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Ausgabe:

1905 Nr. 6

Spalte:

165-166

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weiss, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Offenbarung des Johannes 1905

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 6.

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Weiss. Prof. D.Johannes, Die Offenbarung des Johannes. Ein

Beitrag zur Literatur- und Religionsgefchichte. (For-
fchungen zur Religion und Literatur des Alten und
Neuen Teftaments, herausgegeben von W. Bouffet u.
H. Gunkel. 3. Heft.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht
1904. (III. 164 S.) gr. 8" M. 4.80
Mehr als von der religionsgefchichtlich orientierten

Doubletten bis auf die doppelte Endvifion mögen immerhin
eine ,literarifche Quellenhypothefe' begünftigen, wie die
hier verfuchte, wonach der um 95 fchreibende Herausgeber
der Johannesapokalypfe mit diefer, die wefentlich
nur eine Wiederholung der efchatologifchen Reden Jefu war,
eine Kapitel 101—ii 13.12i-g.u-17. 131-7. 15 1—1921. 21 1—27
mehr oder minder deutlich nachweisbare, felbft wieder
unter Benutzung früherer Vifionen (Babylon und Jeru-
falem) entftandene, jüdifche Apokalypfe aus der Zeit kurz

Forfchung. fpeziell von Gunkel und Wellhaufen, mit denen vor 70 oft recht lofe und äußerlich verbunden oder ein
er fich zuweilen auseinanderfetzt, ift der Verf. vorliegen- 1 fach daneben geftellt hätte (S. Ulf. HS f. I39t-)-. Herder
Schrift von Spittas 1889 veröffentlichter Konftruktion dies foll der alte Johannes die Neubearbeitung feines ein
angeregt worden; ihr fteht die feinige am nächften(S. 160); Menfchenalter zuvor entftandenen Werkes noch erlebt
nur daß der chriftliche Beftandteil, der Kern der Ka- und in der Zwifchenzeit die Briefe gefchneben haben. Wer
pitel 1—9. 127-13. 1311—14». u-20. 20i—214. 22:1-5. 8-21, fich zu ,der heute herrfchenden Skepfis'(S. 115) bekennt,
bedeutend umfangreicher, das jüdifche Element dagegen wird dem allem zwar mit Intereffe, aber auch nur mit Zu-
in zwei größeren^ zufammenhängenden Maffen auf die : rückhaltung zu folgen vermögen. Der Unterzeichnete wenig-
Zwifchenräume des Fachwerkes verteilt erfcheint, in feinem ftens, der feinerzeit in den Jahrbüchern für proteftan-
Verhältnis zu dem Grundgedanken des Ganzen aber | tifche Theologie' (1891, S. 520—44) eine Befprechung der
keineswegs immer deutlich erkennbar wird (S. 146h). j bis dahin aufgetauchten Verfuche einer auf dem Wege
,Denn der Herausgeber hat die alten Weisfagungen, an der Quellenfcheidung zu bewerkftelligenden Enträtfelung
denen er Einzelnes zu verftehen und deuten zu können ! des Rätfeibuches gegeben hat, ohne felbft eine Entfchei-
glaubte, übernommen, ohne für Alles eine Deutung zu i dung zu wagen, bekennt, daß er auch heute noch nicht
willen-. ,Wer das Ende erlebt*wird fehen, wie fie gemeint j weiter gekommen ift, überhaupt aber der Aufgabe mit
waren' (S. 5, vgl. S. 153 f.). Gerade auf entfcheidenden j einer ermüdeten Stimmung gegenüberfteht, die fich mit
Punkten .verrät fich das Bewußtfein des Verfaffers, ältere j derjenigen des Verf.s, der .wirklich in dem Buche lebt

Weisfagungen feiner Gemeinde neu bekannt zu machen
und zu interpretieren': ftets wird erkennbar, ,wie eine ältere
literarifche Vorlage durch den Herausgeber für feine Lefer
aktuell zugeftutzt ift, und wie er an wichtigen Stellen den
Finger auf die Dinge legt, die fich bereits erfüllt haben'

und immer wieder alle Linien feines Baues abgetaftet hat'
(S. 5), nicht vergleichen läßt.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Fouard. Abbe C., Saint Jean et la Fin de I' Age apostolique.

(S. 33). Schon in Kap. 12 (S. 83 f.) und vor allem in den j Pari v Lecoffre IgG4. /XLIV, 343 p> avec p0rtrait.)
beiden für die Datierung maßgebenden Kapiteln 13 und 17 ' ™r C '

.fchwankt die Darfteilung zwifchen Verkündigung von i rs* '-5°

Zukünftigem und Andeutung von Gegenwärtigem. In Diefe Darftellung des johanneifchen Zeitalters bildet

diefem Nebeneinander liegt das eigentliche Problem der , den Schluß eines fechs Bände umfaffenden Werkes über
Apokalypfe'(S. 231, und der Durchführung diefes Gefichts- Les Origines de l'eglise, welches als konfervatives Gegenpunktes
gilt auch in erlter Linie der neuefte Vertuen j ftück zu Renans Origines du chnstianisme bezeichnet
einer Erklärung des Buches. In der Tat bewährt fich die 1 werden kann. Viele Vorzüge teilt es mit dem Werke
Anwendung diefes Schlüffels bei den Inkongruenzen, die des Gegners: umfaffende Gelehrfamkeit, gefchmackvolle
zwifchen beiden genannten Kapiteln unter fich, dann aber | Darftellung, und vor allem die Verbindung der Gefchichte
auch zwifchen einzelnen widerfpruchsvollen Zügen in einem I des Urchriftentums mit der jüdifchen und römifchen Ge-

jeden derfelben ftatt haben. Recht gefchickt wird hier die
Annahme durchgeführt, daß der Herausgeber .wirklich
nichts anderes wollte, als alte Prophetien feinem Zeitalter
einfehärfen, fie deuten, anwenden und deutlicher beziehen

fchichte, foweit erfitere fich irgendwie mit letzterer berührt
. Der wiffenfehaftliche Wert erleidet freilich eine
fitarke Einfchränkung durch den ftreng-katholifchen, um
nicht zu fagen legendengläubigen Standpunkt des Ver-

auf die Gegenwart' (S. 401. Der Apokalyptiker weisfagt j faffers. — Der Verfaffer ilt vor Drucklegung diefes letzten

für eine mehr oder weniger ferne Zukunft, der Redaktor
atmet mitten in der Siedhitze der Verfolgung, im Romhaß
und in der Märtyrerftimmung, die fich im Gefolge
des Cäfarenkultes einftellen mußten (S. 81. 85). Nach
folchen Gefichtspunkten verfucht der Verf. eine chemifche
Scheidung der Elemente herzuftellen, welche das ganze

Bandes geftorben. Er hat das Manufkript druckfertig
hinterlaffen; der Druck felbft ift durch andere Hand
beforgt.

Die Darftellung fetzt ein mit der Lage des Judentums
nach der Zerftörung Jerufalems; es wird die Schule
von Jabne und die Tätigkeit der dortigen Gelehrten, beWerk
von Anfang bis Ende durchziehen. Beifpielsweife j fonders Jochanan ben Sakkais und Gamaliels II ge-
follen die 144 000 Verfiegelten 71. 141 im urfprünglichen j fchildert (Kap. I). — Kap. II wendet fich der Gefchichte

Entwurf die begrenzte Zahl der Erwählten aus Ifrael
(S. 67: ,aus jedem Stamm fiebentaufend'!) im Gegenfatz zu
der unzählbaren Menge von Heidenchriften darfteilen,
während im gegenwärtigen Zufammenhang alles auf den
Gegenfatz zwifchen der wohl abgezählten Schar derer,
welche durch die letzte Trübfal gerettet werden, und der
unendlichen Menge der Blutzeugen abgelegt fein foll
(S. 8 f. 65 f. 94f. 1521.). Der Herausgeber müßte fich dann
wohl bereits ein Chriftenvolk vorgeftellt haben, in welchem
144000 nur ein .kleine Zahl' (S. 66), eine verfchwindende
Minorität bilden, und diefe 144 000 follten 144 überdies

des Chriftentums zu: Überfiedelung der Gemeinde von
Jerufalem nach Pella; Judenchriftentum, Hebräer-Evangelium
; Ebjoniten und Nazaräer. — Kap. III: Die flavifchen
Kaifer; Jofephus fchreibt feine Gefchichte des jüdifchen
Krieges; das Chriftentum dringt in die vornehmen Kreife
der römifchen Gefellfchaft ein; Linus, Cletus, Clemens
als Nachfolger Petri die erften römifchen Päpfte. -
Kap. IV: Die Verfolgung unter Domitian. Sie ift nach
dem Verfaffer dadurch veranlaßt, daß die Chriften fich
weigerten, die Didrachmenfteuer zu bezahlen, welche
jetzt an den Tempel des Kapitolinifchen Jupiter ablauter
xaQd-ePOi fein. Das will mir nicht gerade nahe- geliefert werden mußte. Da dies eine fpezififch jüdifche
liegend erfcheinen. Der durch ,Zartheit und Schüchtern- Steuer war, würden die Chriften durch Entrichtung derzeit
des Empfindens'charakterifierte(S. 10^ ihren Glauben verleugnet haben. Die römifche
Johannes' foll die Wiederkunft 14 ,,-2», der Herausgeber I Behörde aber verlangte fie von ihnen, weil doch auch
diefelbe 1911-21 noch einmal fchildern, wobei freilich die fie ,die jüdifche Lebensweife', d. h. die jüdifche Art der
Schwierigkeit bleibt, daß 1420 mindeftens fo ,roh' lautet, | Gottesverehrung befolgten (S. 73fr.) [Diefe Motivierung
wie 19,1s. 17. u (S. 97 f. 142 f.). Diefe und zahlreiche andere 1 der domitianifchen Verfolgung dürfte mehr originell als

*