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Ausgabe:

1906

Spalte:

607-609

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Breysig, Kurt

Titel/Untertitel:

Die Entstehung des Gottesgedankens und der Heilbringer 1906

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 22.

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gegen die Bulgaren follen haben zu fchulden kommen j gegen ,ein perionliches Wefen, das auf den niederen
laffen: Einmifchung in Eheangelegenheiten von Exarchi- j Stufen der Glaubensentwicklung in menfchlicher oder
ften, widerrechtliche Befchlagnahme von Kirchen und halb menfchlicher, halb tierifcher Geftalt, auf den höheren
Friedhöfen, Hinderung des Schulwefens, endlich Gewalt- j geftaltlos vorgeftellt wird, dem übermenfchliche Eigentätigkeiten
gegen Leben und Eigentum der Exarchiften. fchaften — von Unfichtbarkeit, Unverwundbarkeit und
Hier geht namentlich die Schilderung fehr in die Breite. 1 dergleichen aufwärts bis zur Allmacht und Allwiffenheit

Ganz befonders wird da der Metropolit von Kaftoria,
Germanos Karevangelis mitgenommen: ,Les violences com-
mises dans le diocese de Kastoria depassent toute limite',

eine übermenfchlich ftarke, nicht mehr nur vorübergehende
, fondern ftetige Einwirkung auf die menfchlichen
Gefchicke zugefchrieben werden, dem Anbetung und

fo beginnt der Abfchnitt (S. 105). Germanos ift es auch, ; Dienft — fei es im Haus, fei es öffentlich, von Laien
der auf dem Titelbild an den Pranger geftellt werden j oder Prieftern — gewidmet werden, und dem ein fitt-

foll, das den Metropoliten umgeben von türkifchem Militär
fehen läßt. Nun will es der Zufall, daß wir gerade von
diefem Kirchenfürften aus der Feder Heinrich Geizers
(Vom heiligen Berge und aus Makedonien, Leipzig 1904,
S. 237fr.) eine ausführliche Schilderung und Charakte-
riftik beutzen. Germanos hat in Bonn und Leipzig ftudiert

licher Einfluß auf das Verhalten der Menfchen eingeräumt
wird'.

Der Verf. ftimmt nun der Anficht zu, daß ,der Seelenglaube
und SeelendienfF ,die Vorftufe für alle fpätere,
auch die ganz anders geartete Glaubensentwicklung' fei.
Er beftreitet aber, daß der Seelen- und Geifterglaube fleh

und auf letzterer Univerfität feinen Doktor gemacht. Der unmittelbar oder etwa bloß auf dem Wege der Intro
Reichtum feines Geiftes, fein großer perfönlicher Mut jektion pfychifchen Wefens in die großen Naturerfchei-
und feine vollkommene fittliche Integrität wird ausdrück- j nungen zum Gottesglauben entwickelt habe. Vielmehr
lieh hervorgehoben, auch wie er auf kirchlichem Gebiete fetzt der letztere ftets die Verehrung eines ,Heilbringers'
in wahrem Sinne reformierend gewirkt hat. Daß da I voraus, an die er anknüpft, und die dann zur Gottesver-
Zufammenflöße mit den Exarchiften vorkommen mußten, | ehrung gefteigert wird. Mit andern Worten: die Götter
ift gewiß. Auch Geizer berichtet von einem folchen und ! find von Haus aus hervorragende Menfchen der Ver-

dem rafchen Einfehreiten des Metropoliten (S. 245). Aber
das fpricht noch nicht für die Schuld des Metropoliten.
So werden denn auch wohl die übrigen Schilderungen der

gangenheit, die fleh durch grandiofe Leiftungen, durch
Kämpfe mit Ungeheuern, durch fiegreiche Überwindung
von Flutkataftrophen und ähnliches ausgezeichnet haben

Bulgaren mit Vorficht aufzunehmen fein. Immerhin hat j und allmählich zu Göttern erhoben worden find. Und
das vorliegende Buch als Augenblicksbild aus dem großen zwar haben vielfach die jeweilig letzten diefer Heroen

Raffen- und Kirchen-Kampf auf der Balkanhalbinfel feinen
Wert.

Hannover. Ph. Meyer.

Breyfig, Kurt, Die Entitehung des Gottesgedankens und der
Heilbringer. Berlin, G. Bondi 1905. (XI, 202 S.) gr. 8°

M. 2.50; geb. M. 3.50

Ein merkwürdiges Buch, allein fchon merkwürdig
deshalb, weil es mit fchier beneidenswerter Zuverficht
das alte Wagnis unternimmt, lediglich auf Grund ge-

fchichtlicher Ünterfuchungen eine Theorie über die Ent- j zahlreicher Völkerfchaften. Er befpricht die Kolumbianer

das Erbe aller zeitlich früheren übernommen; woraus fich
angefichts des Umftandes, daß der Menfch vom Tiere
abftammt, die tierifchen Überrede an einzelnen Heilbringer
- und Göttergeftalten leicht erklären ließen. Erft in
einer fpäteren Periode find die Göttergeftalten mit den
Naturgewalten und Naturerfcheinungen kombiniert worden.

Wie man fieht, handelt es fich keineswegs um eine
völlig neue Theorie fondern lediglich um eine eigentümliche
Form euhemeriftifcher Anfchauungen. Den Beweis
für feine Behauptungen fucht der Autor zu erbringen
durch die Analyfe und Deutung der Sagen und Mythen

ftehung des Gottesglaubens aufzuftellen, während doch j und Nordländer, die Algonkin, die Irokefen, die Süd
die gegenwärtige Religionsforfchung im allgemeinen allen amerikaner, die Juden, die Babylonier, die Urfemiten, die

derartigen Verfuchen fehr fkeptifch und referviert gegen
überfteht, die Frage nach den Urfprüngen auf fich beruhen
läßt, und die Hauptaufmerkfamkeit auf fleißige
Detailarbeit, auf die Darftellung des empirifch gegebenen
Materials, auf den Nachweis einzelner Zufammenhänge
und Entwicklungslinien oder fpezififch pfychologifche
Probleme konzentriert.

Kurz und deutlich kennzeichnet Verf. zunächft diejenige
Anfchauung, die er bekämpfen und widerlegen
will. Es ift ,die Vorftellung von der Entftehung des
Gottesgedankens und der Göttergeftalten aus der Ver-
perfönlichung und Verfinnbildlichung der großen Naturkräfte
'. Wenn dabei von der Voraussetzung ausgegangen
wird, daß diefe Vorftellung die heutzutage herrfchende
oder wenigftens meift verbreitete fei, fo ift das allerdings
eine Annahme, an deren Richtigkeit zu zweifeln erlaubt
fein dürfte.

Will man weiterhin die pofitive Theorie darlegen,
die Breyfig vertritt, fo wird man billigerweife einige Be-
griffsbeftimmungen reproduzieren müffen, die er trifft.
Er unterfcheidet zwifchen ,Seelen', ,Geiftern', .Heilbringern'
und ,Göttern'.

Während feine Definition der beiden erften Begriffe
auf fich beruhen kann, lautet die des ,Heilbringers' dahin,
daß er ,eine Geftalt der Überlieferung fei, von der man
menfchen-, oder teils menfchen-, teils tierhaftes Auftreten
auf der Erde erzählt, der man fchon während ihres
irdifchen Lebens übermenfchliche Kräfte beimißt, und

Ägypter, die Inder, die Griechen, die Germanen.

Dabei legt er große Belefenheit an den Tag, oft
auch ein feines Witterungsvermögen für die gut akkreditierte
Literatur und die bellen Quellen. Wer aber
einigermaßen Befcheid weiß auf dem in Betracht kommenden
Gebiet, wird fich von felbft fagen können,
welcher unverwüftlichen Hypothefenfreudigkeit, welcher
verwegenen Kühnheit und Entfchloffenheit im Konfluieren
und Kombinieren es bedarf, um auf die angegebene
Weife die aufgeftellten Thefen zu begründen.
Der Natur der Sache nach bleibt es fall durchweg bei
Vermutungen und mehr oder weniger gewagten Schlüffen.
Um das nur an einigen Beifpielen zu illuftrieren: daß der
Seelenglaube fleh bei den Grönländern zu keinem Gottesglauben
, aber auch zu keinem Heilbringerglauben entwickelt
hat, liefert mit einen Beweis dafür, daß jener
ohne diefen nicht entliehen kann. Vielleicht das günftigfte
Paradigma bieten dem Verf. die Irokefen dar; aber felbft
hier erfcheint eine andere Deutung des Sachverhalts
durchaus möglich, die in gewundener Argumentation erft
widerlegt werden muß. Es fällt ferner auf, daß bei
diefer Völkerfchaft kein Zeichen zu finden ift ,von irgendwelcher
etwa früher behaupteten Tierheit des Heilbringers.'
,Doch wird man daran nach Maßgabe fo vieler fonltiger

Glaubensentwicklungen in Amerika......nicht zweifeln

können'. Den Theologen wird es nicht überrafchen, daß
fleh an Jahweh zahlreiche anthropomorphe und irdifch-
menfchliche Züge und zwar nicht nur in Schöpfungsfagen

die zumeift nach ihrem Entfehwinden in die Geftalt eines und Berichten über Drachenkämpfe aufweifen laffen; aber
Geiftes von fehr hohen Kräften übergeht'. Gott ift da- j folgt daraus wirklich — und damit wird ein genereller,