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Ausgabe:

1908 Nr. 7

Spalte:

218-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mezger, Paul

Titel/Untertitel:

Das Kreuz Christi und das moderne Denken 1908

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 7.

218

Schrift und den Mißbrauch der Bibel als eines Orakelbuches
und kafuiftifchen Gefetzbuches (vgl. befonders
S. 143fr. 171 f. 194. 206fF.). Derartige Ausfuhrungen, von
einem Theologen wie K. flammend, deffen ,pofitiver'
Standpunkt keinem Verdacht unterliegt, können in vielen
konfervativ-kirchlichen Kreifen heilfam wirken, wo gleichartige
Äußerungen anderer Theologen von vornherein
als ,ungläubig' zurückgewiefen werden würden. K. kann
von feinem Standpunkte aus der literarkritifchen und ge-
fchichtlichen Forfchung an den alt- und neuteßamentlichen
Schriften Bewegungsfreiheit laffen, ohne ängftlich um eine
fundamentale Erfchütterung des Chrißenglaubens beforgt
zu fein. So fehr er auch davon überzeugt iß, daß diefe
ganze wiffenfchaftlich - theologifche Arbeit nicht den
eigentlichen Kernpunkt betrifft, auf den es dem Chriften
bei der h. Schrift ankommt, fo erfcheint ihm diefe Arbeit
doch auch indirekt wertvoll für die rechte Schriftbenutzung
. Indem ,die hißorifch-kritifche Arbeit an der
Bibel unerbittlich das Vorurteil zerftört, daß in ihr ein
Wunderbuchftabe für die Offenbarung bürge' (S. 206),
drängt fie die Chriftenheit dazu, fich auf die wahren
Gründe des Offenbarungsanfehens der Schrift zu befinnen.

Auch dem kann man zuftimmen, daß K. das befon-
dere und fortdauernde Anfehen der Bibel für die Kirche
darauf gründet, daß fie die Urkunde der die gefchicht-
liche Gottesoffenbarung bezeugenden, kirchengründenden
Predigt iß. Hier tritt nur die bedenkliche Schwierigkeit
ein, daß K. das normative Anfehen diefer kirchengründenden
Predigt in der Bibel zur Geltung bringen will,
ohne die apoßolifche Predigt von Chrißo deutlich dem
Evangelium des gefchichtlichen Jefus Chrißus felbß als
höchßem Beurteilungsprinzip zu unterßellen. Wer ohne
diefes Beurteilungsprinzip die h. Schrift ließ und verwertet,
verfällt nur zu fchnell der Gefahr, fei es geleitet durch
Tradition, fei es geleitet durch fubjektive Neigungen,
einige Elemente der apoßolifchen Predigt einfeitig zu betonen
und darüber andere wichtige Elemente derfelben zu
vernachläffigen und zu vergeffen. Diefer Gefahr iß auch
K. felbß erlegen, wenn er gegenüber der einen Erkenntnis
, daß Chrißus als der geßorbene und auferßandene der
Gegenßand der apoßolifchen Predigt und die Erfüllung der
altteßamentlichen Offenbarung iß, die andere Erkenntnis
ganz in den Hintergrund fchiebt, daß nach dem apoßolifchen
Zeugnis auch die Predigtwirkfamkeit Jefu mit zu
feinem Heilandswerke gehörte und zwar als ein fehr we-
fentliches Stück diefes feines Werkes. K. geht der Würdigung
der Offenbarung-bedeutung des predigenden gefchichtlichen
Jefus und feines Evangeliums entweder fiill-
fchweigend aus dem Wege, oder fchiebt fie kurz mit
einer fofchen Bemerkung zur Seite, wie auf S. 154: ,Die
Offenbarung, daß Gott Liebe fei, hat fich an feine [Jefu]
Zeugen und Gläubigen Überzeugenderund überwindender in
feinem Handeln und Erleben als in feiner „Lehre" vollzogen.
Zum Belege genügte fchon allein, daß man im ganzen
Neuen Teßamente keine einzige Predigt über einen Text
aus Jefu Reden findet'. Auch wenn es im Neuen Teßamente
nicht den I. Johannesbrief gäbe, der m. Er. nichts
anderes iß und fein will, als eine Predigt über das, was
,Er', Jefus, verkündigt hat (vgl. I Joh. I 5. 2if. 25. 311. 23.
421), dürfte man diefes Urteil K.s als fehr kurzfichtig bezeichnen
. Denn die ganze apoßolifche Verkündigung, auch
fofern fie die Meffianität Jefu und die Heilsbedeutung feines
Todes und die Herrlichkeit feiner Aufcrweckung zum
Gegenßande hat, ßellt fich dem fchärfer Sehenden als
eine großartige Nachwirkung und Weiterbildung der eigenen
Heilspredigt Jefu dar, — gewiß nicht als eine Nachwirkung
nur feiner Predigt mit Ausfchluß des Eindruckes
feiner ganzen Perfönlichkeit, feiner Handlungen, feiner
Erlebniffe, aber doch als eine Nachwirkung wefentlich
auch feiner Predigt. K., der doch fonß das ,Gnaden-
mittel des Wortes' wohl zu fchätzen weiß, unterfchätzt
die Bedeutung diefes Gnadenmittels im Gebrauche Jefu
felbß.

Aber freilich, wenn dem offenbarenden Evangelium
Jefu die ihm gebührende Bedeutung beigelegt wird, fo
tritt die Frage nach dem gefchichtlichen Urkundenwerte
der biblifchen Bücher wieder in eine andere Beleuchtung,
als welche ihr K. zufchreibt. Denn das Evangelium Jefu
felbß liegt uns ja nicht fo unmittelbar vor, wie die apoßolifche
Predigt über Chrißus. K. betont nun gern die
Ausfichtslofigkeit des Bemühens, durch wiffenfchaftlich-
kritifche Erforfchung der als geschichtliche Quellen aufgefaßten
neuteßamentlichen Schriften zu einer einigermaßen
geficherten Erkenntnis des gefchichtlichen Jefus
zu kommen. ,Über das Leben Jefu hat man keine Urkunden
nach derjenigen Art, wie man fie für zuverläffige
Biographien fordert' (S. 92). Aber für den Zweck der
Beurteilung der apoßolifchen Heilspredigt, für den Zweck,
den gefchichtlichen Jefus felbß als oberße Offenbarungs-
inßanz für das Chrißentum geltend zu machen, kommt
es ja' zum Glück auf eine ,zuverläffige Biographie' Jefu
gar nicht an, fondern nur auf eine Erkenntnis der wefent-
lichen Punkte des von ihm gepredigten Evangeliums.
Wer da, wo es fich um die apoßolifche Verkündigung von
Chrißo handelt, fo wohl zwifchen dem Wefenthchen und
Unwefentlichen zu unterfcheiden weiß, wie K., dem dürfte
es auch nicht fchwer werden, das Wefentliche des Evangeliums
Jefu, das aus den verfchiedenen evangelifchen
Quellenberichten fehr deutlich herauszuerkennen iß, von
dem vielen Unwefentlichen zu unterfcheiden, zu deffen
ficherer Auffaffung unfere Quellen nicht zureichen. Und
wer, wie K., es als eine göttliche Fügung zu würdigen
weiß, daß uns Menfchen die Offenbarung Gottes in der
Form menfchlich befchränkter, irrtumsfähiger bibhfcher
Schriften mitgeteilt iß, der braucht auch daran keinen ent-
fcheidenden Anßoß zu nehmen, daß uns die in der Heilspredigt
des gefchichtlichen Jefus gegebene Offenbarung
nur durch das Medium der menfchlich befchränkten und
kritifch zu prüfenden Berichte unferer Evangelien erkennbar
wird.

Jena. H. H. Wen dt.

Mezger, Prof. D. Paul, Das Kreuz Chrifti und das moderne
Denken, flin erweiterter Vortrag. Bafel, Helbing&Lich-
tenhahn 1907. (116 S.) gr. 8° M. 2 —

Diefer auf der XI. chrißlichen Studentenkonferenz
in Aarau am 15. März 1907 gehaltene Vortrag erfcheint
hier in erweiterter Geßalt, ohne daß dadurch der auf
eine ßudentifche Zuhörerfchaft aus den verfchiedenen
Fakultäten und von mannigfaltigen religiöfen Anfchau-
ungen geßimmte Grundton eine Änderung erfahren hat.
Die Forderung, ,die Geißeswirkungen, die vom Kreuzestod
Jefu auf das empfängliche Gemüt ausgehen, als per-
fönliche Erfahrungen in der Denk- und Empfindungsweife
unferer Zeit auszufprechen' (S. 13), hat der Verf. in mußer-
gultiger Weife erfüllt. Seine lichtvollen, vom Hauch einer
tiefen und weitherzigen Religiofität getragenen Ausführungen
bringen die Gotteskraft des Kreuzes, fo wie fich
diefelbe dem Glauben innerlich bezeugt, zu freudiger
Anerkennung, aber immer nur in der Form, in welcher
fie fich unferm heutigen Faffungsvermögen oder Denken
erfchließt (S. 9).

Eine klare Löfung der ihm geßellten Aufgabe fucht
M. dadurch anzubahnen, daß er zunächß das Kreuz
Chrißi zur modernen Weltanfchauung, zum modernen
Menfchen und zur modernen Wiffenfchaft in Beziehung
fetzt. In dem Sinn, wie es der chrißliche Glaube ver-
ßcht, als die große Erlöfungstat eines gnädigen Gottes,
kann das Kreuz Chrißi auf dem Grund der modern-
monißifchen Weltanfchauung keine Wurzeln fchlagen.
Doch der moderne Menfch deckt fich nicht mit der modernen
Weltanfchauung: fich felbß ein Widerfpruch und
innerlich zerriffen, kann er aus feiner bittern Ratlofigkeit
durch die rettende Tatfache des Kreuzes Chrißi befreit
werden, das ihm die Erfchütterung und die Befriedigung