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Ausgabe:

1905 Nr. 25

Spalte:

680-681

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Laberthonniere, le P. L.

Titel/Untertitel:

Essais de philosophie religieuse 1905

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 25.

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Gefellfchaften ohne fpezififch chriftlichen Charakter (Neue
Kirche, Spiritismus, Gefundbeter und Mormonismus) behandelt
find. Vom theoretifchen Gefichtspunkt aus
hätten die letztgenannten auch weggelaffen werden können.
Aber bei der praktifchen Bedeutung diefer Gruppen im
religiöfen Leben der Gegenwart hat K. wohl daran getan
, fie mit aufzunehmen.

Diefer praktifche Gefichtspunkt ift es auch, der den
■Grad der Ausführlichkeit der einzelnen Auffätze beftimmt.
Die großen hiftorifchen Kirchen, über die man auch
anderwärts fich leicht orientieren kann, find wefentlich
nur nach der Seite ihrer Verfaffung kurz charakterifiert.
Dagegen find die Sekten, welche in Deutschland befon-
ders Propaganda treiben (Methodiflen, Pleilsarmee, Bap-
tilten u. a.l fehr ausführlich nach Lehre, Gottesdienft
und Verfaffung gewürdigt und zwar zunächft auf dem
englifch-amerikanifchen Mutterboden als gleichberechtigte
proteftantifche Kirchengemeinfchaften, dann erft als Rekten
' in ihrer Propaganda im Fifchteich der deutschen
Landeskirchen. Hier ift darauf Bedacht genommen, auch
unfern Pfarrern das nötige Rüftzeug für den Kampf mit
diefer Propaganda darzubieten.

Um das gefchichtliche Verftändnis gerade diefer
Propaganda englifchen und amerikanifchen Urfprungs zu
ermöglichen, mußte auch auf die großen hiftorifchen
Kirchen Englands und Schottlands eingegangen werden.
Warum find aber dann die ikandinavifchen Landeskirchen
in ihrer Eigenart nicht auch kurz charakterifiert
worden? •— Das ift eine empfindliche Lücke, zumal doch
Swedenborg Berücksichtigung gefunden hat.

Überhaupt haftet dem Buch noch eine gewiffe Un-
gleichmäßigkeit an. Die ruffifchen Sekten find mit ungleich
größerer Ausführlichkeit behandelt als die orthodoxen
Nationalkirchen. Die Beurteilung der griechifchen
Kirche als ,verfteinertes Kindesalter des Christentums'
erfcheint mir nicht gerecht, der Stillstand ift geringer als
er uns Scheint und ein Eingehen auf die Stellung der
orthodoxen Kirche im Völkerleben des Orients wäre
ebenfo notwendig gewefen, wie die im § 14 gebotene
Behandlung des gleichen Punktes in der römifch-katho-
iifchen Kirche. Gerade das Eingehen auf die volkstümlichen
lebendigen Züge der griechifcy-orthodoxen Kirche
hätte Gelegenheit gegeben, auf die Keime neuen chriftlichen
Lebens in diefem bei uns allzu fehr verleumdeten
Teil der Christenheit hinzuweifen. Die Charakteriftik der
römifchen Kirche ift präzis und zutreffend. Wenn der
Herausgeber dann bei der lutherifchen Kirche fich begnügt
, kurz auf den Kirchenbegriff der lutherifchen Be-
kenntnisfchriften einzugehen, fo mag man fich diefe Beschränkung
bei dem Hauptzweck des Buchs gefallen
laffen. Es wird aber als Ungerechtigkeit empfunden
werden, wenn das Kapitel über die reformierte Kirche
nicht nur den Kirchenbegriff behandelt, fondern eingehende
gefchichtliche Mitteilungen, treffliche Ausführungen
über die religiöfe Eigenart Zwingiis und Kalvins
und eine Darftellung der Weiterentwicklung der reformierten
Kirche gibt. Sollte das Buch eine fo ausführliche
Charakteriftik der reformierten Kirche bringen, fo mußte
auch über die religiöfe Eigenart Luthers und über die
Eigentümlichkeiten der lutherifchen Kirche etwas genauer
gehandelt werden. Wird das Buch, wie zu erwarten,
bald eine neue Auflage erleben, fo fei der Herausgeber
gebeten, diefe Ungleichheit auszugleichen. In dem Kapitel
über die reformierte Kirche hätte dagegen noch
deutlicher zum Ausdruck kommen müffen, in welcher
eigentümlichen Modifikation das Werk Kalvins für Deutfch-
iand gefchichtlich wirkfam geworden ift. Das würde
auch die Gefchichte der Unionsbeftrebungen noch in
eine etwas andere Beleuchtung rücken. Nicht nur in
Württemberg, fondern auch in Preußen gibt es eine gefchichtlich
gewordene und gewachfene Union. Der
Unterfchied liegt mehr im verfchiedenen Volkscharakter
und damit zufammenhängenden politischen Verhältniffen

I als es die Darfteilung Herzogs erkennen läßt, der m. E.

den Faktor der perfönlichen (,von oben machenden')
! Initiative des preußifchen Königs nicht richtig einfchätzt.
Vorzüglich gelungen, vielleicht der Glanzpunkt des
Buchs, ift das vom Herausgeber bearbeitete Kapitel über die
I rechtliche Stellung der evaugelifchen Kirche in Deutfch-
! land. Im Anfchluß an Kahl, Sohm, Reifchle, Fried-
| berg, befonders aber an Rieker gibt K. eine gemein-
j verständliche Darftellung der geschichtlichen Entstehung
unfrer landeskirchlichen Verfaffungen und der Bedeutung
der verfchiedenen auf proteftantifchem Gebiet möglichen
kirchenpolitifchen Syfteme. Möchte feine Darfteilung
j endlich ein wenig mehr Klarheit über Staatskirche, Volks-
i kirche, Freikirche und ihre Konfequenzen auch in unfern
I kirchlichen Kreifen fchaffen, in denen teils Sohmfche
! Sätze, teils Selbftftändigkeitsbewegungen und andere un-
I klare Zeitftrömungen eine heillofe Verwirrung, ja auch
eine Entstellung der tatsächlichen Verhältniffe verurfacht
j haben. Trifft doch der Terminus ,Staatskirche' kaum
] mehr auf eine der größeren deutfchen Landeskirchen zu.
Was aber ,Freikirchen' find, wo ihre Stärke und ihre
Schwäche liegt, dafür kann man fehr viel aus den Späteren
Abfchnitten über die englifchen, fchottifchen und
j amerikanifchen Kirchengemeinfchaften lernen. Auf die
j zahlreichen Einzeldarstellungen der kleineren Kirchenge-
j meinfchaften und Sekten kann ich hier nicht mehr ein-
I gehen. Hervorgehoben fei nur das befonders intereffante
1 und ausführlich gehaltene Kapitel über .Christoph Hoff-
! mann und fein Tempel', das für Württemberger natürlich
fehr wichtig ift, dann die Abfchnitte über Methodismus
; und Heilsarmee, über die Neue Kirche und Sweden-
| borg und die fehr ausführlich gehaltene Auseinandersetzung
des Stadtpfarrers Traub mit dem Spiritismus.
I Hier werden auch Spezialiften noch intereffantes neues
| Material finden. Das Letztere gilt auch von dem Kapitel
über die Mormonen, in dem ein Brief des deutfchen
evangelifchen Paftors der Chriftusgemeinde, G. A. Zim-
j mer in Salt Lake City an Prof. Dr. Wurfter abgedruckt
ift, der traurige Schlaglichter auf die jetzigen Zuftäude
; im Mormonenftaat wirft.

Das Kapitel über die Ausbreitung des Protestantismus
endlich bietet gutes ftatiftifcb.es Material mit treffender
Beleuchtung und fo kann ich das Buch von den
hervorgehobenen praktifchen Gesichtspunkten aus auch
j für unfere Pfarrer und Studenten als zuverläffiges Orien-
| tierungsmittel warm empfehlen. Einzelne Kapitel über
die deutfchen Verhältniffe dürften auch im Auslande, wo
man oft fehr fchlecht über uns orientiert ift, gute Dienfte
| leiften.

Berlin. Ed. v. d. Goltz.

! Laberthonniere, le P. L., Essais de Philosophie religieuse.

Paris, P. Lethielleux 1903. (XI, 325 S.) 8°

Das Buch enthält Auffätze verfchiedenen Inhalts, die
aber nach Ausfage des Verf. durch einen einheitlichen
Gedanken verknüpft find und tatfächlich infofern zu-
! fammengehören, als Sie Sämtlich, direkt oder indirekt,
| dem einen Zwecke dienen, die Anfchauungen des Autors
I und feiner Freunde über religiöfe Erkenntnis und apolo-
j getifches Verfahren darzulegen und zu rechtfertigen.

Eine kurze Einleitung bereitet zunächft den Lefer vor
durch die Erörterung und Begründung der Thefe, daß
es für uns überhaupt keine Wahrheit gebe, wenn wir
j uns diefe nicht innerlich aneignen und fie praktifch erleben
. Ebenfo präludiert der erfte Effay noch, indem
| er den Gedanken ausführt, daß die Metaphyfik, das
j heißt, die Welt- und Lebensanfchauung, der jemand huldigt
, Stets ein Werk nicht bloß des Intellekts, fondern
{ des ganzen Menfchen fei. Gleich der nächfte Auffatz
1 bildet dann aber den Mittel- und Höhepunkt der Schrift.
| Unter dem Titel ,le dogmatisme moral1 fetzt er fich mit
I einzelnen erkenntnistheoretifchen Anflehten auseinander,