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Ausgabe:

1906 Nr. 13

Spalte:

390-393

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walther, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Für Luther wider Rom. Handbuch der Apologetik Luthers und der Reformation den römischen Anklagen gegenüber 1906

Rezensent:

Bossert, Gustav

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3«9

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 13.

390

fonders den Dogmenhiftorikern dienen wird, machen
den Schluß.

Göttingen. F. Kattenbufch.

Walther, Prof. D.Wilhelm, Für Luther wider Rom. Handbuch
der Apologetik Luthers und der Reformation
den römifchen Anklagen gegenüber. Halle a. S.,
M. Niemeyer 1906. (XVI, 759 S.) gr. 8° M. 10 —

Längft war eine neue Auflage jener verdienftlichen
Abhandlungen Walthers, ,Luther im neueften römifchen
Gericht', die der Verein für Reformationsgefchichte
Heft 7, 13, 31, 35 von 1883 —1892 herausgegeben hat,
neben feiner unter dem Namen Lutherophilus herausgegebenen
Schrift, ,das fechfle Gebot und Luthers
Leben', 1893 Bedürfnis. Aber die Anklagen gegen
Luther waren feit jener Zeit durch Denifles Angriff
gegen ,Luther und Luthertum' und die verfchiedenen
Abhandlungen des zu einem ,immer fchärferen Polemiker
' fich entwickelnden Nile. Paulus vermehrt und ver-
ftärkt worden. So war ein Handbuch, das alle gegen
Luther und damit gegen die Reformation erhobenen
Anklagen unter Angabe der in Betracht kommenden
Quellen prüfte, dringend nötig geworden. Dabei war
die fchwierige Aufgabe, die Darfteilung fo zu halten,
daß Jedermann, auch die Nichtgelehrten, den Unter-
fuchungen folgen konnte. Gerade diefe wurden durch
die Angriffe, welche oft alte Ladenhüter aufgeputzt vorzubringen
wagen, immer wieder beunruhigt.

Sehr hoch ift es Walther anzurechnen, daß er ,die
unter den Evangelifchen beflehenden Differenzen nirgends
berührt', da er nicht ,irgend einer Partei oder Richtung,
fondern dem von Rom bekämpften Proteftantismus'
dienen möchte. Daher verzichtete er darauf, wo diefer
oder jener proteftantifche Schriftfteller in feiner Prüfung
Luthers mit den Römifchen zufammenftimmt, jenen zu
bekämpfen, obwohl er dann von römifcher Seite ficher
als unfehlbare Autorität gepriefen wird, fondern wendet
fich gegen die römifchen Vertreter der betreffenden
Anklage.

Selbftverftändlich hat Walther, deffen Arbeiten in
der Weimarer Lutherausgabe jedem Lutherforfcher
wegen ihrer Gründlichkeit angenehm bekannt find, nicht
nur das ganze frühere Material auf Grund der neueften
Forfchungen neu durchgearbeitet, fondern auch eine
Fülle von neu aufgetauchten Fragen eingehend unter-
fucht, z. B. Luthers Stellung zum Gebot der Wahrhaftigkeit
und fein Verfahren im heflifchen Ehehandel
(S. 415—433), Denifles Beweife für Luthers Verlogenheit
' (442 ff.) und Trunkfucht (S. 575), die Behauptungen
Denifles und N. Paulus über Luthers Intoleranz (S. 311),
feine Heilsgewißheit (S. 162, 175), feine angebliche
Schwäche gegenüber der ,Begierlichkeit' (S. 544 ff.), feine
Lehren vom Eheftand und der Bigamie (S. 670 ff.) und
feine Klagen über die moralifchen Folgen feines Wirkens
(S. 715 fr.). Nicht den geringflen Vorzug des Werkes
bilden die beigegebenen Regifter, die das Nachfchlagen
fehr erleichtern, und zwar: ein Sachregifter, dann ein
Regifter der aus Luthers Werken zitierten und erläuterten
Stellen a) nach der Erlanger Ausgabe, wobei
auch die in der zweiten Auflage fchwer findbaren Stellen
der erflen nachgewiefen find, b) Enders Briefwechfel, c) de
Wette, d) Weimarer und e) Walchfche Ausgabe. Dann
folgt ein Verzeichnis der aus Janffens (bei 400) und
Denifles (bei 300) beiden Werken zitierten Stellen.
iogifche7¥elhilfeYeVge¥entDhat, je an feinem Orte ein- Sehr fcharf und fchneidig aber immer an Händig ift

geordnet Walthers Widerlegung. Wohl haben ihm Denifles oft

Drei vortreffliche Regifter eines über die Einordnung : geradezu haarfträubende Entftellungen und Wutaus-
der zunächft nach ihren Fundflellen rubrizierten (danach . brüche einige Mal ironifche Wendungen abgenötigt, aber
fukzeffive numerierten) Fragmente in die .Texte-, die 1 die Vorrede fagt, diefe paar Bemerkungen, wie man
L. gewinnt, eines über die von Neftorius angeführten Bibel- fie bald nach dem Tod eines Gegners fich nicht zu
(teilen eines über Namen Wörter, Sachen', welches be- erlauben pflegt, waren fchon gedruckt, als Denifle flarb.

gar nicht umhin konnte, über die Schriften des Neftorius
aufgehäuft ifl. Die wirkliche Überlieferung der fchon
veröffentlichten Fragmente, befonders der ,Sermone' (wo
Garnier Unerlaubtes auf dem Gewiffen hat), dargetan
zu haben, neuen Spuren weiterer Stücke mit Erfolg
nachgegangen zu fein, kritifche Kombinationen mit Vorficht
und glücklichem Scharffinn vollzogen zu haben,
bleibt L.s unbezweifelbares Verdienft. Einen Vorgänger
auf befchränktem Gebiet hat feine Arbeit an einem
Auffatze von Batiffol gehabt. Diefer glaubte in der
Reu, bibl. IX, 1900, nicht weniger als 52 Sermone, die
unter anderem Namen laufen, nach gewiffen internen
Merkmalen dem Neftorius vindizieren zu dürfen. L. verkennt
(S. 150 f., Anm.) das Verdienft Batiffols nicht,
traut jedoch feinen Hypothefen wenig, jedenfalls nirgends
genug, um danach einen ,Text' in feine Sammlung mitaufzunehmen
. Er felbft hat die Genugtuung, eine
.zweifellos echte Neftorius-Homilie' nach dem Incipii,
das er in den ephefinifchen Akten feftftellen konnte, in
griechifcher, alfo der eigentlichen Originalgeflalt
wieder zu entdecken (unter Homilien des .Chryfoftomus'),
f. S. 107 u. den Text S. 231 ff. Einer andern ifl er auf
analoge Weife wenigftens auf die Spur gekommen,
S. 149: vereintem Suchen in den Bibliotheken wird da
wohl gewiß noch Erfolg befchieden fein. ,Vor jeder
nur mit innern Argumenten operierenden Konjektural-
kritik — bemerkt L. — habe ich mich hüten zu müffen
geglaubt; denn wenige fichere Refultate find mehr, als
viele unfichere'. Er hat damit ohne Zweifel feinem
Werke die Ausficht auf bleibenden Wert in der
Ganzheit gefchaffen.

Es hat keinen Zweck, hier eine genaue Überficht
über das, was L. alles bietet, zu geben. Fortab wird jeder,
der fich mit Nefl. befchäftigt, das Buch zur Hand nehmen
und durcharbeiten müffen. Ich möchte aber darauf
hinweifen, daß keineswegs nur ein folcher Spezialforfcher
an dem Werke Interefle finden wird. L.s Unterfuch-
ungen laffen fo viel Licht fallen auf die verfchiedenften
Gebiete, die der Hiftoriker der alten Kirche kennen
muß, daß fie noch manchem andern willkommene Dienfle
leiften werden. Wie wertvoll ifl allein die Beleuchtung
der ,Akten' des Ephefinums, ihrer Überlieferung, ihrer
Behandlung durch die Herausgeber etc.! Es ifl wohl
das Meiflerflück der L.fchen Arbeit, wie darin die Angaben
über die Quaternionen diefer Akten, die fich
finden, benutzt find, um die diefen Akten entnommenen
zwanzig Exzerpte aus Sermonen desNefl.s noch fachlich
zufammenzuordnen und auf ihre Herkunft zu prüfen.
Nur ganz wenige Dokumente von Neft.'s Hand find voll-
ftändig erhalten, zehn Briefe, (wie es jetzt fcheint, der
Uber Heraclidis), die zwölf Anathematismen, wohl
nur vier Predigten, alles andere ifl fragmentarifch. Es
find im ganzen 314 Nummern, die L. zufammengebracht
und in weitem Maße auch zu ordnen gewußt hat. Speziell
zu verdanken ifl ihm die Ausnutzung von W. Wrights
Catalogue of the syriac manuscripts in the Britisli Museum II,
1871, der ihm Nr. 208—314 dargeboten hat. Diefe letzeren
Fragmente find nicht lauter fonft unbekannte Stücke,
doch aber größtenteils folche; fie gewähren öfter die
Möglichkeit von Textverbefferungen bekannter Stücke
und find vor allem fachlich, wie L. urteilt, ,für die Erweiterung
unferes Wiffens über die Schriften des Neftorius
von beträchtlichem Werte'. Was bloß fyrifch erhalten
ift, hat Dr. G. Kampffmeyer in einem Anhange
des Buches herausgegeben, Loofs hat es fchon vorher
in deutfeher Überfetzung, die K. unter feiner theo-