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Ausgabe:

1905 Nr. 5

Spalte:

131-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrlich, Arnold B.

Titel/Untertitel:

Die Psalmen. Neu übersetzt und erklärt 1905

Rezensent:

Beer, Georg

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 5.

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Kurtz, Dr. Robert, Zur Psychologie der vorexilischen Pro-
phetie in Israel. Mit neun fchematifchen Darftellungen
im Text. Pößneck i. Th., B. Feigenfpan. (III, 102 S.)
8° M. 2 —

Das Buch enthält eine pfychologifche, man könnte
auch fagen pfychographifche Studie über den Prophetismus
, welche mit abftrakten Kategorien wie ,höhere Differenzierung
', religiöfe Idee, ,Einheitsftreben', fozial-fitt-
liches Leben, idealer Patriotismus, Impulfivität ufw. operiert
, aber jede konkrete Auffaffung der Prophetengeftalten
und ihres Milieus vermeidet. Durch die beigegebenen
Tafeln wird man an chemifche Analyfen erinnert. Das
innere Leben der Propheten wird in einer Art Mifchung
und Entmifchung der pfychifchen Elemente dargeftellt,
von denen einige oben angegeben find. Offenbar ift der
Verf. der Meinung, daß man durch Nachweifung diefer
pfychifchen Prozeffe die Propheten wirklich erklärt habe;
man fühlt fich an Vatkes biblifche Theologie mit ihren
Hegelianifchen Kategorien erinnert. Der Verf. fieht offenbar
nicht, daß mit diefen Momenten und Prozeffen des
inneren Lebens gar nichts erklärt, fondern nur in ab-
ftrakter Form etwas befchrieben wird, was andere Leute, j
allerdings weniger prunkend, durch verftändlichere Vor-
ftellungen auszudrücken pflegen. Seine Kategorien und
der mit ihnen verbundene Apparat von ,Gefetzen' find
eben für ihn das Ende aller Weisheit, und fo rühmt er
fich, in diefem Buch bewiefen zu haben, daß der Anfpruch
der Propheten auf göttliche Offenbarung weiter nichts j
als eine Vorftellung fei, die nach dem mehrfach abgebildeten
Schema auf Grund innerer pfychifcher Vorgänge |
ganz von felbft in den Propheten entftehen mußte. Die
entgegengefetzte Behauptung der Theologen (namentlich
werden der Referent und Kittel erwähnt) beruhe auf einem
Zirkelfchluß. Allerdings ift Ref. in feiner Schrift über den
Prophetismus nicht mit einem fo anfpruchsvollen Apparat,
fondern nur mit einem bißchen gefunden Menfchenver-
ftandes, religiöfer Wertfehätzung und ehrlicher Begeifterung
an die Propheten herangetreten, es hat ihm alfo in den
Augen des Verf. am beften gefehlt. Er möchte aber
feinerfeits die Frage ftellen, ob nicht jene abftrakten
pfychographifchen Schemata weit eher die Gefahr eines
Zirkelfchluffes mit fich bringen. Denn ein totes Schema j
ift geduldig, man kann hinein packen, fo viel man will, und
dann auch nach Belieben wieder das gerade gewünfehte
Refultat fich ergeben laffen. — Zum Schluß kann ich
nicht umhin, das liebevolle Beftreben des Verf. anzuerkennen
, fich in den Geift der prophetifchen Zeit und auch
einzelner prophetifcher Geftalten zu vertiefen.

Königsberg i. Pr. Giefebrecht.

Ehrlich, Arnold B., Die Psalmen. Neu überfetzt und erklärt
. Berlin, M. Poppelauer 1905. (VI, 438 S.) gr. 8°
M. 10—; Leinwdbd. M. 11—; Halbfrzbd. M. 12 — |

Herr Ehrlich hat bereits einen dreibändigen, Pen-
tateuch, profaifche Schriften und Propheten behandelnden
Bibelkommentar in hebräifcher Sprache veröffentlicht.
Wenn die Fortfetzung jetzt in deutfeher Sprache erfcheint,
die u. a. um das melodifche Wort mifchnäifch (S. 175)
bereichert wird, fo gefchieht es wohl deshalb, weil der
Verfaffer von deutfehen Lefern, bei denen er befonders an
Chriften denken wird, mehr Verftändnis für feine Ideen
erhofft, als von dem kleinen Kreife jüdifcher Glaubens-
genoffen, der noch hebräifch gefchriebene Bücher lieft.
Herr Ehrlich möchte nämlich durch feine Arbeiten dazu
beitragen, daß ,die Bibelwiffenfchaft die theologifchen
Feffeln' abfchüttle, und daß das Alte Teftament im Unter-
fchied zum Neuen .nicht als Religionsbuch, fondern als
Nationalliteratur auf religiöfer Grundlage behandelt' werde
(S. VI). Wenn damit gemeint fein foll, daß das Neue
Teftament der religiöfen Weltliteratur angehöre, fo ift
dem nur zuzuftimmen — doch wird der Chrift dazu auch

j gar manche Partien aus dem Alten Teftamente rechnen.
Die tiefere Abficht des Verf.s fcheint aber zu fein, einmal
vor größerem, befonders chriftlichem Publikum zu
zeigen, daß der wahre Ausleger des Alten Teftaments
nur der jüdifche Forfcher fein könne. Für das, was der
Verf. Erklärung des Alten Teftaments nennt, mag ja fein
i exegetifches Ideal auch paffen. Wir verftehen unter
Erklärung der Pfalmen heutzutage ein künftlerifches Re-
| produzieren des Inhaltes der einzelnen Lieder unter
I Nachempfinden der Stimmung des Dichters. Die genaue
i Erforfchung des Wortfchatzes, der äußeren Situation u.
dgl. ift uns nur Mittel zum Zweck. Der ganze Kommentar
des Herrn E. läuft auf eine Sammlung lofer philo-
logifch-lexikalifcher Quisquilien hinaus, auf die der Verf.
befonders ftolz ift, wenn ihnen die Marke ,neu' oder ,bis-
] her völlig unbekannt' gegeben werden kann. Doch
braucht bekanntlich neu und gut nicht immer identifch
zu fein'.

So wird z. B. Herr E. mit feiner Begeifterung für die
von ihm entdeckte ,Nafe des Feuerofens' rp 2110 (Kom.)
gewiß gänzlich ifoliert bleiben. Auch für die .Afchfarbe
des Todes' ri333 "ffiy rp 221« wird er keine Bewunderer
finden, und ebenfo hofft er vergeblich für feine Über-
fetzung von i/> 2 1 H»5Tl Müb .vergeblich ftimmen . . . überein
' auf Zuftimmung. Oder endlich, daß 1/142 ipia rfir"1
,Gott meiner Entfagung' bedeuten könne, wird ihm niemand
glauben. Die in 1/; 22 17 und is von Herrn E. her-
ausgelefene Prügelfzene (,Mit Händen und Füßen wehr'
ich mich, mit allen meinen Gliedern — fie fchauen zu,
weiden fich an meinem Anblick') dürfte für einen Anti-
femiten eine Augenweide fein. Doch genug von folchen
feltfamen exegetifchen Früchten, die allenthalben leicht
zu pflücken find. Daß hie und da beffere reifen, foll
ausdrücklich anerkannt werden.

So wäre z.B. 1/1 194 yntn ibz}33 fatj (ft. "3 ihn ö-na-i)
=, [es gibt keine Sache und kein] Ding, darüber [ihre
Stimme] fich nicht hören ließe' erwägenswert — fcheitert
doch aber daran, daß dann "1355t und ~Q3j in anderem Sinn
als die voraufgehenden Ta5t und fS>yj genommen werden
müßten, rp 211 wäre 3^53 (ft. sb'iJfl) an und für fich ge-
fchickt, aber ib^S heißt nicht ,fein Volk'. Möglicherweife
ift, wie Verf. will, "HttJX rp 1 1 kein stat. constr. plur. von
"ItJK, fondern constr. zu "HTBit cf. ibbtt. Eine fachlich
hübfehe Verbefferung, die zugleich eine Parallele zu Hiob
31 as wäre, ift 153 35tti»-b57 (ft. 33©b-b») — doch müßte
erft die Bedeutung von b5"3 bekannt fein. 1/144 wird die
bekannte Lesart der LXX ab 1133 (ft. rföb || ab 1333)
durch den Hinweis geftützt, daß abgefehen von unferer
fraglichen Stelle niemals im A. T. PiBba, fondern nur jlbp
der Gegenfatz zu 133D fei cf. z. B. Hof. 47. Hab. 2 is.
Baethgen und Duhm führen wohl die L. A. der LXX
an, erkennen aber nicht, indem fie MT beibehalten, daß
1333 und ."j'aba keine Gegenfätze find. So wird der Lefer
gewiß noch manche brauchbare oder anregende lexika-
lifche Notiz u. dgl. finden.

Dafür erhält er aber zu einer fachlichen und hiftori-
fchen Würdigung der Pfalmen wenig oder gar keine Anleitung
. Die höhere Kritik ift nach S. V ,nicht gerade' das
befondere Fach des Herrn E. — das mag richtig fein,
hätte ihn aber nicht, da er die Pfalmen erklären will, von
der Pflicht entbinden dürfen, wenigftens die einzelnen
Pfalmen auf ihren Inhalt und Zweck, ihre Herkunft und
Zeit zu analyheren. Verf. gibt alfo weder eine Generaleinleitung
zu dem ganzen Pfalter, noch eine Spezialein-
leitung zu den einzelnen Pfalmen. Daß die Zeit für folche
Fragen noch nicht gekommen fei (S. V), ift leeres Gerede
und Drückebergerei. Aus gelegentlichen ßemer-
I kungen können wir uns ein Urteil bilden, wie Verf. im
| allgemeinen zu den Problemen der höheren Kritik fteht.
J So fagt er zu 1/1 4, daß er der kollektiviftifchen Deutung
der Ichlieder zugetan ift. Oder fo wird bei rp 3 ein frei-
' mütiges Urteil über die Wertlofigkeit der Uberfchriftcn
der Pfalmen gefprochen. rp 24 B ift ein Lied auf den