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Ausgabe:

1905

Spalte:

44-45

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rogers, Clement F.

Titel/Untertitel:

Baptism and Christian Archaeology 1905

Rezensent:

Hennecke, Edgar

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Seite 1, Seite 2

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 2.

fo fehlt dem Evangeliften nicht das richtige hiftorifche
Bild. Er verwechfelt nicht Jünger' und ,ApofteF und
ftellt jene mit Allen auf eine Linie, die durch ihr Wort
anjefus glauben werden. So bietet Johannes eine zugleich
hiftorifche und univerfaliftifch-geiftige Auffaffung des
Apoftolats. Die Apoftelgefchichte (Ende des erften Jahrhunderts
), behandelt im vierten Kapitel (p. 160 —185),
bezeichnet nach M. den Anfang des kathohfchen Hegriffs
des Apoftolats. Das Bild hat fich in ihr merklich ver-
fchoben. ,Die 12 Apoftel' find hier ein Kollektivbegriff,
obwohl der Autor faktifch nur von Einzelnen zu erzählen
weiß. Die Organifation der Kirche, die Handauflegung
und dadurch Mitteilung des heiligen Geiftes war ihr
Privileg. Dem Paulus widerfährt alle Gerechtigkeit —
aber abgefehen von der antiochenifchen Quelle (c. 12 —13)
wird er nicht ,Apo(teP genannt. Selbft in diefer Quelle
erfcheint der paulinifche Begriff hiftorifch-traditionahftifch
abgefchwächr, fofern der Apoftolat der Wahl der Gemeinde
unterworfen ift. — Zugeftanden, daß eine dem
gefchichtlichen Sachverhalt nicht entfprechende Verengung
des ,Apoftelbegriffs' bei dem Verfaffer der Acta zu kon-
ftatieren ift, fo fcheint mir Monniers Urteil in diefem
Kapitel am einfeitigften. So naive Berichte, wie der über
die Handauflegung der Apoftel in Samarien, darf man
nicht zum Prinzip machen, und wenn gar die Handauflegung
des Paulus [Act. ige,) als künftlicher Parallelismus
zur Handauflegung des Petrus hingeftellt wird, fo macht
fich Monnier hier noch einer Sünde der Tübinger Methode
fchuldig, von der er fich fonft frei hält. Weil
die Apoftelgefchichte dem geiftigen Niveau des Populär-
chriftentums viel näher fteht, enthält fie mehr ,Katholi-
fierendes' in ihrer Gefchichtsauffaffung, wie die Schriften
der geiftigen Koryphäen des Zeitalters. Aber in ge-
wiffem Sinn wird es folche dem hifiorifchen Tatbefland
gegenüber unklar generalifierende und das Sakramental-
magifche einmifchende Auffaffungen fchon gleichzeitig
mit den erften Ereigniffcn felbft gegeben haben. Daß
aber diefe Momente in der Apoftelgefchichte bereits in
wefentliehen Dingen .gefchichtsfälfchend'gewirkt haben,
behauptet Monnier felbft nicht.

Mit diefen grundlegenden Kapiteln I—IV, welche
ungefähr die Hälfte des Buchs ausmachen, ift fein prinzipieller
Standpunkt gekennzeichnet. Darum find aber die
folgenden nicht geringerer Beachtung wert, welche in
feinen Nuancen die weitern Stadien der Entwicklung bis
Irenäus charakterifieren. M. befpricht in weitern 13 Kapiteln
: (p. 186—376) die Vollendung des unhidorifchen
Begriffs der ,12 Apoftel' als eines Kollegiums (5), die
Rolle des Paulus in den Paftoralbriefen (6), die Stellung
des Presbyters Johannes und das fchnelle Verfchwindcn
des freien Apoftolats in Kleinafien (7), die apoftolifche
Autorität als fymbolifches Prototyp der bifchöfliehen in
den Ignatianen (8), die Apoftel als Weltmiffionare des
Herrn im Unterfchied von den adminiftrativen Gemeindebeamten
in Rom nach Hebr. 1 Clem. Hermas (9), die
Reifeapoftel in fyrifchen Landgemeinden nach der Didache

(10) , die zugleich apoftolifche und bifchöfliche Autorität
des Jakobus, das judenchriltliche Vorbild des Papfttums

(11) , endlich das gnoftifche (12) und marcionitifche (13)
Apoftolat, die Evangeliften nach Eufeb (Pantenus) (14),
den Montanismus (15), den Apoftolat und die fpätere
chriftliche Propaganda (16) und das katholifche Syftem
des Irenäus (17).

Keins diefer Kapitel, auf deren Einzelheiten ich leider
nicht mehr eingehen kann, wird man ohne Intereffe und
Belehrung lefen, und die Schlußworte des Verfaffers
dürften weitgehender Zuftimmung ficher fein: die Apoftel,
als die Miffionare des Evangeliums haben zwar die Kirche
noch nicht mit einem beftimmten Kanon, einem beftimm-
ten Glaubensbekenntnis oder mit einer beftimmten Ver-
faffung befchenkt — aber fie haben mehr getan: fie haben
im Namen und in der Kraft ihres Herrn chriftliches
Leben gefchaffen und dadurch die Kirche gegründet.

,Die Zwölf find zwar nicht alle Apoftel geworden, aber
fie haben der Kirche einen dauernden Dienft geleiftet
durch die Überlieferung ihrer Erinnerungen. Sie find die
Bürgen für das gefchi chtliche Chriftentum. Dies Bürgenamt
ift unwiederholbar — aber der apoftolifche
Beruf beruht auf einem göttlichen Charisma, das nicht
Gott, fondern die Menfchen in der Kirche unterdrückt
haben. Es kann und foll fich fort und fort in der Ge-
fchichte der Kirche erneuern. — Mit großem Intereffe
dürfen wir dem zweiten Teil des Werkes entgegenfehen,
in welchem er die Gefchichte des Apoftolats in der
Kirche bis zur Gegenwart weiterzuführen verfpricht.
Vorerft wünfehen wir diefem erften Teil in wiffenfehaft-
lichen Kreifen recht eingehende Beachtung.

Die Arbeit Bruders', welche die Verfaffung der Kirche
für den gleichen Zeitraum wie das Monnierfche Buch
hiftoiifch unterfuchen will, bedarf in diefem Blatt keiner
eingehenden Befprechung. Denn obwohl es gefchicht-
liche Forfchung bieten will, fteht fein Refultat von vornherein
feft. Charakteriftifch ift fchon die Überfchrift des
erften Teils: ,Vorbereitende Bearbeitung der Quellen für
die hiftorifche Beweisführung'. Er enthält vor allem die
Theorie der ,Namenentwicklung' d. h. er weift nach, wie
der urfprüngliche Literalfinn der Worte unter dem Einfluß
des kirchlichen Lebens in fpeziellere Bedeutungen
fich wandelt. Diefe Theorie ermöglicht es dann dem
Verf., nach einigen allgemein orientierenden Abfchnitten
über Charakter und Datierung der Quellen, in Anknüpfung
an den erften Clemensbrief einen der kathohfchen Lehre
entfprechenden ,Sendungsbegriff' zu konftruieren und ihn
auf alle Quellen anzuwenden. Die Sendungskette: Gott
— Chriftus — zwölf Apoftel und Paulus — erprobte
Männer refp. Apoftelgehülfen — Bifchöfe des zweiten
Jahrhunderts ift von Anfang an in allen Quellen diefelbe,
obwohl die Bezeichnungen wegen der ,Namenentwicklung'
variieren. Diefer Unterfuchung von 129 Seiten (davon
kommen 30 Seiten noch auf die lauter bekannte Dinge
rekapitulierende Quellenüberficht) folgt ein Anhang von
275 Seiten mit einer Überfetzung des 1. Clemensbriefs,
biftorifchen und literarifchen Tabellen, apoftolifchenLebens-
fkizzen und einer Wortlifte d. h. einem Abdruck aller
Stellen, an denen die für die urchriftliche Verfaffungs-
gefchichte wichtigen termini vorkommen. Diefe Materi-
alienfammlung ift das einzige wirklich Brauchbare an
dem Buch. "

Berlin. Ed. von der Goltz.

Rogers, Clement F., M. A., Baptism and Christian Archaeo-

logy. Oxford, Clarendon Press 1903. (IV, 123 p.) gr. 8,J

s. 5 —

Verf. getraut fich in diefer gefondert erfchienenen
Abhandlung der Studio. Biblica et Ecclesiastica (p. 239—
361) zu beweifen, daß die bloße Aufgießung (affnsion) bei
der Taufhandlung die gebräuchliche Methode in den
erften Jahrhunderten gewefen fei, ,bis die allgemeine Einführung
der Kindertaufe im frühen Mittelalter die Untertauchung
möglich machte'. Eine Thefe fo kühn wie in
diefer Begründung feltfam und überhaupt mißlungen.

Zum Beweife wird vorwiegend das archäologifche
Mateiial benutzt von den Katakombengemälden an; denn
die Schriften der Väter gingen mehr darauf aus, das
Ideal zu zeichnen, das ihnen vorfchwebte, als den Tat-
fachenbeftand zu verewigen. (Als ob ein Widerftreit
zwifchen Ideal und Wirklichkeit hier in Frage ftände!)
Das gelte auch von den Kirchenordnungen und Liturgien
(!). Doch wird von den literaiifchen Nachrichten
gelegentlich Gebrauch gemacht (p. 305 ff. unter der Überfchrift
Baptism without a fönt), wobei Stellen wie Hermas
wand. IV 3, I. Juflin apol. 61. Acta Pauli et Theclae 34.
Acta Petri 5. Acta Tliomae 121. 132. Pf.-Cyprian de sin-
gidaritate clericorum 14 vergeffen find, und auch fonft wohl