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Ausgabe:

1905 Nr. 23

Spalte:

615-621

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wellhausen, Julius

Titel/Untertitel:

Einleitung in die drei ersten Evangelien 1905

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 23.

661

Wellhaulen, J., Das Evangelium Matthaei überfetzt und erklärt
. Berlin, G.Reimer 1904. (152 S.) gr. 8° M. 4 —

— Das Evangelium Lucae überfetzt und erklärt. Ebd. 1904.
(VIII, 142 S.) gr. 8° M. 4 —

— Einleitung in die drei erften Evangelien. Ebd. 1905.
(116 S.) gr. 8° M. 3 —

Seiner Auslegung des Evangeliums Marci hat Wellhaufen
die der beiden anderen Synoptiker rafch genug
folgen laffen, und auch eine zufammenfaffende Darftellung
feiner Grundanfchauungen von diefen merkwürdigften
Stücken aus der altchriftlichen Literatur ift vor Kurzem
erfchienen. Was ich in diefer Zeitung 1904, Sp. 256 ff. zur
Charakterifierung des Markuskommentars (Mcc.) gefagt
habe, gilt ohne Einfchränkung auch von den beiden andern
(Mtc. und Lea), und in der Einleitung (Einl.) wo
er weniger durch feine Vorlagen gebunden ift, bewährt
fich Wellh. erft recht als der Meifter hiftorifcher Kritik.
Gediegenes Wiffen, unbefangenes Urteil, feinfinniges Ver-
ftehen und Nachempfinden auch der fremdartigften Stoffe,
rückfichtslofe Wahrheitsliebe vereinigen fich bei ihm
mit einer Geftaltungskraft, die mit der Schwierigkeit
ihrer Aufgaben immer zu wachfen fcheint: einzelne Kapitel
in der Einleitung können nur mit den glänzendften
Kunftwerken in der hiftoriographifchen Literatur verglichen
werden.

Bloß bei der Korrektur ift W. von einer gewiffen
Nachläfligkeit nicht frei zu fprechen. Ich könnte wohl
ein paar hundert Verfehen in den 3 Bänden notieren, natürlich
zumeift ganz unerhebliche, Akzentfehler oder
falfche Ziffern, z. B. bei den Versangaben im Text; Lea
22 f. find alle Verszahlen von 26 bis 50 zu verbeffern;
v. 26 fängt erft an, wo W. eine 27 fetzt, und das Kapitel
Lc. 6 enthält nur 49 Verfe; bei der Auslegung
S. 24—26 ift mit den Ziffern wieder alles in Ordnung. Etwas
erheblicher find Fehler wie Mtc. 8, wo die Berufung auf
Mt. 17,2 neben 17,11 u keinen Sinn ergibt; ob 17,7 gemeint
ift? In Lea follte es S. 15, Z. 7 v. u. 5,28 ftatt 5,8
heißen; S. 27, Z. 11 Mt. 8,7 ftatt 8,e — diefer Fehler
fcheint durch den Druckfehler in Mtc. 35, Z. 4 veranlaßt
—, S. 35 Z. 21 doch wohl 13,18f. ftatt 13,18—21. In ,Einl.'
erwähne ich S. 31 Dan. 3,» ft. 3,1», S. 19 Luc. 17,7 ft. 17,17
und S. 27 Mc. 5,37 ft. 5,35. — S. 31 Z. 19 find ftatt
der Sperlinge die Haare genannt, Mtc. S. 30 in der Über-
fetzung von 7,5 ftatt des Splitters im Auge des Bruders
,der Balken'. Das S. 97 der Einl. durch den Hinweis auf
Mc. 14,52 aufgegebene Rätfei wird fich wohl durch einen
Druckfehler (14,112?) aufklären, S. HO Z. 21 und 24find die
Stellenangaben Mc. 13,10 und 14,9 vertaufcht, S. 112 Z. 8
wird irrtümlich das xrjQvOOtiv in Mc. 5,20 auf Jefus bezogen
, während der ,Verkündiger' doch der von Jefus geheilte
Dämonifche ift. Die Sache ift wichtig, weil mit
ihr die Vorftellung zufammenhängt, als wäre für Markus
das xTjQvaoeiv eine höhere Form der Wirkfamkeit als
das öiöäoxscv. Gerade im Blick auf Mc. 5,20 würde ich
eher das Gegenteil behaupten, zum xrjpvööeiv gehört nur
Stimme und Eifer, zum öiöaOxsiv eigne Gedanken: man
vergeffe doch nicht, daß alle Synoptiker auch ein Kerygma
des Täufers Johannes kennen, alfo das Wort noch nicht
als technifchen Ausdruck für die Predigt chriftlicher Miffio-
nare mit Befchlag belegt haben.

Auf. S. 3 der Einl. umfehreibt W. fein Vornehmen
dahin, exegetifche Pionierarbeit zu leiften; einen vollftän-
digen Apparat z. B. zur Textkritik habe er nicht benutzen
können und wollen. An manchen Stellen würde durch
Heranziehung auch der Minuskeln und anderer alter
Zeugen feine Entfcheidung noch fehr viel nachdrücklicher
empfohlen worden fein; aber daß er mit genialem
Inftinkt das Richtige trifft, wo andere in den Riefenmaffen
der Varianten erfticken, tritt durch fein Verfahren vollends
kräftig hervor, feine Bewertung von Zeugen wie
D, Syra fin. und den ältelten Lateinern ift von jedem

Übereifer frei, fo daß ich für fie — natürlich nur im
Prinzip, nicht in allen einzelnen Fällen — allgemeine
Annahme erhoffe: und wie einfehneidende Änderungen
feine richtige Erkenntnis zur Folge hat, erhellt daraus,
daß ein großer Teil der von ihm als Ürtext erkannten
Lesarten in NeftlesN. T. nicht einmal in der zweiten Abteilung
des textkritifchen Apparats Aufnahme gefunden
haben! Aus ähnlichen Gründen freue ich mich auch deffen,
daß Wellh. feinen Weg in der Regel unbekümmert um
alle Mitforfcher geht; dadurch erfpart er dem Lefer die
Ablenkung der Aufmerkfamkeit von der Sache zum
Schulftreit und entlaftet fein Buch. Daß er mit der Ge-
fchichte unterer Wiffenfchaft vertraut ift, zeigen nicht
blos einzelne intereffante Notizen wie Lea 28 die zu Lc.
7,u bei Aphraates, fondern gelegentliche meift durch
köftlichen Humor ausgezeichnete Seitenblicke wie Lea
S. 54 n. oder S. 124 auf den Anfall von Infpiration bei Blaß;
oder Einl. S. 6. 35. 37.43. 98. 107. Verftanden wird er da
freilich nur von Eingeweihten werden, die ,fehr fortge-
fchrittenen Theologen' S. 98 wie die dreiften Ignoranten
S. 107 bleiben ungenannt; aber für ein breites Publikum hat
er diefe Bücher nicht gefchrieben. Im Kreife der Vertrauten
fchadet es auch nicht, wenn einmal, wie S. 78
,den Auslegern' der Vorwurf gemacht wird anläßlich
ihrer Haltung zu Mt. 7,1:1 (enge Tür), fie feien gewohnt,
Homilie ftatt Exegefe zu bieten. Wer das als Vorwurf
empfindet, wird dadurch zu heilfamer Selbftprüfung angeregt
, ohne Schaden für fein Nervenfyftem, denn was gerade
dort Wellh. als Exegefe vorfchlägt, dürfte nicht
verführerifch heißen; ich möchte auch nach Wellh. die
enge Tür lieber nicht mit dem allbekannten Nadelöhr
des Markus (10,25) in Verbindung bringen. Da gottlob
unter den Neuteftamentlern der Streit um die Priorität
ihrer Einfälle nicht an der Tagesordnung ift, fo beeinträchtigt
Wellh. Niemanden, wenn er wie de suo Wahrheiten
vorträgt, die fchon ein Anderer gefehen hat. Was
er von Anderen gelernt hat gegen ,eigenes Urteil, verzeichnet
er fehr gewiffenhaft; im übrigen aber fchreibt er
über die Evangelien und nicht über ihre modernen Ausleger
; und der große Fortfehritt, den feine Arbeit an
den Evangelien darftellt, beruht nicht auf der großen
Menge noch nie dagewefener Behauptungen, fondern
auf der Sicherheit und Gefchloffenheit feiner Gefamtan-
fchauung von der evangelifchen Gefchichte.

Wer diefe würdigen will, wird gut tun, zuerft die
Einleitung zu lefen, darnach die Einzelkommentare, um
fich nachher noch einmal ruhig auseinanderzufetzen mit
dem Meifter, nachdem man hinter ihm her durch die
verfchlungenen Pfade der fynoptifchen Probleme gewandert
ift. Wellhaufens Einleitung fetzt die Kommentare
voraus, aus denen fie manche Stückchen faft wörtlich
wiederholt, ergänzt fie aber nicht bloß, — felbft in Einzelheiten
z. B. S. 23 zu Lc. 9,31, S. 49 n. 2 zu Mc. 8,23, S.
75 zu Mc. 3,28, S. 58 n. 1 zu Mt. 11,5 — fondern geleitet
uns von Einzelheiten zu einem impofanten, gefchlof-
fenen Bau. Die Gliederung ift hier von unübertrefflicher
Klarheit und Einfachheit: das Talent Wellh.s, die Hauptfachen
herauszugreifen, bei Beweifen fich auf das wahrhaft
Sichere zu befchränken und die verfchiedenen Grade
der Sicherheit dem Lefer einzuprägen, ift über mein Lob
erhaben. Er beginnt mit Textkritifchem und Sprachlichem,
befchreibt in § 1 den Zuftand der handfehriftlichen Überlieferung
unferer Evangelien: wer empfände da nicht
fchmerzlich den Mangel einer Konkordanz zum N. T.,
welche die Varianten gerade fo treu verzeichnete wie
den fogenannten textus receptusl Nachdem § 2 das Grie-
chifch der Evangelien, Mangel an Latinismen, Verhältnis
zu der fonftigen helleniftifchen Sprachweife charakteri-
fiert hat, führt § 3 den Beweis für eine aramäifche Grundlage
der Evangelien aus Stiliftifchem und Lexikalifchem,
wobei Wortftellung und Satzbildung am fchwerften ins
Gewicht fallen. Nicht bloß allgemein femitifche, fondern
gerade aramäifche Grundlage behauptet er und zieht in