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Ausgabe:

1906 Nr. 1

Spalte:

523-524

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulz, Alfons

Titel/Untertitel:

Die Quellen zur Geschichte des Elias 1906

Rezensent:

Löhr, Max

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Seite 1

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523

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 19.

Kompromißprodukte. Faßt er Mofes Werk und Bedeu- [
tung dahin zufammen, daß er dem Volk nicht nur nationale
Einheit und gemeinfame Religion gegeben, fondern
auch den Gottesgedanken bleibend gefchichtlich und
fittlich akzentuiert, ihn ins Leben der Nation hineinge-
ftellt, Gott als Hüter des Rechts und Gott des Bundes
kennengelehrt und die Grundlagen des kultifchen und
zeremonialen Gefetzes gefchaffen habe: dann handelt es
fich fchließlich zwifchen ihm und den ,Modernen' nur
um ein Mehr oder Weniger, denn der Vorwurf der
Offenbarungsleugnung ift in diefer unbeftimmten Allgemeinheit
entfchieden als unrichtig zurückzuweifen. Wie
ihn ein verftändnisvoller Lehrer der ,Gefchichte Israels'
noch gegen Wellhaufen erheben kann, ift mir unbegreiflich
, und wer feine Vorlefungen gehört, wird ihn erft
recht nicht gelten laffen.

Ich kann trotz vieler guter Bemerkungen und mancher
dankenswerten Worte auch nach ,rechts' (die radikale
Gedankenlofigkeit fei ebenfo fchlimm wie die radikale
Kritik) in derartigen Halbheiten keine Förderung der
Aufgabe einer neuen Heilsgefchichte erblicken. Wenn
K. einmal fagt: das Wort Gottes will nicht bewundert,
fondern im Gehorfam des Glaubens als religiöfe Autorität
hingenommen werden, fo wird zu fagen fein, daß K. fo
gut wie jeder von uns ,deuten' muß, was denn nun Wort
Gottes ift, und die Deutung wird immer von dem ganzen
geiftigen Befitz und der Höhenlage des Individuums
wie der Zeit bedingt fein; und fodann, daß der gehobene
Ausdruck die einzige hiftorifche Darftellungsform für die
Momente ift, die wir religiös als Offenbarung deuten.
Wenn er fich aber mit der Anerkennung der Einzigartigkeit
des AT. nicht begnügen will, fo wird daran zu
erinnern fein, daß keiner der bisherigen Gefchichtsfchrei-
ber der Gefchichte Israels unter den ,Modernen' Heilsgefchichte
hat fchreiben wollen. Nur die frömmfte und j
zugleich weitefte Faffung des Begriffs ,Wort Gottes' kann
uns aus der von K. beklagten Mifere heraushelfen. Aber
der Führer ift noch nicht erfchienen.

Lobberich. Alfred Zilleffen.

Schulz, Prof. Dr. Alfons, Die Quellen zur Gefchichte des

Elias. Ein Beitrag zur Erklärung der Königsbücher.
Progr. Braunsberg, H. Grimme 1906. (19 S.) gr. 40

M. —80

Schulz' Arbeit ift von bemerkenswerter exegetifcher
Objektivität und mit eingehender Berückfichtigung auch
der proteftantifchen, einfchlägigen Unterfuchungen ausgeführt
. Er handelt ,über die Befchaffenheit der Elias-
ftücke, ihr Verhältnis zu einander, fowie zu den übrigen
Beftandteilen der Königsbücher, über ihr Alter und ihre
Einfügung in das Ganze', und fetzt fehr richtig hinzu:
,foweit fich überhaupt derartige Unterfuchungen noch
mit Sicherheit führen laffen'.

Er gibt zu (S. 14), daß Reg a 20 und 22 einer andern
Quelle zuzuweifen find, als c. 17—19. 21, und ebenfo
(S. 15), daß ß 9 ein andrer Standpunkt vertreten ift, als
«21. Wenn er dabei leugnet, daß in beiden Fällen
eigentliche Widerfprüche' wahrzunehmen find, fo wird
man ihm m. E. darin zuftimmen müffen. Denn beifpiels-
weife Naboths S1D a 21 und (miB) ripbn ß 9 ift kein
Widerfpruch, und auch die beiderfeitigen Angaben über
die Lage diefes mit Reben bedeuten Feldes laffen fich,
ohne Gewalt, in Einklang bringen.

Sehr ausführlich ift Verf. über c. 19. Hierbei fällt
auf, daß er über die Einfchaltung von v. 9b—na wortlos
hinweggeht. Er befaßt fich faft ausfchließlich mit
v. 15 ff. und beftreitet die heute vielfach vertretene Anficht
, daß vor v. 19 eine Lücke anzunehmen fei. Es ift
ja an fich gewiß richtig, wenn Sch. fagt (S. 6): ,Es ift
nicht einzufehen, weshalb der Bearbeiter, wenn er wegen
ß 87fr. 96 einmal Abftriche am Text machte, nicht

fchon v. 15b und 16a wegließ, die den göttlichen Auftrag
an Elias, Hazael und Jenu zu falben, enthalten'. Aber
da find noch v. 17 und 18! — Wollte er die erhalten,
fo konnte er v. 15 b. 16a garnicht entbehren. Ferner ift
es wohl, äußerlich angefehen, richtig, (S. 7) daß ,der Auftrag
Gottes, den Elifeus zum Nachfolger zu falben, eigentlich
auch von Elias nicht ausgeführt wird'. Aber
die fymbolifche Handlung des Mantelzuwerfens foll doch
ganz offenbar wenigftens der erfte Schritt zur Ausführung
des göttlichen Auftrags fein. Endlich geht Sch. an der,
bei feiner Auffaffung nicht geringen Schwierigkeit des
QÜta v. 19 init. ftillfchweigend vorüber. Nach alledem
dürfte die Annahme einer Lücke doch immer noch die
akzeptabelfte Erklärung für den vorliegenden Textbe-
ftand bleiben,.

Breslau. Max Lohr.

Daubney, William Heaford, B. D., The three Additions to

Daniel. A study. Cambridge, Deighton, Bell and Co.
1906. (XV, 258 p.) 8° s. 5 —

Der Verfaffer hat fchon in einer früheren Schrift
feinIntereffe für die,Apokryphen' bekundet (f. Daubney,
The use of the Apocrypha in the Christian Church, London
1900, vgl. die Anz. Theol. Litztg. 1900, 556). Er hat
dort namentlich zu zeigen gefucht, daß die ftrenge Verwerfung
der Apokryphen durch die englifchen Bibel-
gefellfchaften nicht dem Urteil und der Praxis der älteren
englifchen Kirche entfpreche, daß diefe vielmehr in ähnlicher
Weife wie die lutherifche Kirche im ganzen eine
freundliche Stellung zu den Apokryphen eingenommen
habe. Auch in diefer neuen Monographie tritt er als
Anwalt der Apokryphen auf. Die Arbeit ift zwar wiffen-
fchaftlich gehalten. Er kennt in weitem Umfang die
einfchlägige Literatur und benützt fie fleißig (von deut-
fchen Arbeiten am häufigften: Rothftein in Kautzfch's
Überfetzung der Apokryphen und Pfeudepigraphen). Er
erwägt auch alle Fragen, die bei einer wiffenfchaftlichen
Unterfuchung der Stücke in betracht kommen. Zum
Teil gefchieht dies eingehender, als es in der Regel in
den Kommentaren und in den ,Einleitungen' in die Apokryphen
gefchieht und gefchehen kann. So gibt D. ziemlich
ausführlich die Gefchichte der kanonifchen Geltung
der Stücke und bringt auch manches Detail über Sprache
und Stil derfelben bei. Aber fein eigentliches Intereffe
gilt doch nicht dem wiffenfchaftlichen gefchichtlichen
Verftändnis, fondern der Verteidigung der Stücke gegen
ungünftige Beurteilungen. Bei jedem der drei Stücke
{The Song of the Three Holy Children p. 15—99, The
History of Susanna p. 101 —177, The History of Bei and
the Dragon p. 179—248) handelt er nicht nur über Titel,
Verfaffer, Zeit und Ort der Abfaffung, Zweck, Integrität
und Überlieferung des Textes, Sprache und Stil, Chronologie
, Kanonifche Geltung, Verwendung in der altchrift-
lichen Literatur und Kunft, fondern er fucht jedesmal
auch zu zeigen, daß die religiöfe Stellung und die Rheologie
' des Verfaffers unanftößig fei, und daß das Stück
nachahmenswerte Beifpiele für Leben und Sitten darbiete.
Der Paragraph ,Example of Life and Instruction of Manners'
bildet in allen drei Teilen den Schluß und ift nach der
Anficht des Verfaffers offenbar befonders wichtig. Die
Gefchichte von Bei und Drachen lehrt uns z. B. folgendes
(S. 243—245): a. Courage, b. Resistance to temptation,
c. Wisdom, d. Endurance, e. Perseverance, f Gratitude,
g. Mindfulness of faith and duty, h. Disinterested Service
ofGod, i. Pleasure in Gods service; und Daubney ift fehr
ungehalten über die, welche die Gefchichte nicht erbaulich
finden (S. 248).

Die Arbeit ift alfo trotz des Aufgebotes eines nicht
unanfehnlichen wiffenfchaftlichen Apparates doch nur
halb-wiffenfchaftlich. Auch im Urteil macht fich das
geltend. Man vermißt häufig eine fichere methodifche
Entfcheidung nach Gründen; der Verf. ift weit mehr