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Ausgabe:

1906 Nr. 10

Spalte:

307

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baumstark, Anton (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Oriens Christianus. Römische Halbjahreshefte für die Kunde des christlichen Orients. 3. Jg 1906

Rezensent:

Meyer, Ph. L.

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3°7

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 10.

308

Oriens Christianus. Römifche Halbjahrhefte für die Kunde
des chriftlichen Orients. Mit Unterftützung derGoerres-
gefellfchaft herausgegeben vom Prieftercollegium des
deutfchen Campo Santo unter der Schriftleitung von
Dr. Anton Baumftark. Dritter Jahrgang, zwei Hefte.
Rom 1903. Leipzig, O. Harraffowitz in Komm. (VII,
605 S.) gr. Lex. 8" M. 20 —

Zu meinem aufrichtigen Bedauern komme ich erft

wahrten berühmten Bonifatiuscodices zum Gegenftande
einer neuen forgfältigen und lehrreichen Unterfuchung
gemacht. Es handelt fich um drei ftattliche Bände, die
auch rein bibliographifch, zum Teil künfllerifch, intereffant
find, deren Abftammung aus dem Befitze des großen
Gönners der Abtei Fulda fchon wiederholt ebenfo benimmt
beftritten wie bejaht worden ihr. Scherer entfcheidet fich
für die Zuverläffigkeit der alten Tradition und ich kann
ihm nur zuftimmen. Von unbedingter Sicherheit wird
niemand reden, aber es find foviel äußere Anhalte und

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jetzt dazu, den dritten Jahrgang d.efer fehr reichhaltigen , innere Wahrfcheinlichkeiten in den Quellen und Codices
Zeitfchnft anzuzeigen Wie ich bereits zum zweiten ! felber vorhanden) daß man nicht zu zweifeln braucht, an
Jahrgang bemerkt habe (1904, Nr. 5), kann es auch hier den Büchern echte Bonifatiusreliquien zu befitzen, fpeziell

fich nur darum handeln, die tür die Theologie wichtigeren
Stücke bemerklich zu machen.

In der erften und zweiten Abteilung, die /JTexte und
Unterfuchungen' und ,Auffätze' bringen, treffen wir zu-
nächft auf Fortfetzungen aus den beiden erften Jahrgängen.
Dahin gehören die vier Briefe des neftorianifchen Katho-
likos Timotheos I. an feinen Freund Sergios, die Oskar

auch wirklich das Buch, welches Bonifatius über feinem
Haupte hielt, als er den Todesftreich empfing, und welches
durch fchwere Axthiebe mitgetroffen wurde.
Die Codices find die folgenden:
1. Der fog. Viktor-Codex, d. h. eine Handfchrift
des lateinifchen N.T.s, die von Viktor von Capua (-j- 554)
herftammt. Enthalten ift darin zunächft die Abfchrift

Braun herausgibt. .Sie handeln von nicht gerade bedeu- 1 • _ r? ' „.,• j:„ ,„r n:-f„rr

, 1 • 1 ,• . j 1 •/• 1 r- t-u r einer Evangehenharmonie, die aut latians Diatellaron

tenden kirchlichen und theologifchen Dingen. Ebenfo
bringt F. Nau neue griechifche Texte, die von Anaftafius
Sinaita flammen, daneben noch einige anderer Verfaffer,

(im einzelnen ift der Text auf die Vulgata adaptiert)
zurückgeht, fodann die Reihe der übrigen Bücher. Von
Viktor felbft rühren mehrere Zugaben her, Vorrede zu

S^SftJSS^ den Evangelien u. a., die wiffenfchaftlich wertvoll find

Der Codex ift längft beachtet und in feinem Werte gewürdigt
, auch als ganzer im Drucke ediert von E. Ranke
(1868). Scherer hat nur noch eine Nachlefe halten können,

legenden, wie fie im Laufaikon und fpäteren Sammlungen
enthalten find, bilden den Inhalt. Palmieri führt die Ge
fchichte von der Bekehrung der Iberer zu Ende und

Vetter die armenifchen apokryphen Petrus- und Paulus- dje z'umal auch die paiäographifchen Forichungen D

l.-f <->r-i I Intrae Hon neu hört mnnnHpn X T11 r-1P» n prr^nt !".<=»_ m . _ * _ __ *?

akten. Unter den neu beginnenden Stücken erregt be
fonderes Intereffe ein Gebet des Kyprianos, das Theodor
Schermann veröffentlicht. Harnack hat fchon in den
Texten und Unterfuchungen, Neue Folge IV, 3b (1899)

Traubes verwertet. Das Exemplar ift zweifellos eins der
älteften chriftlichen Buchwerke, die es noch gibt; es ift
fertig geworden am 12. April 547. Wie es in die Hände
des Bonifatius gelangt ift, läßt fich nicht feftfitellen. Früher

auf die oratio II Cytriam aufmerkfam gemacht und ; laubte ^ ^ Rand loffe zurn Jakobusbrief die

deren Verfaffer in Gallien gefuch . Der von Schermann ■ Hand des Bonifatius felbft erkennen zu follen. Das hat
edierte griechifche Text hat mit dem lateinifchen nur Tfaube a,g nicht an . „achgewiefen — die Gloffe
noch in der allgemeinen Form Ähnlichkeit. Schermann , zej irifchen Duktus und flammt wohl aus dem 7. Jahr-
will als Verfaffer den laienhaften Kyprianos von An- , hundert Scherer hat noch ejnzdne kldne Stücke in den
tiochien feilhalten und laßt den Text vom Orient nach Gloffen (vQn verfchiederien Händen) feftftellen können,

Gallien gekommen fein. Hier fei das Urfprüngliche in
deffen beffer gewahrt. Die Neuteftamentliche Forfchung
wird von Bludau durch feinen Auffatz: ,Das Comma Jo

die ,felbft Rankes Augen entgangen find'.

Sicher ift der Viktorcodex der inhaltlich wichtigfte
unter den Bonifatianen. Mich hat jedoch im Blick auf

hanneum (i Joh. 5 7) in den orientalifchen Uberfetzungen | die Symbolgefchichte fpeziell intereffiert:
und Bibeldrucken' bereichert. Er ftellt durch muhfame 2 Der Ragyndrudis-Codex; er ift derjenige, mit

Erhebungen die ,allerdings bekannte Tatfache' feft, ,daß
die orientalifchen Überfetzungen für einen etwaigen Ver-
fuch, die Echtheit des Comma Johanneum zu erweifen,

dem Bonifatius fiel. Scherer behandelt ihn mit befon-
derer Sorgfalt, fchildert ihn genau und allfeitig; das ift
willkommen, da er nicht ediert ift, eine vollftändige Edition

vollftändig vertagen'. Endlich feien noch zwei Artikel j auch wohl nicht verdient, da er inhaltlich uns nichts unbe
genannt, die fich mit der kirchlichen Kunft befchaftigen. kanntes vermittelt. Immerhin enthält er die bisher einzig
Anton Baumftark handelt von einer fynfchen traditio nachweisbare, auch noch nicht verwertete Handfchrift
Ups', und der Benediktiner Dom HuguesGa.ßer fchreibt ; des ubellüs fidei des Fauftus von Reji (der neuefte Editor
über des Heirmoi de Päqties dans l Office grec'. Gaißer ; der Werke des Fauftus> Engelbrecht, Wiener Corpus,
ift in diefem fchwiengen Gebiet fehr bewandert. Er hat j hat nichts von ihr geWußt und konnte nur den Urdruck

bereits früher das Systeme musical de VEglise grecque
d'apres la tradition gefchrieben.

Die Literaturüberfichten find wiederum fehr reichhaltig
ausgefallen.

Hannover. Ph. Meyer.

erneuern)! Scherer akzeptiert meinen Nachweis (Apoft.
Symbol II, 756 fr.), daß der Codex einen Zufammenhang
mit Pitras Lyoner Eucheriushandfchrift hat; er fcheint
eine Abfchrift davon zu fein und aus dem 7. Jahrhundert
zu flammen. Scherer ftellt feft, daß die Schriftformen
den in Luxeuil geübten entfprechen, woraus noch nicht
gefolgert werden darf, daß er in diefem großen, einfluß-

Scherer, Biblioth. Dr. Carl, Die Codices Bonifatiani der

Landesbibliothek zu Fulda. Mit 3 Lichtdrucktafeln und ! reichen Columbaklofter gefchrieben fein müßte. Der Co-

5 Abbildungen. (Sonder-Abdruck aus der Feftgabe i dex enthält eine Sammlung trinitarifch-chriftologifcher

t3 t ,■ t Lila *^;A tr.uao PmUpp. Ai Traktate und Symbole und hat mehrere Parallelen an

zum Bonifatius-Jubiläum 1905.) rulda, huldaer Aktien- , c___, ' , . ... ~ / :„„„o„:„u„ „

, fsr 0,1 p» anderen Sammlungen, deren wichtigfte (einen Keicnenauer

druckerei 1905. (IV, 37 S.) Lex. 8° M. 3— Codex)K.Künftle monographifch behandelt hat. Scherer

Anläßlich der vorjährigen Bonifatiusfeier (nach der
jetzt ,rezipierten' Anfchauung erlitt Bonifatius 755 den
Märtyrertod; Tangl hat mit guten Gründen, die Scherer
auch für überzeugend hält, das Jahr 754 konjiziert —

leitet den Bonifatianus fchließlich mit ,Wahrfcheinlichkeit'
auf Südfränkreich zurück. Wer RagyndrudN, die Stifterin
des Codex, gewefen, kann auch Scherer nicht feftftellen,
doch weift er eine junge Lombardenkönigin diefes Namens,

vielleicht wird diefes Jahr bis zur vollen Säkularfeier, j die in die Zeit des Bonifatius gefallen ift, nach
der zwölften, fich die Anerkennung auch der kirchlichen 3. Der letzte Codex ift ein Evangeliar. Eine Notiz

Kreife erftreiten) hat der jetzige Bibliothekar der j auf dem letzten Blatte, die ca. 890 gefchrieben ift, be-

Landesbibliothek zu Fulda, Dr. Scherer, die dort be- 1 richtet von ,alter' Tradition in Fulda, daß Boniifatius