhl befchenkt
uns mit einer neuen Beleuchtung und Beurteilung eines
fchon unzähligemal durchfurchten Arbeitsfeldes, auf
welchem ,ein Neues zu pflügen' kaum noch möglich er-
fcheinen follte, gleichwohl aber noch immer verfucht
wird. Zwar fehlt es ihm keineswegs an Verftändnis und
Intereffe für die pfychologifchen, religiöfen, metaphyfi-
fchen Probleme, zu welchen Stellung zu nehmen jeder
Verfuch einer Löfung der Auferftehungsfrage einlädt, und
mehr als einmal fcheint der Verf. felbft mit persönlicher
Überzeugung dabei beteiligt zu fein. Stellt er doch gelegentlich
die Möglichkeit einer neuen Phafe in Ausficht,
in welche die ganze Unterfuchung über das Wiederer-
fcheinen Geftorbener eintreten könnte (S. 276). Zurzeit
aber ftelle fich die Aufgabe auf methodifch korrekte Erledigung
einer lediglich hiftorifchen Frage, die fich für
feine Auffaffung zerlegt in die drei Fragen nach Sinn
und Inhalt der zu Gebote flehenden Dokumente, nach
der Nachweisbarkeit einer älteften, von den fpäteren
Zeugen vorausgefetzten und apologetifch, polemifch,
phantaftifch weiter bearbeiteten Tradition und nach dem
aus einer folchen Abhör der Zeugenftimmen fich möglicherweife
ergebenden wirklichen Tatbeftand.

Das erfte Gefchäft wird auf Grund einer Quellenkritik
, wie fie heutzutage keiner befondern Rechtfertigung
mehr bedarf, forgfältig und einwandfrei erledigt. Daraus
folgt die durch das ganze Buch feilgehaltene und fiegreich
erwiefene Urfprünghchkeit des Markusberichtes, alfo we-
fentliche Gefchichtlichkeit feines Kernes, des noch ohne
Spuren apologetifcher Tendenz vermeldeten (S. 194 f.)
Ganges der Frauen nach dem Grab mit dem Befund
der Leerheit (S. 198 f.). Verf. kennt noch nicht meine
Verteidigung derfelben Pofition (Theologifche Rundfchau
1906, S. 79—86. 119—132) und natürlich ebenfo wenig
ihre Beftreitung durch Schmiedel (Proteftantifche Monatshefte
1907, S. 12—29), Vifft aber mit mir zufammen in
der, wie ich glaube, allein nahe liegenden und fich geradezu
aufdrängenden Annahme, daß die Frauen ihr
Schweigen 16,8 (auch nach Schmiedel S. 26 ift natürlich
ein dauerndes gemeint) erft gebrochen haben, als die
Jünger aus Galiläa, wo fie die Chriftuserfcheinungen erlebt
hatten, nach Jerufalem zurückgekehrt waren, um
dafelbft ihre Ei fahrungen zu verkündigen (vgl. S. 84 f.
79. 190. 193. 199. 208 f. 238. 246 f.). Infolge des Aus-
I taufches der beiderfeitigen Erfahrungen mußten jetzt die

*