Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906 Nr. 5

Spalte:

137-138

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Carl

Titel/Untertitel:

Die Apostelgeschichte im Lichte der neueren text-, quellen- und historisch-kritischen Forschungen 1906

Rezensent:

Heitmüller, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

137

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 5.

138

Aber, und das fcheint mir für Z.s Erklärungsverfuch
verhängnisvoll, hier liegt überall ein regelmäßiger
Wechfel vor, von dem in Thr. 1 doch nicht die Rede
fein kann. Und wenn wir auch nur den Wechfel des
redenden Subjekts im 1. und 2. Teil — dort der Dichter
(meinetwegen ,die Sprecherin'), hier Zion — ins Auge
faffen, fo wirft fich fchon Z. felbft ein, ,die größte
Schwierigkeit fcheint die auftretende Tochter Zion zu
machen; denn die Verftorbene hält fich doch nicht felbft
die Leichenklage', S. 8. Hier muß der Umftand heraushelfen
, daß ,in den Grabgefängen des h. Ephräm, in der
griechifchen, armenifchen, neftorianifchen und koptifchen
Liturgie bei der Totenfeier eine Perfon den Toten vertritt
und in deffen Namen fpricht', S. 8. Viel Beifall
wird diefer Hinweis nicht finden.

In Kap. 2 den V. 11 an Stelle des Dichters der Jungfrau
Tochter Zion' in den Mund zu legen, ift willkürlich, Eher
könnte man in dem Wechfel zwifchen v. 19, Aufforderung
des Dichters an Zion zu klagen, und v. 20 ff., Klage
Zions, eine Art Dialog finden in der Weife der baby-
lonifchen Klagelieder Zimmerns. Ebenfo willkürlich ift
es, wenn 3, 42 die Älteften am Wort find. Das ganze
Lied wird auf Jeremias, die Sprecherin, die Jungfrau
Tochter Zion und die Älteften verteilt. In Kap. 4 und 5
wird mit Strophe, Gegenftrophe, Wechfelftrophe operiert.
Ich gebe zu, daß in Kap. 5 die redenden Wir verfchiedenen
Gefellfchaftsklaffendes jüdäifchen Volkes angehören. Aber
von der künftlichen Strophik des Verf. kann ich in beiden
Liedern beim beften Willen nichts entdecken. Zu
meiner Beruhigung geht es Andern auch fo.

Breslau. Max Lohr.

Clemen, Priv.-Doz. Prof. Lic. Dr. Carl, Die Apoltelgefchichte
im Lichte der neueren text-, quellen- und hiltorilch-kri-
tifchen Forlchungen. Ferienkurs-Vorträge. Gießen, A.
Töpelmann 1905. (III, 61 S.) gr. 8° M. 1.30

Im L Teil (S. 3—15) diefer Ferienkurs-Vorträge, die
über den Stand der wiffenfchaftlichen Forfchung zur
Apoltelgefchichte orientieren wollen, berichtet der Verf.
über die textkritifche Arbeit an den Akten. Naturgemäß
fleht dabei die Hypothefe Blaß im Mittelpunkt. Sie
ift unhaltbar. An einigen Beifpielen, namentlich folchen,
die Blaß' Theorie erhärten follen, beweift Cl. die allmählich
zur Herrfchaft gelangende Anfchauung, daß der log.
,LText jünger ift als unfer gewöhnlicher Text. Dabei ift
nicht ausgefchloffen, daß d'iefe immerhin alte Rezenfion
,an einigen Stellen den urfprünglichen Text erhalten
haben' kann, was an einer m. E. allerdings nicht glücklich
gewählten Stelle, 136.8, gezeigt wird.

In Teil II (S. 15—35) wird die Frage nach den
Quellen der Apoltelgefchichte außerhalb des Buches
und in ihm befprochen. Die Benutzung der paulinifchen
Briefe ift wohl nicht wahrfcheinlich. Dagegen kennt der
Apoftelgefchichtsfchreiber die Archäologie des Jofephus,
wenigftens an den Stellen Act. 5 asff. und 1127fr., — falls
man nicht für beide Autoren eine gemeinfame Quelle
annehmen will (vgl. Hölfcher, Die Quellen des Jofephus).
In bezug auf die Analyfe der in den Akten verarbeiteten
Quellen, ihre Methode und ihre erreichbaren Refultate
urteilt Cl. im Unterfchied von feiner früheren Pofition
lehr zurückhaltend und befonnen. Nach feiner jetzigen
Meinung find 2 Quellenfchriften benutzt. Die eine läßt
fich im 1. Teil des Buches nur mit Wahrfcheinlichkeit
vermuten, die andere ift im 2. Teil mit Sicherheit nach-
zuweifen, nämlich die Wir-Quelle, die, von Lukas flammend,
mehr als die eigentlichen Wir-Stücke umfaßt und bis 131
zurückreicht.

In dem III. Teil (S. 35—55), der die hiltorifche
Kritik an der Apoltelgefchichte behandelt, Hellt Cl. zu-
nächft feft, es fei von vornherein unwahrfcheinlich, daß
der Verf. die Gefchichte ,bewußt gefälfcht oder auch nur

gefärbt' habe. Allerdings hat die Tübinger Kritik in bezug
auf die Unglaubwürdigkeit der Apoltelgefchichte an
einigen Punkten ein bleibendes Hrgebnis gezeitigt. Dahin
gehört die Darltellung in c. 15, die prinzipielle Bedeutung,
die der an fich hiftorifchen Bekehrung eines heidnifchen
Centurio Kornelius durch Petrus in c. 10 und 11 gegeben
wird, die Manier des Mifüonsverfahrens Pauli (immer erft
die Juden und dann die Heiden), ferner die Abfchnitte
236fr. und 1623fr. Diefen verlorenen Polten Itehen nun
aber die ,viel zahlreicheren' anderen Punkte gegenüber,
auf denen fich ,die Gefchichtlichkeit der Akten allen
Zweifeln gegenüber fiegreich bewährt hat' (S. 37). Es ift
.vieles als unhiftorifch in Anfpruch genommen worden,
was in Wahrheit der Hauptfache nach gefchichtlich fein
wird' (S. 44). Der Kern von 1 15-26 und 21-13 ift hiftorifch;
was wir über die Gütergemeinfchaft und in c. 3—5 lefen,
kann ,im wefentlichen fo wie hier erzählt wird ftattgefun-
den haben'; noch zuverläffiger ift die Stephanusepifode;
die Befchreibung des Simon Magus ift .gewiß glaubwürdig';
von der Bekehrung des Kämmerers .braucht nur der
Anfang und Schluß in Anfpruch genommen zu werden';
,die von Petrus erzählten Wunder können ihrem Kern
nach auch gefchichtlich fein'; dasfelbe gilt von der
Korneliuserzählung, abgefehen von der prinzipiellen Bedeutung
, die ihr gegeben wird (cf. oben). Viel höher
noch fteht natürlich der gefchichthche Wert des 2. Teiles
der Akten, und zwar nicht nur in der Lukas-Quelle,
fondern auch da, wo es fich um Zufätze zu der Quelle
(fo z. B. 148-20) handelt (ausgenommen die wenigen
fchon oben genannten Partien). Der Verf., der die Haupt-
maffe des Stoffes durchfpricht, findet faft überall Beweife
und Spuren der Gefchichtlichkeit. Und das Refultat ift
(S. 56): ,Was die von der Apoltelgefchichte umfpannte
Zeit betrifft, fo glaube ich gezeigt zu haben, daß es
(seil, die ältefte Form und den Urfprung des chriftlichen
Glaubens erkennen) in weitgehendem Maße möglich ift;
wir brauchen nicht auf eine genaue Erkenntnis diefer
Periode zu verzichten, fondern können . . . auf den Akten in
der Tat im allgemeinen ... die Gefchichte des apofto-
lifchen Zeitalters im eigentlichen Sinne des Worts aufbauen
'. —

Der Verf. behandelt die Fragen mit der Beherrfchung
der einfehlägigen Literatur, die man an ihm gewohnt ilt.
Am Schluß ift ein dankenswertes, wenn auch nicht durchaus
vollftändiges Verzeichnis der Literatur angefügt. _

In betreff der Auswahl des behandelten Stoffes wird
man hier und da anderer Meinung fein können. Nach
dem Referat bedarf es ferner kaum der Bemerkung, daß
mancher Mitforfcher mit des Verfaffers eigenen Pofitionen
manchmal nicht einverftanden fein wird. Das gilt ins-
befondere von feiner Beurteilung des hiftorifchen Wertes
der Apoltelgefchichte. So gewiß man es nur billigen
wird, daß Cl. offenbar den Grundfatz befolgt, nur notgedrungen
der Skepfis nachzugeben, fo gewiß wird mancher
meinen, daß er vielfach, namentlich en bezug auf den
hiftorifchen Wert des I. Teiles der Akten, doch allzu
vertrauensvoll fich zeigt. Indes darüber zu verhandeln
ift hier nicht der Ort; was der Verf. für feine Pofition
vorbringt, und was gegen fie fpricht, ift fchon oft genug
gefagt worden. — Für den Fachmann — nach dem
Zweck ganz naturgemäß — kaum Neues bringend erfüllen
die Vorträge in der Hauptfache gut ihre Aufgabe, Geift-
liche, Religionslehrer und Studenten über die moderne
Forfchung zur Apoltelgefchichte zu orientieren.

Göttingen. W. Heitmüller.

**