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Ausgabe:

1905 Nr. 24

Spalte:

656-657

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weigl, Eduard

Titel/Untertitel:

Die Heilslehre des hl. Cyrill von Alexandrien. V. Band 1905

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 24.

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ihm saec. IX, nach Petfchenig X oder XI); dankenswert
ift das nach diefem Codex S. 154—7 mitgeteilte Verzeichnis
der Initien der 86 Nummern, die an die Stelle
der 15 Couftantfchen treten follten. Doch fei gleich hier
bemerkt, daß es ziemlich wunderlich klingt, wenn Schik-
tanz S. 158 bemerkt, feiner ,Textrezenfion' liege die Arfe-
nalhandfchrift zugrunde; wenn er doch geneigt ift, feinen
Arfenalcodex für die Vorlage des inzwifchen verloren
gegangenen Pithoeanus zu halten, aus dem die editio
princeps entnommen worden ift, fo hätte höchftens ein
wortgetreuer Abdruck des Arfenalcodex einen Sinn, aber
nicht die nochmalige Darreichungeines unhaltbaren, gegen
Couftant faft bloß Verfchlechterungen enthaltenden Textes
und Beifügung eines in jeder Hinficht unvollkommenen
Apparates. Sch. fcheint auch für die Zukunft zum Texteditor
wenig geeignet; fchon die ungeheure Fülle von
Druckfehlern, an denen fein Buch leidet, raubt das
Vertrauen zu feiner Zuverläffigkeit im kleinen. Über
die Geftalt feiner griechifchen Zitate will ich fchweigen;
daß er S. 91 n. 2 nociferare ftatt voc. aus Caspari ab-
fchreibt, ift doch merkwürdig; und in chronologifchen
Unterfuchungen dürfen Fehler wie 18. Oktober ft. 18. Dezember
(beidemal: S. 90 u. 141), Kaifer Jovinian ft. Jovian
(beidemal: S. 87 u. 88), die Verlegung der Synode von
Arles in das Jahr 355 (S. 135), der Verbannung des
Liberius in das J. 357 nicht vorkommen. Wie fehr das
Verftändnis durch folche Unachtfamkeiten leidet, dafür
nur ein Beifpiel: S. 3 teilt er den Bericht von Nie. Faber
mit, der die von P. Pithou, feinem Freunde, vorbereitete
erfte Publikation unferer Fragmente ausgeführt hat. Darin
heißt es, Pithou fei geftorben bis fragmentis tantum non
ad umbilicum perduetis. Sch. läßt das non hinter tantum
fort und folgert nun freundlich: ,hiernach waren alfo die
Fragmente bei Pithous Tode fchon zur Hälfte gedruckt'.
Gerade das Gegenteil von dem, was Faber fagen wollte;
weiß Sch. in feiner medizinifchen Korrektheit wirklich
nicht, daß ,bis zum Nabelknopf durchführen' ein bildlicher
Ausdruck für .abfolut fertig machen' ift?

Weniger erheblich find in einer gelehrten Monographie
Mängel des Ausdrucks wie ,der Appendix' und
S. 36 ,die den Liheriusbriefen annexen Anatheme'; auch
über unnötige Wiederholungen und Unklarheiten bei
Stellenangaben (z. B. S. 89 n. 2) will ich mit dem Verf.
nicht rechten. Lieber lobe ich den ernften Fleiß, den er fei- j
nem Thema gewidmet hat, und die Unbefangenheit des '
Urteils, die er vor allem bei den Liberiusbriefen betätigt.
Wenn doch felbft G. Krüger in der PRE3 1902 unter
Berufung auf vermeintlich einmütiges Urteil der katho-
lifchen Forfcher es als das Wahrfcheinlichfte anfleht, daß
diefe Briefe alle unecht find, von dem Brief Studens paci j
behauptet, daß ,an feiner Unechtheit füglich nicht ge- j
zweifelt werden kann', fo ehrt es Schiktanz doppelt, daß
er das hier zweifellos Richtige, auch wo feinem kirchlichen
Empfinden dadurch eine gewiffe Verlegenheit
bereitet wird, anerkennt: dem Hilarius follte man doch j
nicht zutrauen, daß er noch dazu bei Lebzeiten des j
Liberius von Arianern dem Papft untergefchobene Bettelbriefe
gutgläubig als echt angenommen und in einer Kampf-
fchrift dem orthodoxen Publikum unterbreitet hätte!

Im einzelnen würde ich Mancherlei, was Sch. ver- 1
ficht, beanftanden. Seine Exegefe von Fragm. IV2 ift i
weder S. 83 n. 3 noch S. 85 (Mahnung der ägyptifchen
Bifchöfe) zuläffig; ganz abenteuerlich die Vermutung j
S. 151 f., unfere Exzerptenfammlung fei im Kampf gegen j
den neftorianifierenden Leporius um 420 entftanden. Mit
der einfehlägigen Literatur ift Sch. nicht vollkommen genug
vertraut; es hätte ihm S. 14 nicht entgehen dürfen,
daß lange vor Maaßen, fchon 1757 die Ballerini (Opera
Leonis t. III p. CXCI u. CXCII1) uns über den Inhalt des
cod. Valliccllanus A 5 un6 feiner Trabanten unterrichtet
haben, fo daß deutlicher als bei Maaßen fich ergibt, wie
in jene Kanonesfammlung der additiones Dionysianae (»vermehrte
Hadriana') das gefamte Fragment VI des Hilarius
übernommen worden ift. Und wenn er in den Nachrichten
von der K. Gef. der Wiff. zu Göttingen Phil.-
hift. Kl. 1904 H. 4 die Abhandlung von E. Schwartz
zur Gefchichte des Athanafius, befonders S. 377. 379. 390
in ihrem Zufammenhange gelefen hätte, fo wäre er in
feinem Urteil über das Verhältnis der beiden Abteilungen
unferer Sammlung vielleicht vorfichtiger verfahren
und hätte fich die Ausfcheidung von XII bis XV als von
fpäteren Einfchiebfeln nicht fo leicht gemacht. Denn
zu diefer Interpolationshypothefe liegt gar kein Anlaß
vor; das Proeömium in I nötigt uns keineswegs, das Jahr
360 als Abfaffungszeit für unfere Streitfchrift feftzulegen.
Ob E. Schwartz im Recht ift, wenn er fo kühnlich den
Teil 1 der Exzerptenfammlung, den übrigens nicht erft
die Benediktiner dem Bifchof von Poitiers zugefchrieben
haben, dem Hilarius abfpricht, muß eine neue Unter-
fuchung herausftellen; der Charakter des anonymen
Werks ift dem des hilarianifchen jedenfalls auffallend
ähnlich.

Aber vorderhand ift das Nötigfte eine neue Textre-
zenfion. Die von den Ballerini und Maaßen wenigftens
für einige Stücke der Sammlung nachgewiefenen alten
Handfchriften müffen — unter Vergleichung von Baro-
nius — kollationiert, genau feftgeftellt werden, was der
Parifer Arfenalcodex lieft und was Pithou und Sirmond
in ihren jetzt verfchwundenen Manufkripten diefes Hilaria-
nums gelefen haben. Dann erft wird mit dem vollen
Verftändnis jener Urkunden ihre endgültige Verwertung
fowohl im Intereffe der Literatur- wie der Dogmenge-
fchichte bezw. der Gefchichte der arianifchen Kämpfe
im Abendland vorgenommen werden können. Schiktanz
hat zum minderten das Verdienft, die Sehnfucht nach
Inangriffnahme diefer Hauptarbeit auch durch feine ver-
ftohlenen Andeutungen über den Arfenalcodex lebhaft
angeregt zu haben.

Marburg i. H. Ad. Jülicher.

Weigl, Klerikalfem.-Dir. Dr. Eduard, Die Heilslehre des
hl. Cyrill von Alexandrien. (Forfchungen zur chrirtlichen
Literatur- und Dogmengefchichte. Herausgegeben von
A. Ehrhard und J. P. Kirfch. V. Band, 2. und 3. Heft.)
Mainz, Kirchheim u. Co. 1905. (XIV, 360 S.) gr. 8°

M. 10 —

Eine fleißige und gründliche Unterfuchung; freilich
— man kann zweifeln, ob der Gegenftand fie verdiente.
Cyrill, gewiß ein gelehrter und gewandter Theologe, hat,
foviel ich fehe, mit keinem einzigen theologifchen Probleme
mehr innerlich gerungen. Es war — wenigftens
für ihn — alles fertig. Er hatte daher weder die griechifchen
Philofophen noch die älteren chrirtlichen Theologen
mehr nötig; die vorathanafianifchen würden auch
nur eine Verlegenheit für ihn bedeutet haben. Von Origenes,
dem diefe Theologie letztlich doch die Grundlegung verdankt
, fagt er, dem gehaßten Porphyrius folgend: ,Ihn
haben unfere Väter als einen Verkehrer der Wahrheit
abgetan und anathematifiert; denn er dachte nicht, wie
ein Chrift, fondern den Meinungen der Hellenen folgend,
fiel er in Irrtum. Daher datiert feine Krankheit'.

Die Grenzlinie zwifchen einer freieren Theologie und
der gebundenen liegt in Alexandrien genau beim Jahre
400; aber fchon Didymus gravitierte bedenklich in der
Richtung auf Cyrill. Die trinitarifch-foteriologifchen
Probleme und die Askefe find dem Denken fchädlich
gewefen. Die Theologen glaubten ausfchließlich auf
Grund eines klaren und gewiffen Heilsbefitzes zu fpeku-
lieren; in Wahrheit fetzten fie eine Fülle paradoxer und
fragwürdiger Gedanken voraus, die in unglaublich kurzer
Zeit die Geltung kirchlicher Axiome in Alexandrien erlangt
hatten. Sie dachten aus der Mitte heraus und
waren alfo Scholaftiker vor der Scholartik. Eben deshalb
hat die offizielle Theologie beider katholifcher Kir-