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Ausgabe:

1906 Nr. 3

Spalte:

85-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Günther, Ludwig

Titel/Untertitel:

Kepler und die Theologie 1906

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 3.

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und um die Gefchichte der Reformation überhaupt er- Andenken gefichert (Fifchlin, Memoria theol. Wirtb.
worben 2-36)- Es ift fchmerzlich, daß er in feinem Urteil über

Erichsburg b.Markoldendorf(Hann.).FerdinandCohrs.

Günther, Ludwig, Kepler und die Theologie. Ein Stück
Religions- und Sittengefchichte aus dem XVI. und
XVII. Jahrhundert. Mit dem Jugendbildnis Keplers,

um 1597, und einem gleichzeitigen Fakfimile. Gießen, | Zeugnis ,1,1 philosophia nulluf gegeben haben follen, was

Kepler fich fo vergriff, daß er ihn ein Schwindelhirnlein
und in dem wohl von ihm beeinflußten Konfiftorial-
dekret ein Letzköpflin nennen konnte. Aber ift Kepler
der erfte oder der letzte unter den verkannten Genies
, oder begegnet das nur den Schwaben, wie Schiller,
Hegel, dem die Stiftsolympier nach der Tradition das

A. Töpelmann 1905. (XVI, 144 S.) gr. 8°

M. 2.50; geb. M. 3.50

Zur Prüfung des mannigfachen Inhalts des in fehr
kräftigen Farben gehaltenen Stücks Religions- und Sittengefchichte
fei ein einziges Kapitel hervorgehoben. Der
tragifche Konflikt des tieffrommen und genialen Aftro-
nomen, den Günther zugleich als tüchtig gebildeten
Theologen fchildert, mit dem Kirchenrecht feiner heimatlichen
Kirche und ihres Vertreters im Dienft der
Kirche zu Linz ift fchmerzlich und unferer Zeit faft un-
verftändlich. Aber wer ein billiges Urteil fällen will,
muß fleh doch fragen, ob damals irgendwo in der luthe-
rifchen oder reformierten Kirche, in Nürnberg, Leipzig
und Wittenberg, in Zürich, Genf, Heidelberg oder Dortrecht
Zulaffung zum Abendmahl möglich gewefen wäre,
wenn der Diffenfus vom Bekenntnis der Kirche deutlich
ausgefprochen war. In Württemberg aber gehörte die Kon-
kordienformel zum unbeftrittenen Bekenntnis der Landes-

fie fpäter verfchämt in multus korrigierten, oder Fried.
Lift? Das Responsum des Konfiftoriums vom 25. Sept.
1612 müßte man in feinem genauen Wortlaut kennen,
um urteilen zu können, ob es fleh von dem Ton der
damaligen Konfiftorien unterfcheidet. Daß es S. 125 ff.
nicht wortgetreu gegeben ift, zeigen die Anmerkungen,
S. 132, ufw.' und vor allem die Unterfchrift: .Euer Dienft-
und gutwilliger', was unmöglich richtig fein kann, und
wobei die Namen fehlen.

Neben den kräftigen Urteilen, die fich Günther ge-
ftattet, läßt er ftark die Pünktlichkeit der Darfteilung
und die Gründlichkeit der Forfchung vermiffen. So läßt
er den Juriften Befold S. 11 aus dem Stift hervorgegangen
fein und nennt ihn S. 11 richtig Chriftoph,
aber S. 72 Chriftian. Was er mit Hayder meint S. 12
Anm., ift ganz unverftändlich. Zitate wie, S. u. a. Strauß,
Hayder, S. 12; Spittler, Gefchichte Württembergs, S. 15,
ohne Angabe des Orts find unftatthaft. Andreä ift wohl
als Superintendent in Göppingen zugleich Generalfuper-

kirche. Der Paftor primarius von Linz, Daniel Hitzler, intendent in dem Sprengel gewefen, der fpäter dem Abt
konnte dem Bekenntnis feiner heimatlichen Kirche, der zu Adelberg zugeteilt wurde, aber er war nicht General

er verpflichtet war, bei der Übernahme des Amtsjn fuperintendent in Adelberg (S. 14). Eine Ruoffenfche

Stiftung gibt es in Tübingen nicht, wohl aber eine
folche von Ludolf Ruof, Pfarrer in Flacht (S. 14).
Schnurrer hat keine Beiträge, fondern /Erläuterungen'
gefchrieben (S. 15 Anm.). Chr. Binder war nicht der
Vater des Pfarrers Georg Binder zu Grötzingen, fondern
fein Sohn (S. 5). Daß der Vater für die Verbreitung des
Proteflantismus in Württemberg befonders tätig gewefen
fei, ift unhaltbar. Der Erzieher Maximilians von Bayern
heißt Joh. Bapt. Fickler, nicht Joh. Rob. Fickler (S. 35
Anm.). Ein Walde gibt es in Schwaben nicht (S. 35
Anm.), ebenfo wenig Petanitza in Ungarn (S. 34). Ge-
meint wird das Grenzhaus Petrinia fein. Für die Behauptung
, daß zelotifcher Eifer den in Württemberg
zum höchften Kirchenamt nach feiner Rückkehr aus
Linz emporgeftiegenen Daniel Hitzler ,zu vielen Ungerechtigkeiten
gegen feine Glaubensgenoffen
trieb', wäre erft noch der Beweis zu liefern. Sein
Biograph Fifchlin {Memoria theol. Wirteb. 2,78) rühmt
feine Humanität. S. Sgff". bringt Günther Keplers .Unterricht
, vom heiligen Sakrament des Abendmahls' den er
fchon in den Studien und Kritiken 1904 mitgeteilt hat, noch
einmal zum Abdruck, ohne zu bemerken, daß Kepler
hier die ,Vermanung zum Nachtmahl' in der württem-
bergifchen Kirchenordnung von 1559 f. Lxx niff. (Rey-
fcher) württb. Gefetze 8,196fr. vor Augen hat. Hier
einige Proben:

Linz nicht ungetreu werden. Vom Standpunkt des
Kirchenrechts feiner Kirche konnte er nicht anders handeln
, als Kepler vom Abendmahl ausfchließen, nachdem
diefer feine Abweichung vom Bekenntnis der württem-
bergifchen Kirche konftatiert hatte, und das Konfiftorium
konnte nicht anders, als das Verfahren Hitzlers gutheißen.
Das ergibt fich aus der kühlen, nüchternen Erwägung
der kirchenrechtlichen Lage. Wer darum die württem-
bergifchen Theologen der geiftlichen Diktatur, der Intoleranz
, des Buchftabendienfl.es und der Dogmenfucht
befchuldigt (S. VI), fie Gottesherren (S. 62) etc. nennt,
der ftellt fich auf einen Standpunkt, der jener Zeit nicht
gerecht werden kann. Ähnlich ift die Sache mit der
Konkordienformel, die ficher nicht das glücklichfte
Werk der Vermittlung nach langem Hader ift, aber wer
billig urteilen will, darf doch die ernft gemeinte gute
Abficht ihrer Väter und die angeftrengte Geiftesarbeit,
die in diefem Werk fleckt, nicht überfehen. Wenn Herzog
Ludwig von Württemberg und feine Theologen aufs
eifngfte fich um die allgemeine Annahme der Konkordienformel
bemühten, fo taten fie es nach ihrer Meinung
im Dienft des Friedens ihrer Kirche, fo gut als die Vertreter
des Dordracenum auf reformierter Seite. Auch
hier hätte Günther gerechter geurteilt, wenn er jene Zeit
verftanden hätte. Die Billigkeit des Urteils ift auch
fonft zu vermiffen. Von einer Diktatur Andreäs und
Heerbrands (Günther fchreibt immer Herbrand)inTübingen
kann nicht ohne weiteres geredet werden, da Andreä jahrelang
abwefend war und Heerbrand nichts weniger als
eine Herfchernatur war. Gerlach aber und Hafenreffer
gegenüber Heerbrand als milde betrachten ift wohl
kaum in der Gefchichte begründet. Aus dem Wortfpiel
eines Gegners mit dem Namen Schroppius = scorpius
auf ,fchonungslofen Eifer' eines Mannes fchließen, der
in der Gründung einer hiftorifchen Bibliothek feinen
weiten Blick offenbarte, kann nur haftiger Eifer tun.
Einen Erasmus Brüning hat es in Württemberg nie gegeben
; der Mann heißt Erasmus Grüninger und war
Stiftspropft. Er war ein fehr gelehrter Mann, deffen
Beredfamkeit auch am Berliner Hof Staunen erregte,
als er den Flerzog dorthin begleitete. Er hat auch durch

feine reichen wohltätigen Stiftungen fich ein dankbares j xi, prüfen. Paulusvermahneti.Cor.il

K. O. i5S9(Reyicher a.a.O. Günther S.91 Z, 4 ff.

S. 196 Z. 29 ff. Chriftus gibt uns darinnen

Darin er uns fein wahr- feinen wahrhaftigen Leib,

haftigen Leib zu einer Speiß für uns geopfert, zur Speife

und fein eigen Blut zu einem und fein eigen Blut, für uns

Tranck, den Glauben da- vergoffen, zu einem Trank

mit zu fterken, gegeben hat. ... den Glauben damit zu ftär-

ken und das verwundete

Z. 31fr. Gewiffen zu heilen.

Sollen wir billich mit Z. 11.

groffem fleiß und inbrün- Er foll mit großem Fleiß

ftiger andacht unsfelbs, wie und inbrünftiger Andacht

fant Paulus vermanet 1 Cor. fich felbft prüfen, wie S.