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Ausgabe:

1908 Nr. 7

Spalte:

201-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedensburg, Walter (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte und Untersuchungen. Nr. 13 - 16, 4. Jahrg 1908

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1908 Nr. 7.

202

Dabei find auch die jüngften Formen nicht zu vernach-
läffigen; je weiter der Kreis gezogen wird, defto ficherer
wird Alter und Eigenart der einzelnen Texte hervortreten.
Wir fchließen mit dem Wunfche, daß D. felbft fortfahren
wird, den kritifchen Hagiographen zu machen.

Straßburg. von Dobfchütz.

Archiv für Reformationsgefchichte. Texte und Unterfuchun-
gen. In Verbindung mit dem Verein für Reformationsgefchichte
herausgegeben von Walter Friedensburg.
Nr. 13—16. 4. Jahrgang. Leipzig, M. Heinfius Nachf.
1906/07. gr. 8°

Inhalt: I. Heft. Götze, Alfred, Martin Butzers Erftlinga-
fchrift. — Roth, F., Zur Gefchichte des Reichstages zu Regensburg
im Jahre 1541. III. — Mitteilungen. (ri6S.) M. 5.25. — 2. Heft.
Kolde, Th., Der Reichsherold Cafpar Sturm und feine literarifche
Tätigkeit. — Clemen, O., Eine Abhandlung Cafpar Ammans. —
Burkhardt, K. A. H., Zum ungedruckten Briefwechfcl der Reformatoren
, befonders Luthers. — Mitteilungen. — (104 S.) M. 4.70. —

3. Heft. Roth, F., Zur Gefchichte des Reichstages zu Regensburg
im Jahre 1541. IV. — Albrecht, O., Handfchriftliches zu Luthers
Auslegung des Hohenliedes. — Mitteilungen. (108 S.) M. 4.90. —

4. Heft. Wotfchke, Theodor, König Sigismund Auguft von Polen
und feine evangelifchen Hofprediger. — llahlow, F., Wer ift Nicolaus
Decius? — Berbig, Georg, Die erde Kurfächfifche Vifitation
im Ortsland Franken EL (92 S.) M. 3.85.

Der vierte Jahrgang des Archivs für Reformationsgefchichte
bietet neben der Fortfetzung der Augsburger
Gefandtfchaftsberichte vom Reichstag in Regensburg 1541
von Roth (S. 65—93. 221—304) und der Akten der erften
kurfachfifchen Vifitation im Ortsland Franken (S. 370—408)
von Berbig eine Reihe wertvoller Abhandlungen zur Gefchichte
der Reformation. Die Berichte der Augsburger
Gefandten gewinnen an Gehalt und fpannendem Intereffe.
Der Gang des Gefprächs wird klarer, die harten Knoten
für den beabfichtigten Vergleich treten viel fchärfer hervor
und verdienen heute noch bei allen Brückenbauern
Beachtung. Zuletzt ift der Eindruck bei den Evangelifchen
allgemein, daß es fich nur um ein ,Spiegelfechten'
handle, das Mißtrauen in ihrem Lager wächft, Butzer
und mit ihm Jak. Sturm (!) gelten als Urheber des Regensburger
Buches, über das große Erregung herrfcht.
Uber die Gefandtfchaft an Luther hören die Gefandten,
fie fei vom Kurfürften von Brandenburg auf den Rat
Joh. Agrikolas angeregt. Neben Butzer und Piftorius,
die ängftlich wie die Hafen feien, fleht Melanchthon wie
aus Erz gegoffen. Granvellas Zorn ergießt fich über
ihn; er fei doch nicht Kaifer, herrfcht er den Praeceptor
Germaniae nach einer eindrucksvollen Rede an, Eck ver-
läftert feine katholifchen Mitkämpfer Jul. Pflug und Joh.
Gropper wegen ihrer Nachgiebigkeit, fo daß der Kaifer
für fie eine Ehrenerklärung erläßt, fie haben ganz nach
feinem Befehl gehandelt. — Die von Berbig in fchlichtem
Text mitgeteilten Vifitationsakten find noch nicht zum
Ende gebracht. Sie laffen den ruhigen Gang des Aufbaus
der evangelifchen Kirche im fächfifchen Franken
erkennen. Von kräftigem Widerftand der Altgläubigen
ift nichts zu fpüren. Die Vifitatoren bekunden große
Umficht in der Neuordnung der Pfarreien, des Einkommens
, der Baupflicht, des Erfatzes für die wegfallenden
Stolgebühren, Milde gegenüber den aus der
alten Kirche übernommenen Pfarrern und zarte Fur-
forge für ihre Bedürfniffe. Dem Prediger im Klofter
Mönchsrot wird von Martini an (!) ein geheiztes Zimmer
verfchafft, daß er ftudieren kann. S. 385 Anm. erfahren
wir, daß Arfacius Seehofer (RE. 18 3, 124fr.) 1532 Schul-
meifter in Eisfeld war. S. 404, Z. IO ift wohl ftatt
Bernhardus Burchardus zu lefen und der Franziskaner
Burkhard Leyckam gemeint, welchen die Schwabacher
1524 an Luther fandten. Bll.zB.KG 3,101. 5,146.

Zur Lutherbiographie erhalten wir vier Beiträge.
Zunächft in dem fchönen Lebens- und Charakterbild
des Reichsherolds Cafp. Sturm von Kolde (nicht Kolb,
wie im Inhaltsverzeichnis gedruckt ift), auf deffen fchrift-
ltellerifche Tätigkeit O. Clemen zuerft wieder aufmerk-
fam gemacht hatte. Kolde weift eine ganze Reihe
kleiner Schriften, auch anonymer, aus feiner Feder nach
und teilt vier feiner Briefe an den Nürnberger Feldhauptmann
Kreß mit. Sturm tritt hier in ganz neue
Beleuchtung. Seine Perfönlichkeit und fein Amt, feine
Art der Begleitung Luthers auf der Reife nach Worms,
wo der Reformator unter kaiferlichem Schutz ftand und
Sturm, den Kaiferadler am Arm, ihm zur Seite war,
feine Stellung zu den großen Zeitfragen find jetzt ver-
ftändlich. Die eigenartigen Züge, welche Seinecker in
feinem Bericht über die Wormfer Tage bietet, erfcheinen
jetzt glaubwürdig, da fie auf Sturm zurückgehen. Wertvoll
find auch die Nachrichten Sturms über die Vorgänge
in Frankfurt und in Mainz 1532 und 1533, befonders
S. 160 der Bericht über die Predigt eines jungen,
bisher für gut päpftlich gehaltenen ungenannten Ma-
gifters der Burfe in Mainz auf der dortigen Synode
(nicht in Frankfurt S. 140) am 28. Mai 1533, welche die
Geiftlichkeit zu dem Schreckensruf brachte: Es ift alles
verloren, denn fie find allefamt auf der neuen Sekte.
S. 132, Z. 25 1. ftatt Mex lx, S. 161, Z. 13 ftatt befthenden
befchieden. 30 ungedruckte Stücke aus der Korrefpon-
denz Johann Friedrichs mit Luther, Jonas, Bugenhagen
und Melanchthon von 1532—1545 veröffentlicht Geh.
Hofrat Dr. Burkhardt. Wir lernen hier einen einftigen
Kloflergenoffen Luthers, Konr. Klaus, Pfarrer in Leißlau,
kennen. Luther erhält vom Kurfürften 100 Klafter Holz
jährlich, an denen ihm die Beamten 40 Klafter abbrechen,
worauf der Kurfürft befiehlt, fie unverkürzt zu reichen.
Johann Friedrich ift tief erregt über das .rixgernis, das
Stiefel mit feiner Prophezeiung des jüngften Tags angerichtet
hatte, faft in ganz Deutfchland fei der Irrtum
erfchollen, aber er erbarmt fich über den gefangenen
Mann, dem er durch Luther heimlich 20 fl. Geld und
10 fl. an Korn reichen läßt. Die Stimmung im Gebiet
des Herzogs Georg gegen Kurfachfen ift auch nach feinem
Tod noch gereizt. Überall begegnet man der warmen
| Teilnahme und Fürforge für Arme, Pfarrer, Studenten,
j Auf Jak. Schenk, fein Verhältnis zu Paul Lindenau, feinen
Bruder Michael, den er fleißig am Hof predigen ließ, und
der 1539 Dez. Pfarrer in Ettersburg wurde, fällt neues
l Licht. S. 185, Z. 6 lies Andreas Jungend res. O. Albrecht
gibt neben einer chronologifchen Überficht über
den Gang von Luthers Vorlefung über das Hohelied den
Anfang eines bisher unbekannten Helmfledter Manufkripts,
das ein Stück der verlorenen Handfchrift Veit Dietrichs
in leifer Überarbeitung bietet, und eine fehr intereffante,
volkstümliche, feine Zufammenfaffung der erften drei
I Vorlefungen Luthers aus dem Jenaer Codex Stifelii, die
j einen deutlichen Eindruck von der zwar unhiftorifchen,
aber geiftvollen und zartfinnigen Auslegungsweife des
Reformators gewährt. Stiefel läßt aber I .uthers originellen
Hauptgedanken, daß das Hohelied und der Pre-
j diger ein encomion politiac Salomoms fei, zurücktreten und
lenkt mehr in die Bahn der traditionellen Deutung vom
myftifchen Verkehr der Seele mit dem Herrn ein. Albrecht
regt mit Rückficht auf Ritfehl eine Unterfuchnng
der Übereinftimmung, aber auch der Eigenart Luthers
| gegenüber von Bernhard an. Zur Gefchichte der Lutherbilder
, fowie der Zuftände in Wittenberg find die drei
Briefe von Phil. Gluenfpieß von 1522 zu beachten, welche
zwar 1718 in den Miscellanea Lipsiensia gedruckt wurden,
1 aber ganz verfchollen waren. Zugleich wird (wohl von
O. Clemen, der nicht genannt ill) auf einen Brief Joh.
Wilh. Reiffenfteins von 1543 aufmerkfam gemacht, in
welchem er jffigiem clarissimi viri d. Martini Lutheri
: a me sculptam1 erwähnt.

In die lebhafte literarifche Tätigkeit der erften Jahre

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