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Ausgabe:

1905

Spalte:

155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Deutsch, August

Titel/Untertitel:

Neue Weltanschauung, neue Religion 1905

Rezensent:

Lülmann, Christian

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 5.

156

Ausdruck fucht der Verf. feine Darlegungen zu illuftrieren.
Es lag ihm daran, jedem akademifch Gebildeten verftänd-
lich zu fein. So hat er den ftrengen Stil einer fachwiffen-
fchaftlichen Abhandlung nach Möglichkeit zu meiden
gefucht. Doch ift es nicht leicht, durch die langen und
breiten Ausführungen fich hindurch zu finden und überall
den leitenden Faden zu erkennen und feftzuhalten. Einen
gewaltigen Stoff aus den Gebieten der Philofophie, der
Naturwiffenfchaft, der Theologie hat der Verf. zu verarbeiten
gefucht. Ob er überall fchon in die Tiefe gedrungen
ift, das ift eine andere Frage. Er fagt felbft: es
liegt in der Natur der Sache, daß jede derartige Befpre-
chung der Zentralfragen, die alle Erkenntnisgebiete zugleich
berühren, in mancher Beziehung unreif und dilet-
tantifch fein muß.

Die Aufgabe der Zukunft ift nach dem Verf., Kants
Werk zu vollenden, unfer Denken vollends aus allen
Ketten erftarrter Verhältniffe zu erlöfen und es zurückzuführen
zu einem hellen ungebrochenen Weltbild, über
dem keine fkeptifchen Schatten mehr liegen. Doch wenn
der Verf. nun meint, die Gefchichte des Denkens gehe
ihrem Ende entgegen, die Philofophie habe fich felber
überflüffig gemacht, fo urteilt er mindeftens übereilt. Denn
fein Ringen nach einem neuen einheitlichen Weltbilde ift,
trotz der energifchen Berufung auf das Leben felber als
auf die letzte Inftanz, im Grunde doch nur, wie uns
fcheint, das Ringen nach einer neuen Metaphyfik, das
fich auch fonft bei modernen Denkern machtvoll entfaltet
, und durch das fich eine neue Phafe der Philofophie
emporringt.

Im übrigen ift das auf fleißigen Studien beruhende
Buch, in dem uns die Eigenart eines ernften Strebens und
Denkens entgegentritt, auch ernfter Beachtung wert.

Stettin. Lülmann.

Deutsch, Dr. phil. Auguft, Neue Weltanschauung, neue Religion
. Leipzig, R. Wöpke 1904. (III, 74 S.) 8° M. 1.20

Der Verf. will eine moderne aufgeklärte Weltan-
fchauung und Religionslehre, die im Einklang ftänden
mit der modernen Naturerkenntnis, auf deutfch-nationaler
Grundlage. ,Deutfch fein, das heißt: edel und treu fein'.
Doch find dem Verf. deutfch Sein und Chrift Sein Gegen-
fätze. ,Der biblifche Gottesbegriff ift mit der neuen Welt-
anfchauung nicht vereinbar'. Die ewige Weltordnung fei
Gott. Das Beftreben, fie zu erkennen, fei die deutfch-
nationale Religion. Das alles in Anknüpfung an das
bekannte Kaiferwort von der Weiterentwicklung der Religion
. Das Schriftchen ift ein buntes Gemifch von Unklarheiten
und Seltfamkeiten, von Zitaten mancherlei Art
und von eigenen Reimen, die dem Verf. ,aus der Feder
gefloffen' feien. Doch genug von dem wunderlichen
Elaborat, das wiffenfchaftlichen Wert zu befitzen wohl
auch nicht beanfprucht.

Stettin. Lülmann.

Graue, Paff. Paul, Unabhängiges Christentum. Berlin, A.
Duncker 1904. (161 S.) 8° M. 2 —; geb. M. 3 —

Unter dem m. E. nicht ganz glücklich gewählten
Titel: Unabhängiges Chriftentum veröffentlicht P. Graue
vier verfchiedene Abhandlungen, die doch im Ton zu-
fammenftimmen. Die erfte hat zum Gegenftand die freie
chriftliche Perfönlichkeit: die geiftige, religiös-fittliche
Perfönlichkeit fei nicht zu verwechfeln mit der natürlich-
finnlichen, raumzeitlichen Individualität. Die zweite Abhandlung
handelt von Chriftentum und Kultur: in der
Verabfolutierung der theoretifchen und der praktifchen
Kultur fieht der Verf. einen verhängnisvollen Schaden.
Die dritte befaßt fich unter der Überfchrift Theodicee mit
den alten Problemen von dem Verhältnis des Übels,
des Böfen, des Leidens zur göttlichen Vorfehung, Weltregierung
, Liebe. In der vierten Abhandlung werden

religiöfe und kirchliche Gegenwartsfragen befprochen.
Hier finden fich namentlich Erörterungen über Gott,
Chriftus, Kirche. Reine Gefinnungskirche, Gefinnungs-
lehre, Gefinnungsverpflichtung liegt dem Verf. befonders
am Herzen.

Die Abhandlungen, die nicht ohne Breiten und Wiederholungen
neben einander flehen, bieten außer bekannten
Wahrheiten doch auch neue und geiftvolle Gedanken.
Gern hat fich der Verf., namentlich in der zweiten Abhandlung
, von Eucken, wir meinen fogar in der Ausdrucksweife
, beeinfluffen laffen.

Die eigentliche Bedeutung des Buchs fcheint mir
nicht fowohl in dem Was?, als in dem Wie? des Gebotenen
zu beftehen. Ein edler, faft überftürzender Idealismus
voll Salz und Feuer durchdringt und trägt das Ganze.
Höchft temperamentvoll weiß der Verf. kräftige prote-
ftantifche Töne zum heutigen Gefchlecht zu reden. Wir
wünfchen daher feinem Buche, das wir für eine wertvolle
Bereicherung nnferer modernen apologetifchen Literatur
halten, weite Verbreitung, namentlich auch in den Kreifen
f°g. gebildeter Laien.

Stettin. Lülmann.

Zur Notiz.

Am Schluffe meiner Befprechung von Sluijs, De
Maccabaeorum libris 1 et II (Theol. Litztg. 1904, 680),
habe ich bemerkt, daß Sluijs, um feine Anficht über die
Seleuciden-Aera des 1. Makkabäerbuches und über die
hiftorifchen Sabbathjahre durchführen zu können, die
Stelle Jof. Antt. XV, 1, 2 falfch überfetze, indem er
evEiörqxsi durch coepit wiedergibt. Der Herr Verf. macht
mich darauf aufmerkfam, daß er nicht coepit fondern
coeperat überfetzt habe. Letzteres ift richtig; ich muß
das von mir begangene Verfehen anerkennen. Für den
Verf. wird die Sache aber dadurch nicht beffer, denn
auch die Überfetzung coeperat ift unmöglich. Jofephus
fagt a. a. O., daß die Einwohner Jerufalems unmittelbar
nach der Einnahme Jerufalems durch Herodes Not litten
teils wegen der Habgier des Königs, teils wegen des
Sabbathjahres, evei6xtxel yaQ tote. Das kann nur heißen:
,denn es war damals im Gange' — und zwar fchon feit
geraumer Zeit, fo müffen wir hinzufügen. Denn erft in
der zweiten Hälfte des Sabbathjahres konnte Mangel
eintreten, nachdem in der erften Hälfte die Felder nicht
beftellt worden waren. Ich kann alfo auch die Überfetzung
coeperat nicht für richtig halten. Ift aber unfere
Überfetzung richtig, dann war nicht erft das J. 37/36
v. Chr., fondern bereits d. J. 38/37 v. Chr. ein Sabbath-
jahr, und damit fallen die Aufhellungen von Sluijs über
die Seleuciden-Aera des 1. Makkabäerbuches.

Schürer.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
iDeutfcbe "Literatur.

König, E., Im Kampfe um das Alte Teftament. 4. Heft: ,Altorienta-
lifche Weltanfchaug.' u. Altes Teftament. Letztes Hauptproblem der
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(69 S.) gr. 80 M. 1 —

Happel, J., Ein Beitrag zum Verftändniffe der altteftamentl. Gefchicht-
fchreibg. [Aus: ,Theologifch-prakt. Monatsfchr.'] Paffau, G. Kleiter
1905- (.35 S.) gr. 80 M. — 75

Duhm, B., Die Gottgeweihten in der altteftamentlichen Religion. Vortrag
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Lider Jesu filii Sirach sive ecclesiasticus hebraice. Secundum Codices
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(XVI, 163 S.) gr. 80 M. 3 —

Nathan, N. M., Ein anonymes Worterbuch zur Misna u. Jad Hahazaka.
Berlin, L. Lamm 1905. (46 S.) 8° M. 2.50

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Kloftermann, E., Jefu Stellung zum Alten Teftament. Ein Vernich.
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