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1905 Nr. 24

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659

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Traub, Die Wunder im Neuen Testament 1905

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1905. Nr. 24.

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Nicht gerade als geeignetes Mittel, um in weiteren
Kreifen für Berthold Intereffe zu wecken, aber als fleißigen
Beitrag zur Kenntnis der Predigtart des berühmten
Mönchs dürfen wir Bernhardts Schrift trotz mancher
Mängel in die reiche, aber längft noch nicht erfchöpfende
Berthold-Literatur einreihen.

Görlitz M. Schian.

Traub, Pfr. lic, Die Wunder im Neuen Teltament. (Reli-
gionsgefchichtliche Volksbücher, herausgegeben von
Fr. Michael Schiele-Marburg. V, 2.) Halle a. S., Ge-
bauer-Schwetfchke 1905. (72 S.) kl. 8° M. —40

Mag der Theologe der immer neuen Erörterungen
der Wunderfrage überdrüffig fein, der Laie intereffiert
lieh wohl am meinen für fie von allen Fragen. Ihm
bietet Tr. in feinem fchönen Heft eine willkommene
Hilfe. Er nimmt die Front weniger polemifch gegen die
Orthodoxie, als apologetifch gegen die Suchenden. Darum
kommt die übliche Tafchenfpielerei, die das Wunderbare
im religiöfen mit dem im metaphyfifchen Sinn
gefchwind vertaufcht, noch gut genug weg, und die ad-
vokatenhafte Beweisführung, daß zu dem Wunder
Chriftus auch die Wunder gehören, wird nicht berührt.
Dagegen fleht die ganze Erörterung auf der Unterfchei-
dung des Wunders von dem Mirakel d. h. der Verlegung
der Wunder aus dem Bereich des objektiven Gefchehens,
wo fie, folgerichtig gedacht, Elingrifife Gottes gegen die
Natur fein follten, in den Bereich der fubjektiven Glaubensbetrachtung
, die in allem Gefchehen in Natur und
Gefchichte Wunder d.i. Walten Gottes fchaut, aber ohne das
Bedürfnis zu empfinden, Gott nur da zu fehen, wo die
Gefetze nicht wirken. Liefen Gegenfatz bis in die tief-
ften Wurzeln zu verfolgen, lag nicht im Rahmen der
Aufgabe. Tr.s Ausführungen find für fein Publikum ver-
fländlicher und durchfchlagender als folche Philofopheme.
Nachdem er die Gleichgültigkeit Pauli gegen die Mirakel
im Unterfchied von der Apoftelgefchichte hervorgehoben,
den neuteftamentlichen, orthodoxen und ,pofitiven' Wun-
derbegriff befprochen und die wahren Motive der Wun-
derkritik dargeflellt hat, behandelt er die einzelnen Gruppen
der Wundererzählungen im N. T. Das ift das einzig
richtige Verfahren, der üblichen deduktiven Behandlung
der Frage, die mit der Möglichkeit und Notwendigkeit
anhebt, die induktive entgegenzuftellen, die von den einzelnen
Berichten ausgeht, um nachher die allgemeinen
Fragen zu erörtern. Ohne auf die ,paffiven' Wunder — Jefu
Geburt, Auferftehung, Himmelfahrt ufw. einzugehen, die
wohl doch am meiften intereffieren —, befpricht Tr. die
Heilungserzählungen, in denen die Herrfchaft über den
Körper des Menfchen, Seeanektoden und Speifungsge-
fchichten, in denen die über die Naturftoffe verherrlicht
wird. Mit gründlichen kritifchen und medizinifchen
Kenntniffen werden die erfleren behandelt— wunderfchön
ift in diefem Zufammenhang die Ausführung über die
Hand und ihre Bedeutung S. 53. Die Seegefchichten
werden als in Gefchichte überfetzte Bilder angefehen,
denen ähnliche Wunderbeifpiele des Glaubens in andern
Religionen entfprechen. Die Speifungsgefchichten find
undurchfichtig, die Wafferverwandlung eine klare Allegorie
und nicht in der Dennertfchen Weife als Be-
fchleunigung von Naturvorgängen zu faffen. — Zum
Schluß macht Tr. die wichtige Bemerkung, daß Mirakel
die einem kindlichen Denken notwendigen Verbuche
find, Gott zu erfaffen und Jefus zu verherrlichen;
fie müffen uns zur Rührung, aber nicht zum Spott ftim-
men, wenn wir auch fagen, daß der rechte Fromme jedes
Erlebnis als Händedruck Gottes auffaßt.

Im ganzen genommen kommt Tr.s Schrift der Idee
des Volksbuches nach Inhalt und Darftellung fehr nahe.

Heidelberg. Niebergall.

Platzhoff-Lejeune, Priv.-Doc. cand. theol. Dr. phil. E.,
Religion gegen Theologie und Kirche. Notruf eines Weltkindes
. Gießen, A. Töpelmann 1905. (80 S.) 8°

M. 1.40

Mit der Doppelfront gegen die fcharf gekennzeichneten
Freidenker und gegen die traditionelle Anfchauung
will PI. den kirchlich gleichgiltigen, aber religiös inter-
effierten Gebildeten dogmatische Probleme und ihre Lö-
fungen fkizzieren, um die Leute, die in allen möglichen
Weltanfchauungen und Religionen ihr Heil fuchen, zu
veranlaffen, nicht ohne Anknüpfung an Gewordenes die
Weiterentwicklung der Religion zu erftreben. Von dem
Gewordenen, dem Chriftentum, läßt er jedoch nicht viel
übrig außer der Nächftenliebe, die den Kdelftein in der
großen Zukunftsreligion bilden foll. Freilich fchildert
er das Chriftentum in der Art einer ganz harten Orthodoxie
, wie fie zwar in den Köpfen der kirchlich gleich-
giltigen Gebildeten, aber nicht mehr in der Wirklichkeit
vorhanden ift. Es befteht natürlich in Dogmen, ein Wort,
das fofort den Gebildeten einen leichten Schauder und
ihrem Bekämpfer große Sympathien erwecken muß.
Diefe Dogmen werden dann bekämpft, das der Infpira-
tion, das der alleinigen Offenbarung in Chriftus, das der
unbefleckten Geburt (S. 31), die Gottheit Chrifti u. a.
Und zwar werden Gedanken gegen fie aufgeboten, die
fehr wenig den früheren Theologen verraten. So foll
Paulus verfucht haben, Jefus in die ,römifche-jüdifche'
Idee einzufpannen, fo fehlen nach PI. dem Unfer Vatergebet
die Hauptdogmen der Gotteskindfchaft und der
Nächftenliebe, das Dogma der Trinität foll nur die
heilige Dreizahl vollmachen, der Tod eines Juden, des
armen, ungebildeten, wahrfcheinlich nicht fündlofen
Straßenpredigers namens Jefus kann uns doch nicht er-
löfen,— mit folchen primanerhaften Gegengründen ift die
Höhe diefer Polemik bezeichnet. Die pofitiven Vorfchläge
beftehen im Wunfeh nach einer populären Anthologie
aus der vom femitifch-chriftlichen Geift zu Unrecht verdrängten
Antike und in dem Verzicht auf den Glauben
an die alleinige Offenbarung in Chriftus. Diefe
Kritik an ,dem' Chriftentum und diefes Verlangen aus
der Enge des Glaubens in die Weite der Religion wäre
intereffanter, wenn das Buch nicht von einem früheren
Theologen, fondern von einem Laien gefchrieben wäre,
weil es uns dann zeigte, wie fich unfere Sache in einem
folchen fpiegelt.

Das Befte an dem Buch ift der Anhang, die Kritik
an der Praxis der Kirche, weil PI. zwar einfeitig, aber
leider nicht unrichtig und nicht gehäffig — tatfächlich
vorhandene Schäden unferer Amtsführung kennzeichnet,
wie fie fich aus dem Zwiefpalt zwifchen der Überlieferung
und der ganzen heutigen Lage ergeben. Von der
Gebundenheit der Kirche durch den Staat an bis zur Seel-
forge am Krankenbett nimmt er unfere Praxis durch und
gibt uns dadurch manchen Anlaß zu heilfamer Befinn-
ung. — So bekommt das Buch durch die vielen Negationen
und Ausftellungen einen recht düfteren Charakter,
den der Verfaffer felbft empfunden hat. Aber es ift
durchaus nicht zu verkennen, daß ihm der Wunfeh nach
Befeitigung der Hemmniffe religiöfer Entwicklung und
nach Befferung der kirchlichen Verhältniffe die Feder
geführt hat. Denn es ift wirklich Religion, was er gegen
Theologie und Kirche aufbietet, wenn er auch nicht fagt,
welcher Art fie ift.

Heidelberg. Niebergall.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
iDcutfdje Literatur.

Böhme, H., Der Babel-Bibel-Streit. Vortrag. Berlin, F. Zilleflen (1905).
(48 S.) 8» M. — 30