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Ausgabe:

1906 Nr. 9

Spalte:

279-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlatter, Adolf

Titel/Untertitel:

Atheistische Methoden in der Theologie 1906

Rezensent:

Lobstein, Paul

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279

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 9.

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zu bringen. Daß er indeffen nach diefer Seite hin noch
mehr hätte tun können, wird man nicht in Abrede ftellen
dürfen. So hätte ihm z. B. die Verwertung des Buches
Weingartens über die Revolutionskirchen Englands wefent-
liche Dienfte geleiflet. Doch man darf an M.s Werk
nicht Fordefungen ftellen, die außer feinem Gefichtskreis
und feinen Abfichten liegen. Er tritt nicht als Forfcher
auf, der neue Gefichtspunkte aus bisher unbekannten
Quellen an den Tag fördert, fondern als Darlteller, welcher
das vorhandene und bekannte Material überfichtlich zu-
fammenfaßt, gefchickt gruppiert und auf einen lebendigen
wirkungsvollen Ausdruck bringt. Damit hat er feinerfeits
der Sache der Toleranz gedient, und ein höheres Lob wird
er felber nicht in Anfpruch nehmen wollen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Schaeder, Prof. D. Erich, Die Chriftologie der Bekenntnille
und die moderne Theologie. Zwei Vorträge. (IV u. S.
159—226.)

Schlatter, D. A., Atheiftifche Methoden in der Theologie.

(S. 227—250.)

(In: Beiträge zur Förderung chriftlicher Theologie.
Herausgegeben von A. Schlatter und W. Lütgert. Neunter
Jahrgang, 1905, 5. Heft.) Gütersloh, C. Bertelsmann,
gr. 8° M. 1.60

1. — Die ,Chriftologie der Bekenntniffe' fetzt Schaeder
ohne weiteres als bekannt voraus, und geht auf eine
weitere Darftellung derfelben nicht ein, weder um das
religiöfe Intereffe der altkirchlichen Sätze mit dem der
reformatorifchen Pofition zu vergleichen, noch um die
inncrkonfeffionellen Differenzen im Schöße der evange-
lifchen Kirche fchärfer zu beleuchten; in letzter Hinficht
hat er es vornehmlich mit der lutherifchen Chriftologie
zu tun, wobei zu bemerken ift, daß er in der Lehre von
der communicatio tdiomatttm einfach die Vollendung der
Zweinaturenlehre zu erblicken fcheint.

In dem erften Vortrag fetzt fich Schaeder mit der
Theologen-Gruppe auseinander, die er die ,neugläubigen'
nennt; es gehören diefelben ,dem Kreife der prinzipiell
religionsgefchichtlichen Forfcher' an, die ,an der Einführung
einer neuen Religion, eines neuen Chriftentums,
welches diefen Namen nicht mehr verdient', mit aller
Kraft arbeiten. Ihnen ift Chriftus nicht mehr Gegenftand
des Glaubens, fondern nur ,das erfte Subjekt der chrift-
lichen Religion, der erfte Träger des Chriftenglaubens'.
Diefen Theologen gegenüber wirft Sch. die Frage auf:
Müffen wir die kirchliche Chriftologie an diefem Herz-
punkt auflöfen? Eine Frage, die zu bejahen wäre, wenn
wir genötigt wären, den Glauben an Chriftus, das heißt
die fchrankenlofe Unterordnung unter ihn und das ganze
Vertrauen auf ihn preiszugeben. Demnach hänge alles
an dem Bekenntnis zur perfönlichen Gottheit Chrifti.
Das Recht diefes Bekenntniffes will Sch., im Gegenfatz
zur neugläubigen, beifpielsweife Bouffetfchen Auffaffung,
erweifen, und zwar nicht auf dem Wege eines Poftulats,
auch nicht nach dem Verfahren Schleiermachers oder der
Erlanger Schule, aus der Erfahrung der von Chriftus
ausgehenden göttlichen Wirkungen, fondern zunächft
lediglich durch die Methode hiftorifcher Unterfuchung.
Unfere neuteftamentlichen Quellen, gerade auch die fynop-
tifchen Evangelien, dokumentieren uns die Gottheit Chrifti,
und zwar nicht erft als Glaubenserkenntnis und Bekenntnis
der erften Jünger, fondern als Inhalt der eigenen Überzeugung
und des Selbftbewußtfeinsjefu. ,Keine hiftorifche
Kritik unfrer drei erften Evangelien kann die Tatfache
aus der Welt fchaffen, daß Jefus fich als den Herrn der
Welt gewußt hat und daß er als folcher von feinem
Jüngerkeis angefehen worden ift' (171). In doppelter
Richtung: als den Herrn der perfönlichen Geifter und als
den Herrn der Natur. Die Machtftellung Jefu den perfönlichen
Geiftern gegenüber erfcheint grundlegend darin,
daß er felber die Sünden vergeben kann und vergibt,
daß er mit unbedingt verpflichtender Kraft den Men-
fchenfeelen das fittliche Gefetz auflegt, daß er fich als
den Richter des Menfchengefchlechtes weiß. Zum Zweiten
ift Chriftus auch der Herr der Natur. ,Seine Macht über
den Naturlauf offenbaren feine Wunder . . . Eine Per-
fönlichkeit geftaltet hier den Naturlauf, wie fie
will. Das ift die Sache' (178). Nun erhellt allerdings aus
der Stelle, welche die xvQioznq Jefu (nämlich feine Gottheit)
als eine Äußerung des Selbftbewußtfeins Jefu zufammen-
faffend und prinzipiell ausfpricht, Matth. 1127, daß diefe
Machtftellung Jefu über die Natur und die Gefchichte
ihm von Gott verliehen ift. Diefe Tatfache beeinträchtigt
indeffen keineswegs die volle Gottheit Chrifti. Jetzt hilft
uns die Erinnerung an die Gottesfohnfchaft Jefu. Die
Evangelien kennen die Gottheit Jefu nur in der Form
der Gottesfohnfchaft . . . Der Sohn Gottes ift der, dem
Gott Teil gibt an dem, was er ift und hat' (185). Nichts-
deftoweniger ift die Gottesfohnfchaft etwas zu feinem
Wefen Gehöriges, ,Wefensmäßiges' (186). ,So weit der
hiftorifche Beweis für die Gottheit des Herrn. Er ift nicht
nur der fundamentale, er ift auch heute der wichtigfte'
(189). ,In diefem Grundpunkt bleibt es bei der Pofition
unferer Bekenntniffe' (190).

Es dürfte genügen, diefe mit abfolutem Tone, in
kurzen fchlagenden Sätzen vorgetragene Argumentation
wiederzugeben, um die troftlofe Schwäche derfelben bloß
zu legen. Alle mit fo volltönender Plerophorie aufgezählten
Selbftausfagen Jefu über feine Gottheit erledigen
fich einfach durch die Tatfache des Anfpruchs auf die
Meffianität. Nichts fchieferes, nichts unhiftorifcheres läßt
fich denken, als die Beleuchtung der Wundertätigkeit
Jefu als einer Perfönlichkeit, die den Naturlauf geftaltet,
wie fie will! Nichts verblüffenderes, als das Zufammen-
fprechen der widerftreitenden Sätze von einer .verliehenen
Gottheit', famt der Anwendung der (fynoptifchen?) Kategorie
des ,zum Wefen Gehörigen, Wefensmäßigen'! Ja, er
empfängt alles von Gott. Alles ift mir übergeben von
meinem Vater. Aber bei ihm gehört es zu feinem Wefen,
es zu empfangen. Verliehen wird ihm nur, was ihm
gehört' (189). Daß .diefer Menfch, der Gott ift', zu Gott
betet und fich ihm im Gebet unterordnet, ift ebenfalls
völlig in der Ordnung, denn ,die Gottheit Jefu zerftört
nicht die Einheit Gottes' (190).

In feinem 2. Vortrag hat es der Verf. mit einer
andern Theologen-Gruppe zu tun: es handelt fich um
die Vertreter ,einer modernen Theologie des alten Glaubens
', um folche, ,die fich um die Ermittelung und Begründung
des alten Glaubens, in welchem die Kirche
Jefu Chrifti von jeher das Chriftentum gefehen hat, bemühen
'. ,Moderne Theologen des alten Glaubens treten
uns in Seeberg und feinem Schülerkreife, außerdem in
Th. Kaftan entgegen'. Diefe hat Sch. bei der Behandlung
der 3 Hauptfragen feines Vortrags im Auge. ,In
puncto übernatürlicher Geburt und befonders in puncto per-
fönlich-gottheitlicher Präexiftenz Jefu müffen wir bei der
Chriftologie der Bekenntniffe flehen bleiben. Sonft leidet
der Chriftusglaube, wenigftens wenn man hier prinzipiell
denkt, Schaden' (200). Die Zweinaturenlehre dagegen ift
unhaltbar. ,Sie deutet den Gottmenfchen nicht. Es ift
ihr auch nicht mit irgend einer Verbefferung aufzuhelfen'
(200). Nach Erörterung diefer Punkte, zumal nach Zu-
rückweifung der Zweinaturenlehre, will der Verf. einen
andern Weg weifen, ,um uns über den Gottmenfchen,
der unfer Seligmacher ift, klar zu werden' (212). Den
Schlüffel zur Löfung der Frage findet er in dem Gedanken
des Seins Gottes in Jefus. Allerdings nicht im Sinne
Schleiermachers oder Harnacks; das Problem fei vielmehr
dies, ,ob man und wie man von dem Sein Gottes in
Jefus aus den Gottmenfchen begreift' (215). Nun fetzt
Sch. oben, beim Präexiftenten ein. ,Ewig, in immer gleichbleibender
Gegenwart tritt aus Gott ein denkendes, feiner