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Ausgabe:

1905 Nr. 26

Spalte:

695-696

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gelbhaus, S.

Titel/Untertitel:

Esra und seine reformatorischen Bestrebungen 1905

Rezensent:

Volz, Paul

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Seite 1

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695

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 26.

696

Lohmann, Ernft, Tharfis oder Ninive. Ein Beitrag zum längft bekannt, vielmehr hat er das Gefetz aus der Hand
Verftändnis des Buches Jona. Mit einem Anhang: der Priefter genommen und dem Volke gegeben, hat

Das Buch Jona in berichtigter Überfetzung, nebft I das Volk v°n der Vormundfchaft der Priefter befreit
a , r,. ,, rt und einer echten volkstümlichen Frömmigkeit Luft ver-

einigen erklärenden Anmerkungen, Freienwaide a. O., , fchafft Der Reformator Esra wendet fich ja gerade inner-
M. Ruger 1904. (6b S.) 8° M. 1 —; geb. M. 2— ; ljcn und äußerlich gegen die im Priefterkodex dem Priefter-

Die Brofchüre enthält erbauliche, bibelftundenartige tum eingeräumte Vorzugsftellung, er kann alfo unmöglich
Betrachtungen über die einzelnen Phafen der Jonage- j Urheber des Priefterkodex fein. Die Memoiren Esras
fchichte, eine berichtigte' Überfetzung und einige erläu- I "nd in dem von Nehemia gefchriebenen E-srabuch ent-
ternde Anmerkungen. Der Verfaffer des Jonabuchs ift nicht j halten. Außerdem hat Esra einige Pfalmen gedichtet
bekannt, hat jedenfalls ziemlich fpäter gelebt als der Pro- : (wie p<"- "9- "I. 122), auch die Schrift ,Maleachi' ift wohl
phet Jona, dagegen flammt das Gebet Kap. 2 (das fich von feiner Hand.

deutlich an manche Pfalmen anlehnt) vom Propheten Als erfte Quelle für alle diefe großen und kleinen

felbft. Die übrigen Anmerkungen äußern fich über die i Ausfagen dient dem Verf. der Talmud, deffen Angaben über
Zeit Jonas, über Handel und Schiffahrt, die Lage Affurs, Esra als vollgültig gewertet werden, ohne daß dieExegefe
die im Buch erwähnten Städte, über die Sprache Jonas j derfelben immer pünktlich und einwandfrei wäre. Für
und dgl. Die erbaulichen Bemerkungen find kraftvoll und ! uns fleht die von G. mit viel Liebe gefchaffene Refor-
eindringlich, fie behandeln naturgemäß faft ausfchließlich matorgeftalt nicht auf dem Boden der feilen Überliefer-
die fubjektive Lebensgefchichte des Propheten mit Gott ! ung, fondern fie fchwebt in der Luft, in der Sphäre der
und die darin liegende Predigt für uns heutige Menfchen, ! talmudifchen Theorie und der eigenen Phantafie des
ohne die Bedeutung des Büchleins für den Gang der j Verfaffers. Immerhin beachtenswert ift aber der Ge-
israelitifchen Religion zu würdigen. i danke, daß der ideale Schriftgelehrte Esra feinem Volke

Leonberg. Volz.

Gelbhaus, Rabb. u. Pred. Doz. Dr. S., Esra und feine re-
formatorifchen Beftrebungen. Zur Gefchichte und Literatur
des zweiten jüdifchen Staatswefens. Wien, R
Löwit 1903. (60 S.) gr. 8° M. 2 —

einft das Gefetz Gottes wieder gab, ähnlich wie Luther
das Evangelium wieder erfchloffen hat, beide im Gegen-
fatz zur Hierarchie.

Leonberg. Volz.

Burton, Erneft De Witt, Principles of literary criticism and

Der Verf. einer ähnlichenAbhandlung überJehemia ! the synoptic problem [The Univerfity of Chicago. The

Decennial Pubiications Bd. V, 2]. Chicago, The Uui-
versity of Chicago Press 1905. (72 p.) 40

belehrt uns nun auch über Esra und deffen Tätigkeit.
Im Exil fetzten die Israeliten ihre Vielgötterei fort und
dienten bald dem Gott ihrer Väter, bald den Mächten
der kanaanitifchen Völkerfchaften; der Priefterftand aber
ließ fich nach wie vor genügen, in äußerlicher Weife den
Gottesdienft zu beforgen. Dem gegenüber bildete fich
nun in Babylonien ein Bund von Gottfuchenden, darun

Der Verfaffer, Profeffor an der Univerfität Chicago,
ift der theologifchen Welt durch feine ,Moods and Tenses'
längft bekannt, um frühere Arbeiten über die Evangelien
zu verfchweigen. Von der Arbeitsweife der Textkritik

ter Baruch, Jeremias Schüler, und Esra, des Baruch Schü- und von den neuen Anflehten über die ,hiftorifche Meier
. Ihnen gelang es, die urfprüngliche Verehrung des
Gottes der Väter wieder herzuftellen und im Gegenfatz
zu dem verknöcherten Prieftertum den Opferdienft zu
vertiefen, ihn durch die Gebetsfrömmigkeit zu erfetzen
und dem Volke die Kenntnis der Tora zu vermitteln.
Damals entftand eine Gebetsliteratur (vgl. die Gebets-
ftückeDaniels, Mordechaisufw.),von dem Priefter Esra eifrig

thode' ausgehend, fieht er in diefer Schrift von der Gefchichte
der Behandlung des fynoptifchen Problems und
von der Kritik der vorgefchlagenen Löningen ab und
verfucht: a. S. 4—12, die bei folchen Problemen anzuwendenden
Grundfätze zu formulieren; — b. S. 12—52
die Haupttatfachen mit Bezug auf die Beziehungen der
fynoptifchen Evangelien zu einander darzuftellen: — und,

unterftützt, und ebenfo wurde die öffentliche Vorlefung I c. S. 52. 53 die Schlüffe anzudeuten, auf die die Ver
der Tora (fchon in Babylonien) eingeführt. Auf dem bindung diefer Grundfätze mit diefen latfachen zu führen
heimifchen Boden angelangt, fchloffen fich die Anhänger fcheint. Die Kürze der letzten Abteilung wird durch
der Reformation zu einem Orden zufammen (als Männer ! den Anhang, S. 54—72, ausgeglichen der in genauen
der ,großen Vereinigung'), zu deffen hervorragendften ! Reihen uns die Zahlen der fich entfprechenden Verfe
Mitgliedern Esra, vielleicht als Vorfteher, gehörte; der ; vorführt.

Bund hatte den Zweck, das Volk durch mündlichen Unter- Die Grundfätze werden unter zehn Schemata be-

richt im Gefetz zu fördern, jede größere Ortfchaft Palä- I fprochen, die natürlich gelegentlich eine Reihe von An-
ftinas follte mit folchen Schriftgelehrten verfehen werden, ! Wendungen geftatten, fodaß zum Beifpiel die fieben er-
und um der Reinheit der Tradition willen follte ein Schrift- i ften Schemata achtzehn Möglichkeiten bieten,
gelehrter immer nur durch einen Schriftgelehrten ordiniert j n nI Schemata I, II, III gelten für zwei Schriften:
werden. Durch diefe fyftematifche Verbreitung der Ge- : „ x x I. ohne Annahme einer nicht vorhandenen
fetzeskenntnis wurde erreicht, was die Propheten nicht
erreicht hatten, der Monotheismus wurde zum Volksbe-
fitz, der mechanifch-klerikale Konfervatismus wurde durch
eine freie, geiftige, wiffenfehaftliche Richtung verdrängt.
Auf Esra gehen noch befondere einzelne Verordnungen
zurück: Die Ordensmitglieder durften keine Mifchehe
eingehen, die alte Inftitution des Jobeljahrs wurde ent-
fprechend der veränderten landwirtfehaftlichen Lage
aufgehoben, Handel und Induftrie als nationales Wohlfahrtsmittel
planmäßig betrieben, die bisher gebräuchliche
Buchftabenfchrift verändert (ftatt der kunftvollen
Priefterfchrift die einfache Profanfchrift), damit das Gefetz
möglichft viel abgefchrieben und gelefen werden
konnte. Nicht dagegen hat Esra das Gefetz oder den Priefterkodex
erft gefchaffen und eingeführt, denn diefe waren

A/ Quelle, II. unter Annahme einer nicht mehr
/ Y vorhandenen Quelle, III. unter diefer An-
i a 6 a—±t nähme und unter Annahme der Beeinflußung
der einen der zwei Schriften durch die andere. Wir fchreiten
dann zum Falle von drei irgendwie mit einander verbundenen
Urkunden. Ohne andere nicht vorhandene Quellen
IV V VI VII anzunehmen haben wir IV zwei aus
a b c a a der dritten hervorgehend, V. eine aus

A / ( | den anderen zweien fließend, VI. die
l !" zweite aus der erften, die dritte aus
s c a c b—rc der zweiten flammend oder VII die
zweite aus der erften, und die dritte aus der erften und
der zweiten abgeleitet. Unter Annahme einer anderen
nicht mehr vorhandenen Quelle haben wir die Formen
VIII, IX und X. Burton befpricht diefe Fälle kurz, weift