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Ausgabe:

1906 Nr. 5

Spalte:

145-149

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Karo, Gottwalt

Titel/Untertitel:

Johann Salomo Semler in seiner Bedeutung für die Theologie, mit besonderer Berücksichtigung seines Streites mit G. E. Lessing 1906

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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145

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 5.

146

Galtrow, Paft. Lic. P.. Joh. SalottlO Semler in feiner Bedeutung
für die Theologie mit befonderer Berück-
fichtigung feines Streites mit G. E. Leffing. (Von der
Karl Schwarz-Stiftung gekrönte Preisfchrift.) Gießen,
A. Töpelmann 1905. (372 S.) gr. 8° M. 9 —

Zfcharnack, Lic. L., Lelfing und Semler. Ein Beitrag zur
Entflehungsgefchichte des Rationalismus und der kri-
tifchen Theologie. Gießen, A. Töpelmann 1905. (VII,
388 S.) gr. 8° M. 10 —

Karo, Pfr. ein. Lic. Dr. Gottwalt, Johann Salomo Semler
in feiner Bedeutung für die Theologie, mit befonderer
Berückfichtigung feines Streites mit G. E. Leffing.
Berlin, C. A. Schwetfchke & Sohn 1905. (III, 116 S.)
gr. 8» M. 3 —

Hoffmann, Priv.-Doz. Lic. Dr. Heinrich, Die Theologie
Semlers. Leipzig, Dieterich 1905. (VIII, 128 S.) gr. 8°

M. 2.40

Die arg vernachläffigte ,neuere Dogmengefchichte'
bedurfte als Grundlage aller heutigen Theologie und
Religionswiffenfchaft feit langem neuer Bearbeitungen.
Weshalb folche trotz der Reichlichkeit und Zugänglichkeit
des Materials ausblieben, das hat feinen Grund vor
allem in dem Mangel ordnender und fruchtbarer Gefichts-
punkte, von denen aus die Forfchung angepackt werden
konnte. Wir hatten uns von den Romantikern und der
theologifchen Reaktion einreden laffen, daß das 18. Jahrhundert
eine völlig überwundene, höchflens als Über-
gangsftufe zu würdigende Epoche des europäifchen
Lebens fei, und haben uns mit ganz fchematifchen und
wertlofen Allgemeinbegriffen, wie Deismus, Rationalismus
und Aufklärung, zu ihrer Charakterifierung begnügt.
Und nicht nur die theologifche Forfchung, fondern überhaupt
die kulturgefchichtliche Forfchung felbft hat unter
ähnlichen von der klaffifchen Literatur und Philofophie
infpirierten Maßftäben gelitten. Heute ebbt die Welle
der auf die franzöfifche Revolution folgenden Reaktion,
die fich mit Poefie und Spekulation vielfach verbündet
hat, zurück, und wir erkennen in fteigendem Maße, wie
die Grundlage aller modernen Lebens- und Geiftespro-
bleme durch die Auflöfung der kirchlich-konfeffionellen
Kultur und das Freiwerden einer individuellen, nicht
fupranatural gebundenen Kritik gelegt worden iß, wie
insbefondere der ganze deutfche Idealismus felbft durchaus
pofitiv auf dem Erwerb des 18. Jahrhunderts fußt.
Alle Probleme find damals im Keime geftellt, alle Lö-
fungsverfuche fchon irgendwie verfucht; es ift nur die
Jahrtaufende alte Gewöhnung an normatives Denken noch
zu ftark und die praktifche Konfequenz der neuen Verhält-
niffe noch zu wenig entwickelt, um die ganze Tragweite
des neuen Lebens voll zu empfinden. Die empfinden
wir erft heutzutage, und daher wenden fich unfere Blicke
wieder zurück zum 18. Jahrhundert, um zu erkennen, wie
unfere geiftige Welt geworden ift, und um aus diefer
Erkenntnis unfere Mittel zur Überwindung der damit
gefchaffenen fchweren neuen Probleme zu verbeffern.
Der deutfche Idealismus ift nur eine Stufe in der Löfung
diefer Probleme, kein neuer Anfang und keine abfchlie-
ßende Löfung.

Das 18. Jahrhundert ift Antifupranaturalismus, Ver-
menfchlichung der bisherigen abfolut göttlichen und über-
menfchlichen Wahrheiten und Maßftäbe, eben damit die
Freigebung des Individuums, das bisher durch göttliche
Autorität gebunden war und neue menfchliche Autoritäten
nur aus feiner eigenen Zuftimmung hervorbringen
kann. Es verfährt aber dabei in der bunteften Weife,
bald pfychologiftifch-empirifch, bald rational-konftruktiv,
bald gefühlsmäßig-fentimental, bald gewaltmäßig-brutal,
bald geheimwiffenfchaftlich-myftifch. Es als Rationalismus
zu bezeichnen, hat nur dann einen Sinn, wenn man

mit der kirchlichen Theologie jeden Antifupranaturalismus
, überhaupt jede Erweichung des Supranaturalismus,
obenhin als Rationalismus bezeichnet. Verlieht man aber
unter Rationalismus, wie es fein müßte, erkenntnistheore-
tifch eine beftimmte Methode, die Methode der logifch-
normativen Konftruktion von Wahrheiten und Werten,
dann ift das Jahrhundert nur zum kleinften Teil rationa-
liftifch. Wendet man die Aufmerkfamkeit wefentlich der
Reihe von Descartes und Spinoza bis Leibniz, Wolff und
Kant zu, dann entlieht freilich der Eindruck des Rationalismus
. Aber das hängt mit der bei uns üblichen
Überfchätzung der deutfchen Entwickelung zufammen.
Die Urfprungsländer find in Wahrheit Holland, England
und Frankreich, und hier überwiegt überall der Empirismus
, die hiftorifch-philologifche Kritik, die Pfychologie,
das äfthetifche Gefühlsmoment, die Skepfis. Diefer allgemeine
Rahmen muß im Auge behalten werden, wenn
die theologifche Entwickelung verbanden werden foll.
Diefe knüpft in Deutfchland abgefehen von den konfer-
vativen und radikalen Wolffianern und von den englifch
beeinflußten Praktikern Spalding, Sack, Teller, Jerufalem
an die beiden Namen Leffings und Semlers an, wobei
Leffing eng zufammengehört mit feinem, den englifchen
Deismus in feine kritifchen Konfequenzen verfolgenden
und mit der Wolfffchen Metaphyfik verbindenden, Ungenannten
.

Über Semler liegen nun auf einmal vier Unterfu-
chungen vor, dabei ift Leffing jedesmal mehr oder minder
ftark mit einbezogen. Zwei, die von Gaftrow und Karo,
verdanken ihren Ürfprung einem Ausfehreiben der Karl-
Schwarz-Stiftung, die beiden übrigen find felbftändig aus
dem zeitgemäßen Bedürfnis nach Erforfchung der Aufklärung
hervorgeg angen. Die Refultate find im allgemeinen
wenigftens in bezug aul Semler übereinftimmend,
in bezug auf Leffing freilich fehr lückenhaft und nicht
unerheblich verfchieden. Bei allen ift — von Hoffmann
abgefehen — die Gefamtanfchauung vom 18. Jahrhundert

I ziemlich dürftig und orientierungslos, Iloffmann aber hat
fich abfichtlich nur auf die Beleuchtung Semlers befchränkt.
Diebefte und vollftändigfte Leiftung ift das Buch Gaftrow«
H ier ift mit feinem pfychologifchen Takt und guter
Menfchenkenntnis das Bild der Perfönlichkeit und geiftigen
Entwickelung Semlers gezeichnet, die Leiftung Semlers
nach allen Seiten dargeftellt und durchgearbeitet, ein
überfichtliches und zugleich lebendiges Bild des fehr
verworrenen Tatbeftandes gewonnen. Was diefem Buche
fehlt, die Zeichnung des problemgefchichtlichen Rahmens,
das gibt knapp und gut das Buch Hoffmanns, der eben
deshalb auch den fpringenden Punkt in Semlers Denken
noch fchärfer erfaßt, aber eine fo eingehende und durchfichtige
Darfteilung der ganzen Perfönlichkeit in ihrer
Leiftung nicht gibt wie Gaftrow. Weniger glücklich als
diefe beiden Arbeiten ift das fleißige und umfangreiche
Buch von Zfcharnack. Schon die parallele Behandlung
von Semler und Leffing mit dem beftändigen Hin und
Her zwifchen beiden ift fehr hinderlich für eine klare

j Erkenntnis; überdies hat der Verfaffer etwas zu allgemeine
und unbeftimmte Anfchauungen vom ,Rationa-

j lismus' und vom 18. Jahrhundert überhaupt, kennt insbefondere
die außerdeutfehe Entwickelung zu wenig,
fchließlich fehlt ihm trotz aller fleißigen Beobachtung
noch die Kunft, die fpringenden Punkte als folche herauszufinden
und von ihnen aus das Urteil zu durchdringen.
Die vierte Arbeit von Karo ift eine gut gefchriebene und
treffende Zufammenftellung der Hauptfachen, ohne viel
über Baur, Dieftel und Hafe hinauszugehen.

Es kann hier nur der Verfuch gemacht werden, die
Ergebniffe diefer Arbeiten kurz zufammenzufaffen. Für
Semler kommt dabei weitaus am meiden heraus. Semler
ift nicht, wofür er immer ausgegeben wird, der Vater
des Rationalismus, fondern der Vater des relativiftifchen,

j pfychologifierenden kritifchen Hiftorismus. Seine Er-

I kenntnistheorie ift prinzipiell antirationaliftifch. Gaftrow