Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906

Spalte:

673-676

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Greßmann, Hugo

Titel/Untertitel:

Der Ursprung der israelitisch-jüdischen Eschatologie 1906

Rezensent:

Volz, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nm. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 25. 8. Dezember 1906. 31. Jahrgang.

Greßmann, Der Urfprung der ifraclitifch-jü-
difchen Efchatologie (Volz).

Hoberg, Die Pfalmen der Vulgata überfetzt
und erklärt (Franckenberg).

Haupt, The book of Ecclesiastes, a new me-
trical translation (Volz).

Wünfche, Die Schönheit der Bibel. I, Bd.:
Die Schönheit des Alten Teftaments (Volz).

Wünfche, Die Bilderfprache des Alten Teftaments
(Derf.).

Florilegium patristicum ed. Raufchen, fasc. IV
et V (Knopf).

Didascalia et Constitutiones Apostolorum ed.
Funk vol. I et II (v. d. Goltz).

Evstathii in Lazarum Mariam et Martham
homilia christologica ed. Cavallera (Jülicher
).

Cavallera, Le schisme d'Antioche, IVe—Vc
sifecle (Derf.).

Wundt, Völkerpfychologie. 2. Bd.: Mythus und

Religion, I. Teil (Thieme).
Clemen, Predigt und biblifcher Text (E. Chr.

Achelis).

Hennecke, Zur Geftaltung der Ordination mit
befonderer Rückficht auf die Entwicklung innerhalb
der lutherifcheu Kirche Hannovers (E.
Chr. Achelis).

Brockhaus' Kleines Konverfations-Lexikon,
5. Aufl. in 2 Bdn. (Schürer).

Greßmann, Priv.-Doz. Lic. Dr. Hugo, Der Urrprung der
israelitirch-jüdifchen Efchatologie. (Forfchungen zur Religion
und Literatur des Alten und Neuen Teftaments,
herausgegeben von W. Bouffet und H. Gunkel. 6. Heft.)
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1905. (VIII, 378
S.) gr. 8° M. 10 —

Früher, als man das AT. chriftologifch betrachtete,
meinte man, die efchatologifchen Stücke desfelben feien
das Wertvollfte, das fpezififch Israelitifche, das fpezififch
Religiöfe; die Wurzel aller Weisfagungen, auch der Details,
war dabei der vorausgefchaute Jefus Chriftus. Dann kam
eine neue dogmatifche Betrachtung, die mit literarkri-
tifchen Werkzeugen arbeitete und die efchatologifchen
Weisfagungen für unterprophetifch, nichtprophetifch erklärte
. Jetzt tritt die Religionsgefchichte auf den Plan und
behauptet, das efchatologifche Material des AT. fei außer-
israelitifch, von den Schriftftellern des AT. bloß übernommen
. Ein fachliches Werturteil foll damit nicht
gefällt fein, es foll nur ein gefchichtlicher Auffchluß
gegeben werden über den Urfprung. So Greßmann in
feiner hervorragenden Arbeit. Im Gefamtergebnis — und
das ift ihm und uns die Hauptfache — hat er recht; im
einzelnen zeigt fich die Einfeitigkeit des Parteimanns.

Die Frage nach dem Urfprung ift eine doppelte: die
fachliche Frage nach den logifchen Wurzeln der efchatolog.
Begriffe, Bilder ufw., und die örtliche Frage nach der
Heimat der efchatolog. Vorftellungen, des efchatolog.
Syftems; beide Fragen laufen naturgemäß zuweilen ineinander
. Dazu kommt noch eine andre Zweiteilung:
die Frage nach dem Urfprung der efchatolog. Einzelvor-
ftellungen und die nach dem Urfprung des efchatolog.
Syftems. G. trennt diefe Fragen nicht, weil fie fchwer
zu trennen find; er macht nur die Zweiteilung: Unheils-
efchatologie und Heilsefchatologie. Vielleicht wäre es
beffer gewefen, auch diefe Teilung zu unterlaffen, namentlich
bei einer Unterfuchung, die rein dem Urfprung der
efchatolog. Ideen gewidmet ift; andrerfeits wäre es wün-
fchenswert, daß nach der Unterfuchung der einzelnen
Begriffe und Ideen doch noch eine prinzipielle, zufammen-
hängende Erklärung über die Heimat der efchatolog.
Stücke über die Art des Eindringens und Verarbeitens
in Israel gegeben würde; man muß bei G. die diesbezüglichen
gelegentlichen Äußerungen zufammenfuchen und
hat zuweilen den Eindruck, daß er feine Anficht in diefem
Funkt nicht klar durchdacht, ja im Lauf der Arbeit da
und dort geändert habe.

Es werden nun alfo alle die efchatolog. Begriffe,
Bilder, Geftalten der Reihe nach durchfprochen und auf
ihren fachlichen und örtlichen Urfprung hin genau,

meifterhaft und erfchöpfend geprüft. Es ift außerordentlich
anziehend, mit G. in den Schacht hinabzufteigen und
die unterirdifchen Wurzeln mitzuentdecken. Zunächft die
Jahwetheophanien, Jahwes Offenbarung im Erdbeben,
Vulkan ufw. Alles Ähnliche, auch aus anderen Religionen,
wird zufammengeftellt, wodurch an fich fchon manches
Fremdartige fich erklärt; alle Ausdrücke, Bilder und Aus-
fprüche, die irgendwie einen zufammengefetzten Charakter
haben, werden zerlegt und auf ihre urfprüngliche Einheit
zurückgeführt. Was jetzt z.B. alles in den Befchreibungen
vom Tag Jahwes vereinigt ift, waren urfprünglich lauter
gefonderte efchatolog. Gedanken (Tag des Oftwindes, des
Vulkans, der Weltfintflut ufw.) Hier geht G. in der
logifchen Schärfe manchmal zu weit; auch überfchreitet
er den Rahmen der Efchatologie, indem er manches
Nicht-Efchatologifche beizieht und manches aus efchatolog.
Quelle erklärt, was tatfächlich der täglichen oder doch
der gewöhnlichen Beobachtung entfprang. Bei der Heilsefchatologie
behandelt G. goldnes Zeitalter, Meffias, Ebed
und Menfchenfohn. Diefe 3 Geftalten find alle efchato-
logifch und zwar außerisraelitifch, urfprünglich mytho-
logifche Figuren, urfprünglich Götter, die dann vom
israelititfchen Bewußtfein vermenfchlicht wurden. Die
Wurzel der Ebedgeftaltift der fterbende und auferftehende
Gott, wie ja beim Ebed (cf. beim paulinifchen Chriftus)
Sterben und Auferftehen in ihrer Bedeutung für die Gemeinde
die Hauptfache find; der Gott wird im Myfterien-
kult gefeiert, Deut.-Jef. übernimmt diefes Myfterium mit
feinem Gedanken der Sühne und verwendet die Geftalt
efchatologifch. Der Menfchenfohn, der Menfch, ift der
erfte Urmenfch, urfprünglich göttliche Figur, dann Engel
geworden. Der Meffias, wie gefagt urfprünglich ebenfalls
außerisraelitifch, mythologifch, göttlich, wurde in Israel
nationalifiert und davidifiert; bei der Darfteilung diefes
Prozeffes durch G. bleibt freilich manches unklar. Im
übrigen finden fich in diefem Teil feines Buches gute
Worte über den Hofftil und den Meffiasftil, über die Anwendung
diefes Stils auf den gegenwärtigen König, über
den Stil Dtjef.s u. dergl.

G. ift nun allem nach der Anficht, daß es in alter
Zeit außerhalb Israels ein efchatolog. Syftem gab, mytho-
logifcher, kosmologifcher Natur (Weltuntergang, Welterneuerung
ufw.). Diefes drang in Fragmenten nach
Israel herein und hatte dort zunächft volksmäßigen Charakter
; es wurde teilweife feines mythifchen und kos-
mifchen Charakters entkleidet, nationalifiert und der
Hoffnung Israels dienftbar gemacht. Die Träger diefes
Prozeffes werden wohl die Nabikreife gewefen fein. Die
Propheten nahmen nun diefe efchatolog. Stücke auf, auch
wieder die kosmifchen und mythifchen Formen; fie übernahmen
die Heils- und die Unheilsgedanken, und gerade

673 674