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Ausgabe:

1905 Nr. 2

Spalte:

621-626

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clausnitzer, Leopold

Titel/Untertitel:

Die Hirtenbilder in der altchristlichen Kunst 1905

Rezensent:

Stuhlfauth, Georg

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621

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 23.

benutzt gelaffen: Das literargefchichtliche Urteil über
die Reihenfolge unterer Quellen darf hier m. E. dem
hiftorifchen Urteil über die Glaubwürdigkeit nicht ein-
feitig präjudizieren. Und wenn das Refultat das ift, daß
die tieffinnigften, einfachften und herzlichften Stücke der
fynoptifchen Überlieferung, weil wir ihre fchriftliche
Fixierung erft fpäter als die von fo burlesken Gefchichten
in Mc. 5,1—an nachweifen können, nun auch erft fpäter
gewachfen fein follen, wenn der Begriff des unerfindbar
Echten fortgefchoben wird und dann die Urgemeinde
reicher, größer und freier als ihr Haupt erfcheint, fo bekenne
ich, als Hiftoriker gegen dies Refultat unüberwindliche
Bedenken zu haben. Die Kirche kann damit zufrieden
fein; es ift ja der Glaube, der fich fo fchöpfe-
rifch erwiefen hat, bei den Jerufalemiten in der Produktion
einer wundervollen evangelifchen Gefchichte, wie bei
Paulus in der Produktion einer großartigen neuen Erlö-
fungstheorie. Aber der Hiftoriker vermißt in der Gefchichte
der Religionen Analogien zu diefer Art von
Früchten des Glaubens, wie fie bei den Synoptikern vorliegen
, falls alle fpäteren Schichten ihrer Literatur bloß
wiedergeben, was innerhalb der Gemeinde nach Jefu Tod
gewachfen ift: merkwürdig wäre dann auch das plötzliche
Aufhören diefes Wachstums mit Lukas, und die Geftalt
des Paulus würde nun völlig unbegreiflich in feiner Unfähigkeit
, uns etwas in der Art Jefu vorzutragen, wenn
das damals eine fo weit verbreitete Gabe war.

Wellhaufen bemerkt fehr treffend, daß in der evangelifchen
Tradition viel weniger die Taten Jefu als feine
Worte den Eingriffen der fpäteren Chriften ausgefetzt
waren; er verfteht das Bedürfnis, das fogar die Erfindung
neuer Vorfchriften und Entfcheidungen des Mei-
fters im Kreife feiner älteften Gläubigen notwendig
machte. Aber er ift in Gefahr, nun alles Neue, weil es
bei Markus am wenigften oder gar nicht vertreten fcheint,
aus dem Bilde Jefu zu entfernen. Jefus war kein Chrift,
fondere Jude'; ,er verkündete keinen neuen Glauben, er
lehrte den Willen Gottes tun'; ,feine Lehre geht bei
Mc. faft ganz auf in Polemik gegen die Schriftgelehrten
und Pharifäer', find doch einfeitige Formulierungen, fchon
die erfte, denn er war nicht bloß Jude' und er hat neue
Religion gelebt, und durch gefchickte Polemik allein
hätte er fich nie die Liebe erworben, die auch feinen
Galgentod überwand. — Der Evangelienkritik ift für
die nächfte Zeit die Aufgabe durch W. fcharf und klar ge-
fteilt, unzählige Nebenfragen find erledigt, der Weg geebnet:
es gilt, den Quellenwert der beiden fpäteren Synoptiker
neben Markus für die Gefchichte Jefu und für die der
Urkirche zu beftimmen, beides fchärfer als bisher zu fondern.
Marburg. Ad. Jülich er.

Clausnitzer, Cand. Leop., Die Hirtenbilder in der altchrift-
lichen Kunft. Inaugural-Diff. der philof. Fakultät zu
Erlangen. Halle a. S, Wifchan & Burkhardt 1904.
(XIII, 110 S.) 8°

So fehr es uns widerftrebt, Äußerlichkeiten zu ur-
gieren oder gar in den Vordergrund der Kritik zu
fchieben, hier müffen wir doch mit ihnen beginnen. Sic
laffen uns fogleich geradezu aufdringlich einen Mangel
an Sorgfalt erkennen, der dann leider auch die eigentliche
Unterfuchung an einzelnen Stellen ungünftig beeinflußt
. Vor allem: die Arbeit ift fchlecht korrigiert. Und
unter den vielen ,Druckfehlern' find eine ganze Reihe
recht böfer. Gleich auf der zweiten Seite des Vorworts
(IV) Z. 1 ift ein " weggelaffen, auf der dritten Seite des-
lelben (V) Z. 7 v. u. fteht Alaoni ft. Alaoui, S. VIII
über dem mittleren e von Lavigerie ein Akzent, dagegen
S. XIII über dem erften in dipartemcnt keiner, S. 16
Nr. 26 Areea ft. Area, S. 17 Nr. 37 Stabia ft. Stabiae,
S. 18 A. 4 Nottees ft. Nottees, S. 36 Nr. 8 Catalog ft.
Catalogitc. S. 42 A. 1 vcoöp ft. vätop, S. 44, 3 Paciandi

ft. Paciaudi, S. 45, 6 A. a. o. ft. A. a. O., S. XII Rom ft.
Rotne (2 mal), S. 62 Repertoir ft. Repertoire (richtig S. 66),
S. 84 chornologifch ft. chronologifch u. f. f. Regelmäßig
fchreibt Cl., nicht einmal auf die Titel feiner Literatur
achtend, Bullctino, regelmäßig Sotteranca und S. V im
Titel der Storia Garruccis ,chrift'. Kraus erfcheint durchweg
als Krauß, Marucchi durchweg als Marrucchi. Ferner
fchreibt man El-Kargeh, auch Kharge, Khargeh, Chargeh,
allein El-Kharget (S. 13 A. 2) ift unmöglich. Ebenda wäre
deutfeh richtiger zu fchreiben: El-Bagawät ft. (franz.) El-
Bagaouät. ,Cimiterium' und ,cimiterial', wie Cl. ftets fagt,
gibt es im Deutfchen erft recht nicht, fondern .Coemete-
rium' und coemeterial". Desgleichen fagt man .Gefchlechts-
bezeichnung' und nicht ,Gefchlechtbezeichnung' ('S. 14

A. 3). Auf die Menge von Verfehen in Kommata und
Punkten und unangebrachten Ausrufungszeichen fei nur
im allgemeinen hingewiefen. Äußerlichkeiten! Und doch
find das Dinge, die bei einer Erftlingsarbeit recht peinlich
berühren.

In das Gebiet des Äußerlichen, darum aber keineswegs
Nebenfächlichen gehört fodann das Fehlen eines
Regifters. Irgendjemand hat irgendwo einmal gefagt:
Wiffenfchaftliche Arbeiten ohne Regifter feien keine wiffen-
fchaftlichen Arbeiten. Jedenfalls fteht fo viel feft, daß
der Gebrauchswert eines Buches um ein ganz Wefent-
liches durch den Mangel eines Regifters verringert wird.
Es muß darum auf folchen Mangel auch hier der Finger
gelegt werden. Wir hätten ftatt des Regifters viel leichter
und lieber auf die lange Bücherlifte (VII—XIII) verzichtet
, die fo viel Selbftverftändliches enthält.

Tiefer in den Organismus der Arbeit führt ein anderer
Mangel: der einer Inhaltsüberficht. Hätte Cl. diefe
nur wenigftens fich felber gemacht!. Dann wäre es kaum
möglich, daß wir S. 46 zwar die Überfchrift: ,2. Hauptteil
' finden, dagegen von einem: ,1. Hauptteil' wenigftens
im Druck, mit ausdrücklichen Worten, nirgends etwas
lefen! daß dem b) (S. 13) wohl 1., 2., 3., aber kein a) ent-
fpricht! daß das a) (S. 37) weitergeführt ift mit 2., 3., 4., 5!

Die Arbeit zerfällt in 2 Hauptteile. Der erfte gibt
ein .Verzeichnis aller in Betracht kommenden Monumente'
(Vorw. IV), S. 1—46, und zwar: I. Die Malereien der
Katakomben (1—13), A. Rom (—Ii), B. Außerröm. Dar-
ftellgn. in Italien und auf den ital. Infein famt Orient. II.
Sarkophagreliefs (13—30), III. Grabplatten (30—32), IV.
,Die Hirtenbilder auf (!) den ftatuarifchen Werken' (32—
35), V. Mofaiken (^35 L), VI. Kleinkunft (und Wirkereien)
37—46). Der zweite Hauptteil, S. 46—HO umfaßt, I. die
Entftehung der Hirtenbilder, A. Auf den Fresken (46—64),

B. Auf den Sarkophagen (64—66); II. Die weitere Gefchichte
der Hirtenbilder (66—83); k>'e Bedeutung der
Hirtenbilder, A. Auf Fresken und Sarkophagen (83—105),
B. auf einigen Sarkophagen und Werken der Kleinkunft
(105 —110).

Das Verzeichnis der altchr. Hirtenbilder gibt, nach
Kunftzweigen, die zugleich einigermaßen der gefchicht-
lichen Entwickelung der altchr. Runftübung entfprechen
geographifchen Gefichtspunkten und Darftellungstypen
geordnet, eine wohl lückenlofe Überficht, in feinem außerordentlichen
Umfang zugleich den neuen Beweis für die
hervorragende Beliebtheit diefes fchönften Sujets in der
altchriftlichen Kunft. Und kaum ift das Verzeichnis vorliegender
Studie veröffentlicht, da ift es auch fchon überholt
durch alte noch unbekannte (Karthago) wie durch
neue Bildwerke, die ans Licht gekommen. So wurden
jüngft zwei Hirtenbilder publiziert, die zugleich, jedes in
feiner Art, ein befonderes Intereffe darbieten. Das einr
befindet fich auf dem von Gatti mitgeteilten {Not. d. seavi
1904, 48 f.) in der Via Lungara zu Rom ausgegrabenen
prächtigen Sarkophag: der Hirt, bärtig, mit einem Lamm
über^ den Schultern, einem andern, zu ihm aufblickend
zur Seite, korrespondierend mit dem am 1. Ende der Sarkophagvorderwand
dargeftellten Fifcher (cf.zu diefem jetzl
A. Baumftark, im Oriens Christ. 1903, 548f.), während