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Ausgabe:

1905 Nr. 2

Spalte:

39-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Posnanski, Adolf

Titel/Untertitel:

Schiloh. Ein Beitrag zur Geschichte der Messiaslehre. Erster Teil 1905

Rezensent:

Fiebig, Paul

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39

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 2.

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Posnanski, Dr. Adolf, Schiloh. Ein Beitrag zur Geschichte j
der Niessiaslehre. Erfler Teil. Die Auslegung von
Genefis 49,10 im Altertume bis zu Ende des Mittel- '
alters. Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1904.
(XXXIII, 512 u. LXXVIS. Belege.) M.15—; geb.M. 16 —

P. bietet eine reichhaltige Sammlung von Exzerpten.
Um irgend welchen fyftematifchen Nachweis ifl es ihm
fichtlich kaum zu tun. Das Vorwort deutet an, was aber j
auch ohnedies bekannt fein dürfte, daß der alten, eine
Stelle wie Genefis 49,10 als meffianifche Weisfagung |
faffenden Exegefe im Laufe der Zeit eine .rationelle',
.kritifche' gefolgt ift, welche ,die Frage nach der Ab-
faffungszeit des ganzen Gedichtes', d. h. des Segens 1
Jacobs, Hellte und noch heute im Kampfe liegt mit der
traditionellen Auffaffung'. Diefen, genugfam bekannten i
.Gefchichtsgang' — P. prägt mannigfach eigenartige j
Worte und Wendungen, die zeigen, daß Deutfch feine
Mutterfprache nicht ift, jedenfalls deutfches Sprachge- !
fühl ihm nur obenhin zu Gebote fteht — will P. dar- 1
Hellen, und zwar, ohne eine eigene Meinung zu verraten,
lediglich fo, daß er, möglichfi in wörtlichen Exzerpten,
die Meinungen anderer an einander reiht, in halbwegs
chronologifcher Ordnung, jedoch ohne jeden ftraffen und
fyftematifchen Gedankengang. So könnte man das Buch ,
als ein getreues Abbild des Thalmud anfprechen; hier j
wie dort wörtliche Zitate, eine im großen und ganzen
fyflematifche Ordnung, doch in den Unterabteilungen !
ein Chaos, in das einzudringen für einen Nichtjuden
nicht ganz einfach iß. Eine wiffenfchaftliche LeiHung j
in der Exzerptenfammlung von P. zu fehen, wäre hoch- 1
Hens in dem Sinne berechtigt, als eine Exzerptenfammlung
geprüft, gefichtet, durchgearbeitet zu einem wiffen-
fchaftlichen Werk die nötige Vorbedingung ifl und
werden kann. Vielleicht gibt P. am Schluß des von ihm
angekündigten 2. Teiles feiner Sammlung einen fyHe- j
matifchen Überblick feiner Refultate und eine eigene I
Meinung über den Sinn des rätfelhaften ,fchiloh! in I
Genefis 49,10 und diefes ganzen Verfes. — Es iß allerdings
eine notwendige wiffenfchaftliche Aufgabe, fowohl j
die Textgefchichte als die Gefchichte der Exegefe zur
Aufhellung des über jenem ,Ichiloh' lagernden Dunkels
heranzuziehen; denn abgefehen von felbßändigen Vermutungen
und Konjekturen iß Textgefchichte und Gefchichte
der Exegefe der gewiefene Weg zum Verßänd-
nis einer fchwierigen Stelle, fei es im Alten, fei es im
Neuen Teßament oder in fonß einer Schrift. Aber diefes
Abhören des Materials müßte fyßematifch, etwa fo ge-
fchehen, daß Textgefchichte und Gefchichte der Exegefe
gefchieden würden und in beidem eine wirklich kritifche
und Entwickelungen darßellende Gefchichte geboten
würde, nicht aber wie bei P. lauter zufammenhangs- und
kritiklos an einander gereihte Atome.

In der Einleitung gibt P. nach de Roffi, Kennicott
und der Mafforah ed. Frensdorf! Varianten des he-
bräifchen Textes, und zwar ohne jede Kritik, lediglich j
eine Zufammenflellung des aus den genannten Werken
von ihm Exzerpierten. Warum er das große englifche j
Mafforahwerk von Ginsburg unerwähnt läßt, iß ebenfo
wenig einzufehen, wie ein Grund dafür erfichtlich ifl, j
daß er die Varianten des hebräifchen Textes in der !
,Einleitung' behandelt, völlig gefondert von Kap. II, den
alten Verfionen, wie LXX, Targum etc. Wenn der
Abfchnitt über die verfchiedenen Lesarten des hebräifchen 1
Textes überhaupt einen Sinn haben foll, fo kann er doch I
nur den Sinn haben, den urfprünglichen Wortlaut des
Verfes zu ermitteln. Wie man das mit Hilfe des text-
kritifchen Apparates bewerkßelligt, und zwar, ohne, wie
P. das tut, teilweife die fyrifchen und andere Tochter-
überfetzungen der LXX wegzulaffen, hätte P. z. B. an
Cornills Ezechiel fehen können — fo aber regißriert P.
lediglich, was ihm zugänglich iß oder beliebt, ohne auch
nur den Schatten eines wiffenfchaftlichen Nachweifes zu

verfuchen. — Kap. I behandelt .Spuren älteßer Auslegung
' der Stelle Gen. 49, 10, und zwar wieder in einer
Weife, die es ermöglicht hätte, aus jeder der Unterabteilungen
mit Leichtigkeit ein ebenfo dickes ,Buch'
zufammenzuflellen, als P. zußande gebracht hat. Man
brauchte nur für Ezech. 21, so—32 das von P. Begonnene
weiter zu führen, die neueflen, feltfamerweife von P. un-
berückfichtigt gelaffenen, Kommentarwerke noch zu
exzerpieren und dazu aus der Gefchichte der Exegefe
alles, was P., wiederum ohne jeden Grund, weggelaffen
hat, — und ein dickes .Buch' nach P.s Art wäre fertig.

— Kap. III hat ,die jüdifche Traditionsliteratur',
d. h. Thalmud und Midrafch, foweit fie Auslagen über
Gen. 49, in enthalten, zum Gegenßand. Richtig ifl, daß
P. die anonymen und die mit Angabe des Autors ver-
fehenen Ausfprüche fcheidet, unter den letzteren wiederum
die Tannaiten und die Amoräer. Die Art der Darbietung
diefer Stoffe genügt jedoch für einen Nichtjuden
nicht. Es bleibt S. 32 z. B. völlig unverßändlich,
warum R. Jehuda Gen. 49, ioa auf die Quaderhalle als
Sitz des Synhedrions bezieht. Zudem hat P., wie der
beigefügte Beleg Nr. 14 zeigt, viel zu ungenau überfetzt.

nai« am, toi« am lani, Tab», mmnr rra, -nabn rva

~i»lb: alles dies hat P. ganz frei überfetzt. Eine ungefähre
Wiedergabe des Inhalts genügt aber hier dann nicht,
wenn, wie bei P., die Deutlichkeit und das Verßändnis
des Inhalts dadurch nicht gefördert wird. — Kap. IV
bringt Zitate aus den Kirchenvätern. Eigentümlich
berührt, daß P. S. 65 ,quidam Latinorumi überfetzt mit:
.einige von den Latinern', ßatt: ,einige von den Lateinern'.

— Kap. V gibt Exzerpte aus den Gaonen.— Ich teile
nun bloß noch die Überfchriften mit. Die Methode iß
überall diefelbe: Exzerpte, oft freie Übertragungen, dazu
die Meinungen anderer über die exzerpierten Stellen.
Kap. VI: Die Exegefe der fpanifchen Glanzperiode,
Kap. VII: Die Darfchanim, Kap. VIII: Die nord-
franzöfifche und deutfche Exegetenfchule, Kap. IX:
Apologetifche und polemifche Literatur, Kap. X: Die
jüdifche Bibelexegefe vom 13. — 15. Jhrh., Kap. XI:
Disputationsliteratur, Kap. XII: Die Karäer, Kap. XIII:
Die Samaritaner, Kap. XIV: Die mittlere Zeit der chrifl-
lichen Exegefe, Kap. XV: Polemifche Literatur, Kap. XVI:
Die Zeit der kirchlichen Macht, Kap. XVII: Polemifche
Literatur, Kap. XVIIT. Arabifche Autoren. — Dankenswert
iß, daß P. in diefen Kapiteln die den chrißlichen
Gelehrten fo gut wie unbekannte und fchwer zugängliche
mittelalterlich-jüdifche Literatur durch feine Exzerpte
zugänglich macht. Freilich find auch hier, wie durch die
beigefügten Belege leicht konflatiert werden kann, die
Überfetzungen ungenau. Z. B. S. 193, wozu Beleg
Nr. 78 gehört, würde durch genaueren Anfchluß an den
Grundtext viel klarer geworden fein, daß die erße Unterfrage
der von Abrabanel zu Gen. 49, in aufgeworfenen
4. Frage in dem bei P. mit ,danach' beginnenden Satze
enthalten ifl, die zweite Unterfrage, eingeleitet durch:
,"n»X 03 == ,auch hat man gefagt', bei P. in dem Satze
folgt: ,ebenfo unerfüllt erfcheint u. f. w.' — S. 4 iß der
von P. dargebotenen Überfetzung von Ezech. 21, 30—32
die bei Kautzfeh gegebene entfehieden im deutfehen
Ausdruck und an Verßändlichkeit vorzuziehen. S. 29
iß: ,tritt der Gedanke . . . zum Vorfchein' undeutfeh. —
Trotz der angegebenen Ausßellungen iß zu fagen, daß
der Fleiß des Verfaffers ein reiches Material im allgemeinen
forgfältig zufammengebracht und infofern einer
kritifchen und fyßematifchen Bearbeitung des textge-
fchichtlichen und exegetifch-hißorifchen Problems von
Gen. 49, 10 gründlich vorgearbeitet hat. Hoffentlich bringt
P. im 2. Teil feines Buches, der das Material bis zur
Gegenwart enthalten foll, eine wirkliche Durcharbeitung
feines Stoffes und fyflematifche Zufammenfaffungen.

Gotha. Paul Fiebig.