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Ausgabe:

1906

Spalte:

609-611

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schell, Herman

Titel/Untertitel:

Apologie des Christentums. 2. Band: Jahwe und Christus 1906

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 22.

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immer wiederkehrender Hauptfehler berührt — ein
menfchlicher Urfprung Jnhwehs? Die von vielen vertretenen
entgegengefetzten Anflehten werden fich keineswegs
für bereits gefchlagen halten: in der letzten Nummer
des ,Archivs für Religionswiffenfchaft' (Band IX, Heft 2)
erfcheint foeben ein Auffatz von K. Völlers über ,die
folare Seite des altteflamentlichen Gottesbegriffs'. An
die riskierte Behauptung, daß Hiob 40 29 von ,Geliebten'
Jahwehs die Rede fei, foll nur im Vorübergehen erinnert
werden. Die Situation bei den Babyloniern fpricht an
fich nicht gerade für die Auffaffung des Autors. So
rekurriert er denn auf eine frühere Entwicklungsftufe.
Die Spuren der gemeinfamen urfemitifchen Vergangenheit
von Juden und Babyloniern findet er aber bei den
Mafai, woraus dann weittragende Konklufionen gezogen
werden. Ift die zu Grunde liegende Mafai-Hypothefe
eine geficherte? Wird nicht überhaupt der bekannte
Fehler erneuert, daß Sagen und Mythen eine zu große
Bedeutung als Erkenntnisquellen beigemeffen wird? Zum
Schluß fei noch kurz darauf hingewiefen, wie oft Verf.
zu Auseinanderfetzungen genötigt wird, nicht etwa bloß
mit der Meinung, daß die Götter aus der Perfonifikation
von Naturkräften entftanden find, fondern mit Tat fachen,
die zu Gunften diefer Anfchauung zu fprechen fcheinen.
Man vergleiche beifpielsweife S. 17fr., 48fr., 54, 61, 69,
105, 113, 118, 125, 131, 137, 139, 140, 144, 164, 171 f-

Nach alledem wird die verfochtene Thefe fchwerlich
auf 1 inen durchfchlagenden Erfolg rechnen können. Der
Verfuch einer Begründung derfelben beweift nur wieder
die Unmöglichkeit des Unternehmens. Vorläufig wird
noch immer die Religionswiffenfchaft fich damit begnügen
müffen, auf Grund des empirifch gegebenen Materials
den pfychologifchen Wurzeln des Gottesglaubens im allgemeinen
nachzufpüren. Dann wird fich vielleicht Auf-
fchluß darüber fuchen laffen, aus welchen Gründen diefer
Gottesglaube hier und dort verfchiedene Formen angenommen
hat. Wer den Mut hat, lieh irgendwie einen
Maßttab für die Würdigung der Religionen anzueignen,
wird weiter daran denken können, eine Stufenfolge derfelben
nach ihrem Wert zu konftruieren. Die Frage nach
dem gefchichtlichen Urfprung der Religion und nach
der zeitlichen Reihenfolge ihrer erften Formen wird dagegen
noch lange auf fich beruhen müffen.

Indeffen auch zu den fo gekennzeichneten Problemen
liefert das Buch einen Beitrag. Es dient in feiner Weife
der Begründung des bereits weit verbreiteten Urteils —
und darin befteht nach Anficht der Ref. feine pofitive
Bedeutung —, daß die pfychologifche Wurzel des Gottesglaubens
nicht in einem unintereffierten, rein äfthetifchen
oder rein theoretifchen Trieb zum Symbolifieren und
Perfonifizieren beftehen kann, fondern daß .Heilsbedürf-
nifife' und ,Heilserfahrungen' irgend welcher Art im
Spiele find.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Schell, Prof. Dr. Herman, Apologie des Chriftentums.

Zweiter Band: Jahwe und Chriftus. Paderborn,
F. Schöningh 1905. (XI, 577 S.) gr. 8° M. 7.40

Diefes Buch bildet den mittleren Band der großen
Apologie des verdorbenen Würzburger Theologen. Hatte
der erfte die großen religionsphilofophifchen Fragen nach
dem Wefen der Religion und der Offenbarung, des Wunders
und der Weisfagung behandelt, foll der dritte die
Kirche und den Katholizismus darfteilen, fo will der vorhegende
die Grundwahrheiten des Alten und des Neuen
Testamentes verteidigen. Die erfte Hälfte gilt darum
Jahwe, die zweite Chriftus.

Neben der Infpiration, die die reichfte Befruchtung
der Menfchheitsgefchichte darftellt, und der übernatürlichen
Autorität der Offenbarung, wie fie in der Heilsanftalt
der Kirche des Wunders und der Weisfagung
gegeben ift, ift der Hauptbeweis für die Göttlichkeit der

Offenbarung die Göttlichkeit ihres Lehrinhaltes. Der
biblifchen Offenbarung verdankt nun die Kulturwelt drei
große Wahrheiten, die darum den Mittelpunkt aller Ausführungen
des Buches bilden: den Begriff des überweltlichen
und perfönlichen Gottes, das vollkommene Gefetz
des Guten und das Evangelium vom Gottesreich.

In dem erften Teile wird vor allem der biblifche
Gottesbegriff behandelt, wobei befonders das A.T.
herangezogen wird. Dabei wird immer gegen die religi-
onswiffenfchaftliche Kritik polemifiert, die nicht durch
Klagen befeitigt werden kann. Alle Ausführungen über
diefe Dinge zeugen von einer ftaunenswerten Belefenheit
und einem großen Gefchick, die Schwächen der neuen
und die Vorzüge der alten Auffaffung zu erkennen und
zu benutzen. Dabei leidet aber die ganze Arbeit an
einer unvermeidlichen Gebrochenheit; der hiftorifche Sinn
vieler Stellen wird erkannt, aber doch der traditionelle
zu erweifen gebucht; die altteftamentliche Offenbarung
ift vollkommen, aber die neuteftamentliche Offenbarung
ift doch höher. Den Entwicklungsgedanken darf man
nicht auf das A.T. anwenden, um etwa feinen Gottesbegriff
aus dem Animismus herzuleiten; denn der Jahweglaube
hat fich von Anfang an als einfame Weisheit behauptet,
was ein Beweis für feine übernatürliche Herkunft ift.
Und zwar hat er fich durch die ganze A.T. Gefchichte
in gleicher Vollkommenheit hindurchgezogen, da fie einen
israelitifchen Nationalgott nicht kennt, ebenfowenig einen
Unterfchied zwifchen dem Gottesbegriff der Vorzeit und
dem der Propheten. Dann wird ohne Berückfichtigung
ihres gefchichtlichen Werdens die Lehre von der Dreieinigkeit
behandelt und in der uns von der Orthodoxie
her bekannten Weife aus der Bibel abgeleitet. Kritifche
Einwände, fcheinbare Widerfprüche werden mit allen
möglichen, mehr oder weniger guten harmoniftifchen Kün-
ften erledigt. Darauf wird im Anfchluß an die Behandlung
des Gefetzes manche wichtige ethifche Frage befprochen,
wie etwa der ethifche Dualismus, das Verhältnis der Sittlichkeit
zur Seligkeit und zum Kultus u. a., womit man
im allgemeinen mehr einverstanden fein kann. Recht
vernünftig wird die Infpiration als lebendigmachende
Mitteilung aufgefaßt und der Maßftab eines .Religionshandbuchs
für Unmündige' für ihr Wefen abgelehnt.
Endlich wird noch das Prophetentum unter dem religiö-
fen Gefichtspunkt behandelt und damit der Einwand von
den unerfüllten Weisfagungen beftritten.

Viel eindrucksvoller ift der zweite Teil. Zwar ift
es eine merkwürdige Mifchung von Altem und Neuem,
wenn aus dem Selbltbewußtfein Jefu die wefenhafte Got-
tesfohnfehaft im trinitarifchen Sinn gefolgert und als
beftändige Grundlage feiner Äußerungen behauptet wird;
ebenfo müffen fich Stellen wie ,Niemand ift gut'., eine
recht advokatenhafte Behandlung gefallen laffen. Aber
über folche Partien hebt fich die große Ausführung
über Jefus in den Vollkommenheiten des Offenbarungsgottes
' prächtig heraus. Hier wird das, was Jefus der
Welt Neues zu fagen hatte, als die Frohbotfchaft von
der Vatergüte, als das Gefetz der vollkommenen Gerechtigkeit
und als das Evangelium vom Gottesreich in
einer zwar recht breiten, aber erhebenden und innerlich
überzeugten Weife dargeftellt. Hier fühlt man die.inner-
fte Gemeinfchaft mit diefer kath. Theologie in der Erfahrung
der großen rein geiftigen Güter und Kräfte. Alles
läßt fich etwa in folgende Satze zufammenfaffen: die
Vatergüte Gottes, der zugleich die Allmacht, Schöpfer
und Herr der Welt ift, will an uns den wahren Sinn des
Lebens, nämlich die Vervollkommnung des geiftigen Lebens
verwirklichen, die in der Lebensgemeinfchaft mit Gott
und in der Erhebung zu felbftbellimmten Perfönlichkeiten
befteht. Nicht die Herrfchaft der Kirche und des Papft-
tums, die in ihrer Einfeitigkeit zu einer geiftigen Erftar-
rung fuhrt, fondern die Herrfchaft Chrifti foll das Ziel
der Ausbreitung des Evangeliums fein. — Mit folchen guten
und echten Gedanken nimmt man dann auch noch ein